Typographisches Fundstück zum Wochenende. Ohne große Worte – einfach, weil die Zeiten derzeit zu düster und das Leben generell zu kurz sind, um nicht dem Schönen, Wahren, Guten, so oft wie es irgend geht, mehr Raum zu bieten.
Lest es als Verb. Imperativ. 🤓 🔠 ♥️
»Das Wahre suchen und das Schöne lieben, das Gute üben, kein edler Ziel kann im Leben ein Mensch erstreben, kein reiner Glück kann auf Erden der Seele werden.«
Karl von Gerok (1815–1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter
Der zweite Beitrag meiner am letzten Freitag begonnenen Bilderserie vom kürzlichen Berlin-Kulturausflug stammt direkt vom Gendarmenmarkt – genauer gesagt: an der Adresse Markgrafenstr. 39, direkt gegenüber dem Konzerthaus. Ich hatte noch etwas Zeit bis zum Beginn des anstehenden Konzerts und so ging ich die Straße entlang, um mir die benachbarten Gebäude einmal näher anzusehen. Die vollständig mit einem gelb-roten Mosaik geschmückte Fassade dieses Hauses stach in der Reihe der Nachbargebäude besonders hervor. Und erst auf den zweiten Blick bemerkte ich hinter den Baumkronen (siehe animierte Markierung im Bild) drei – ebenfalls aus Mosaiksteinchen gefertigte – Schrifttafeln.
Um diese Tableaus überhaupt unverdeckt abbilden zu können, machte ich aus verschiedenen Blickwinkeln, zwischen den Ästen der Bäume hindurch, mehrere separate Aufnahmen und fügte diese zu einer simulierten Gesamtansicht zusammen.
Im Erdgeschoss des Gebäudes unter den insgesamt drei knallroten Markisen befinden sich im Bereich der Eingangstür mehrere in die Fassade eingelassene Beschriftungen: oberhalb: »Akademie Buchhandlung G. W. Leibniz«, links neben der Tür, von oben nach unten: »AKADEMIE·VERLAG·BERLIN« und rechts, ebenfalls von oben nach unten: »HERMANN·BÖHLAU s Nachf. WEIMAR«. Auf der Markise selbst wirbt der derzeitige Inhaber des dort ansässigen Geschäfts mit den Schlagworten »Tradition & Qualität« (linke Markise), »Plauener Spitze«, »Kuckucksuhren« und »Erzgebirgswaren« (mittlere Markise) und »Made in Germany« (rechte Markise) für sein Angebot. Oben auf der zentralen Markise befindet sich zudem der Name des Handelsunternehmens, der nur zu sehen ist, wenn das Stoffdach voll ausgefahren ist: »DAS SACHSENHAUS«. Kurioserweise wurde dieser in der wenig traditionsgemäß wirkenden, kantigen Computerschrift »Krungthep« gesetzt, die von 1984–97 unter dem Namen »Chicago« (Susan Kare für Apple Computer, 1983) und anfangs als reiner »Pixel-Font« Bestandteil der Systemsoftware von Apple-Macintosh-Computern war. Der legendäre Font ist zwar nach wie vor auf der MacOS-Plattform verfügbar, allerdings inzwischen unter geändertem Namen und um einen thailändischen Zeichensatz ergänzt.
Das erste Wort bei der Beschriftung in der oberen Zeile wurde aus unerfindlichen Gründen mit »falschen Kapitälchen« und auf etwa 80% Zeichenbreite gestauchten Buchstaben »gestaltet«.
Die Beschriftungen auf den Frontseiten der Markisen wurden in der Schriftart »Arial Rounded MT Bold« (Robin Nicholas, 1993 für Monotype) umgesetzt. Auch dies ist eine Systemschriftart, allerdings lizenziert von Microsoft für ihre Office-Applikationen. Tradition, wohin man blickt …
Doch zurück zum Gebäude. Man könnte annehmen, dass »Das Sachsenhaus« die Bezeichnung für dieses Wohn- und Geschäftshaus ist. Dem ist jedoch nicht so, dieser Name bezieht sich allein auf diese Filiale des folkloristischen Ladengeschäfts. Auf der Website der Bildagentur akg images finden sich einige Aufnahmen des Bauwerks, die noch zu DDR-Zeiten entstanden sind und das Erdgeschoss ohne Markise und mit dem zuvor dort ansässigen Buchladen zeigen. Dieser vertrat den bereits oben genannten, renommierten »Akademie-Verlag« und wurde im Jahr 1988 an diesem Standort – damals hieß die Adresse noch »Platz der Akademie« – eröffnet. Kein Zufall – denn sowohl die Benennung des Platzes als auch der Buchhandlung waren zu Repräsentationszwecken von staatlicher Seite bewusst aufeinander abgestimmt:
»Der Akademie-Verlag (Eigenschreibung: Akademie Verlag, früher Akademie-Verlag Berlin) war ein von 1946 bis 2013 bestehender deutscher Wissenschaftsverlag mit Sitz in Berlin. Er verlegte Werke aus den Fachgebieten Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Er war der bedeutendste Wissenschaftsverlag der DDR. Insgesamt erschienen über 12.000 Buchtitel und über 60 regelmäßig erscheinende Zeitschriften mit über 700.000 einzelnen Heften.
Im Signet des Verlags fand sich seit 1957 der Kopf von Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Gründer der Akademie im Jahre 1700, sowie der lateinische Wahlspruch ›THEORIA CUM PRAXI‹ (Theorie mit Praxis). (…) Mitte der 1950er Jahre gehörte er zu den größten Exportverlagen der DDR. Anfang der 1970er Jahre exportierte der Verlag 55 % seiner Produktion ins westliche Ausland. Mitte der 1980er Jahre waren es 66 %. Das anfangs noch recht übersichtliche Programm wuchs in die Breite und umfasste rund 25 Wissensgebiete aus Geistes- und Naturwissenschaften, Medizin und Technik.«
Signet des Akademie-Verlags | Quelle: Wikimedia Commons · ohne Urheberrechtsbeschränkung
Damit ist auch geklärt, in wessen Auftrag und zu welchem Zeitpunkt die drei Mosaik-Texttafeln unter den Fenstern im 1. Obergeschoss des Hauses angebracht wurden. Und obwohl der erste Eindruck vermuten lässt, dass es sich um ein frühes historisches Gebäude handelt, widerlegen online verfügbare Quellen auch dies. Das Ensemble aus Wohn- und Geschäftshäusern an der Adresse Markgrafenstr. 39–41 wurde tatsächlich erst in den Jahren 1985–87, kurz vor dem Fall der Mauer, errichtet.
»Die Baumaßnahmen der 1980er Jahre am Platz der Akademie (seit 1991 wieder als Gendarmenmarkt bezeichnet) belegen anschaulich das Ziel, eine der Bedeutung des Standortes angemessene Gestaltung zu finden. […] Im Brüstungsbereich der Fenster und im Traufbereich werden durch dunkelrote Mosaiksteine vom Jugendstil inspirierte Zierelemente angedeutet. […] In den Brüstungsfeldern der darüber gelegenen Fenster befindet sich mit dem Schriftzug ›THEORIA CUM PRAXI‹ die von Gottfried Wilhelm Leibniz stammende Maxime für die von ihm begründete Akademie der Wissenschaften.«
»Fake-Jugendstil«, könnte man also gemäß heutigem Vokabular zur Fassade des Vorzeigebaus für den angesehenen Verlag sagen. Und irgendwie passt diese »Mosaiktapete« ja dann auch wieder ganz gut zu den mit Computer-Systemschriften bedruckten Markisen an dem aktuell dort betriebenen Kunstgewerbeladen. 🤓 🔠 📖
Und schon stand die nächste Reise an – eine Woche Kurzurlaub in der 1.-Mai-Woche in Trier. Die Unterkunft war, wie meistens, mit Selbstverpflegung gebucht und gleich am ersten Abend kam Appetit auf frisch gebackene, gute Steinofenpizza auf. Ein italienisches Restaurant, das in der Stadt seit über 50 Jahren ansässig ist und damit zum kulinarischen Urgestein gehört, lag keine 5 Gehminuten von der Ferienwohnung entfernt und wurde zur Bezugsquelle für zwei Pizze »to go« erkoren.
In der Appartementküche beim Auspacken fiel mir auf dem Deckel des Pizzakartons sofort die bizarre Formgebung des Doppel-z bei dem Wort »Pizza« auf. Es las sich eher wie »Pi(t)zma« und wirkte um so absonderlicher, je länger ich daraufschaute. Hier hatte sich der Kartongrafiker bei seinem Versuch der Gestaltung eines handgemachten Schriftzuges meines Erachtens typographisch eindeutig verhoben.
Die Illustration hingegen ist handwerklich nicht zu beanstanden. Nun kann man rätseln: War der Kartongestalter ein geübter Illustrator und hat dafür spürbar weniger Talent bei der Schriftgestaltung? Oder wurde das Bildmotiv von einem externen Bildanbieter lizenziert und die Person, welche die Druckvorlage erstellte, hatte überhaupt keine gestalterische Ausbildung, sodass der Do-it-yourself-Schriftzug als laienhafter Versuch zu sehen ist, mit den Designtools des genutzten Rechners das Wort mühsam manuell umzusetzen?
Der Ursprung des Bildes blieb auch nach einer Rückwärts-Bildersuche im Unklaren. Offensichtlich kursiert das Motiv seit geraumer Zeit, sowohl mit als auch ohne das Wort »Pizza« und in zahlreichen Farb-, Druck- und Schriftvarianten im Kreise von Restaurants sowie Verpackungsanbietern. Eine kommerzielle Bildquelle ließ sich nicht ausfindig machen, doch auch der kuriose Schriftzug findet sich unter den Suchergebnissen mehrfach wieder, vereinzelt ist er eine Idee besser zu entziffern.
Natürlich könnte man sagen, »Hey, es ist nur eine Einwegverpackung und die kommt doch nach dem Essen der Pizza sowieso ins Altpapier« oder »Die Pizza schmeckt doch trotzdem, egal, wie gut oder womit der Karton bedruckt ist«. Aber mir geht es nun mal so, dass ich es immer etwas bedaure, wenn das letzte Quentchen gestalterischer Mühe oder überschaubarer Kosten, das aus einem »okayen« Design ein besseres gemacht hätte, nicht investiert wurde.
Deshalb gibt’s hier von mir einen Vorschlag für das Kartondesign mit einer käuflichen Schriftart, die mit ihren Formen die Dampfschwaden aus dem Pizzaofen aufgreift, die das Doppel-z mit der Unterlängen-Schlaufe beibehält und dem Auge, wie ich finde, etwas mehr schmeichelt als die ursprüngliche Umsetzung.
Buon appetito! 🤓 🔠 🍕
Schriftart: »Tisha« (Aldy Sidik für Epiclinez, 2021)
Ich versuche meistens, meine typographischen Fundstücke so zu sortieren, dass die sogenannten »Montagsbonbons« eher Motive zeigen, zu denen es entweder nicht sonderlich viel zu erzählen gibt – entweder, weil sich dazu trotz emsiger Recherchen keine weiteren Fakten ausgraben lassen oder weil nur wenige Erläuterungen vonnöten sind, da die Bilder für sich selbst sprechen. Das heutige Motiv – geknipst an der Haupt-Durchfahrtsstraße im Ort Schönhausen/Elbe in Sachsen-Anhalt auf dem Weg nach Stendal – gehört ein bisschen zu beiden Kategorien. Außer dem Namen des Betriebes und der Tatsache, dass sich dort anscheinend auch heute noch eine aktiv tätige Tischlerwerkstatt befindet, waren im Netz keine weiteren Details zu finden.
Fotografiert habe ich die Beschriftung, weil ich es immer wieder faszinierend finde, wie gekonnt es manche professionellen Schildermaler schaffen, den Duktus kalligrafischer Schriften, die normalerweise von Hand mit einer Breitfeder (und in wesentlich kleinerem Format) auf Papier geschrieben werden, derart ins Riesenhafte und noch dazu auf eine senkrechte, raue Fläche zu übertragen. In einem früheren Beitrag hatte ich schon einmal ein solches Werk aus dem Schankraum eines Regensburger Brauhauses vorgestellt.
Freuen wir uns also heute einfach nur ohne einen vertiefenden Text über dieses Zeugnis althergebrachter Schildermalerei – trotz des fehlenden Leerzeichens nach »Bau-« – und wünschen dem Tischlermeister, dass die Werbung an seinem Giebel nicht nur vorbeifahrende Buchstabennerds, sondern auch zahlende Kunden auf seine Werkstatt aufmerksam macht … 🤓 🔠 🪑
Mit dem heutigen Beitrag möchte ich eine kurze zweiteilige Serie mit Fundstücken einleiten, die ich innerhalb einer guten Stunde in Berlin aufgetan habe. Ich machte mich an einem Samstag Ende März mit dem Regionalzug auf nach Berlin, um am Nachmittag ein spannendes Konzert an der Orgel des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, gespielt vom jungen Virtuosen und Organist der Berliner Gedächtniskirche, Sebastian Heindl, zu besuchen.
»Ein Heldenleben? – heroische Musik für Orgel«
Rachel Laurin – „Étude Héroïque“ op. 38
Clara Schumann – „Caprice á la Boléros“ aus „Quartre Pièces caractéristiques“ für Klavier op. 5, für Orgel übertragen von Sebastian Heindl
César Franck – „Symphonie héroïque“ (zusammengestellt von S. Heindl)
Sebastian Heindl – Improvisation (u. a. über Themen aus dem Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber)
Meine Zugreise endete am Bahnhof Potsdamer Platz und ich beschloss, da noch Zeit genug war, den Weg zum Konzerthaus zu Fuß zurückzulegen. Nach wenigen hundert Meter Wegstrecke bemerkte ich an einer Straßenkreuzung ein großes Jugendstil-Eckhaus, dessen Fassade mit opulenten Mosaiken in Grün, Gold und Schwarz und der Abkürzung »W.M.F.« geschmückt war. »Interessant«, dachte ich – liegt doch der Firmensitz und Gründungsort, Geislingen an der Steige, gut 500 km Luftlinie entfernt. Die 1853 gegründete Firma WMF (Württembergische Metallwarenfabrik), seit den 1950-er und 1960-er Jahren bekannt für ihre ebenso funktionalen wie ästhetischen Haushaltswaren, schien also bereits früh Bedarf an einer repräsentativen Niederlassung in der deutschen Hauptstadt gehabt zu haben.
Tatsächlich hat das 1903/1904 als Verwaltungsgebäude des Unternehmens errichtete »WMF-Haus« eine interessante und bewegte Geschichte:
»Das Gebäude […] diente zum Zeitpunkt der Eröffnung dem Unternehmen als Verwaltungsgebäude. […] Im Erdgeschoss bedienten 100 Angestellte die Käufer, zwei darüberliegende Etagen beherbergten eine Musterausstellung des Unternehmens. In den obersten Etagen befand sich die Berliner Redaktion der französischen Zeitung Le Matin.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte es verschiedene Nutzer, unter anderem ein Konfektionsgeschäft, ein Lebensmittelgeschäft und einen Auto-Ersatzteile-Markt. Das Gebäude wurde vom Ost-Berliner Magistrat für die Verbreiterung der Straße 1986 enteignet und verfiel. Am 6. Juni 1990 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, die WMF erhielt es zurück und verkaufte es […]. Das Haus wurde berühmt, weil es Anfang der 1990er Jahre Namensgeber und Gründungsstätte für den Technoclub WMF-Club war, dieser besetzte das Haus und veranstaltete illegale Partys.«
Die Embleme links und rechts des Firmennamens in den Mosaiken zeigen einen laufenden Vogel Strauß. Dieses Markensymbol des Unternehmens wurde um 1903 – also etwa zeitgleich zum Baujahr des Hauses – eingeführt, um Produkte des Unternehmens mit einem geprägten Motivstempel als Originale zu kennzeichnen. Man nimmt an, dass das Symbol Strauß vom Nachnamen eines der WMF-Gründer (Daniel Straub) abgeleitet wurde. Zur Entstehungsgeschichte und Nutzung dieses und weiterer WMF-Markenzeichen finden sich viele weitere Details auf der Website des auf antike Tischwaren und Bestecke spezialisierten Antiquitätenhändlers Ralph Prüschberg.
Obwohl nur die drei Buchstaben des Monogramms für die Analyse der Schriftart zur Verfügung stehen, bieten sowohl das Entstehungsjahr des Gebäudes als auch die ausladenden Formen und markanten Serifen der genutzten Zeichen genug Anhaltspunkte, um sie ähnlichen Schriften vom Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts zuzuordnen. Exakte Übereinstimmungen ließen sich zwar nicht finden, aber große Ähnlichkeiten. Drei Beispiele für verwandte Schriften, inspiriert oder abgeleitet aus jener Zeit, sind »MFC Elmstead« (Font Brothers, nach Initialen aus dem Buch »Monograms and Alphabets for Combination« von Dollfus, Mieg & Cie aus den 1880-er Jahren), »Remus« (Ralph M. Unger, nach dem Schriftentwurf »Romanisch« von Schelter & Giesecke, 1889) oder »TS Verona« (Walter Florenz Brendel/Brendel Type Studio, 1974–1978 für die »TypeShop Collection« nach Schriftentwürfen ).
Zum wiederholten Male ein feines Fundstück aus der Ära des Jugendstils – eine Zeit, die für schöne Schriften unglaublich ergiebig zu sein scheint. 🤓 🔠🍴
Durch meine kürzliche berufliche Reise nach Barcelona tut sich hier gerade ein kleiner Stau an Fundstücken auf, die ich in etwas dichterem Takt posten werde, denn ich hatte erfreulicherweise neben dem geplanten Messebesuch auch einige Zeit für Erkundungen in den Straßen und Stadtvierteln dieser lebendigen und traditionsreichen Stadt.
Die meisten Motive werde ich nicht ausführlich kommentieren, da sie oft von den Fassaden kleiner, inhabergeführter Geschäfte stammen, zu denen es kaum weiterführende Informationen im Netz gibt, oder weil die kommentierbaren typographischen Eigenheiten der Motive nicht genug für lange Erläuterungen hergeben. Dennoch wird es einiges Schöne und Kuriose zu sehen geben.
Fangen wir an mit drei Verpackungen aus einem lokalen Supermarkt. Ich habe in den Regalen bewusst nur nach Designs gesucht, bei denen Typographie eine Hauptrolle spielt.
Ich fand, zwischen all den anderen, herkömmlichen Verpackungen, bei denen der Inhalt entweder durch transparente Folie erkennbar ist oder die mit (realistischen) Abbildungen von »Serviervorschlägen«, Zutaten oder dem Produkt bedruckt sind, stachen diese auf eine eigene Art hervor.
Und sogar ich, der die spanische Sprache nur rudimentär versteht, erkannte auch so – insbesondere bei der komplett unbebilderten weiß-blauen Verpackung –, was darin feilgeboten wird. 🤓 🔠 📦
Heute mal ein Extra-Beitrag mitten in der Woche, denn es gibt gerade mehr als genug Fundstücke zu posten. Wer mir auf dem Social-Media-Business-Netzwerk LinkedIn folgt, hat vielleicht mitbekommen, dass ich vergangene Woche dienstlich einige Tage in Barcelona weilte, um dort die Messe »Seafood Expo Global« zu besuchen. Ich bin zwar selbst nicht in der Fischbranche tätig, stehe aber als Grafik-Designer mit Menschen aus diesem Business beruflich in Verbindung.
Messen sind immer eine großartige Gelegenheit, auf engstem Raum eine Bestandsaufnahme des grafischen Außenauftritts von Unternehmen und Ausstellern aus aller Welt durchzuführen: Wo sind die Gemeinsamkeiten? Wo die Unterschiede? Was fällt positiv auf? Was negativ? Wer glänzt mit einem besonders gelungenen Logo, Corporate Design oder Messestand?
Neben vier LinkedIn-Kurzbeiträgen zu einzelnen Logolieblingen, die ich auf der Messe erkor, achtete ich natürlich auch auf die Schriftarten, die einzelne Aussteller für ihre Selbstdarstellung nutzten. Leider haben Hunderte Unternehmen nach wie vor (noch) nicht verstanden, wie nutzbringend eine besondere Schrift – oder sogar eine, die exklusiv für die Firma oder Marke gestaltet wurde – bei Marketing, Werbung und Kommunikation sein kann. Eine prägnante und zur eigenen Positionierung passende Schrift kann die Wiedererkennung steigern, die Profilierung schärfen, klar vom Wettbewerb abgrenzen und die Vermittlung der Produkte, Services, Versprechen oder Werte des Unternehmens gegenüber Geschäftspartnern, Kunden, Konsumenten und anderen Zielgruppen stützen. Trotzdem greifen etliche Unternehmen, über alle Branchen hinweg, gedankenlos zu gesichtslosen, überall legal und kostenfrei verfügbaren Schriftarten, die entweder auf ihren Rechnerplattformen als Systemschriften vorliegen (Arial, Helvetica, Calibri, Verdana, Times etc.) oder die auf Plattformen wie Google Fonts heruntergeladen werden können.
Eine Vertreterin aus diesem Umfeld, die es in kürzester Zeit vom Geheimtipp unter den Gratis-Schriften zum allgegenwärtigen Massen-Aushängeschild geschafft hat, ist die »Montserrat« der argentinischen Designerin Julieta Ulanovsky aus dem Jahr 2011. Eine ansprechende, klare, moderne und gut lesbare Schrift, ohne Frage. Aber was bringt ihr Einsatz beim Corporate Design eines Unternehmens, wenn auf jeder Messe im Umkreis von 200 Metern fünf andere Wettbewerber dieselbe Wahl getroffen haben? Wenn das, was eigentlich einen Unterschied herausstellen soll, zu einem Einheitslook führt? Es gab noch keine Messe, auf der mir nicht dieser Stoßseufzer entfuhr.
Sicherlich hat nicht jedes Unternehmen das Budget oder die Ambition, einen exklusiven Corporate Font für sich gestalten zu lassen, wie es beispielsweise bei der Deutschen Bahn, der Telekom, OTTO oder dem Flughafen BER Berlin Brandenburg der Fall ist. Aber schon die Wahl einer zur eigenen Marke und ihrer Positionierung passenden, merkfähigen handelsüblichen Schriftart kann viel zur Eigenständigkeit des grafischen Auftritts beitragen.
Wie erfreut war ich dann auch, auf meinem Streifzug über das Messegelände ein Unternehmen anzutreffen, das es ebenfalls anders und besser gemacht hat: Das Fischerei- und Fischverarbeitungssunternehmen Royal Greenland – gegründet 1774 als königlich grönländischer Handelsbetrieb. Schon von weitem fiel mir die ungewöhnliche, im Versalsatz genutzte Headline-Schrift auf, die den aktuellen Slogan »LEGACY-STRONG – FUTURE-DRIVEN« hoch über den Köpfen der Besucher vom Messestand aus in die Halle sendete.
Zwar nutzt auch Royal Greenland für kleinere Lesetexte und Mengentext einen kostenlosen Font, und zwar »Mona Sans« (Tobias Bjerrome Ahlin, Deni Anggara/Degarism Studio, and Sebastian Carewe, 2022), aber die visuelle Profilierung der Marke vollzieht sich eindeutig durch die markanten Überschriften. Organische Formelemente an den Buchstaben, die an Angelhaken und Fischflossen erinnern, verankern die Schrift zudem eindeutig und intuitiv im Tätigkeitsfeld des Seafood-Unternehmens.
Das staatlich betriebene Unternehmen selbst hat die Einführung dieser exklusiven Schrift nahezu geräuschlos vollzogen – es gibt im Internet dazu keine Pressemeldung, keine expliziten Social-Media-Postings und auch kein einsehbares Corporate-Design-Manual. Dennoch wollte ich natürlich ein wenig mehr über die Schrift herausfinden.
Eins der ersten im Internet dokumentierten Vorkommen der Schriftart ist auf den 25. April 2025 datiert. An diesem Tag postete Royal Greenland auf Facebook einen Beitrag zur Veröffentlichung des Geschäftsberichts für das Jahr 2024 und gleich auf der Titelseite war die neue Type zu sehen. Von diesem Datum an taucht sie in weiteren Medien und Online-Beiträgen auf. Doch auch in dem Geschäftsbericht selbst gibt es weder Erläuterungen zur Aktualisierung des Erscheinungsbildes noch zu der Schrift und den Designer*innen dahinter.
Durch die Developer-Tools meines Webbrowsers jedoch kam ich zumindest ihrem Namen auf die Spur: In den CSS-Stylesheets trägt der Font den Namen »Inua« – ein Begriff aus der Mythologie der Inuit, der indigenen Bevölkerung Grönlands.
»In der Mythologie der Inuit ist ein ›Inua‹ (Plural: ›Inuat‹) ein Geist bzw. eine seelische Kraft, die in allen Menschen, Tieren, Seen, Bergen und Pflanzen existiert. Dabei handelt es sich nicht um eine an das Individuum gekoppelte Seele wie etwa in der christlichen Religion, sondern um ›jene Lebenskraft, welche eine Kette oder ein Kontinuum aller einzelnen Geister dieser Gattung umfasst, die je gelebt haben, gegenwärtig leben oder dereinst leben werden.‹«
Quelle: Wikipedia (Englisch), »Inua« | Text übersetzt und leicht bearbeitet
Der Begriff findet sich jedoch auch im Titel für die selbstgewählte, Ende 2024 vom Royal-Greenland-Unternehmensvorstand formulierte Business-Strategie »INUA 2027« wieder:
»INUA is a concept from Inuit culture that means ›soul‹ or ›life force‹. It describes the spiritual essence that exists in all living beings and the nature around us. Inua is closely tied to our values at Royal Greenland, as we work with nature’s resources and have a responsibility to ensure their sustainability.«
»Our purpose, as we have defined it in our new strategy, INUA 2027, is to ensure a sustainable future for our people, our products and our country by: – Exploit the full potential of our fishery resources – Work locally and sell globally for the benefit of Greenlandic society.«
Durch weitere Recherchen konnte ich dann auch einige spärliche Informationen zu den Schriftgestaltern ausfindig machen. Entworfen wurde die »Inua« von Thomas Mele (Design Director der französischen Branding-Agentur Lonsdale, Paris) in Kooperation mit Christophe Badani (Schriftatelier badani/typophage.com, Versailles).
Mich würde interessieren, wie meinen Leser*innen die Royal-Greenland-Schriftart gefällt. Mögt ihr sie? Empfindet ihr sie als passend für das Unternehmen und dessen Produkte? Wie geht es euch persönlich mit besonderen vs. beliebigen Schriftarten in der Werbung oder bei Markenbotschaften, die bei euch ankommen? Die Kommentare sind offen … 🤓 🔠 🎣 ⚓️
Wie jeden Montag habe ich für heute wieder einen Schnappschuss vorbereitet, diesmal einen, der auf der Durchfahrt durch das Dorf Schönfeld im Landkreis Stendal entstand. Schon mehrmals war mir dort an einem alten Backsteingebäude, das aussieht, wie eine Scheune oder ein Stallgebäude, die verwitterte, aufgemalte schwarzweiße Schrifttafel mit dem Wort »Ausspannung« aufgefallen. Diesmal hatte ich genug Muße, um kurz anzuhalten und ein Foto davon zu machen.
Bei der Nachzeichnung des Schriftzuges habe ich die Buchstabenabstände provisorisch ein bisschen harmonischer ausgeglichen.
Das seit 2020 zur Gemeinde Kamern gehörende Dorf Schönfeld wird erstmals im Jahr 1420 urkundlich erwähnt und beging 2020 seine 600-Jahr-Feier. Insofern ist die Annahme realistisch, dass es sich bei dem Anwesen früher um ein Gasthaus mit oder ohne Übernachtungsmöglichkeit handelte, in dem Reisende, die mit Pferdekutschen unterwegs waren, eine Rast einlegen konnten, um die Tiere zu verpflegen und sich selbst ebenfalls zu stärken und auszuruhen.
»Der Ausspann, regional auch die Ausspanne, ist eine früher übliche Bezeichnung für ein Gasthaus oder eine Schänke an alten Handelsstraßen, das Raum zur Unterbringung von Pferden und Wagen der Reisenden bot.
Auf langen Handelsreisen war es erforderlich, Übernachtungspausen einzulegen. Der Begriff ›Ausspanne‹ weist auf ein Gasthaus mit der Möglichkeit zum Ausspannen der Pferde aus den Fuhrwagen und Kutschen hin, also auf die Übernachtung der Reisenden und das Unterstellen der Tiere im Stall. Allgemein wurden solche Gasthäuser auch als Ausspannwirtschaft oder Ausspannlokal bezeichnet.
Im heutigen Sprachgebrauch ist das Verb ausspannen (sich erholen, entspannen) noch gebräuchlich, obwohl sein wörtlicher Sinn verloren gegangen ist.«
Bestätigt wird die Annahme, dass es sich um ein Wirtshaus handelt, auch hier wieder durch ein »Geisterbild« des Wortes »Gaststätte«, das in der rechten unteren Ecke der bemalten Fläche schemenhaft erhalten blieb. Die exakte typographische Gestaltung ist zwar auf diesem Wandbild auf der Nordseite nicht mehr rekonstruierbar, aber – o Wunder! – auf der Südseite desselben Gebäudes befindet sich direkt gegenüber ein zweites, gleich großes Motiv, auf dem zwar der Schriftzug »Ausspannung« deutlich schwächer erkennbar ist, aber die Gaststättenwerbung die Zeit besser überdauert hat. So konnte ich mithilfe kontrastverstärkender Bildfilter und anderen Nachbearbeitungen ziemlich gut rekonstruieren, wo der Schriftzug stand, wie er in etwa proportioniert war und was dort auf den anscheinend identisch beschrifteten Flächen einst stand. Links sind die beiden Großbuchstaben »HO« erkennbar – die Beschriftung bewarb somit eine »HO-Gaststätte«, eine Kette mit Restaurantbetrieben, die von 1948 bis 1990 in der ehemaligen DDR betrieben wurde. Und auf dem zweiten Wandbild ist klar erkennbar, dass es sich um eine »KOMMISSIONS(-)Gaststätte« handelte.
Das zweite Werbemotiv von der gegenüberliegenden, nach Süden weisenden Seite des Gebäudes und mein Versuch einer Rekonstruktion der Komponenten dieses Schriftzuges.
Interessant ist, dass die ältere Beschriftung, die auf die Pferdefuhrwerke hindeutet, auf der Nordseite kräftiger erscheint als die HO-Gaststätten-Beschriftung, die ja erst nach 1948 entstanden sein kann. Ich vermute, dass der neuere Farbauftrag die Witterungseinflüsse aus irgendeinem Grund schlechter verkraftet hat als die darunter befindliche, ältere Beschriftung – zumindest auf einer Seite des Gebäudes.
Bei dem Gaststättenmotiv fielen mir insbesondere die seltsam »tiefliegenden« S im Wort »KOMMISSION« auf und die beiden markant geschwungenen S bei »Gaststätte«. Vielleicht hatte der oder die Schildermaler*in ja eine Vorliebe für eine gewisse Extravaganz speziell bei der Gestaltung dieses Buchstabens.
Bei dem älteren Schriftzug »Ausspannung« fand ich zudem die Ähnlichkeit des kleinen g mit dem kleinen g in einem anderen historischen Werbemotiv aus Trebbin spannend, rund 100 km Luftlinie entfernt, das in meinem Foto zum Blogbeitrag vom 20.03.2026 auftaucht und dessen Entstehungszeit ich auf Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt hatte. Vielleicht wurden ja beide Motive etwa zur selben Zeit angebracht?
Es bleiben also mal wieder ein paar Fragezeichen stehen, denn weitere Details zu dem Gebäude und dem Wirtshaus blieben leider trotz meiner Nachforschungen im Dunkeln. Also: Zeit, den Rechner zuzuklappen und bei einer Tasse Kaffee erstmal ein bisschen auszuspannen … 🤓 🔠 🐴
Und nun mal wieder ein inländisches Fundstück. Geknipst habe ich es bei einem kurzen Stopp bei der Durchfahrt durch den Ort Rehberg im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt.
Zu diesem Betrieb erbrachte meine Suche im Netz leider diesmal keinerlei valide Informationen betreffend Gründung oder Historie. Gegenwärtig scheint das Gebäude als Wohnhaus zu dienen, ein dort ansässiges Gewerbe ist von außen nicht zu erkennen, das Baujahr des Hauses wird online als »1919 oder früher« datiert. Da die Beschriftung in einer eigens ausgesparten Vertiefung im Mauerwerk platziert ist, würde ich davon ausgehen, dass diese Fläche bereits beim Bau des Hauses angelegt wurde.
Die Schrift ist zwar einerseits sorgsam per Hand gemalt worden und offenbar auch über die Jahrzehnte gereinigt oder restauriert worden, andererseits wirken die Buchstaben in ihren Formen unterschiedlich »schwer« und ergeben dadurch ein etwas unruhiges Gesamtbild. Dass die Versalien M, G, F, H und P betont kräftig angelegt sind, ist bei solchen Beschriftungen nicht unüblich. Doch innerhalb der Gruppe der Kleinbuchstaben gibt es deutliche Schwankungen: e, o, a, g und c weisen sehr feine Strichstärken auf, bei s, t und r sind sie schon etwas stärker, aber bei h, i, d, u, l und n sind die Striche und Serifen insgesamt deutlich fetter.
Bei professionell(er) gestalteten Schriftarten mit einem ähnlichen Formenkanon zeigt sich die Gesamtanmutung deutlich harmonischer.
Zu lernen gab es bei diesem Fundstück auch, was das aus der Mode gekommene Wort »Fourage« bedeutet. Es bezeichnet sowohl die Versorgung von Militäreinheiten als auch von Nutztieren mit Nahrungsmitteln. 🤓 🔠 🌽
Furage (alternative Schreibung: Fourage) »›Verpflegung‹ (für die Truppe), ›Futter‹ (für die Pferde), Entlehnung (17. Jh.) von frz. fourrage m. ›Viehfutter‹, abgeleitet von afrz. feurre ›Stroh‹, das auf afrk. fodar beruht. (s. Futter).«
Einkauf beim Landmetzger. Während ich wartete, begutachtete ich das Sortiment in der Bedientheke. Auf der Hülle einer der hausgemachten Wurstsorten entdeckte ich dieses fulminante (typo)graphische Ensemble und hielt es als herzhaftes Montagsbonbon mit der Kamera fest. Das Bild wurde nachträglich bearbeitet, aber nur, um die Bildqualität zu verbessern – das Motiv ist so wie im Bild gezeigt auf heimischen Wurstwaren in Umlauf.
Die Identifikation der Schrift wird durch mehrere Umstände erschwert. Zum einen die grobe Druckqualität, vermutlich durch das Tampondruckverfahren auf dem Hüllenmaterial und zum anderen durch die zylindrische Verzerrung auf der Wurst. Mindestens drei Buchstaben wurden wohl nachträglich modifiziert: Das G, das zweite D und das letzte S. Trotzdem lassen die Buchstabenformen eine entfernte Verwandtschaft zu einer Gruppe von Schriften von Anfang des 20. Jahrhunderts erkennen, die allesamt kräftige, abgerundete Formen, schräggestellte und stark betonte Serifen und dekorative Formelemente des Jugendstils aufweisen. So z. B. die »Windsor« (Eleisha Pechey für Stephenson Blake, 1905) oder die »Pan Am«, die 1999 anlässlich des 100. Jahrestages der »Pan-American Exposition«, einer Weltausstellung in Buffalo, New York (1901) auf Basis der Schriften in den damaligen Werbemitteln entwickelt wurde. Das Design dieser Neuauflage, erschienen beim Schriftenanbieter P22, stammt von Richard Kegler und Christina Torre. Eine exakte Entsprechung für die Schriftart ließ sich jedoch nicht ausfindig machen.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich sah das Motiv vor meinem geistigen Auge sofort als eine sehr treffliche Etikettierung für nicht wenige der lautstarken Akteure, die Gesellschaft und Demokratie dieser Tage mit spaltenden Parolen und rückwärtsgewandten Forderungen malträtieren. Schade nur, dass sie sich wohl kaum freiwillig damit labeln werden. 🤓 🔠 🌭
K.I.-freies Photoshop-Composing – wer tritt da wohl ans Rednerpult?Fotomontage | Originalbild des T-Shirt-Trägers via Pixabay