Das Typographische Fundstück

verknallt in Schrift und Buchstaben

13.04.2026

Einen vorletzten Schnappschuss aus Kopenhagen für ein typographisches Montagsbonbon habe ich noch anzubieten … 🙂

In direkter Nachbarschaft meiner letzten Unterkunft kam ich regelmäßig auf dem Weg von der Ziel-Metrostation Enghave Brygge zum Hauseingang an einem großen, mit Bauzäunen abgesperrten Areal am Kanal Sydhavn vorbei. Auf den Bauzäunen wurde die Errichtung eines dreiteiligen Neubaugebietes mit mehr als 1.000 Wohnungen auf drei in den Kanal vorgelagerten, künstlich angelegten Landzungen angekündigt. Jedes der drei Wohnanlagen trägt einen eigenen Namen – Lanternebryggen, Ankerbryggen und Sejlbryggen. Auf der Website des Bauprojekts visualisieren Renderings, wie das Siedlungsprojekt letztlich aussehen soll. »Bo ved vandet i byen« heißt es da – »Wohnen am Wasser in der Stadt«. Im Gegensatz zu Deutschland mit rund 47 % liegt die Wohneigentumsquote in Dänemark bei über 60 %. Insofern ist es nicht unüblich, dass bei solchen Projekten mehrheitlich Eigentumswohnungen entstehen, aber die Projektgesellschaft kündigt auch Mieteinheiten an. Ich persönlich finde die modern interpretierte Backstein-Architektur der Wohnhäuser sehr gelungen. Überhaupt fällt mir in Kopenhagen immer wieder auf, dass Stadtwohnungen fantasievoller und ästhetischer als in vielen deutschen Städten und mit klarerem Fokus auf die Lebensqualität der Bewohner konzipiert zu werden scheinen.

Der Name des gesamten Bauvorhabens ist identisch mit dem Stadtviertel – Enghave Brygge Syd – und an dem Bauzaun war auf großen schwarzen Bannern u. a. auch das übergreifende Logo plakatiert. Ich finde, die fetten, modernen Grundformen kontrastieren ansprechend mit den Freiräumen, die durch das Weglassen von Buchstabenelementen entstehen. Weil mir die Wortmarke so gut gefiel, habe ich sie fotografiert. Das Design stammt vermutlich von der auf Immobilienprojekte spezialisierten, aus Schweden stammenden Marketingagentur Make Moves AB mit Büros in Malmö, Kopenhagen und Odense.

Ebenfalls aus der Website wird ersichtlich, welche Schriftart für das Corporate Design des Projekts ausgewählt wurde und die gleichzeitig auch die Basis für das Hauptlogo darstellt. Sie heißt »IvyMode«, stammt von dem dänischen Type Designer Jan Maack bzw. seinem Schriftbüro Ivy Foundry und wurde im Jahr 2018 veröffentlicht.

Die Wortmarke »SYD« arbeitet mit dem Stilmittel des Weglassens von Formelementen, wobei Erkennbarkeit und Lesbarkeit erhalten bleiben. Ich hatte hier im Blog früher schon einmal ein Logo auf Basis dieses Gestaltungsprinzips vorgestellt.

Bei dieser Gegenüberstellung kann man sehr schön sehen, wie bedeutsam harmonische Zwischenräume für die Gesamtwirkung sind (Die Buchstaben links stehen relativ zueinander an denselben Positionen wie die bearbeiteten Zeichen rechts!). Die Abstände im linken Arrangement wirken jedoch unharmonisch – der Abstand vom S zum Y ist größer als der vom Y zum D. Im Ensemble rechts hingegen entsteht durch das Fehlen des oberen S-Bogens und des Aufstrichs beim Y ein angenehmer und ausgeglichener Eindruck. Der/die Logo-Designer*in hat die Abstände somit nach der Modifikation optisch passend nachjustiert.

Ich finde, diese Wortmarke ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man mit minimalen Mitteln, ganz ohne den Einsatz von Farben oder hinzugefügten Bildelementen, allein aus einer sorgsam ausgewählten Schriftart und mit gestalterischem Sachverstand ein Logo entwickeln kann, das ästhetisch, originell, modern und merkfähig ist. Like! 🤓 🔠 🧱

10.04.2026

»Hallo! … Hier spricht Edgar Wallace!«

Wer (zumindest von den etwas älteren unter uns) kennt es nicht, dieses legendäre gesprochene Intro zu Beginn vieler der gruselig-trashigen Krimis aus den späten 1950-er bis frühen 1970-er Jahren? Zum ersten Mal zu hören – gesprochen vom verantwortlichen Filmregisseur Alfred Vohrer himself – war es allerdings erst in der zwölften Produktion, »Das Gasthaus an der Themse«. Deutsche Schauspiel-Ikonen jener Zeit wie der typisch irrlichternde Klaus Kinski, Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Hans Paetsch, Eva Pflug, Siegfried Lowitz, Ingrid van Bergen, Wolfgang Völz, Ida Ehre, Lil Dagover, Hans Clarin und natürlich Eddi Arent gaben sich am Set die Klinke in die Hand. Charakteristisch für viele der Thriller sind auch die jazzig-wilden Soundtracks des Komponisten Peter Thomas, die er zwischen 1961 und 1971 für stattliche 18 davon beisteuerte.

Die erfolgreichsten Filme der Reihe lockten damals bis zu 3,6 Millionen Zuschauer in die Kinos. Es gibt Parodien, Remakes, Zitate, Hommagen – aber manchmal müssen es auch mal wieder die Originale sein. Außerdem kenne ich noch bei weitem nicht alle Werke der Kult-Krimireihe, und so wählte ich für einen nostalgischen Heimkinoabend kürzlich den letzten noch in Schwarzweiß gedrehten Streifen »Der unheimliche Mönch« aus dem Jahr 1965 aus.

»Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen.«

Quelle: Wikipedia – »Edgar-Wallace-Filme«

Und der Vorspann dieses Films soll heute Thema für das typographische Fundstück der Woche sein, denn sein famose Lettering prädestiniert ihn auf jeden Fall dafür. Drei der eingeblendeten Schrifttafeln habe ich zur Illustration für diesen Beitrag nachgezeichnet, was dank der klotzig-geradlinigen Konturen angenehm flugs von der Hand ging. Tatsächlich scheint keiner der Buchstaben dem anderen zu gleichen, die Texte wurde somit anscheinend komplett von Hand angefertigt.

Man sieht, es gab nicht nur Versalien, sondern auch einen kompletten Satz Kleinbuchstaben, des Weiteren finden sich auf der Tafel mit dem Titel des Films – beim D zu Beginn der oberen Zeile sowie bei Ö und C im Wort »Mönch« –gestalterische »Ausreißer« in Form etwas kurvigerer Buchstaben. Insgesamt machen die Lettern auf mich den Eindruck, als seien sie mit einer großen, scharfen Schere improvisiert aus Papier ausgeschnitten worden.

Auch beim Film selbst sind noch einige cineastische Details einer Anmerkung wert. So gibt etwa eine gewisse Ursula Glas darin als eine der von dem ominösen Mönch bedrohten Mädchenschülerinnen ihr Schauspieldebüt, ehe sie für die 1968 gedrehte Komödie »Zur Sache, Schätzchen« ihren (Künstler)Namen fortan in Uschi Glas änderte. Der sonst in vielen Edgar-Wallace-Verfilmungen als skurriles Faktotum besetzte Eddi Arent verkörpert in »Der unheimliche Mönch« ausnahmsweise und zudem ganz ohne sein häufiges Overacting einen deutlich stilleren Charakter und ist maßgeblich in die überraschende Wendung involviert, welche die Handlung zum Ende nimmt. Natürlich wirken die gut 60 Jahre alten Streifen aus heutiger Sicht mit ihren stereotypen Rollenbildern klar aus der Zeit gefallen. Die weiblichen Figuren agieren allesamt ängstlich und schutzbedürftig, die männlichen Darsteller stets wagemutig und unerschrocken. Und die reiferen Herren nehmen sich in einem Fort heraus, jede Frau, die jünger ist als sie selbst, wahlweise mit »Kindchen« oder »mein Kind« anzureden. Doch rechnet man auch dies dem Trash-Faktor hinzu, können die Filme dennoch durchaus unterhaltsam sein.

Alle, die an der Handlung (ohne Spoiler) interessiert sind, finden eine kurze Zusammenfassung im folgenden Absatz. Ein ausführlicherer Beitrag, dann allerdings inklusive der Auflösung, ist unten bei den weiterführenden Links aufgeführt. 🤓 🔠 🫆

Ein als Mönch getarnter Verbrecher, der zugleich als Mädchenhändler agiert, versetzt das englische Schloss Darkwood in Angst und Schrecken. Dort betreibt die angesehene Lady Patricia ein Internat für junge Mädchen. Nach dem Tod des alten Schlossherrn häufen sich rätselhafte Todesfälle, während gleichzeitig die Erbfrage ungeklärt bleibt. Obwohl sich Sir William und Sir Richard um ihre Nichte Gwendolyn sorgen, die als alleinige Erbin vorgesehen ist, gelingt es ihnen nicht, ein Attentat auf sie zu verhindern. Um Gwendolyn zu beschützen und das Geheimnis des unheimlichen Mönchs aufzuklären, erscheinen schließlich Inspektor Bratt und Sir John von Scotland Yard auf Schloss Darkwood.

Weiterführende Links

➡️ Zum Komponisten Peter Thomas: »Filmkomponist mit Kultstatus« – auf der Website des Senders BR Klassik
➡️ Artikel zum Film: »Der unheimliche Mönch« – auf der Website »Der Wahlberliner«

06.04.2026

Und wieder ein Streifzugfoto aus Kopenhagen als montägliches Typo-Bonbon. Ebenfalls im Stadtteil Frederiksberg erblickte ich an einer Klinkerfassade diesen hübschen Neonschriftzug. Erst nahm ich an, es handele sich um eine Leuchtwerbung für ein Unternehmen, doch anscheinend war es einst durchaus üblich, größere, ganzheitlich konzipierte Wohnanlagen derartig zu beschriften, denn um eine solche handelt es sich.

Im Netz finden sich zu dem Namen des Gebäudes und des dazugehörigen Areals folgende Informationen:

Hostrups Have ist eine berühmte funktionalistische Wohnsiedlung mit dazugehöriger Grünfläche an der Ecke Falkoner Allé und Rolighedsvej im Stadtteil Frederiksberg in Kopenhagen. Entworfen wurde sie von dem dänischen Architekten Hans Dahlerup Berthelsen in den Jahren 1935–36 und benannt nach dem Dramatiker Jens Christian Hostrup.

Die Anlage hat eine eigene Postleitzahl und befindet sich auf dem Gelände der alten Rubens Klædefabrik, einer Textilfabrik, die zuvor seit 1857 dort ansässig war. Diese wurde 1927 geschlossen und abgerissen. Hostrups Have ist ein typisches Beispiel für den dänischen Funktionalismus, der in den 1930er Jahren aufkam. Der dreiflügelige Komplex erstreckt sich über fünf Stockwerke, ist aus Backstein errichtet und hat eine Gesamtfläche von 60.000 Quadratmetern. Ursprünglich umfasste er neben 680 Wohnungen auch 30 Gewerbeeinheiten.

Über dem Haupttor am Rolighedsvej befindet sich ein Neonschriftzug aus dem Jahr 1937 mit dem Namen der Siedlung. Ursprünglich war der 45 Meter hohe Schornstein der ehemaligen Fabrik in die Anlage integriert, wurde aber im Juli 2014 abgerissen.

2007 wurde Hostrups Have in eine Wohungsgenossenschaft umgewandelt, was jedoch wirtschaftlich scheiterte. Im Jahr 2017 wurde das Areal aus der Insolvenzmasse an Heimstaden, einen großen schwedischen Immobilieneigner, verkauft.

Quelle: Wikipedia (englisch) | Text übersetzt, leicht bearbeitet und gekürzt.

Interessant an dem Schriftzug fand ich insbesondere die aus dem Schreibschrift-Stil bewusst herausgelösten beiden H-Anfangsbuchstaben, vielleicht sollte auf diese Weise die Alliteration im Namen noch einmal gesondert betont werden.
🤓 🔠 🏢

03.04.2026

Bei einem meiner ersten längeren Streifzüge durch die Wohn- und Geschäftsstraße Godthåbsvej im Kopenhagener Stadtteil Frederiksberg fiel mir schon von weitem dieses hochformatige Neonschild mit dem Schriftzug ROXY ins Auge – das typographische Fundstück dieser Woche.

Ich wusste sofort, dass sich dieser Schriftzug an einem ehemaligen oder weiterbetriebenen Kino befindet, denn gefühlt in fast jeder größeren Stadt gab es bis in die 1970er-Jahre hinein ein Lichtspielhaus namens ROXY. Ich fragte mich, wieso dieser Name für Kinos über viele Jahrzehnte derart populär war. Und das Internet wusste wie immer die Antwort darauf:

»›Roxy‹ war der Spitzname von Samuel L. Rothafel. Er wurde 1882 als Kind deutsch-jüdischer Auswanderer in Minnesota/USA geboren. Sein ursprünglicher Name war Samuel Rothapfel. Den Spitznamen ›Roxy‹ soll schon der Vater getragen haben, er erinnert an englisch ›rock, rocks = Fels, Felsen‹.

Sein erstes Kino eröffnete Roxy 1908 im umgebauten Tanzsaal einer Bierhalle in Forest City in Pennsylvania. […] In den nächsten Jahren wurde er zu einem der erfolgreichsten Kinoleiter der USA – ohne jedoch Kinoeigentümer zu sein.

Im März 1927 wurde dann das ROXY in New York eröffnet. Mit 5920 Plätzen war es zu diesem Zeitpunkt das größte Kino der Welt.

[…]

Der Ruf dieses Filmtheaters ging um die ganze Welt und führte zu Gründung von Kinos namens ROXY weltweit. ROXY wurde zum Synonym für Filmpalast. Der Name des Unternehmens war nicht geschützt und Roxy hatte wohl selber auch kein Interesse daran, finanzielle Vorteile daraus zu ziehen. Für ihn waren Ruhm und Ruf wichtiger. Das führt dazu, dass der 1936 verstorbene Filmpalastmanager heute noch unvergessen ist, auch wenn sein ROXY in New York 1960 abgerissen wurde.«

(Der komplette Artikel ist ebenfalls durchaus lesenswert.)

QUelle: Regionale Kinogeschichte

Das Kopenhagener ROXY wurde Weihnachten 1928, am 26. Dezember, eröffnet und war das erste Kino in Dänemark, welches Tonfilme zeigte. Der erste aufgeführte Film im Programm war der Film »Fazil« (deutscher Titel »Hinter Haremsmauern«, dänisch »Marokkaneren« [»Der Marokkaner«]) unter der Regie von Howard Hawks. Dieses Werk stellt einen der ersten Filme aus der Übergangszeit zwischen Stumm- und Tonfilm dar. Es wurde an die Kinos mit einer auf Lichttonspur (»Movietone«) gespeicherten, synchronen Begleitmusik ausgeliefert. Außerdem enthielt die Tonspur Geräuscheffekte und eine gesungene Aufnahme des Titelliedes.

Die heute noch am Gebäude installierte Leuchtreklame befand sich allerdings nicht von Anfang an der Fassade. Im Sommer des Jahres 1934 wurde das ROXY für fast zwei Monate geschlossen und umfassend umgebaut. Erst seitdem gibt es das riesige vertikale Banner mit roten Buchstaben und gelber Beleuchtung auf schwarzem, später weißem Grund, das sich vom ersten bis zum dritten Stock erstreckt. Es gibt zu dem Kino einen interessanten ausführlichen Artikel in dänischer Sprache, der mit Hilfe eines Online-Übersetzungstools sehr angenehm auch auf Deutsch lesbar ist.

Von den Buchstaben des Schildes ist das R eindeutig der markanteste. Mit seinem ausladenden »Kopf« und dem kurzen, geschwungenen Bein repräsentiert es perfekt beliebte Schriften aus den 1920er- bis 1940er-Jahren, in denen noch Formelemente des Art Deco anklingen. Ein schönes Beispiel für eine nah verwandte kommerzielle Schriftart ist die »Pinkhoff« des niederländischen Designers Léon Hulst (TypeFaith Fonts, 2020) die von dieser Epoche inspiriert wurde.

Am Dienstag, den 30. November 1976 erloschen die Filmprojektoren im ROXY Kopenhagen für immer. Im Jahr 1978 übernahm dann ein Supermarkt der Kette »NH« den alten Kinosaal mit seinem Foyer sowie den angrenzenden Geschäftsräumen, »adoptierte« den legendären Namen des Kinos für sein Ladengeschäft und brachte entsprechende Werbeschilder über den Schaufenstern an. Einige der Ausgänge wurden zugemauert, der Balkon diente fortan als Abstellraum, manche Räume blieben gänzlich ungenutzt und der hintere Teil des Kinosaals wurde abgerissen. Auf einer Bildarchiv-Website der Kommune Kopenhagen ist ein Foto dieses Supermarkts aus dem Jahr 1980 erhalten geblieben.

1996 bezog die auch in Deutschland bekannte, gelb-schwarz »gebrandete« Discounter-Kette NETTO die Ladenflächen. Die ROXY-Beschriftungen im Erdgeschoss wurden abmontiert, nicht aber das große Banner an der Fassade. Bis heute erinnert es an die Glanzzeiten eines klassischen Filmtheaters und – so ist zumindest im Netz zu sehen – leuchtet abends nach wie vor in die Dunkelheit.
🤓 🔠 🎞️

30.03.2026

Am vierten Tag meines Aufenthaltes in der dänischen Hauptstadt kam, nach drei grauen und teils regnerischen Tagen, endlich die Sonne am Himmel zum Vorschein. Es blieb zwar weiterhin recht kühl und windig, aber zumindest machten nun auch wieder längere Ausflüge zu Fuß mehr Spaß. Auf einer dieser Touren führte uns der Weg vorbei an dem extravaganten Bau des AC Hotel Bella Sky Copenhagen der Hotelkette Marriott.

Am Rand der mehrspurigen Zufahrtsstraße wurde der Name des Hotels in überdimensionalen geometrisch konstruierten 3D-Versalien (mit vermutlich speziell dafür kreierten Buchstabenformen) installiert. Und weil der Himmel so schön blau und fast wolkenlos war, habe ich den dazu passenden Ausschnitt der typographischen Skulptur in einem Foto als heutiges Montagsbonbon-Fundstück eingefangen.

The sky’s the limit! 🤓 🔠 🌤️

27.03.2026

Kommen wir nun zum ersten »richtigen« Fundstück aus Kopenhagen. Am zweiten Tag meines Aufenthalts besuchte ich in der mittelalterlichen Kirche im Stadtteil Brønshøj (Außenansicht des Turmes: siehe letztes Foto am Ende des Beitrags) ein wunderbares klassisches Konzert mit Musik, gespielt auf dem Urahn des Klaviers, einem Clavichord. Direkt hinter dem Bühnenpodest mit dem Instrument und dem auftretenden Künstler hatte ich freien Blick auf den prunkvollen Altar der Kirche und dort fielen mir insbesondere die derart üppig verzierten Initialen auf den beiden unteren Texttafeln auf. Die Ranken und Schlaufen sind derart filigran und überbordend, dass für die meisten Betrachter*innen nur aus dem Text selbst ersichtlich wird, um welche Buchstaben es sich überhaupt handelt.

Die Brønshøj-Kirche ist seit der Eingemeindung der Pfarrei in die Stadt Kopenhagen im Jahr 1901 tatsächlich das älteste noch genutzte Gebäude Kopenhagens. Sie wurde in den 1180er-Jahren von Bischof Absalon im romanischen Stil aus Kalksteinblöcken von der dänischen Halbinsel Stevns erbaut. Der Turm im gotischen Stil wurde um 1450 hinzugefügt und besteht aus rotem Backstein.

Während der schwedischen Besatzung im Jahr 1658 wurde das Kircheninnere geräumt und vermutlich als Waffenlager genutzt. Zwar überstand die Kirche die Kriege, von der Innenausstattung jedoch blieben nur das Altarbild und das Taufbecken erhalten. Letzteres ist vermutlich so alt wie die Kirche selbst.

Das große, sogenannte Katechismus-Altarbild mit den goldenen Bibeltexten stammt aus dem Jahr 1587, der vergoldete Zieraufsatz mit dem Monogramm von Christian V. ist etwa 100 Jahre jünger und wurde im Jahr 1679 angebracht. Nach der Reformation ersetzte man in Dänemark die früheren Altar-Tafelbilder aus der katholischen Zeit oftmals durch Texttafeln mit Bibelzitaten. Der von Hand gestaltete Text auf diesem Altar zitiert die Einsetzungsworte des Abendmahls, in den oberen Feldern auf Lateinisch (𝐴𝑁𝑇𝐼𝑄𝑈𝐴) und in den unteren auf Dänisch (𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯). In der barocken Niederschrift finden sich einige Besonderheiten bei der Schreibweise. So ist etwa an zwei Stellen ein doppeltes M/m mit einem leicht nach links versetzten, waagerechten Strich über einem einfachen M/m notiert und »DEDITQUE« wurde im lateinischen Text zu »DEDITQ« verkürzt:

»DOMINVS NOSTER IESVS CHRISTVS IN EA NOCTE QVA TRADITVS EST, ACCEPIT PANEM, ET CVM GRATIAS EGISSET FREGIT DEDITQ[UE] DISCIPVLIS SVIS, DICENS: ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORPVS MEVM, QVOD PRO VOBIS DATVR HOC FACITE IN MEI COM[M]EMORATIONEM«

»Vor Herre Jesus Christus, i den Nat Der Hand bleff forraad, Tog Hand Brødet, takede oc brød det, Gaff sine discipler oc sagde, Tager Dette hen oc æderit, det er mit Legem, som Giffuis for Eder, Det giører, I min Hukom[m]else.«

»Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.«

Im rechten unteren Tafelbild setzt sich der dänische Text fort mit den Worten »Lige saa tog hand og Kalken efter Aftens-Maaltid …« (»Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl …«). Somit ist klar, dass die beiden Initialen ein V (links) und ein L (rechts) darstellen.

Und somit durfte ich an diesem Abend nicht nur zartklingende Alte Musik geießen, sondern hatte auch wieder einen spannenden Anlass, einem historischen Schrift-Fundstück hinterherzurecherchieren und einiges dabei über meinen Urlaubsort zu lernen. 🤓 🔠 🇩🇰

23.03.2026

Als typographisches Montagsbonbon kredenze ich heute mal wieder (siehe hier) ein kleines Ratespiel. Auf dem Weg von meiner Reiseunterkunft in Kopenhagen zur nächstgelegenen Metrostation kam ich jedes Mal am Vereinsgebäude des Kopenhagener Ruderclubs (»Københavns Roklub«) vorbei. Am Gebäude und auf dem Grundstück des 1866 gegründeten Vereins ist dessen Name dreimal in großen Lettern und aus jeweils verschiedenen halbfetten bis fetten serifenlosen Schriften angebracht. An der Beschriftung auf der Längsseite des Clubhauses blieb mein Blick aufgrund mehrerer leichter »Störgefühle« mal wieder länger hängen als üblich. Vier Unstimmigkeiten fielen mir auf:

  1. Ein Stück am Bein des R ist abgebrochen.
  2. Ebenfalls fehlt ein Stück unten rechts am L, wodurch eine unschöne Lücke zum U entsteht.
  3. Die Buchstabenabstände sind insgesamt nicht sonderlich harmonisch.
  4. Ratet!

Ich habe in einem zweiten Bild die gröbsten Scharten bei der Beschriftung ausgewetzt und verrate, was das vierte Missgeschick ist.

Viel Spaß beim Raten! 🤓 🔠 🤔 💭

Auflösung

20.03.2026

Bereits länger im Voraus vorbereitet, kommt heute zwischendurch ein Beitrag zu einem Fundstück, das schon etwas älter ist und nicht, wie die aktuellen, aus Kopenhagen stammt. Als Einleitung habe ich eine Textpassage aus der Erzählung »Das Gespenst von Canterville« von Oscar Wilde (1854–1900) ausgewählt, die mich als Kind ziemlich fasziniert hat. Denn an eine Episode daraus muss ich immer denken, wenn ich Motive wie das heutige entdecke, mit mehrfach übermalten Beschriftungen, deren frühere Versionen, wie durch Hexerei und teils nach vielen Jahrzehnten, wieder sichtbar wurden.

»Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden, gerade vor dem Kamin, und in völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: ›Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet.‹

›Ja, gnädige Frau,‹ erwiderte die alte Haushälterin leise, ›auf jenem Fleck ist Blut geflossen.‹

›Wie gräßlich!‹ rief Mrs. Otis. ›Ich liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muß sofort entfernt werden.‹ Die alte Frau lächelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: ›Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand dann plötzlich unter ganz geheimnisvollen Umständen. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.‹

›Das ist alles Humbug,‹ rief Washington Otis, ›Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen‹; und ehe noch die erschrockene Haushälterin ihn davon zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.

(…)

Am nächsten Morgen jedoch, als die Familie zum Frühstück herunterkam, fanden sie den fürchterlichen Blutfleck wieder unverändert auf dem Fußboden. ›Ich glaube nicht, daß die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,‹ erklärte Washington, ›denn den habe ich immer mit Erfolg angewendet – es muß also das Gespenst sein.‹ Er rieb nun zum zweitenmal den Fleck weg, aber am nächsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte.«

QUelle: projekt-gutenberg.org

Zwar nutzen solche alten Werbemotive nicht eine so gruselträchtige Substanz wie das Blut eines Mordopfers, sondern lediglich profane Fassadenfarbe, und das mysteriöse Wiederkehren der Bemalung hat auch nichts mit Flüchen oder Magie zu tun, aber der Effekt ist dennoch faszinierend.

Bei etwas genauerem Hinsehen glaube ich sogar erkennen zu können, in welcher Reihenfolge die beiden Bemalungen entstanden. Zweifellos gehören die beiden links und rechts platzierten Illustrationen der gekreuzten Werkzeuge Schlägel und Eisen – dem international gebräuchlichen Symbol für den Bergbau – zu dem zentral stehenden Wort »Kohlen Handlung« und bilden als Ensemble eine der beiden sichtbaren Beschilderungen. Die Schreibweise ohne Bindestrich muss dabei nicht zwingend ein Fehler sein – bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts war die Verwendung von Leerzeichen statt Bindestrichen bei Komposita durchaus üblich. Das andere Gesamtmotiv besteht aus den beiden größeren Textzeilen »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« und »Landwirtschaftliche Maschinen«, dazu gehören die beiden kleinen, links und rechts unten angeordneten Texte »Dreherei« und »Autogene Schweißerei«.

Meine Schlussfolgerung ist, dass das Motiv der Kohlenhandlung zuerst auf die Wand gemalt wurde, denn sowohl im Bereich der Buchstaben »lun« im Wort »Handlun als auch rechts unten beim Wort »Autogene« ist zu erkennen, dass die Beschriftung der Schweißerei das Motiv der Kohlenhandlung überdeckt. Dass die Technik des autogenen Schweißens (auch Gasschmelzschweißens) im Jahr 1903 von den französischen Ingenieuren Edmond Fouché und Charles Picard entwickelt wurde, liefert einen weiteren relevanten Hinweis zur Datierung.

Alle Schriftarten auf der Fassade – und das war der zweite Grund, diese Beschilderung zu fotografieren – gefallen mir auch aus gestalterischer Sicht. Ich gehe davon aus, dass die Buchstabenformen bzw. Schriftzüge von einem professionellen Schildermaler entworfen wurden und keinen käuflichen Typen entsprechen. Die Zeile der Kohlenhandlung habe ich zur besseren Ansicht einmal nachgezeichnet. Ist sie nicht grandios?

Bei dem Schriftzug des Metallbau-Unternehmens sprechen mich vor allem das oben kantig abgeflachte A in »Autogene« und die Schriftart in der ersten großen Textzeile an. Aus dieser habe ich nur die markantesten Buchstaben nachgebaut.

Die Schriften in diesem Motiv weisen Formmerkmale aus der Zeit des Jugendstil bzw. Art Deco auf, wie sie sich beispielsweise auch bei der Schriftart »Kleopatra« der Bauerschen Gießerei in einem Musterbuch um das Jahr 1914 wiederfinden, etwa das hochgebockte K, das abgeflachte A oder das oben begradigte s. Der abgeschrägte Bogen im B findet sich bei P und R (und beim B vertikal gespiegelt) in der Schriftart »Nouveau To Go JNL« (2017) von Jeff Levine wieder, die auf einem Notenblatt aus dem Jahr 1915 basiert.

Sofern also meine Beobachtung korrekt ist, dass die Beschriftung der »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« später als das der Kohlenhandlung entstand, muss der kantige Schriftzug »Kohlen Handlung« demnach früher entstanden sein, also vermutlich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und dafür wirkt er doch auch heute noch ziemlich modern, oder? 🤓 🔠 ⚒

18.03.2026

Weil hier bei mir gerade so viele neue Fundstücke aus Kopenhagen auflaufen, gibt’s heute mal ein Bonus-Posting außer der Reihe. Ein schriftlicher Hinweis an einem Hauseingang, der mit einer Art Rubbelbuchstaben auf Glasbausteinen aufgetragen worden zu sein scheint, denn wären die Buchstaben aufgemalt, hätte z. B. das E in der drittletzten Zeile nicht verrutschen können. Selbstklebende Folienbuchstaben können es eigentlich auch nicht sein, denn dafür sind die starken Abtragungen und Verwitterungen untypisch. Für die aufwendigste Möglichkeit – eine von Hand aufgemalte Beschriftung – sprechen die Formabweichungen, die man gut an den Doppelbuchstaben TT, kk, pp, MM, KK und PP beobachten kann. Vielleicht ist es auch eine Mischung verschiedener Beschriftungstechniken.

Die Schriftart ist aus meiner Sicht von der »Friz Quadrata« (Ernst Friz für Visual Graphics Corporation/ITC, 1966) inspiriert. Aber auch hier gibt es so viele Abweichungen in Details, dass eine individuelle Gestaltung der Zeichen wahrscheinlich scheint.

Der Hinweis auf Dänisch lautet: »Bude skal benytte køkkentreppen om hjørnet ↢ da ejendommens beboer ikke modtager varer ad hovedtrappen«. Auf Deutsch: »Lieferanten mögen/sollen die Küchentreppe um die Ecke benutzen ↢ da die Bewohner des Hauses keine Lieferungen über die Haupttreppe entgegennehmen«.

Und ich weiß jetzt, dass das dänische Wort »Bude« nichts – wie ich zunächst annahm – mit den Räumlichkeiten des Hauses zu tun hat. 🤓 🔠 😬

16.03.2026

Für heute habe ich nur ein sehr kompaktes typographisches Montagsbonbon vorbereitet, denn ich darf gerade mal wieder auf einer Kurzreise für eine knappe Woche meine Lieblingsstadt Kopenhagen bereisen und da möchte ich nicht so viel Zeit vor dem Rechner verbringen. Doch ganz sicher entdecke ich hier wieder jede Menge neues »Futter« für Fundstücke, die ich dann auch nach Möglichkeit wieder etwas ausführlicher erläutern werde. Ich bin selber schon sehr gespannt …

Den kleinen Videoclip unten filmte ich auf meiner ersten Selbstverpflegungs-Einkaufstour in der Nähe der aktuellen Unterkunft, im Parkhaus des Einkaufszentrums Fisketorvet. Mein erster Gedanke: Wollte mir das P mit seinem Winken etwas mitteilen? Etwa: »Hilfe, holt mich hier raus! Ich werde in einem Parkhausschild gefangen gehalten!«? Oder war es vielleicht ein freundlicher Gruß? Ach was! Sicher nur reine Physik und nichts als ein Windhauch.

Die freundliche »Semi-Serif«-Schriftart in den Zeilen darunter konnte ich leider nicht identifizieren. Schade, denn sie gefällt mir recht gut. Tipps, anyone? 🤓 🔠 👋


Update, 18.03.2026: Inzwischen habe ich die Schriftart nachträglich bestimmen können. Es ist eine exklusiv für den Center-Betreiber Unibail Rodamco Westfield angefertigte (vermutlich gleichnamige) Schriftfamilie mit zehn Schnitten, gestaltet von der Designagentur Production Type.

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