Zur Abwechslung poste ich heute mal ein typographisches Montagsbonbon, das ich nicht selbst fotografiert habe, sondern auf das ich bei der Recherche zum Beitrag über die »GARAGE SAUERBERG« in einem digitalisierten historischen Altonaer Adressbuch aus dem Bestand der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek entdeckt habe. Ich fand den Spruch (aus heutiger Sicht) und die Honig-Geld-Metapher einerseits putzig, die Umsetzung aber durchaus elegant und handwerklich gekonnt. Die vollständige Anzeige, aus der das Motiv stammt, ist im zweiten Bild zu sehen.
»Unterstützungs-Institut« klingt für heutige Leser*innen ungewöhnlich, fast wie ein Schwesterwort zu »Sozialamt«. War die damals werbende Instanz solch eine Behörde? Dazu fand ich schnell eine kundige Erläuterung:
»Das am 28. Januar 1799 gegründete Altonaische Unterstützungs-Institut AUI setzte sich für Sozialfürsorge und Gewerbeförderung ein. Neu war das Prinzip der überkonfessionellen Fürsorge. Hilfe für sozial Schwache war zuvor eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Nun konnten in Not geratene Einwohner*innen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit unterstützt werden. Ebenfalls unabhängig von Glauben und Konfession erhielten Schulen, Vereine und die Kinderfürsorge zinsfreie Darlehen und Spenden.
1801 gründete das AUI eine Sparkasse. Sie entwickelte sich zu ihrem wichtigsten Betätigungsfeld. Sparguthaben sollten es Menschen ermöglichen, eine Existenz aufzubauen. Über die Erträge des Bankgeschäftes konnten wohltätige Vorhaben finanziert werden. 1939 wurde das AUI aufgelöst und in die Hamburger Sparkasse überführt.«
Bemerkenswert an der Schriftgestaltung des Motivs fand ich zum einen die bewussten Verbindungen zwischen den gebrochenen Buchstaben, am deutlichsten bei »are«, »ie« und »iene«. Zum anderen ist auch eine Kursivstellung, wie hier zu sehen, bei historischen gebrochenen Schriften deutlich seltener und spielte nicht dieselbe Rolle wie die Kursiven bei Antiqua-Schriften. Die meisten Fraktur-Schriftfamilien verfügten – von Ausnahmen abgesehen – gar nicht über kursive Schnitte. Sollte in einem in Fraktur gesetzten Text ein Wort oder Abschnitt besonders hervorgehoben werden, wurde dies nicht durch eine Kursive – wie z.B. oft bei in Antiqua gesetzten Texten –, sondern zumeist mit anderen Mitteln erreicht, etwa durch einen deutlichen Wechsel zu einer 𝔷𝔴𝔢𝔦𝔱𝔢𝔫 gebrochenen Schrift (oder zu einer 𝙰𝚗𝚝𝚒𝚚𝚞𝚊), durch S p e r r s a t z mit größeren Buchstabenabständen, mittels fetterer Schriftschnitte (seltener) oder durch einen deutlich anderen Schriftgrad. Zudem ist auch die ungewöhnlich starke Schrägstellung der kursiven Buchstaben – hier mit ca. 25° Neigung – auffällig; die meisten Nicht-Schreibschriften arbeiten gewöhnlich mit Winkeln zwischen 7° und 12°. Selbst eine der seltenen, kursiv gezeichneten Frakturschriften, »Deutsche Schrägschrift« (Rudolf Koch für Gebr. Klingspor, 1912) hat einen Neigungswinkel von »nur« 16°. Extremere Schräglagen von bis zu 45° findet man eher bei Kurrentschriften und anderen, oftmals dekorativen Schreibschriften.
Die dritte Besonderheit in dem Werbemotiv sind die individuell gestalteten Zeichen, wie die große geschwungene S-Initiale und das kleine w, das nach oben verlängert ist und sich mit dem S gezielt überlappt. Alle drei Stilmittel verleihen dem Schrift-Arrangement eine fast handschriftliche Anmutung und plakative Eigenständigkeit. Vergleicht man die sechs Vorkommen des kleinen e, so fällt auf, dass diese alle unterschiedlich aussehen, mal breiter, mal schmaler und mit verschieden großen Innenräumen. Ich gehe aufgrund all dieser Merkmale davon aus, dass die Illustration der Biene nebst Münze inklusive aller Textzeilen als Gesamtgebilde von Hand gezeichnet wurde.
Die etwa weiteren Schriftarten bzw.-schnitte in der Anzeige lasse ich heute einmal außen vor, da sie – mit Ausnahme der kantigen Type bei den Wörtern »Geschäftsstellen« / »Annahmestellen« wenig Besonderes zu bieten haben. 🤓 🔠 🐝
Während meines Kurzurlaub über Pfingsten erledigte ich zwischendurch einige Besorgungen im Donau-Einkaufszentrum (DEZ) im Regensburger Stadtteil Weichs. Um mich auf der Etage zurechtzufinden, blieb ich kurz vor der Filiale eines großen deutschen Modehändlers stehen und schaute mich um. Und wieder einmal blieb mein Auge instinktiv an einer typographischen Unstimmigkeit hängen, wenige Sekundenbruchteile, bevor mein Kopf erfasst hatte, was genau das störende Detail war. Wem fällt es auf?
Um das Rätseln nicht zu spoilern, habe ich unten einen Akkordeon-Block angelegt, in dem ich den amüsanten Lapsus verrate. Wie so oft, bin ich bei der Recherche zum Logo des Unternehmens mal wieder in ein »Rabbit Hole« gefallen und habe etliche interessante und kuriose Dinge über die Historie von Peek & Cloppenburg und das Erscheinungsbild der Marke gelernt, die ich als Bonusmaterial dazugepackt habe.
Viel Spaß! 🤓 🔠 🤔 💭
Auflösung
Die Beschriftung mit den drei farbig markierten Vorkommen des »Installationsfehlers«.
Wie schon mehrfach hier im Blog passierte bei der Anbringung der Innenräume (Punzen) der Buchstaben der Fehler, dass diese nicht korrekt platziert wurden. Bei einem Schriftzug, der als Negativform – hier mit milchig-weißem Plexiglas und von hinten beleuchtet – angefertigt wird, liegen alle Punzen in Form kleiner Einzelteile vor, die an der korrekten Stelle (und mit der richtigen Orientierung!) platziert werden müssen. In diesem Fall haben die Handwerker*innen bei allen drei e die kleinen Innenräume versehentlich um 90° im Uhrzeigersinn gedreht aufgeklebt.
Elf Punzen kommen im Schriftzug des Unternehmenslogos vor – elf Gelegenheiten, einen Fehler zu machen …
Bei meiner Bildersuche zu den Filialen des Unternehmens kamen tatsächlich noch einige weitere solcher Unfälle zutage. Auf Fotos der Filiale in der Stuttgarter Königstraße z.B. steht die Punze im P etwas nach links versetzt. Bei vielen (jüngeren?) Filialen besteht die Ladenbeschriftung auch aus dreidimensional gefertigten, beleuchtbaren Einzelbuchstaben, bei denen solche Installationsfehler nicht mehr unterlaufen können. Auf einen weiteren Fall bei einem anderen, parallel genutzten P&C-Markenzeichen komme ich später noch zu sprechen.
Neu war für mich die Erkenntnis, dass Peek & Cloppenburg – ähnlich wie ALDI Nord und ALDI Süd – schon lange (seit 1911!) aus zwei unabhängigen Einzelunternehmen, ansässig in Hamburg und Düsseldorf, besteht. Anders als bei der offenbar friedlichen Koexistenz der beiden Discounterketten scheint es hier jedoch hinter den Kulissen bisweilen zu Konflikten zu kommen, denn sie liefern sich Online-Quellen zufolge immer wieder juristische Auseinandersetzungen um Markenrechte, ihre parallelen Online-Auftritte, die Grenzen ihrer Werberegionen oder Vertriebsgebiete.
»Seit über 100 Jahren existieren unter dem Namen Peek & Cloppenburg zwei Modeunternehmen. Die P&Cs sind sich in herzlicher Abneigung verbunden und streiten sich im Zweifel auch vor Gericht.«
Zum Düsseldorfer Konzern gehört unter anderem zudem auch die ANSON’S Herrenhaus GmbH & Co. KG, die auf ihrer Website eine ausführliche Chronik der Unternehmensgeschichte bereithält:
»1869 von den Kaufleuten Johann Theodor Peek und Heinrich Cloppenburg in Rotterdam gegründet, eröffnete Peek & Cloppenburg 1901 seine ersten deutschen Verkaufshäuser in Berlin und Düsseldorf. Durch die Gründung einer zweiten Gesellschaft entstanden 1911 zwei unabhängige Unternehmen mit ihren Hauptsitzen in Düsseldorf und Hamburg.«
Warum sich beide Unternehmen, anders als die ALDI-Brüder, dazu entschlossen hatten, mit einem annähernd identischen Look auf dem Markt aufzutreten, ist mir nicht bekannt. Auch nach tieferer Beschäftigung mit dem Thema war ich nicht in der Lage, das Gesamtbild zu 100% schlüssig für mein Verständnis aufzulösen.
Es gibt die Peek & Cloppenburg KG mit Sitz in Hamburg, deren Verkaufsgebiet sich auf den Norden Deutschlands konzentriert. Dazu gehören Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, dazu Westfalen (Münster), Ostwestfalen-Lippe (Bielefeld, Paderborn), Nordhessen (Kassel) sowie südliches Sachsen (Dresden, Chemnitz).
Die Peek & Cloppenburg B.V. & Co. KG mit Sitz in Düsseldorf ist aktiv in Nordrhein-Westfalen (außer Ostwestfalen-Lippe), Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Mittel- und Südhessen, Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen, Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und im nördlichen Sachsen (Leipzig).
Peek & Cloppenburg Düsseldorf ist laut WirtschaftsWoche das größere der beiden Unternehmen.
Im März 2023 beantragte Peek & Cloppenburg Düsseldorf ein Schutzschirmverfahren, kurz darauf folgte die Insolvenz in Eigenverwaltung. Anfang Oktober 2023 konnte das Insolvenzverfahren erfolgreich abgeschlossen werden. P&C Nord mit Sitz in Hamburg war von dem Verfahren nicht betroffen.
Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei Ladenbeschriftungen und Firmenlogos stieß ich auf feine Unterschiede beim Design des »Peek & Cloppenburg«-Schriftzuges, die ich nicht alle verlässlich den einzelnen Gesellschaften zuordnen konnte, wohl aber mit einiger Sicherheit bestimmten Zeitfenstern. Alle unten gezeigten Beispiele liegen im Zeitraum nach der Aufspaltung in zwei getrennte Unternehmen.
Ich konnte leider nicht eindeutig identifizieren, ob die Wortmarken auf Basis kommerzieller Schriftarten gestaltet wurden. Es gibt zwar deutliche Ähnlichkeiten zu einigen klassischen schmalfetten Schriftarten wie z.B. »Impact« (Geoffrey Lee für Monotype, 1965) oder »Compacta« (Fred Lambert für Letraset, 1963), aber 100% identisch mit dem Logo war keine, die ich fand. Erneut findet sich in vielen Varianten des Schriftzuges ein »K mit Knick«, wie bereits in der Kräutergeist-Wortmarke des Beitrags vom vergangenen Montag. Es ist gut möglich, dass dieses besondere k jenes typographische Merkmal ist, welches seit jeher die Logos des Düsseldorfer Unternehmens von denen aus Hamburg unterscheidet, denn wie man sieht, kommt in den beiden oben gezeigten Beispielen aus Norddeutschland ein »normales« k zum Einsatz. Aber das ist nur eine Vermutung.
Im November 2022 wurde u.a. in einem Artikel der Werbe-Fachpresse angekündigt, dass P&C Düsseldorf einen umfassenden Marken-Relaunch plane, der bis 2026 abgeschlossen sein sollte. Dazu gehörte auch die Neugestaltung der Wortmarke (s.o. im Bild) und des parallel genutzten »P-und-C«-Emblems. Beauftragt mit der Entwicklung wurde das Berliner Büro der britischen Designagentur Pentagram. Auf einer eigenen Projektseite wird über den Case berichtet. Anders als zuvor, soll das lange Zeit klein und eher unauffällig gesetzte »Ampersand«-Zeichen (&) künftig »als Symbol für ›Togetherness‹« nun eine deutlich sichtbare Hauptrolle in dem neuen Markenauftritt spielen.
Das eben erwähnte P-und-C-Emblem führt uns abschließend noch zu einem filigranen Kuriosum, das mir ebenfalls bei meinen Recherchen auffiel. Das Emblem kommt seit jeher in einem »Marken-Asset« in Form eines links rot, rechts blau gefärbten Wappenschildes vor, mit dem weißen Firmenkürzel darauf. Oft sieht man es als Branding-Element an den Gebäuden oder als Türgriffe an den Eingängen der Ladengeschäfte. Auch hier existieren zwei separate Varianten für Düsseldorf und Hamburg. In der Düsseldorfer Variante steht statt des Ampersand ein U für »und«, die Hamburger hingegen nutzen das »&« (Quelle: Wikipedia Englisch).
»Vor genau 100 Jahren, im Jahr 1926, entstand das unverwechselbare blau-rote P&C Wappen.«
Links eine der in Umlauf befindlichen Fassungen des Düsseldorfer Wappens, rechts eine für Hamburg geläufige.
Die im Netz anzutreffenden Blautöne bei beiden Emblemen variieren zwischen hellem Kobaltblau, kräftigem Ultramarin und dunklem Nachtblau, daher sind die Farben meiner Beispielabbildungen nicht verbindlich. Aber auch innerhalb dieser beiden Wappen-Umsetzungen ist die Vielfalt der online kursierenden Variationen groß: Man findet z.B. bei dem Düsseldorfer Emblem an einzelnen Filialen 3D-Objekte mit fetterem U (Troisdorf), mit breiterem U (Hilden) oder mit abgeschrägten Ecken unten am U-Bogen (ohne Ortsangabe).
Bei der Recherche zu dem Hamburger Emblem fielen mir – neben unterschiedlichen Schriftarten für das »&« – in einer weit verbreiteten Fassung wiederum minimal verrutschte Punzen auf, allerdings lediglich bei der zweidimensionalen Umsetzung für Print- und Online-Medien. In dreidimensionalen Objekten an Gebäuden wirkt das Ampersand harmonisch.
Links die im Netz verbreitete Version des Emblems mit ganz leicht nach links verrutschten Punzen im »&«-Zeichen, rechts eine von mir korrigierte Fassung.
Und als ob das nicht genug der feinen Unterschiede wäre, kursieren auch noch Umsetzungen, die sich an der Grenze zwischen den beiden Hintergrund-Farbflächen unterscheiden. Hier zwei (qualitativ nachbearbeitete) Fotos davon, die ich kürzlich an ein und derselben Filiale in der Stralsunder Fußgängerzone – die somit unter Zuständigkeit der Hamburger P&C-Gesellschaft steht – gemacht habe.
Links wieder die bereits oben gezeigte »Print«-Variante mit den leicht nach links versetzten Ampersand-Punzen, die beide komplett rot gefüllt sind. Rechts am Türgriff sind die Innenräume zwar optisch ausgewogen platziert, aber nur links rot, rechts zum Teil blau gefüllt – die Grenze zwischen den beiden Farbflächen läuft also sichtbar hindurch. Außerdem ist das Ampersand hier breiter als links.
Die erstaunlichste Erkenntnis meiner Recherchen war für mich auf jeden Fall, dass ich trotz aller sowohl augenfälligen wie homöopathischen Unterschiede beim Außenauftritt der beiden Unternehmen jahrzehntelang überhaupt nicht gewusst bzw. bemerkt habe, dass es sich um zwei getrennte Firmen handelt. Ich hatte zwar hier und da leichte Inkonsistenzen wahrgenommen, aber hielt diese immer nur für Relikte der Marken-Evolution oder die üblichen Unschärfen, Freiheiten und Nachlässigkeiten bei der Umsetzung des Corporate Designs in Unternehmen mit sehr vielen daran beteiligten Mitarbeiter*innen.
Mein Fazit: Einerseits ist es bemerkenswert, dass zwei »rivalisierende« Unternehmen mit demselben Ursprung so lange – und offenbar bewusst – mit einem so gleichartigen Aussehen auf dem B2C-Markt agieren, ganz anders als z.B. die ebenfalls zerstrittenen Gründer und Brüder Adolf und Rudolf Dassler mit ihren Firmen Adidas und Puma. Andererseits ist das ja vielleicht auch ein Denkanstoß dazu, dass Gemeinsamkeiten oft viel nachhaltiger (auf Kunden) wirken können als Unterschiede. 🤓 🔠 👖 👗
Kleiner Typo-Schnappschuss zwischendurch, geknipst in Regensburg: »EINFAHRT freihalten!« – handgemalt und mit einem etwas zu schlanken H.
Ich mag es trotzdem, wenn Menschen, die ein Gebots-, Verbots- oder Hinweisschild aufhängen, sich die Mühe machen, es selbst zu gestalten, anstatt einfach ein käufliches Standardschild zu benutzen. 🤓 🔠 🪧
Versuch einer Rekonstruktion des Schildes (mit etwas optimierten Buchstabenabständen)
Ein Werbe-»Mural« aus Regensburg habe ich heute als typographisches Montagsbonbon ausgewählt. Und obwohl der Farbauftrag noch relativ neu und unverwittert aussieht, hat das beworbene Produkt bereits eine über 300-jährige Geschichte.
Die Wandmalerei befindet sich an der Außenwand des Karmelitenklosters St. Joseph, Ecke Adolph-Kolping-Straße und Pfluggasse – an der Adresse, wo der Geist auch produziert wird.
»P. Ulrich Eberskirch OCD*, der als gelernter Apotheker in den Karmelitenorden eintrat, erfand im Jahre 1721 den echten Karmelitengeist. Das Geheimnis wird bis heute streng gehütet und immer nur von zwei Karmeliten weitergegeben.«
Typographisch fand ich das Motiv insofern interessant, dass es zum einen rein schriftlich für das Produkt wirbt – es gibt keinerlei Abbildung eines Mönches, einer Flasche, eines eingeschenkten Glases, einer Verpackung o.ä. Und zum anderen nutzt es in nur drei Zeilen Text vier verschiedene Schriftarten. Zwei davon konnte ich problemlos bestimmen, bei den beiden anderen war das etwas schwieriger bis erfolglos.
Das Wort »REGENSBURGER« ist in der Schriftart »ITC Avant Garde Gothic« im Schnitt »Demi Bold« gesetzt. Die Schrift wurde zunächst 1968 exklusiv für das Logo und die Headlines des US-amerikanischen Lifestyle-Magazins »Avant Garde« entworfen. Erst ab 1970 arbeitete Lubalin zusammen mit Tom Carnase – einem Partner in seinem Designbüro – daran, eine komplette Schriftfamilie gleichen Namens daraus zu entwickeln, die nachfolgend zu einer der populärsten Schriften der 1970er-Jahre wurde.
Für die Unterzeile »seit 1721 hier im Kloster hergestellt« wurde die Schrift »Palette« genutzt. Sie stammt aus dem Jahr 1951 und ihr Urheber war der Grafiker und Schriftgestalter Martin Wilke.
Die Schrift bei dem Wort »Echter« würde ich ebenfalls in den 1950er-Jahren verorten, allerdings konnte ich sie nicht verlässlich identifizieren. Das etwas zu eng stehende letzte Buchstabenpaar »er« könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Buchstaben hier individuell gestaltet wurden.
Ebenfalls knifflig war die Recherche zur Schrift im Produktnamen »KARMELITERGEIST«. Das auffälligste Merkmal ist in jedem Fall das rechtwinklig abknickende Bein des K, das sich etwas dezenter auch im R noch einmal wiederfindet. Die älteste Referenz, die ich zu dieser Buchstabenform finden konnte, reicht zurück in die Jahre 1929–1934, zu einer eleganten Art-Déco-Schrift namens »Corvinus«, entworfen vom ungarisch-schweizerischen Designer Imre Reiner für die Bauersche Schriftgießerei. Im Umfeld eines experimentelleren Formenrepertoires trifft man ein ähnliches K auch bei der Schrift »Altona« von Albert-Jan Pool, Julia Uplegger und Antonia Cornelius an, die auf Hamburger Straßenschildern Ende der 1920er-Jahre beruht, sowie in der serifenbetonten Linear-Antiqua »City« (Georg Trump für Berthold, um 1930). Alle drei Verwandten verweisen somit auf etwa dieselbe Zeit, obwohl sie nicht exakt mit der Type im Werbeschriftzug auf der Fassade übereinstimmen. Eine modernere Variante, entstanden 2002–2014, findet sich in Form der Schriftfamilie »Compass Next« von Ramiz Guseynov/TipografiaRamis.
Im Netz konnte ich zudem in einem Pressebericht aus dem Jahr 2021 zum Jubiläum der klösterlichen Spirituose ein Foto ausfindig machen, das deren Verpackungs-Evolution dokumentiert. Das »K mit dem Knick« taucht darin ausschließlich in den beiden linken der sechs abgebildeten Exemplare auf, offenbar zeitgleich mit der Einführung einer auffälligen purpurnen Kennfarbe beim Packaging. Zeitlich datieren konnte ich diese Umstellung leider nicht. Immerhin lässt sich sagen, dass das Konglomerat aus verschiedenen Schriftarten nicht älter sein kann als die jüngste der vier (»Avant Garde«).
(Nachtrag – 09. Juni 2026: In dem weiter unten im Beitrag verlinkten Video schwenkt die Kamera beim Timecode 12:28 über ein Bildtableau mit Fotos aus dem Jahr 1971, als das Elixier sein 250-jähriges Jubiläum beging. Auch darauf sind sowohl das komplette Werbemotiv als auch die orange-purpurviolette Farbgebung der Verpackung bereits zu sehen!)
Das Produkt ist nach wie vor erhältlich, es gibt sogar Pralinés, die mit einer damit aromatisierten Trüffelmasse gefüllt sind. Laut Hersteller hilft das Elixier innerlich, auf Zucker geträufelt oder mit Wasser bzw. Tee verdünnt, »… bei Grippe, Erkältung, Unwohlsein, Magenbeschwerden, Blähungen, Schlaflosigkeit«, sowie unverdünnt äußerlich »… zum Einreiben bei Ohnmacht, Herzschwäche, Rheumatismus, neuralgischen Schmerzen und zur Desinfektion von Wunden«.
Die Ursprünge dieser Heilspirituose aus (karmelitischen) Klöstern lassen sich sogar zurückverfolgen bis ins 14. Jahrhundert. Eines der ersten kommerziell vertriebenen Produkte tauchte 1611 in Frankreich unter dem Namen »L’Eau des Carmes« auf und war offenbar über Apotheken erhältlich. Das Rezept, aus Melisse, Engelwurz, Zitronenschale, Lavendel und weiteren Pflanzenessenzen gebraut, soll ursprünglich aus einem Kloster der Unbeschuhten Karmeliterinnen einer Abtei namens St. Just[e] stammen (die ich leider nicht eindeutig lokalisieren konnte) und wurde anfänglich wohl u.a. auch für den französischen König Karl V. (1338–1380) hergestellt. Andere Überlieferungen sprechen von Pariser Karmelitermönchen als Urheber der Rezeptur.
Das in Deutschland deutlich bekanntere Konkurrenzprodukt »Klosterfrau Melissengeist« kam übrigens erst im Jahr 1826, gute 100 Jahre später als der Regensburger Geist, auf den Markt. 🤓 🔠 🌿 👻
Das typographische Fundstück kommt heute aus Hamburg und befindet sich an der Adresse Beim Grünen Jäger 11. Fotografiert habe ich es, weil ich die Schriftwahl und die Farbigkeit der Beschriftungen in Verbindung mit der typischen dunkelroten Hamburger Klinkermauer als ausgesprochen passend für eine Autogarage empfand. Im Moment der Entdeckung war für mich nicht ersichtlich, ob es sich um eine reine Parkgarage oder eine Kfz-Werkstatt handelt, und auch, ob das beworbene Unternehmen noch tätig ist, konnte ich nicht erkennen. Links und rechts des vergitterten Rolltores befinden sich eine Galerie und kleine Kioske bzw. Imbisse. Ansonsten gibt es keine Hinweise auf einen Gewerbebetrieb. Der letzte Hinweis auf eine Aktivität in dem Gebäude war die Ankündigung eines »Weihnachts-ART-Marktes« im Dezember 2023, veranstaltet von der benachbarten Galerie.
Das zweigeschossige Ziegelgebäude scheint in der Übergangszeit zwischen der Fortbewegung mit Pferdefuhrwerken und der automobilen Ära entstanden zu sein, so ist es zumindest in einem schon etwas älteren Zeitungsartikel zu lesen:
»… am Schulterblatt 92 (…) auf einem weiteren großflächigen Wandgemälde ist der Neue Pferdemarkt zu sehen: Fuhrwerke auf dem ovalen Platz, im Hintergrund flanieren einige Menschen – das Bild erinnert an die Jahrhundertwende.
Entstanden sind die Wandmalereien jedoch frühestens Ende der 20er Jahre. Denn am Pferdemarkt existiert schon die ›Shell Garage Sauerberg‹, auch wenn kein einziges Auto die Idylle mit Pferd trübt. Diese erste Hochgarage Deutschlands wurde Ende der 20er Jahre eröffnet, ihre Bauzeichnungen datieren vom 11. April 1926. Heute steht der Klinkerbau (…) unter Denkmalschutz.«
Auch auf die gelbe und rote Farbgebung der Schriftzüge an dem Gebäude könnte der in dem Artikel genannte Name »Shell Garage Sauerberg« ein Hinweis sein, denn sie entspricht den Unternehmensfarben des weltbekannten, 1907 als »Royal Dutch Shell Group« gegründeten Mineralölkonzerns und ohne eine offizielle Lizenz oder Partnerschaft hätte er dessen Namen wohl kaum für seinen Betrieb nutzen dürfen.
Diese Kooperation könnte auch einen Bezug zu den rechteckig-abgerundeten Formen der Buchstaben in beiden Schriftzügen haben. Im Jahr 1971 ließ Shell sein Logo vom US-amerikanischen Designer Raymond Loewy neu gestalten und in diesem Zuge änderte auch die Wortmarke sowohl ihr Aussehen als auch ihre Platzierung im Logo. Bis dahin war der Firmenname SHELL zentriert innerhalb der stilisierten gelb-roten Kammmuschel platziert. Nach Loewys Überarbeitung war er unterhalb der neuen, minimalistischen Bildmarke angesiedelt. Auch die Schriftart änderte sich: Statt der zuvor genutzten serifenlosen Linear-Antiqua, die an die »Gill Sans Condensed Bold« (Eric Gill, um 1928) erinnert, wurden die Buchstaben technischer, mit rechteckigen Proportionen und abgerundeten Ecken – nicht unähnlich den Lettern an der Hamburger Hochgarage.
Bei der Bestimmung des oberen Schriftzugs »GARAGE« wurde ich zunächst in die Irre geführt, denn ich hielt die Schriftart auf Anhieb ganz klar entweder für die »Eurostile Extended Bold« (1962) oder ihre ausschließlich großbuchstabige Vorgängerin »Microgramma« (1952), beide entworfen von den Schriftgestaltern Alessandro Butti und Aldo Novarese. Doch der zusätzliche senkrechte Abstrich am G und das im Vergleich zu schmale A der Neonbuchstaben widersprachen dieser Vermutung. Ich konnte tatsächlich keine Schrift ausfindig machen, die exakt den Buchstabenformen an der Fassade gleicht.
Auch die untere Beschriftung »SAUERBERG« scheint eigens für den Garagenbetrieb gestaltet worden zu sein. Insbesondere A, R und G weisen sehr individuelle Details auf, die sich mit keiner mir bekannten kommerziellen Schrift in Deckung bringen ließen. Die weißen Flecken im Foto, links und rechts des Leuchtkastens (vielleicht Mörtel, Heißkleber o.ä.?), die in etwa dieselbe Breite wie die Neonschrift auf dem Dach andeuten, lassen vermuten, dass anstelle der heutigen dort früher eine andere werbetechnische Installation angebracht war. Aber auch hier ließen sich leider keine historischen Fotos finden, die diese Vermutung bestätigen. Auch die »wiederentdeckten Wandgemälde« aus dem oben zitierten taz-Artikel, welche die Garage in früherem Zustand zeigen sollen, sind online leider nirgends auffindbar.
Und so bleibt auch diesmal nur die Gewissheit, dass das Baudenkmal mit der offiziellen Identifikationsnummer 12752 unter der Bezeichnung »Großgarage am Neuen Pferdemarkt, Typ: Garage; Parkhaus; Tankstelle; Werkstatt« weiterhin an seinem angestammten Platz erhalten bleiben wird – und das hoffentlich mitsamt der interessanten Beschriftung. 🤓 🔠 🚗 🔧
Manchmal sind typographische Fundstücke sogar essbar. Wie zum Beispiel die Dutzenden Lebkuchenherzen in allen möglichen Größen und mit ’zig verschiedenen ein- und mehrzeiligen Botschaften, die natürlich auch auf der Regensburger Dult an den Naschwerkbuden feilgeboten wurden. Angesichts des so reichlichen Sortiments fragte ich mich, ob die Beschriftungen auf den Gebäckstücken tatsächlich allesamt noch von Hand aufgebracht werden oder ob nicht längst in hoch technisierten Lebkuchenherzfirmen Roboterarme das Dekor pseudohandschriftlich mit Spritzdüsen darauf kalligraphieren.
Und wie immer hatte das Internet eine Antwort darauf. Es ist tatsächlich alles noch Handarbeit. Es gibt sogar einige käufliche Schriften, die versuchen, die saftige Verspieltheit dieser Zuckergusstexte zu reproduzieren. Einer der gelungensten Fonts, den ich dazu finden konnte, ist »Watermelon Sugar« von Fikryal Studio. 🤓 🔠 💝 ✍️
Aus aktuellem Anlass zwischendurch noch ein Extra-Fundstück aus Hamburg. Das Thema »Pro & Contra Olympische Spiele« bewegte während der letzten Monate in Hamburg die Gemüter. Die ganze Stadt war geradezu zuplakatiert mit Pro- und Contra-Plakatmotiven, Promi-Testimonials sowie Botschaften einzelner Parteien und Initiativen zu diesem Thema.
Auch typographisch wurde die Debatte geführt – wie ich fand, auf einer erfrischend originellen Ebene:
Fotografiert in Hamburg Barmbek-Nord an der Fuhlsbüttler Straße.
Am vergangenen Sonntag hat Hamburg nun abgestimmt und die Bürger haben sich entschieden.
»Für die Gegner der Olympia-Bewerbung war es ein unerwartet deutlicher Erfolg. Um 20:31 Uhr war die Auszählung abgeschlossen. 54,9 Prozent (357.911) der teilnehmenden Wahlberechtigten stimmten gegen eine Kandidatur Hamburgs für die Olympischen Spiele – 45,1 Prozent (293.819) stimmten dafür. Insgesamt nahmen 651.730 Hamburgerinnen und Hamburger an der Abstimmung teil. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,6 Prozent.«
Als ich über Pfingsten in Regensburg war, fand wie oft, gerade auf der Festwiese die »Dult« statt. Anderswo heißt es Kirmes, Rummel, Jahrmarkt, Kirchweih oder Volksfest – eine Mischung aus Wochenmarkt und Vergnügungspark, mit Festzelten, Fahrgeschäften, Schlemmerbuden und Marktständen.
»Das Wort Dult stammt aus dem Gotischen und bedeutet so viel wie ›ausgelassenes Fest‹. Ursprünglich bezeichnete es ein Kirchenfest, das zu Ehren eines Heiligen gefeiert wurde. In Regensburg richteten sich die Marktzeiten nach den Wallfahrten zu den Gräbern der Heiligen Erhard und Emmeram sowie nach Kirchweihfesten. Rund um diese Feiern entstanden Marktstände, an denen Waren aller Art angeboten wurden. (…) 1389 erhielt Stadtamhof vom bayerischen Herzog das Privileg, einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte abzuhalten. Diese Genehmigung war eine Wiederaufbauhilfe nach den schweren Zerstörungen des Städtekriegs. Damit war der Grundstein für die Tradition gelegt, die bis heute Bestand hat. (…) Um 1800 hatten sich zwei feste Dult-Termine im Frühjahr und Herbst etabliert.«
Ich nutzte die Gelegenheit und schlenderte eine Stunde lang über den Festplatz. Seit jeher sind die oft selbst beschrifteten und bemalten Stände und Fahrgeschäfte für mich auch eine Fundgrube für kreative und ausgefallene Typographie. Für heute habe ich aus Regensburg einen dynamischen Schriftzug an einem Süßwarenstand ausgewählt.
Zur besseren Ansicht hier noch einmal mit gedämpftem Hintergrund:
Gewiss, der Schritzug ist nicht wirklich ausgewogen – die Strichstärken, Innenräume und Neigungswinkel der Buchstaben tanzen teilweise deutlich aus der Reihe. Aber ich mochte die zackige, leicht nostalgische Anmutung und den Namen, der sich davon ableitet, dass sich der Stand in Form einer Dampflokomotive präsentiert. Irgendwie musste ich bei dem Gesamtbild an die Donald-Duck-Comicgeschichten aus den »Lustigen Taschenbüchern« denken.
Und wer weiß, bestimmt gibt es ja auch in Entenhausen eine Dult … 🤓 🔠 🎡 🍭
Schon mehrfach gab es hier im Blog Beiträge zu neuen und alten Beschriftungen an Gebäuden und Bahnsteigen an Bahnhöfen. Bedingt durch die weit zurückreichende Geschichte der Eisenbahn sind allerorten neue und alte, vergessene, teils verwitterte, teils aber auch erstaunlich gut erhaltene Schilder und Schriftzüge zu entdecken. Eines dieser Schilder habe ich heute aus der Deutsch-Luxemburgischen Grenzregion vom Regionalbahnhof Wasserbillig mitgebracht.
»Der Bahnhof Wasserbillig in der gleichnamigen Ortschaft Wasserbillig ist ein luxemburgischer Grenzbahnhof zwischen Luxemburg und Deutschland. Der Bahnhof Wasserbillig liegt an der Bahnstrecke Luxemburg–Wasserbillig. Der Bahnhof wird von RB- und RE-Zügen angefahren. (…) Der Bahnhof wurde 1861 mit dem Bau der Bahnstrecke von Luxemburg Stadt eröffnet. 1911 wurde die Strecke bis Oetringen zweigleisig ausgebaut und von 1956 bis 1959 elektrifiziert.«
Spontan erinnerten mich die abgerundeten rechteckigen Lettern an die beiden Schriftklassiker »City« (Georg Trump für Berthold AG, 1930), die allerdings Serifen aufweist – und die deutlich breiter laufende »Bank Gothic« (Morris Fuller Benton für ATF, ebenfalls 1930). Bei der Recherche fiel mir dann auf, dass es interessanterweise auch große Ähnlichkeiten mit Schriften gibt, die historisch im Straßenverkehr genutzt wurden. So zum Beispiel mit der nach ihrem Gestalter benannten Schriftfamilie »Charles Wright«, die seit 1935 (und bis heute in weiterentwickelter Form sowie unter anderem Namen) in Großbritannien für Kfz-Nummernschilder verwendet wird. Man findet Varianten davon als »Mandatory« oder »UK Number Plate« im Netz und es gibt auch eine Info-Seite dazu von der »British Number Plate Manufacturers Association«.
Eine andere »Straßenverkehrsschrift« mit einer vergleichbaren Anmutung ist die »Route 66« von Nick’s Fonts, die auf Schriftarten beruhen, welche auf US-Highway-Schildern aus den 1930er bis 1950er Jahren anzutreffen waren.
Dennoch sind diese Schriften nicht mit jener auf dem deutsch-luxemburgischen Stationsschild identisch. Unter anderem der tiefliegende Querstrich des 𝐴, die beiden unterschiedlich breiten Bögen des 𝐵 sowie der kurze horizontale Abschlussstrich am Bein des 𝑅 machen den Schriftzug einzigartig. Das gleiche 𝑅 findet sich auch auf dem Schild, das am Bahnhof Wasserbillig auf den Ausgang verweist:
»Luxembourg, commune de Mertert: la gare CFL de Wasserbillig« | Foto: GilPe, via Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 4.0
Es ist nicht ganz einfach, die Zeit der Anbringung der Schilder zu ergründen. Formal sind sie, den o.g. Ähnlichkeiten nach, in den 1930-er bis 1950-er Jahren verwurzelt. Das Stationsschild »WASSERBILLIG« scheint aus Metall gefertigt zu sein, das Hinweisschild »SORTIE« weist Risse auf, wie sie im Lauf der Zeit bei Emaille oder Keramik entstehen könnten. In einer kommerziellen Bilddatenbank entdeckte ich immerhin ein historisches Schwarzweißfoto vom 16. August 1968, auf dem das Stationsschild bereits dokumentiert ist. Weitere alte Abbildungen mit eindeutig erkennbaren Hinweisen fand ich online nicht. Da öffentliche Beschilderungen meist entweder unmittelbar beim Bau oder zum Zeitpunkt späterer Sanierungen, Renovierungen oder Ausbauten angebracht oder ausgetauscht werden, würde ich die Tafeln auf 1959 (s.o.) oder früher datieren.
Wer mehr dazu weiß, kann sich natürlich sehr gerne melden! 🤓 🔠 🛤️
Zwischendurch noch ein schönes Fundstück aus Hamburg St. Pauli – genauer gesagt, aus dem dortigen Karolinenviertel. Dieses Objekt ist mal wieder ein schöner Beweis dafür, dass es sich bei Streifzügen durch Straßen und Stadtviertel durchaus lohnt, auch mal den Blick nach oben zu richten und nicht nur bis kurz über die eigene Augenhöhe auf das Umfeld zu achten.
In etwa dreieinhalb Metern Höhe erspähte ich so dieses wunderbare Steinrelief über dem Eingangsportal an einem Gründerzeitbau, der einst als Schulgebäude diente.
Interessant ist, dass die zweizeilige Inschrift ohne Bindestrich angelegt ist. Die Schrift erinnert mich tatsächlich ein wenig an die Schulschreibschrift, die auch ich als Kind in den 1970er-Jahren während meiner Grundschulzeit erlernte.
»Die Schule Laeiszstraße im Hamburger Stadtteil St. Pauli wurde 1862 für die Armen- und Freischule Laeiszstraße (kurz Armenschule Laeiszstraße) erbaut.
Die Entwürfe stammten vermutlich von Franz [Gustav] Forsmann. Das Jahr 1862 gilt auch als offizielles Gründungsjahr der Schule. 1905 wurde das Gebäude nach Plänen von Albert Erbe umgebaut, dabei blieben die ursprünglichen Achsmaße erhalten. Ein Neubau nach Planung des Hamburger Hochbauamtes kam 1967 hinzu. (…) Zum Schuljahresbeginn 2006/2007 wurde die Grundschule (…) dauerhaft geschlossen. Danach wurde das Gebäude zwischenzeitlich als Standort der Grundschule Sternschanze genutzt. Mit Stand 2020 ist dort die Beratungsabteilung des Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ) Mitte ansässig. Schule und Turnhalle stehen unter Denkmalschutz.«
Auch, was es mit dem Begriff »Armenschulen« auf sich hatte, speziell im Kontext mit dieser einen, ist wissenswert:
»Erst im Jahr 1870 wurden in der Freien und Hansestadt Hamburg, einem Teilgebiet des künftigen Deutschen Reiches, Volksschulen und die Schulpflicht eingeführt. Umso bemerkenswerter ist es, dass die heutige Grundschule im Karolinenviertel, Laeiszstraße 12, bereits acht Jahre vor Einführung der Schulpflicht als ›Zweite Armenschule von St. Pauli‹ im Jahr 1862 auf Initiative des Abgeordneten Johannes Halben gegründet wurde, zunächst in einem kleinen Gebäude mit begrenzter Anzahl an Klassenräumen. Die Bezeichnung ›Armenschule‹ oder ›Freischule‹ bedeutet, dass diese Schulen kein Schulgeld verlangten, was in privaten Einrichtungen sonst selbstverständlich war.«