Das aktuelle typographische Montagsbonbon zeigt aus meiner Sicht einmal mehr, dass eine eigenständiges, merkfähiges und originelle Wortmarke – also quasi ein »Schrift-Logo« – manchmal mit einfachsten Mitteln kreiert werden kann. Das Foto ist ein etwas verhuschter abendlicher Schnappschuss vom Schaufenster der Potsdamer Filiale der Wäscherei Luxenburger. Der Betrieb stammt offenbar aus Potsdam, besitzt seit 2019 eine zweite Filiale in Berlin und ist innerhalb Potsdams Anfang Juli in neue Geschäftsräume umgezogen, knapp 1 km Luftlinie vom früheren Standort entfernt. Wie auf der Website findet sich auch auf dem Fenster das Firmenlogo in Form selbstklebender Folienbuchstaben.

Mir fiel das humorvolle Spiel mit den Ä-Pünktchen im Vorbeigehen sofort auf und ich machte trotz der einsetzenden Abenddämmerung ein Foto. Der typographische Scherz beeinträchtigt in keinster Weise die Lesbarkeit, bleibt aber sofort im Kopf hängen. Es gibt übrigens tatsächlich Schriftzeichen für Vokale (A̤E̤O̤Ṳ), bei denen die doppelten Pünktchen (»Trema«) unter der Grundlinie stehen. Sie werden zur Verschriftlichung der chinesischen Sprache »Min Dong« genutzt und das Trema wird aus Platzgründen untergesetzt, damit über dem Buchstaben noch weitere diakritische Zeichen zur Markierung der Tonhöhe bzw. des Tonhöhenverlaufs bei der Aussprache platziert werden können. Wieder was gelernt!
Die Wahl der Schriftart für die Wortmarke ist keineswegs exotisch, obwohl einige der Buchstabenformen mit ihren zarten Kurven und Schwüngen dezente Besonderheiten aufweisen und sie dadurch meines Erachtens hochwertiger wirken lassen als wenn derselbe Schriftzug in inflätionär genutzten serifenlosen Schriftarten wie »Helvetica«, »Arial« oder »Calibri« gesetzt worden wäre. Und apropos »Calibri«: Tatsächlich ist die genutzte Schriftart auf fast jedem Rechner vorhanden. Es ist die »Candara«, die 2004 von Gary Munch für Microsoft-Betriebssysteme (seit Windows Vista) und MS-Office-Produkte entworfen wurde. Im Bundle mit den Schriften »Cambria«, »Calibri«, »Consolas«, »Constantia« und »Corbel« bildete sie die »ClearType Font Collection« aus sechs Schriftarten, die speziell für die Darstellung auf Displays mithilfe der von Microsoft entwickelten »ClearType«– Softwaretechnologie optimiert wurden. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Verfahren zur Glättung von Schriftkonturen, das die Lesbarkeit elektronisch dargestellter und somit mittels Pixeln gerenderter Texte verbessern sollte. Mit der Entwickung hochauflösender Flüssigkristallanzeigen wie Apples Retina-Displays verlor dieses Verfahren ab etwa 2012 jedoch wieder an Relevanz.
Eine kleine typographische Unartigkeit haben sich die Entwerfer*innen des Logos dennoch geleistet. Wie im Bild ersichtlich, ist die erste Zeile mit dem Wort »WÄSCHEREI« fetter gesetzt als die zweite mit dem Wort »LUXENBURGER«. Doch anstatt die fettere Zeile in dem verfügbaren Schnitt »Candara Bold« zu formatieren, wählte man den Weg, die Buchstaben mittels einer umlaufenden Kontur künstlich »anzufetten«, und zwar auf einen etwas schlankeren Fettegrad als den im Schriftmenü angebotenen. Im Bild unten habe ich die beiden Varianten einmal einander gegenübergestellt.

Dieses »Anfetten« von Schrift durch eine Kontur gilt aus ästhetischen Gründen als typographisch unsauber, da Buchstabenformen, die lediglich durch eine mathematische Verdickung der Umrisse entstehen, meist optisch unharmonisch wirken. Stattdessen werden die verschiedenen Schnitte entweder einzeln und mit typographischem Augenmaß gestaltet oder zwischen mehreren »Masterschnitten« mathematisch interpoliert. Bei sogenannten »Variable Fonts« kann eine solche Interpolation entlang einer oder mehrerer Designachsen erfolgen, etwa zwischen mageren und fetten oder zwischen schmalen und breiten Ausprägungen. Die dahinterliegende Technologie ist jedoch eine Wissenschaft für sich und soll hier und heute nicht weiter vertieft werden.
Ich verstehe aber die Motivation für diesen typographischen Lifehack zum Erzielen einer »halbfetten« Schrift, denn wie man ebenfalls im Bild sieht, funktioniert der Gag mit den tiefergelegten Ä-Pünktchen besser mit mehr Luft um die Punkte. In der unteren Variante mit der »Candara Bold« wirkt der Freiraum unter dem A mit zwei gerade noch angemessen fett dimensionierten Punkten eng und überfüllt, oben bei der künstlich auf »mittelfett« getrimmten Zeile hingegen ausgeglichener und luftiger. Da die Buchstaben allerdings durch die Ausweitung auch um die Dicke der Kontur höher werden, wäre es ratsam gewesen, die gesamte angefettete Zeile proportional auf die Versalhöhe der zweiten, unmodifizierten Zeile herunterzuskalieren, was jedoch nicht getan wurde – die Buchstabenhöhe in der ersten Zeile ist somit etwas größer als in der zweiten. Aber sowohl die Anfettung als auch der Größenunterschied fallen meines Erachtens so dezent aus, dass sie einem ungeübten Auge kaum auffallen dürften. Auffälliger sind da schon eher die nicht wirklich sorgsam ausbalancierten Buchstabenabstände zwischen W, A und S. Das W steht deutlich zu eng am A, das S hingegen einen Hauch zu weit davon entfernt.
Doch trotz aller Beanstandungen – über den originellen Einfall freute ich mich jedenfalls mehr als mich die typographischen Unreinheiten störten. 🤓 🔠 🧺 🫧





























