Das Typographische Fundstück

verknallt in Schrift und Buchstaben

17.07.2026

Die Schriftart, um die es im aktuellen Fundstückfoto geht, war bereits vor einigen Wochen schon mal Gegenstand eines Beitrags. Damals begegnete sie uns auf der Markise eines erzgebirgischen Souvenirgeschäfts am Berliner Gendarmenmarkt. Welche Schrift sich ein Ladenbesitzer für seine Außenwerbung aussucht, ist seine freie Entscheidung. Dass ich dieselbe Type nun aber an einem offiziellen Bushäuschen sah, verwunderte mich dann doch ein bisschen. Ich hätte gedacht, dass in Deutschland, dem Land der »überbordenden Bürokratie« (so they say), der im Treppenhaus aushängenden Kehrwochenpläne und der mannigfaltigen DIN-Normen (hoch lebe Walter Porstmann!) strengstens geregelt ist, wie Bushäuschen gekennzeichnet werden dürfen – und wie nicht. Aber offenbar ist dem entweder nicht so oder am Ort der Beobachtung haben sich unbemerkt Chaos und Anarchie breitgemacht.

Das Objekt der vermuteten typographischen Rebellion steht in dem kleinen Ort Düpow im Norden Brandenburgs am Rande der Ortsdurchgangsstraße – und zwar gleich in doppelter Ausführung, nämlich in beiden Fahrtrichtungen. Die Bemalungen der sogenannten »Fahrgastunterstände« wurden 2021 und 2022 umgesetzt. Laut Ortsvorsteher André Kenzler »… soll durch die Gestaltung mit lebensecht wirkenden Figuren erreicht werden, dass die Autofahrer dort vorsichtiger fahren.«

Vielleicht kommt dem/der einen oder anderen meiner Leser*innen mit Erfahrung bei der Nutzung von Apple-Computern die Schrift auf der Seitenwand vage bekannt vor. Das liegt daran, dass der Font seit 1984 unter dem Namen »Chicago« von Anfang an fester Bestandteil des legendären Apple-Macintosh-Betriebssystems war und als Schrift für Menüpunkte und Textmeldungen des mausgesteuerten, grafischen User-Interfaces weltberühmt wurde. Erdacht und gestaltet wurde sie 1983 von der US-amerikanischen Grafik-Designerin Susan Kare, die auch die zahlreichen Icons für den Macintosh entwarf, wie den freundlichen Begrüßungs-Mac nach dem Einschalten des Rechners oder die funkensprühende Bombe bei einem kritischen Systemfehler.

Von 1984 bis 1991 – vor der ins System integrierten Einführung auch auf dem Bildschirm beliebig skalierbarer vektorbasierter Schriftarten – existierte die »Chicago« lediglich als pixelbasierte Schrift in der Ausgangsgröße 12 pt. Wurde sie größer oder kleiner verwendet, wurden die Pixelklötzchen einfach proportional mitskaliert. Unser Bushäuschen würde in dieser Ur-Version der »Chicago 12« also ein wenig anders aussehen.

1991 lieferte Apple die Betriebssystem-Version »System 7« aus und implementierte in diesem Zuge, in Verbindung mit weiteren Verbesserungen der Grafik-Performance des Rechners, den Font in der damals neuen TrueType-Technologie, mittels der die Konturen von Schrift in Echtzeit und mit beliebiger Größe und Auflösung – nicht nur bei der digitalen Druckausgabe, sondern auch auf Bildschirmen – glatt und ohne Pixeltreppen gerendert werden konnten. Zu diesem Zweck wurde die Schrift komplett von den Designer*innen Charles Bigelow und Kris Holmes neu gestaltet. Dabei nahmen alle Zeichen der neuen »geglätteten« Version denselben Raum ein und hatten auch dieselben Buchstabenabstände wie zuvor, sodass man einen Text von »Chicago 12« zu »Chicago« (TrueType) umformatieren könnte, ohne dass er neu umbrochen würde. Der Pixel-Look wurde zwar durch geometrisch konstruierte Kurven ersetzt, der rechteckige Computer-Look der Schrift dabei jedoch weitgehend beibehalten.

Diese aktualisierte Version der »Chicago« ist auch jene, die außen auf dem brandenburgischen Bushäuschen prangt.

Mittlerweile (seit 1996) ist die smoothere »Chicago« aus dem User Interface der Apple Macs verschwunden. Sie wurde mit der Einführung von »System 8« durch die gefälligere und besser lesbare Schriftart »Charcoal« ersetzt. Die »Chicago« überlebte in Form der in macOS enthaltenen thailändischen Systemfonts »Krungthep« und »Silom«, deren lateinische Buchstaben nach wie vor ihrer Vorfahrin entsprechen. Die Thai-Glyphen der »Krungthep« wurden im gleichen grafischen Stil wie die restlichen Schriftzeichen gestaltet.

Hätte der ländliche ÖPNV-Unterstand auch dieses Apple-Systemupdate mitgemacht, sähe die Inschrift in der Schrift »Charcoal« wie folgt aus. Besser lesbar ist sie, aber auch ein bisschen langweiliger:

Update, 17.07.2026
Ich hatte ganz vergessen, zu erwähnen, dass die »Chicago 12«-Pixelschrift zehn Jahre nach dem Ende ihrer Karriere als Apple-Mac-Systemschrift im Jahr 2001 ein Comeback als Interface-Font des Apple iPod der 1. Generation feierte. Wer sich noch erinnert oder gar eins der Geräte aufgehoben hat – es ist nicht nur ein Stück Technikgeschichte, sondern auch »a font museum in your pocket.« 🙂

Tatsächlich gelten für das äußere Erscheinungsbild bzw. die Kennzeichnung offizieller Bushaltestellen des Schulbus- und Linienbusverkehrs offenbar keine bundesweit verpflichtenden Vorschriften, sondern »nur« für die bauliche Umsetzung und die Barrierefreiheit. In der kostenpflichtigen Publikation »Empfehlungen für Anlagen des öffentlichen Personennahverkehrs« (EAÖ), herausgegeben von der »Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V.« und dem »Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V.« (VDV) finden sich lediglich Mindestanforderungen:

»Jede Haltestelle im Straßenraum muss mit dem entsprechenden Zeichen 224 StVO gekennzeichnet sein, das auf einem quer zur Fahrtrichtung angeordneten Schild anzubringen ist. Es muss folgende Informationen an die Fahrgäste übermitteln:

  • Haltestellenname mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
  • Liniennummer mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
  • Verkehrsmittelpiktogramm mit Höhe von 50 mm,
  • Zielhaltestelle bzw. Linienende mit Zeilenhöhe von mindestens 30 mm.«
Quelle: ABES S. à r. l. – Info-Seite »Haltestellen gestalten«

Bei dem »Zeichen 224 StVO« handelt es sich um das allgemein geläufige kreisrunde Verkehrszeichen mit grünem »H« auf gelbem Grund und mit breitem grünen Rand. Das Schild hat üblicherweise eine von vier Größen, und zwar Ø 420 mm (für Geschwindigkeitsbereiche bis 20 km/h), Ø 600 mm (Standardmaß, für Geschwindigkeiten bis 80 km/h), Ø 750 mm (für Abschnitte mit mehr als 80 km/h) und – als Ausnahme – Ø 350 mm (bei nachweislich beengten Platzverhältnissen).

Und natürlich sind auch die Farbtöne vorgegeben: Für das »H« sowie den äußeren Rand des Schildes ist Verkehrsgrün (RAL 6024) festgelegt, für den kreisrunden Hintergrund des Schildes muss Verkehrsgelb (RAL 1023) genutzt werden. Zusätzlich können weiße Zusatzschilder mit Haltestellennamen oder Linien mit einer Beschriftung in Verkehrsschwarz (RAL 9017) angebracht werden. Dementsprechend ist natürlich neben jedem unserer beiden dörflichen Unterstände ein separater Mast installiert, der diesen Anforderungen entspricht und ein solches Schild, inklusive einem gelb gerahmten Fahrplanaushang, trägt.

Und damit ist klar, dass in Düpow typographisch keinesfalls »Sodom und Gomorrha« an den Bushaltestellen herrschen, sondern lediglich bestehende Freiräume kreativ ausgenutzt wurden.

Susan Kare, Charles Bigelow und Kris Holmes würden sich freuen. 🤓 🔠 🚏 🚌 

13.07.2026

Immer wieder stoße ich bei meinen Zufallsentdeckungen und Fotostreifzügen auf – meist historische – Gedenktafeln an Gebäuden. Erinnert wird darauf meist an die Geburt, das zeitweilige Wohnen und Wirken oder den Tod von Menschen, die sich gesellschaftlich, politisch oder kulturell verdient gemacht haben oder die aus anderen Gründen nicht in Vergessenheit geraten sollen. Ebenfalls oft lese ich dort Namen, die mir bis dahin komplett unbekannt waren. So auch bei diesem Fundstück am Montag, welches ich im Frühsommer in Regensburg entdeckte und dessen Inschrift dem Dichter Georg Britting (1891–1964) gewidmet ist. Seit wann diese Tafel dort hängt, war per Netzrecherche leider nicht auszumachen.

Stünde ich in einem Raum mit meinen Leser*innen, sähe ich gern die Hände derer oben, die diesen Namen schon einmal gehört haben. Ich vermute, insbesondere außerhalb Bayerns (Britting lebte in Regensburg und München) wären das nicht allzu viele. Man erhebe in den Kommentaren gerne Einspruch, sollte meine Vermutung mich trügen.

Die Inschrift auf der Tafel hing recht weit oben, so dass ich nicht klar erkennen konnte, ob die Buchstaben ein leicht erhabenes Relief bilden oder nur flach mit Farbe auf den Untergrund aufgetragen wurden. Die Variationen bei gleichen Zeichen belegen jedoch ziemlich sicher eine manuelle Beschriftung.

Einerseits lehnt sich die Schriftart mit ihren quadratisch geprägten Grundproportionen klar an die klassische »Capitalis monumentalis« aus der römischen Antike an. Andererseits sind einige Buchstaben aber auch abweichend dimensioniert. So sind z.B. E und G etwas breiter als üblich, das N hingegen schmaler. Auch die sehr engen, bei der Datumsangabe komplett fehlenden Wortabstände assoziieren frühantike Inschriften. Ebenso ist die Laufweite (der Buchstabenabstand) extrem eng angelegt, was ich persönlich eher unglücklich finde, denn dadurch wird der Kontrast der unvermeidbaren großen Leerräume unter den Querstrichen der beiden Versal-T und dem sehr engen Raum zwischen I und N rechts daneben um so krasser. Weitere und optisch ausgeglichenere Abstände hätten hier insgesamt für mehr Harmonie sorgen können.

An den einzelnen Buchstaben wiederum finden sich Formdetails, die zeitlich deutlich nachantik, eher zwischen Renaissance und Jugendstil, zu finden sind. Beispielsweise die »fliehenden« Serifen an E, F und T, der leichte obere Überhang der diagonalen Striche bei A und N, das direkt in den Stamm laufende Bein des R oder die unteren, leicht nach außen weisenden, spitzen Abstriche beim G. Auch beim U, das rechts einen geraden senkrechten Stamm besitzt, der sonst eher beim Minuskel-u anzutreffen ist, findet sich diese Spitze. Diese feinen Details machten es nicht einfach, eine verwandte kommerzielle Schriftart zu identifizieren. Bis auf die G- und U-Spitzen jedoch kommt die »Florentino« von Harmonais Visual (2021) der Anmutung, finde ich, ziemlich nahe.

Der Dichter Georg Britting war mir, wie gesagt, bislang kein Begriff. Es gibt jedoch eine von der 2007 gegründeten »Georg-Britting-Stiftung« eingerichtete Website, auf der nahezu das gesamte Werk des Schriftstellers – bestehend aus Romanen, Erzählungen, Bühnenstücken und Gedichten – online nachzulesen ist. Da Britting erst im April 1964 verstarb, gibt es sogar Audiodateien, in denen der Autor selbst seine Texte rezitiert, etwa das Gedicht »Der Mond«, das mich unter den Gedichten stärker ansprach als andere Texte Brittings, in die ich hineinlas. Manche Wortkreationen und Metaphern Brittings sind mir persönlich etwas zu aufgesetzt, die Verszeilen zu blumig. Etwas kantigere, aber dennoch starke Verse wie »In den Wäldern am Hirschberg«, die sprachlich näher an den »Hardcore-Expressionisten« wie Georg Trakl oder Oskar Kanehl liegen, sprechen mich da eher an.

Und so ist es immer bereichernd, wenn ich auf Gedenktafeln nicht nur die Namen von Personen lese, die ich bereits kenne, sondern wenn sie auch der Grund dafür sind, erstmals auf jemanden aufmerksam zu werden. 🤓 🔠 📝

10.07.2026

Das heutige typographische Fundstück tangiert unweigerlich ein kontroverses Thema, nämlich das der Sexarbeit bzw. Prostitution. Sie ist so alt wie die Menschheit; namentlich taucht mindestens eine Frau (»Rahab«), die Sex gegen Geld anbot, bereits in der Bibel auf. Die zahllosen Synonyme für Menschen – meist Frauen –, die einen solchen Handel anbieten, sind entweder größtenteils euphemistisch-verklärend oder abwertend, ebenso gegensätzlich ist die Darstellung von Sexarbeiter*innen in Musik, Literatur, Kunst und verfilmten Darstellungen. Auch Gewalt, sexueller Missbrauch, Menschenhandel, Sexismus, Ausbeutung und (finanzielle) Abhängigkeit, gesundheitliche Risiken, gesellschaftliche Stigmatisierung und psychische Belastungen sind allgegenwärtige und schlimme Facetten im Leben vieler Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – freiwillig oder unfreiwillig prostituieren.

Doch für die Rechte und Interessen, den Schutz, das Ansehen und als Anlaufstellen bei Problemen von Sexarbeiter*innen setzen sich mittlerweile auch viele Vereine, Verbände, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen ein. Der älteste Verein ist der 1980 gegründete Hydra e.V., weitere wichtige Zusammenschlüsse sind bufaS e.V. (Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter) und BesD e.V. (Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen).

Ich möchte mich bei dem Beitrag zu meinem heutigen Fundstück ausdrücklich weder der Verklärung noch der Verdammung der Sexarbeit anschließen. Wenn eine volljährige Person aus freien Stücken diese Tätigkeit ausübt und es ihr im Idealfall gelingt, damit gewaltfrei, psychisch stabil und im Einvernehmen mit ihren Kund*innen Geld zu verdienen, sehe ich persönlich keinen Grund, dies zu verurteilen.

Doch nun zum heutigen Buchstabenfund. Begegnet bin ich dem auffälligen Arrangement Ende April bei einem Kurzurlaub in Trier, als ich nach der Rückkehr von einer Wanderung bei schönstem Frühsommerwetter die Straße passierte. Ausgerechnet die Karl-Marx-Straße, die den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt trägt – so lernte ich –, war in den 1970er- bis 1990er-Jahren als »Rotlichtviertel« zu bezeichnen, in der Shops, Kinos, Bars und Bordelle ihrer Kundschaft harrten. Heute ist durch Online-Angebote und eine verschärfte Gesetzgebung so gut wie nichts davon mehr übriggeblieben. Ein Relikt jener Zeit jedoch ist dieser Schriftzug an der Fassade des Gebäudes mit der Hausnummer 59.

Auch dieser Name gehört eindeutig in die Gruppe der romantisierenden Euphemismen, denn es handelte sich keineswegs nur um ein geselliges Lokal mit Getränkeausschank, sondern nachweislich um ein – inzwischen offenbar geschlossenes – Bordell. Auf der archivierten Website der Bar findet sich der Disclaimer »Bei den sich in der Einrichtung aufhaltenden Prostituierten handelt es sich um selbstständige Gewerbebetreiberinnen, die ihre Leistungen im eigenen Namen und auf eigene Rechnung bewerben und anbieten«; online verbliebene Werbetexte empfehlen den Betrieb als »gemütlichen Treffpunkt in Trier mit maritimem Flair und entspannter Atmosphäre« – eine Formulierung, die bei mir sofort Assoziationen an einen bekannten britischen Sketch weckte (»Monty Python’s Flying Circus« S01E02: »Nudge nudge, snap snap, grin grin, wink wink, say no more?«).

Die »maritime« Werbung und Benennung mag zunächst unpassend wirken; ich hätte sie eher Städten wie Bremen oder Hamburg zugeordnet. Ein Hauch von Hans Albers’ Rotlichthymne »Auf der Reeperbahn …« schwingt mit, es klingt nach Klischees von Meer, Möwen, Akkordeonmusik und im Wind flatternden Segeln. Doch tatsächlich gehörten wohl auch die männlichen Besatzungen der am Moselufer in Trier anlegenden Binnenschiffe zur Zielgruppe des Etablissements.

Die Schrift des vertikal angeordneten Parts HAFENMELODIE hat wenig Besonderes, sie ist sehr wahrscheinlich an fette Schnitte des Klassikers »Helvetica« oder ihrer engen Verwandten angelehnt, zumindest gilt das für alle Zeichen außer dem O. Dieses fällt definitiv aus dem Rahmen: es ist viel zu kreisrund und in der Strichstärke zu mager. Bei dem horizontal kreuzenden Wort BAR wirken der erste und letzte Buchstabe zudem nicht nur in der Höhe »gestreckt«, sondern die horizontalen Verbindungsstriche sind dort proportional zu den senkrechten deutlich schmaler als bei den Buchstaben der abwärts laufenden Zeile. Entweder sind diese beiden Glyphen aus Vorlagen professioneller Buchstaben stark modifiziert worden oder sie wurden komplett »selbstgemacht«, denn die Kurven und Innenräume »eiern« sichtbar.

Unten an der Fassade ist zwar nach wie vor ein vom mit Neonröhren besetzten Schriftzug ausgehendes Kabel zu sehen, ob die Installation nachts aber immer noch beleuchtet ist, kann ich nicht sagen. Sicher ist, dass die Bar unter diesem Namen seit mindestens März 2020 nicht mehr besteht, denn die letzte Newsmeldung auf deren früherer Website lautete »Hafenmelodie vorübergehend geschlossen«. Doch bereits drei Jahre zuvor änderten sich die gesetzlichen Bestimmungen für den Betrieb derartiger Einrichtungen deutlich. Mit dem bundesweit erlassenen Prostituiertenschutzgesetz mussten Bordellbetreiber seit 2017 wesentlich umfangreichere Vorschriften erfüllen. Demnach mussten behördliche Erlaubnisse und Zuverlässigkeitsprüfungen nachgewiesen sowie Hygiene- und Sicherheitskonzepte vorgelegt werden, zudem wurde neben Dokumentationspflichten auch eine Kondompflicht eingeführt. Im Juli 2020 berichtete die lokale Presse, dass die Stadt Trier etlichen städtischen Bordellen die Betriebserlaubnis entzog, weil sie die Auflagen nach dem neuen Gesetz nicht erfüllten. Der letzte archivierte Web-Snapshot der Domain hafenmelodie-trier.com stammt vom Juli 2021, danach wurde die Seite abgeschaltet und bis August 2024 eine Weiterleitung zu einer anderen nicht jugendfreien URL eingerichtet, deren Betreiber mit dem – wie ich finde – sehr deutsch klingenden Slogan »Hier verkehrst Du richtig« werben.

Doch dieser Spur werde ich nun definitiv nicht weiter folgen. 🤓 🔠 😅

08.07.2026

Der Typo-Schnappschuss zwischendurch, eingefangen am Eppendorfer Baum nach einem Schlemmerbummel über den Hamburger Isemarkt.

Die einzigen optischen Wermutströpfchen sind das spürbar zu dicht am C platzierte S und das etwas schief hängende T bei SCHMIDT. Ich konnte nicht widerstehen, das mal schnell etwas zurechtzuschieben. Eigentlich gehört auch das I noch ein Ideechen nach rechts, aber ich habe hier ja schließlich auch noch den Haushalt … 😉

Auf der Website des traditionsreichen Fischgeschäfts (»seit 1929«) ist im Header eine an die Ladenbeschriftung angelehnte Nachzeichnung des Fassadenlogos zu sehen. Hier sind zwar die Buchstabenabstände in der Unterzeile harmonischer, aber dafür entfernt sich die Form des S merklich vor der Vorlage.

Zuerst tippte ich bezüglich der SCHMIDT-Schriftart beim Website-Logo auf die Futura, aber die Formen von S und C sprechen dagegen. Eine Online-Schriftsuche ergab eine große Wahrscheinlichkeit für die Schrift »Filson Pro Heavy« (Olivier Gourvat, 2016). Hätte der oder die Gestalter/in sich stattdessen für die »Chronica Pro Bold« – interessanterweise vom selben Schriftgestalter (für Mostardesign, 2015) – entschieden, würde auch das breitere S besser mit dem Schriftzug außen am Laden übereinstimmen.

Aber von diesen kleinen Nerdpetitessen abgesehen ist das mal wieder ein hinreißendes Neonrelikt – und selbst die Fläche mit den abgeplatzten kleinen Hintergrundkacheln trägt durchaus ihren Reiz zur Gesamtkomposition bei, finde ich. 🤓 🔠 🐟

06.07.2026

Zwar unternahm ich dieses Jahr vor Kurzem wieder mal eine Reise in die schöne Hansestadt Stralsund, aber das Foto für das typographische Bonbon an diesem Montag knipste ich bereits vor zehn Jahren. Es zeigt eine historische Inschrift rechts neben dem Eingang zur örtlichen Stadtbibliothek, die in einem unter Denkmalschutz stehenden, spätbarocken Palais in der Badenstraße 13 untergebracht ist. Das Gebäude ließ der Kaufmann Johann Victor Ehlers um 1725 errichten.

Die auf der Tafel genannte, hier jedoch nicht mehr ansässige Ratsbibliothek wurde bereits 1577 durch Stralsunder Ratsmitglieder gegründet, umfasste zunächst juristische Werke und Urkunden und war Online-Quellen zufolge anfangs im Rathaus untergebracht. Erst im Jahr 1896 erfolgte der Umzug an diese neue Adresse und ich vermute, dass auch die Schrifttafel zu dieser Zeit angebracht wurde.

Die größte formale Ähnlichkeit zu den einzelnen Buchstabenformen fand ich dann auch bei der »[Schmale] Akzidenz Gotisch« (F. W. Bauer) aus dem Jahr 1876. Diese oder eine ähnliche Schrift könnte dem Schriftenmaler, der diese mit Sicherheit von Hand gestaltete Tafel erstellt hat, als Vorlage für die erste Zeile gedient haben. In der zweiten Zeile hat er meiner Meinung nach etwas improvisiert, denn die fast avantgardistische, kantige Form der beiden p und das insgesamt ein wenig unharmonische Gesamtbild der Zeile sprechen gegen eine konkrete Vorlage aus dem Zeichensatz einer einzelnen Schriftart.

Durch den ständig wachsenden Bestand an Dokumenten und gebundenen Druckwerken sowie die nachfolgende Einrichtung einer für alle Bürger öffentlich zugänglichen Bibliothek ergaben sich zwischen 1698 und 1920 mehrfache Neuordnungen, Zusammenlegungen und räumliche Auslagerungen des Bestandes, sodass die alten Werke der einstigen Ratsbibliothek (ca. 120.000 Bände) inzwischen im Stadtarchiv zu finden sind, das 400 m nördlich auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters St. Johannis seinen Platz gefunden hat. In den vormaligen Räumen der Ratsbibliothek erfolgte dann im Jahr 1920 die Gründung und Eröffnung der Stralsunder Stadtbibliothek, die sich bis heute dort befindet.

Die historische Schrifttafel muss zwischenzeitlich eine Zeitlang übermalt oder überputzt gewesen sein und trat wohl erst bei Sanierungsarbeiten – vermutlich nach der deutschen Wiedervereinigung – wieder zutage. Denn es existiert zwar ein auf das Jahr 1925 datiertes Foto, auf dem sie bereits zu sehen ist, auf einem späteren Bild, das 1974 zu DDR-Zeiten entstand, fehlt sie jedoch. Stattdessen befanden sich zwei andere und etwas höher platzierte dreidimensionale Schriftzüge (»BUECHEREI« und »ARCHIV«) links und rechts des Eingangs. In der Chronik der Stadtbibliothek ist zu lesen, dass im Jahr 2001 mit einer umfangreichen Haussanierung begonnen wurde. Wie aufwendig diese Bautätigkeiten gewesen sein müssen, zeigt die Wiedereröffnung nach erst neun Jahren, am 01. Oktober 2010. Fotos mit dem Eingang und der Stelle der Beschriftung direkt vor oder kurz nach der Sanierung konnte ich leider nicht finden.

Doch vor allem freue ich mich, dass auch bei diesem Fundstück wieder ein alter Schriftzug wieder zutage trat, der nun für die Nachwelt erhalten bleibt. 🤓 🔠 📚

03.07.2026

Content-Hinweis: Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Schriftanwendung bei der Kennzeichnung historischer anatomischer Präparate von Menschen und Tieren in einem medizinischen Museum. Daher kommen zur Bebilderung auch Fotos solcher Exponate zum Einsatz.

Der Anstoß zu dem heutigen Beitrag liegt tatsächlich schon mehr als einen Monat zurück. In dieses Thema konnte ich mich mal wieder so richtig hineingraben, habe sehr viel recherchiert, Korrespondenz geführt, Links zusammengesucht und auch wieder selbst jede Menge gelernt. Damit der Text trotz seiner Länge etwas lesefreundlicher wird, habe ich ihn versuchsweise mit Zwischenüberschriften in Teilabschnitte untergliedert.

Der Ausgangspunkt

Als großer Freund aller Wissenschaften schaute ich kürzlich aus der arte-Mediathek die sehr sehenswerte, anderthalbstündige Dokumentation »Auf Messers Schneide – Eine Geschichte der Chirurgie« (dort noch verfügbar bis zum 26.11.2026). Darin geht es um die Entwicklung des Verständnisses der Anatomie, der Funktionen der Organe, des Blutkreislaufs, des Schmerzempfindens und um die Erfindung der Anästhesie, um Infektionsschutz und generell um den Wandel medizinischer chirurgischer Eingriffe vom unerfahrenen »Herumprobieren« hin zu einer methodisch betriebenen Wissenschaft.

Bei den Zeitmarken 00:35:15 und 00:37:54 wurde ein britischer Pionier des anatomischen und chirurgischen Erkenntnisgewinns vorgestellt, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte: John Hunter (1728–1793). Zu seinem Leben und Wirken, seiner Karriere und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Medizin habe ich am Ende des Artikels einen gesonderten Abschnitt aufbereitet. Auch Hunters älterer Bruder William hatte maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Medizinergenerationen. So gründete er etwa 1746 die erste Schule für Anatomie in England.

»William Hunters Schule für Anatomie läutete eine neue Ära in der Ausbildung von Medizinern in England ein. Erstmals konnten angehende Ärzte sich ihr anatomisches Wissen nicht nur in der Theorie aneignen, sondern auch aus eigener Anschauung und Praxis. Neben Vorlesungen bestand der Unterricht aus anatomischen Übungen, für die William Hunter jedem Studenten einen eigenen Leichnam als Studienobjekt zusicherte.«

Quelle: Wikipedia – »John Hunter (Mediziner)«

Als Assistent seines Bruders in dieser Schule erwies sich John als ein hervorragender Präparator. Bald begann er mit dem eigenen Aufbau einer Sammlung biologischer, anatomischer und pathologischer Präparate.

»Wann immer ihm bei einer Sektion Besonderheiten auffielen, fertigte Hunter Präparate an, die er in seinem Haus in London sammelte. Auf diese Weise kam über die Jahre hinweg eine beträchtliche Sammlung zusammen, die von Walknochen, dem Fell einer Giraffe und einem ausgestopften Känguru über zahlreiche tierische und menschliche Feuchtpräparate bis hin zu Anomalien wie den Gehirnen eines Kalbs mit zwei Köpfen oder dem Körper eines ungeborenen Kindes mit offenem Rücken reichte.«

Quelle: Wikipedia – »John Hunter (Mediziner)«

Bis zu seinem Tode wuchs diese Sammlung auf schätzungsweise 14.000 Präparate an. Nach Hunters Tod wurde sie 1799 von der britischen Regierung angekauft und der »Company of Surgeons« anvertraut, aus der später das »Royal College of Surgeons of England« hervorging. Sein Nachlass wurde zum Grundstock des Hunterian Museum. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Sammlung schwere Verluste. Durch eine Brandbombe, die im Mai 1941 das Gebäude des Royal College of Surgeons direkt traf, wurden zwei Drittel der Museumssammlungen zerstört. Dennoch blieben ca. 3.500 der Originalpräparate erhalten. Auch heute noch stellt dieser Bestand eine der bedeutendsten historischen medizinischen Sammlungen der Welt dar.

Die Fundstücke

In der arte-Doku blieb mein buchstabenaffines Auge natürlich gleich an den wunderschönen historischen Etiketten hängen, mit denen die Glasgefäße der Präparate einst von Hand beschriftet wurden. Wie auch auf dem Foto unten gut zu erkennen ist, gibt es ältere (handgefertigte) und neuere (vermutlich mithilfe eines modernen Etikettendruckers erstellte) Labels. Die neueren sollen uns hier und heute nicht interessieren, sie sind wechselnd mit fetten Schnitten der beiden Schriften »Futura« oder »Helvetica« (oder für Thermoprinter erstellten Lookalikes) angelegt und kommen vermutlich bei der – nicht unaufwendigen – periodisch erforderlichen Umbettung und Neukonservierung der Präparate zum Einsatz. Zu diesem Vorgang gibt es übrigens auch ein interessantes Video des Museums. Überhaupt kann ich dessen Website sowie den unterhaltsamen und wissenswerten Content auf den museumseigenen Social-Media-Kanälen (bei Facebook, Instagram und Bluesky) sehr empfehlen.

Die Kuratorin des Museums, bei der ich die Erlaubnis erbat und bekam, einige Fotos der original beschrifteten Exponate hier im Blog abzubilden, schrieb mir dazu:

»I think it is unlikely that any of the numbers date back to Hunters time, as they were often renumbered and reorganised after his death.«

Alice Watkinson-Deane, Curator (Collections & Digital Interpretation), Hunterian Museum

Die Schrift

Ich habe zahlreiche Abbildungen im Internet durchgesehen und versucht, daraus einen möglichst vollständigen Zeichensatz zu extrahieren, um ihn hier abbilden zu können.

Dabei fiel mir auf, dass sich auch innerhalb des Schriftbildes der Original-Etiketten Unterschiede finden. Im Foto oben sieht man das etwa am kleinen 𝐚. Beim Präparat »Limax« (links, Nr. 787/788) hat der Stamm eine deutliche Neigung nach links. Auf dem vorderen »Rana«-Etikett (Nr. 800) steht er hingegen eher aufrecht. Bei solchen Varianten ein und desselben Buchstabens habe ich mich bei meiner Übersicht jeweils für diejenige entschieden, von der ich im Netz die deutlichste Bilddatei auffinden konnte.

Betrachten wir die wunderschöne Schrift mit ihren sehr ausgeprägten Oberlängen, den zumeist deutlich kürzeren Unterlängen und vielen charmanten Formdetails, wie z.B: den dynamischen Serifen am 𝐬 und dem kleinen Fähnchen am 𝐭, noch einmal »in situ« auf den alten Glasgefäßen:

Ohne Einblick in die Archive und Aufzeichnungen des Museums oder anderer, nicht online einsehbarer Quellen kann ich nicht sagen, ob es unter den mehreren tausend Gefäßen nicht doch noch welche gibt, die zu Lebzeiten John Hunters beschriftet wurden und bei denen die Etiketten die Jahrhunderte überdauert haben. Aber sucht man im Internet beispielsweise nach historischen und ebenfalls von Hand beschrifteten Apothekengefäßen aus jener Zeit, fallen durchaus Ähnlichkeiten ins Auge, allen voran das nach links weisende »Fähnchen« an der Spitze des 𝐭.

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Hier noch einige weitere Beispielabbildungen solcher Gefäße. Hier fällt neben einem erneut ähnlich gezeichneten 𝐭 auf, dass auf dem ersten und dritten Gefäß die Buchstaben eine ähnliche Linksneigung haben wie auf einigen Gefäßen der Hunterian Collection.

»FENICV.« = feniculum (Fenchel), ca. 1700; »Bolus Armenica« (aluminiumsilikathaltige Heilerde, Blutstiller); »Cortex Cinnamomum« (Zimtrinde); »R. Nardi Yndicae« (Radice Nardus Indica, Wurzel einer Heil- und Aromapflanze), letztgenannte drei aus dem 18. Jahrhundert | Quelle: Smithsonian Institution/American History Museum | Public Domain

Einige der Charakteristika im Schriftbild der historischen Etiketten finden sich allerdings nicht nur bei Buchstaben aus dem 18. Jahrhundert, sondern bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Eine insgesamt ähnliche Anmutung hat etwa die Schriftart »Lucian« (Lucian Bernhard für die Bauersche Gießerei, 1928/1930). Auch sie hat sehr ausgeprägte Oberlängen, weniger ausladende Unterlängen, einen großen Strichstärkenkontrast und gedrungen wirkende Kleinbuchstaben. Selbst Details bei einigen Zeichen (𝐜 und 𝐱) ähneln einander. Nur die etwas exzentrischen »Zipfel« an 𝐬 und 𝐭 bleiben eine Eigenart der handgezeichneten Etiketten.

Es bleibt also erst einmal offen, aus welcher Zeit genau – zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert – die ältesten erhaltenen Beschriftungen auf den Exponaten stammen.

Zum Schluss habe ich einmal in einer digitalen Skizze einige Buchstaben neu gezeichnet nachempfunden, die für mich die Anmutung der Etikettenschrift sozusagen als »Konzentrat« einfangen. Anscheinend hat noch kein professioneller Schriftgestalter (ich selbst bin leider »nur« ein schriftvernarrter Grafik-Designer) versucht, eine vollständige Schrift auf Basis dieser Etiketten zu erstellen. Die Kopenhagener Designagentur Kontrapunkt hat zwar im Jahr 2004 für den Verband Dänischer Apotheker eine wunderschöne exklusive Schriftart namens »Apotek« gestaltet, die an den Fassaden und auf Produkten vieler dänischer Apotheken genutzt wird. Aber die formalen Inspirationen zu dieser Schrift sind jünger und knüpfen laut einem Beitrag zum 20jährigen Jubiläum des Designs neben der Typografie alter Apothekengläser auch an Schriften aus der Bauhaus-Zeit der 1930er Jahre an.

Zum Schluss hänge ich noch einige weiterführende Links an für Leser*innen, die mehr über John Hunter lesen möchten sowie einen ausklappbaren Contentblock mit einer Zusammenfassung seiner Biographie. Ich selbst werde bei der nächsten Reise, die mich nach London führt, auf jeden Fall mindestens einen halben Tag in diesem famosen Museum einplanen! 🤓 🔠 🫀

John Hunter – Leben und Werk


Weiterführende Links

01.07.2026

Typo-Schnappschuss zwischendurch am Mittwoch: Gestern beim Einkaufen im feinen Stadtteil Harvestehude/Eppendorf fiel mir über einer Toreinfahrt an der Adresse Eppendorfer Baum 10 diese stilvolle weiß-rote 3D-Schriftzug auf, den ich natürlich sofort fotografieren musste.

Das historische Stadthaus an dieser Adresse wurde um die Jahrhundertwende (ca. 1898) erbaut, ist bestens erhalten und beherbergt heute im Erdgeschoss die Filiale eines Delikatessengeschäftes mit Bäckerei. Auf den ersten Blick passen die Lettern mit ihrer tiefliegenden horizontalen Mittelachse perfekt zur Gründerzeit-/Jugendstil-Optik des Hauses, doch der Schriftzug sieht optisch und technisch zu neu aus, um authentisch historisch zu sein. Und siehe da – lässt man sich die Adresse auf Google Maps anzeigen, bestätigt sich, dass die Einfahrt auf einem StreetView-Foto vom August 2022 noch unbeschriftet war. Hier wurde also mit gutem Stilgefühl und Gespür für die Epoche der Erbauung ein stimmiger Retro-Schriftzug angebracht. Es kann natürlich sein, dass ein anders oder gar nicht beleuchteter Hinweis auf die Garage bereits früher schon einmal existierte. Online einsehbare Belege dafür entdeckte ich jedoch nicht.

Für die Schriftart finden sich im Netz bei kommerziellen wie kostenlosen Anbietern etliche sehr ähnliche Referenzen. Am dichtesten heran kommt aus meiner Sicht die »Sevastian« von Adam Fathony (AFStudio, 2018). Und passend zur 3D-Umsetzung über der Einfahrt bietet die komplette Schriftfamilie verschiedene »Layer«-Varianten an, mit denen man auch bei der zweidimensionalen Anwendung eine solche Optik simulieren kann. 🤓 🔠 🅿️

Doch hinter dem hellen Äußeren des Hauses steckt auch eine düstere Facette. Auf dem Portal »Stolpersteine Hamburg« werden unter dieser Adresse zehn Namen von Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aufgelistet.

29.06.2026

Montagsbonbon-Fundstück aus dem heimischen Bücherregal: Eine alte Semesterarbeit im Fach Typographie. Jeder Student dieses Kurses in meinem Studiengang Kommunikationsgestaltung war seinerzeit gefordert, ein Kompendium mit dem Grundwissen zu Schriftanwendung und ‑klassifizierung zu verfassen und zu gestalten.

Die DTP-Datei in meinem Archiv ist datiert auf den 26. Juni 1991, also fast auf den Tag genau 35 Jahre alt. Ich war zwar noch mitten im Studium, arbeitete jedoch nebenher bereits als »Freier« bei einer lokalen Werbeagentur und hatte dort nach Feierabend und am Wochenende freien Zugang und durfte das damals topmoderne Equipment für meine Semesterarbeiten nutzen: Macintosh IIfx, Laserdrucker, farbkalibrierte Röhrenmonitore. InDesign gab es noch nicht, aber PageMaker und QuarkXPress eroberten gerade die DTP-Arbeitsplätze. Zu dieser Zeit war es noch nicht gefordert und daher weniger üblich, Dateien mit einer Endung zu versehen, weshalb ich heute nicht mehr rekonstruieren kann, mit welcher Software ich die Textseiten layoutet habe. Ich meine mich zu erinnern, dass (noch) keins der zuvor genannten zum Einsatz kam, sondern ein »Außenseiter-Programm«, das aber vergleichbare Funktionalitäten besaß – eventuell DesignStudio von Letraset. Den Schriftzug »TYPOGRAPHY« hatte ich eigens für das Cover mit mit Aldus FreeHand 2 entworfen. Beide Dateien vermag ich inzwischen mit meinen aktuellen Apps auf dem Mac weder zu öffnen noch in ein aktuell lesbares Format zu konvertieren. 😅

In puncto Design waren zu dieser Zeit die Arbeiten von Duffy Design und den dort verantwortlichen Gestaltern Joe Duffy und Charles Spencer Anderson der angesagteste Trend: Craftpapier, Retro-Ästhetik, gebrochene Farben und das Druckbild stark vergrößerter, kolorierter historischer Strichzeichnungs-Bildmotive. Und so ließ auch ich mich bei der Umschlaggestaltung meines Handbuchs sehr deutlich davon inspirieren.

Ich mag den Look immer noch. 🤓 🔠 💾

26.06.2026

Weil der Montagsbeitrag diese Woche schon so ausführlich war, wird die Besprechung des typographischen Fundstücks am Freitag nun etwas kürzer ausfallen. Das liegt aber auch daran, dass es sehr schwierig war, zu dem Gebäude, an dem sich der Schriftzug befindet, historische Details ausfindig zu machen. Insbesondere zu der benannten Bäckerei erbrachte meine Recherche so gut wie nichts. Das tut der Schönheit dieser Inschrift aber keinen Abbruch.

Entstanden ist das Foto am Haus Fischmarkt 11 in Regensburg. Außer einem Eintrag in der Liste der Baudenkmäler des Bayr. Landesamtes ist die Faktenlage dünn. Es gibt keine alten Fotos, Ansichtskarten, Werbeanzeigen oder Informationstexte zur Gründung oder Geschäftsaufgabe der alten Bäckerei.

»Eckhaus, 16./17. Jh., (…) 1892 wurde das Haus um das 3. OG aufgestockt und mit einer neubarocken Fassadengliederung versehen, die sich im Stil an das östliche Nachbargebäude anzugleichen versucht, dabei aber wesentlich sparsamer ausfällt. Gleichzeitig mit dem Umbau 1892 dürfte der Ladenvorbau im EG entstanden sein, der vom 1. OG aus als Altane [balkonartiger Vorbau am oberen Geschoss eines Hauses] benutzt wurde.«

Quelle: Borgmeyer, Anke, Achim Hubel Andreas Tillmann u. a.: »Denkmäler in Bayern«, Bd. 3/37, Stadt Regensburg (1997).

Das Zitat wurde mir freundlicherweise zugespielt über ein Mitglied der öffentlichen Facebook-Gruppe »Regensburg in alten Bildern«, in der ich nach Details zu dem Gebäude gefragt hatte. Eine andere Userin hatte noch eine Anmerkung zum dortigen Gewerbebetrieb:

»Ca. 1952–1973 gab es diese Bäckerei. 1869–1873 war eine Schankwirtschaft mit dem Namen ›Zu den drei Königen‹ am Fischmarkt 11 beheimatet. Ich denke, der Name leitet sich davon ab.«

Quelle: Facebook-Kommentar

Sollte es stimmen, dass die Bäckerei erst 1953 eröffnete, ist die Formgebung der Schrift, die deutliche Einflüsse des Jugendstils erahnen lässt, um so interessanter. Vielleicht wollte man ja damit dem Stil des Hauses Rechnung tragen. Möglich ist aber auch, dass eine (weitere?) Bäckerei dieses Namens bereits viel früher eröffnet wurde.

Dass die Buchstaben individuell gezeichnet wurden, ist auch an den drei leicht unterschiedlichen Vorkommen des kleinen e ablesbar. Als nähere Verwandte der genutzten Schriftart mit ihrem originell das Bäckerhandwerk zitierenden, brezelförmigen B, würde ich die »Carola-Grotesk« sehen. Sie stammt vom Schriftgestalter Hermann Hoffmann und wurde bei der H. Berthold AG im Jahr 1896 veröffentlicht. Die Jahresangabe passt somit ziemlich gut zu den oben erwähnten Baumaßnahmen am Gebäude, die offenbar anlässlich der erstmaligen gewerblichen Nutzung vorgenommen wurden.

Vielleicht lesen ja hier auch Regensburger mit, die noch weitere Hinweise beisteuern können. Dann gerne her damit! 🤓 🔠 🥨

24.06.2026

Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.

Leider konnte ich selbst keine Aufnahme von der Leuchtreklame bei Nacht machen, aber auf der Website »FILM NEWS BAYERN« des FilmFernsehFonds Bayern findet sich ein Beitrag zur Geschichte dieses Lichtspielhauses und der Menschen hinter dessen Kulissen, der mit einem nächtlichen Foto der Kinofassade bebildert ist.

»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«

Quelle: FILM NEWS BAYERN – »Neuer Glanz mit altem Charme«

An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.

Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿

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