Das Typographische Fundstück

verknallt in Schrift und Buchstaben

06.02.2026

Das Foto des typographischen Fundstücks an diesem Freitag habe ich geknipst, weil mir mehrere kuriose Details an der sichtlich heruntergekommenen Hausfassade auffielen. Zum ersten war es natürlich der wilde »Typo-Mix« der dort versammelten Beschilderungen: Das verwitterte »Café Kracht«-Banner mit seinen saftigen gebrochenen Lettern; die schwarze »66« der Hausnummer; die Tafel über der Tür, die klarmacht, dass das Café gleichzeitig auch eine Bäckerei beherbergt; die zwei Werbeaufkleber für »Ur·echt-kräftig-deftiges« Gebäck sowie eine bekannte Spirituose; das links an die Seite verbannte Hinweisschild »Einfahrt freihalten!« – und nicht zuletzt das amüsant-irritierende Plakat, das darauf hinweist, dass die einstige Ladentür eine Umwidmung zur Motorradausfahrt erfahren hatte. Zum zweiten fragte ich mich, was wohl die »Strohlemmeln« seien, die die offensichtlich schon seit geraumer Zeit geschlossene Bäckerei einst bewarb. Und zum dritten natürlich die Neugier, welche Geschichte wohl hinter diesem leerstehenden Gebäude steckt, denn nicht nur das Geschäft im Erdgeschoss war geschlossen, auch die restlichen Räume in den oberen Etagen schienen unbewohnt.

Zu den historischen Daten des Hauses wurde ich relativ schnell fündig:

»Gegründet wurde die Traditionsbäckerei 1856 durch August Kracht und firmierte auch als Lemgoer Strohsemmel-Bäckerei. Ende Februar 1998 wurde das Geschäft geschlossen. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau stammt aus dem Jahre 1456 und eine angrenzende Scheune, wo die Backstube untergebracht war, aus dem Jahre 1792.«

QUelle: Wikimedia Commons zu einem Foto des Users »Wikifreund«

Somit war auch klar, dass die von mir gelesenen »Strohlemmeln« tatsächlich »Strohsemmeln« waren. Dabei handelt es sich um eine regionale Brötchensorte auf Hefeteigbasis, deren rohe Teiglinge – ähnlich wie Bagels – in kochendem Wasser gebrüht und dann bei vergleichsweise hohen Temperaturen auf einem schützenden Strohbett im Ofen gebacken werden:

»Das wohl bekannteste Gebäck Lippes ist sicherlich die Lemske Strauhsemmel (Lemgoer Strohsemmel), die allerdings nicht nur in Lemgo, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes hergestellt wird. Einer alten Überlieferung zufolge wurde das Rezept für die Strohsemmel von einem unbekannten Bäckergesellen und Soldaten im napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland nach Lippe mitgebracht. (…) Da aber spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die Bäckerei Richter in Detmold und die Bäckerei Kracht in Lemgo, sondern auch zahlreiche andere Bäckereien in Lippe Strohsemmeln backten und verkauften, muß sich das ›Geheimrezept‹ unter Lippes Bäckern doch relativ rasch herumgesprochen haben. (…) Das Besondere an der Strohsemmel ist wohl auch weniger das Rezept als die Herstellungsart: Zum einen wird der Teig gebrüht; zum anderen werden die gebrühten Teigstücke auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches abgebacken.«

QUelle: strohsemmeln.de

Da das Geschäft bereits vor nunmehr rund 28 Jahren seinen Betrieb aufgab, stellt sich natürlich die Frage, was seither geschah, denn schließlich befindet sich das verwaiste Objekt mitten in der ansonsten belebten Fußgängerzone Lemgos. Auch dazu hat das Netz interessante Informationen zu bieten. Zum einen sorgten sich die ehemaligen Besitzer wohl um den Fortbestand des Rezepts ihres »Signature Gebäcks«, zum anderen schienen sie sich nach Kräften um die Veräußerung der Immobilie zu bemühen:

»›Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur‹, erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. ›Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen.‹«

QUelle: Lippische Landes-Zeitung, 16.09.2015

»Eine Lemgoer Institution zum Nulltarif: Laut Angaben von Herbert Kracht (72) wird das Haus der Traditionsbäckerei Kracht in der Breiten Straße kostenlos abgegeben. Die einzige Bedingung: Der neue Besitzer muss das dazu gehörige Grundstück kaufen.«

Quelle: Lippische Landes-Zeitung, 06.08.2009

Das verlockende Verkaufsangebot fand jedoch offenbar keinen Interessenten, denn im Februar 2023 wurde in der lokalen Presse über eine anstehende Zwangsversteigerung des Hauses berichtet. Doch auch diese Maßnahme war wohl aus unbekannten Gründen nicht umsetzbar, denn weitere 10 Monate später titelte dieselbe Zeitung »Lemgoer Bäckerei Kracht noch nicht unterm Hammer«. Mein obenstehendes Foto entstand erneut knapp zwei Jahre später, am 10. November 2025. Anzeichen für einen Abriss, eine Sanierung, Renovierung oder äußere Hinweise auf einen Besitzerwechsel waren auch zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Mehr konnte ich über das Schicksal des Hauses nicht herausbekommen.

Die handbeschriftete Glastafel über dem Eingang mit dem etwas missglückten »langen s« (ſ), das eher wie ein kleines l aussieht, nahm ich anschließend zum Anlass, das typographische Potpourri an der Ladenfassade mit möglichst ähnlichen Schriftarten noch einmal nachzuempfinden und dabei ein wenig zu optimieren.

Ich gehe davon aus, dass die unübliche Gestaltung des »ſ« in die Verantwortung des Schildermalers fällt, denn als ich nach ähnlichen Formen in kommerziellen (vorzugsweise kursiven) Antiqua-Schriften suchte, konnte ich bei keiner davon eine Variante auffinden, die derart einem kleinen 𝑙 ähnelt. Insgesamt sechs Varianten für das Design des »langen s« sind allgemein gebräuchlich. Vier davon können bei flüchtigem Lesen meines Erachtens mit einem 𝑓 verwechselt werden, zumal der Buchstabe ſ heutzutage kaum noch in Texten vorkommt und Leser*innen ihn somit darin nicht erwarten. Mir persönlich gefällt daher die letzte Variante am besten:

  1. Beispiel »Times New Roman« (Stanley Morison, Victor Lardent/Monotype, 1931): Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering. Diese Variante ist ausschließlich in nicht-kursiven Schriftschnitten anzutreffen. Beim Wechsel auf einen kursiven Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie wechselt die Form zur Variante 6!
  2. Beispiel »Haiku Italic« (Zac Hallgarten/AcidType, 2022): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  3. Beispiel »Basile« (Dario Manuel Muhafara/Tipo, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  4. Beispiel »Littleworth Now Italic« (Steve Matteson & Frederic L. Griggs/Monotype, 2025): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  5. Beispiel »Dutch Medieval Pro Italic« (Hans van Maanen, Patrick Griffin/Canada Type, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  6. Beispiel »Times New Roman Italic«: Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering.

Und zum Schluss hier noch das Rezept (oder besser: eine schlüssige Version, zusammengestellt aus fünf der vielen online kursierenden Rezepte) für die Original »Lemgoer Strohsemmeln«. Guten Appetit! 🤓 🔠 🥯


Lemgoer Strohsemmeln

Zutaten:
500 g Weizenmehl
1 Würfel (42 g) frische Hefe oder 1 Tütchen (7 g) Trockenhefe
1,5 EL Zucker
1 gestr. EL Salz
ca. 300 ml lauwarmes Wasser (nach Bedarf etwas mehr oder weniger, s.u.)
Weizenstroh oder Roggenstroh, nicht zu kurze Halme (zum Auslegen des Backblechs)

Zubereitung:
Die Hefe in einem geeigneten Gefäß in 200 ml des Wassers bröseln und zusammen mit einem Teelöffel des Zuckers gut verrühren, bis sie sich aufgelöst hat.

Das Mehl in eine Schüssel geben und in der Mitte eine Vertiefung formen. In diese Mulde die Hefemischung gießen. Anschließend nach und nach Salz, den restlichen Zucker und weiteres Wasser zugeben und alles zu einem Teig verkneten. Dabei nur so viel Wasser verwenden, dass ein fester, aber gut formbarer Teig entsteht.

Den fertigen Teig abgedeckt mit einem Küchentuch etwa 30 Minuten an einem warmen Ort ruhen lassen, bis er sichtbar aufgegangen ist und ungefähr sein Volumen verdoppelt hat. Danach den Teig nochmals kurz durchkneten, zu einer Rolle formen und diese mit einem Messer in 15 etwa gleich große Stücke teilen. Die Stücke rund formen und auf Backpapier weitere 5 Minuten warm angehen lassen. Anschließend die Teiglinge leicht flachdrücken und mit einem spitzen Gegenstand 6–8 mal über die Oberfläche verteilt einstechen. Danach nochmals rund 15 Minuten ruhen lassen.

In der Zwischenzeit ein Backblech mit dem Stroh auslegen und den Backofen (noch ohne Blech) auf 220 °C vorheizen. Parallel 1–2 l Wasser in einem großen Topf zum Kochen bringen. Die Teiglinge kurz rundum in das kochende Wasser tauchen, danach auf das mit dem Weizenstroh ausgelegte Backblech legen und es auf der mittleren Schiene in den Backofen schieben. Dann noch eine halbe Tasse Wasser auf den heißen Boden des Ofens gießen und die Ofenklappe zügig schließen.

Nun werden die Semmeln im Dampf bei einer Temperatur von etwa 220 °C für 25 bis 30 Minuten gebacken. Durch das unterliegende Stroh wird das Gebäck nur auf der Oberfläche braun, der Boden hingegen bleibt hell. Nach dem Backen sollten sich die Semmeln relativ leicht vom Stroh lösen lassen.

Strohsemmeln schmecken sowohl nur mit Butter als auch mit Schinken oder typisch lippischer Mettwurst. Aber auch süße Aufstriche wie Marmelade oder Honig passen gut dazu.

02.02.2026

In letzter Zeit fragte ich mich gelegentlich, ob ich eventuell zu oft Fundstücke poste und bespreche, die schon relativ alt sind: Werbeschilder von geschlossenen Geschäften, Steinreliefs aus früheren Jahrhunderten, Retro-Verpackungen … Aber dann denke ich: Nein, das ist schon gut so. Es gibt so viele schöne, amüsante, lehrreiche, interessante, kreative und nach wie vor top-aktuelle »alte« Dinge – ich bleibe dabei!

Auch das heutige typographische Montagsbonbon ist wieder ein solcher »Vintage«-Beitrag. Es ist das vordere Umschlagmotiv eines Buches, das als Geschenk eines lieben Freundes seinen Weg aus dessen elterlicher Bibliothek (mit Erlaubnis der Eltern) in unseren Haushalt fand:

Zur Erläuterung: Seit vielen Jahren bin ich nicht nur ein großer Fan der Kult-Familienserien »Ein Herz und eine Seele« (»Ekel Alfred«) und »Familie Heinz Becker«, sondern auch der deutlich weniger bekannten »Familie Hesselbach«, einer in schwarzweiß gedrehten, sehr erfolgreichen Fernsehserie der ARD aus den Jahren 1960/61, die auf einer ebenso populären Hörspielserie aus den späten 1940er-Jahren des Hessischen Rundfunks basiert. Die einzelnen Episoden haben in sich geschlossene Handlungen und verquicken auf ebenso kurzweilige wie gekonnte Weise den Arbeitsalltag in einer mittelständischen Druckerei mit turbulenten Ereignissen im Privatleben der Inhaberfamilie. Die Serie lebt vor allem von der zentralen Figur des temperamentvollen Patriarchen Karl »Babba« Hesselbach, gespielt von Wolf Schmidt, der als Drehbuchautor auch für die ausgesprochen eloquenten und amüsanten Dialoge verantwortlich zeichnete. In vielen der Monologe und Stoßseufzer Vater Hesselbachs finden sich gesellschaftskritische, politische oder philosophische Bonmots, die bis heute nichts an Aktualität verloren haben.

»Wenn sich wegen jeder Falschmeldung in der Presse ein Redakteur aufhängen würde, dann wäre dieser Berufsstand schon längst ausgestorben.«

S01 E07, »Die Panne« (1960)

»Männer haben die Weltgeschichte gemacht. Und so sieht sie auch aus.«

S01 E15, »Mehr Frauen in die Politik!?« (1961)

Alle Folgen der TV-Serie werden sowohl auf dem Pay-TV-Sender »ARD Plus« als auch auf dem YouTube-Kanal »TV-Klassiker« im Stream abrufbar.

Die Besonderheit des Buchumschlags, in einem typischen collage-artigen Stil der 1960er-Jahre, besteht im Wesentlichen aus den handschriftlich-kalligrafischen Schriftzügen, die statt normaler Satzschriften für die Gestaltung genutzt wurden. Ich finde, auf diese Weise kommt die persönlich-anekdotische Note der Erzählungen im Buch, die auf vier der Seriengeschichten beruhen, bereits auf dem Cover schon besser zur Geltung als mit einer statischer wirkenden Grotesk- oder Antiqua-Schrift. Und der stilisierte, unter dem Portrait des Protagonisten installierte Sockel nimmt ironisch dessen Platz als Familien- und Firmenoberhaupt aufs Korn.

Das Buch ähnelt somit durchaus der Fernsehserie: Von außen vielleicht etwas »oldstyle« – inhaltlich aber keineswegs. 🤓 🔠 📺

30.01.2026

Das Verb »verfeinern« ist zumeist im Umfeld der Zubereitung von Fertiggerichten anzutreffen. Wer sich selbst, der Familie oder Gästen Mahlzeiten serviert, deren Komponenten zum Teil aus Tüte, Dose oder Tiefkühltruhe stammen, fügt gerne zur individuellen Vervollkommnung der Rezeptur noch einige eigene Zutaten hinzu, die über das reine Abschmecken hinausgehen. Eine Handvoll frische Kräuter, ein besonderes Gewürz, ein Gläschen Kochwein, ein Schuss Sahne oder ein Esslöffel Crème fraîche runden das Gericht nicht nur gemäß dem eigenen Geschmack ab, sondern geben der Person am Herd auch das gute Gefühl, das Essen mehr als bloß aufgewärmt zu haben. Auch ich selbst praktiziere das so.

Als Fundstück möchte ich heute allerdings einen Imbiss reichen, bei dem mich ein Drang zur Verfeinerung in gestalterischer Hinsicht ergriff. Es geht dabei nicht nur um Typographie, sondern auch um Orthographie und Lesbarkeit.

Gesehen habe ich das betreffende Objekt am Gleis einer Hamburger U-Bahn-Station. Während ich auf meinen Zug wartete, wanderte mein Blick über die Werbeplakate an den Wänden und blieb an diesem Motiv einige Sekundenbruchteile länger hängen, als es sich »richtig« anfühlt, denn ich las zuerst »Erstens … Hilfe-Set …«. Erst einen kleinen Moment später begriff ich, dass die Eins mit dem Punkt mit zu den beiden folgenden Wörtern gehören sollte. Schade, dachte ich, eine so schöne, kreative und originelle Plakatidee – und dann wird der Witz gebremst durch eine nicht sofort intuitiv erfassbare Schreibweise.

Ich vermutete zunächst, der Grund für diese Verkürzung sei, dass der Platz nicht ausreichte und der voll ausgeschriebene Begriff dann nicht mehr ohne Umbruch in eine Zeile gepasst hätte. Aber dem ist nicht so, wie meine retuschierte »Verfeinerung« zeigt:

Der textlich ausgeschriebene Begriff »Erste Hilfe« ohne Ordinalzahl ist auf Beschilderungen und Kennzeichnungstafeln, damit beschrifteten Verbandskästen (s.u.) sowie in regelbasierten Dokumenten zu Unfallschutz und Versorgung akut erkrankter oder verletzter Personen die allgemein gebräuchliche Schreibweise. Insofern ist es auch die am häufigsten im Alltag wahrgenommene und von den meisten Menschen »gelernte« Erscheinungsform dieses Begriffs, die aufgrund dieser Prägung innerhalb kürzester Zeit erfasst und begriffen wird. Man findet zwar ohne weiteres mit dem Suchbegriff »1. Hilfe« im Netz jede Menge Produkte und Informationen, zudem auch Websites zum Thema, in deren URL die 1 auftaucht – etwa den Online-Kursanbieter meine1hilfe.de –, aber die Schreibweise mit Ziffer ist eindeutig seltener, weniger vertraut und braucht daher tendenziell länger, um verstanden zu werden.

Doch selbst wenn der Einsatz der Ziffer nicht zu beanstanden wäre, ist die Schreibweise im Plakat nicht korrekt – denn es fehlt ein Bindestrich, der nicht nur die letzten beiden, sondern alle drei Bestandteile des Begriffs »1.-Hilfe-Set« zu einem (wiederum besser verständlichen) Ganzen koppelt:

»(…) in Wortzusammensetzungen mit Zahlen und Abkürzungen setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich. Beispiele sind:

der 230-V-Antrieb
der 500-m-Lauf
das 1.-Kl.-Abteil
die 4-Zr.-Wohnung
die 100-km/h-Grenze (…)«

Quelle: »Fragen Sie Dr. Bopp« | leo.org

Nennt mich Erbsenzähler, schimpft mich Korinthenkacker – aber wenn etwas fast perfekt ist und nur ein letztes winziges Detail eine ansonsten runde Sache trübt, triggert das mein Auge manchmal ebenso sehr wie ein weitaus größeres grafisches Missgeschick. 🤓 🔠 🧐

Die für die Texte im Plakat und auf der Iglo-Website als Corporate Font zum Einsatz kommende Schriftart ist die »Foco« (Fabio Luiz Haag/Dalton Maag).

26.01.2026

Um neue Schrift- und Buchstaben-Fundstücke zu sammeln, gehe ich manchmal ganz bewusst einige Stunden und »einfach der Nase nach« auf Fotosafari, insbesondere auf Reisen. An den Orten meiner Arbeits- und Lebensmittelpunkte hingegen treffe ich oft rein zufällig und im Vorbeigehen – etwa auf Besorgungstouren oder auf Fußweg-Routen zu Jobterminen – auf interessante Entdeckungen.

Eine solche Zufallsentdeckung ist auch das letzte typographische Montagsbonbon, das ich in Hamburg an einer belebten Durchgangsstraße fotografierte. Die typische Gewerbemischung der Läden und kleinen Geschäfte an solchen mehrspurigen innerstädtischen Straßen kennen wir wohl alle – es sind beispielsweise Versicherungsbüros, Fahrschulen, Nagelstudios, Schlüsseldienste, Perückensalons, Imbisslokale oder – Änderungsschneidereien.

Die Tafel im Bild ist eigentlich nichts Besonderes; sie fiel mir hauptsächlich deshalb auf, weil sie sich im Umfeld der benachbarten Geschäfte von den glatten, digital gedruckten oder mit Folienbuchstaben beklebten Schaufenstern auf eine fast anachronistische Art abhob. Ein paar kuriose Details könnte man noch anmerken, zum Beispiel den gekürzten REISVERSCHLUSS in der vierten Zeile oder die JEANS H0SEN in der sechsten Zeile, bei denen das O durch eine Null ersetzt wurde, vermutlich, weil der O-Vorrat erschöpft war. Einige I wurden mit İ-Punkten geschmückt, andere nicht. Ein paar vereinzelte Ü-Punkte fallen auf, denen ihr Zwilling abhandengekommen ist. In der dritten Zeile sind selbige zwar vollständig, aber nicht wie sonst überall rund, sondern quadratisch. Und in der vorletzten Zeile ist vom L nur noch ein apostrophartiger Stummel vorhanden, einige Buchstaben fehlen komplett.

Die Schriftart erinnert stark an die Futura, wobei im direkten Vergleich auffällt, dass viele Zeichen der Steckschrift (D, N, R, U) schmaler gestaltet sind – wahrscheinlich, um Platz zu sparen. Zudem sitzt die »Mittelachse« bei den Buchstaben B, E und F deutlich höher als bei der Futura. Aber eine enge Verwandtschaft ist nicht zu leugnen.

Die dunklen Rillentafeln mit den weißen, oft vergilbten Steckbuchstaben sind ein jahrzehntealter Klassiker der Werbetechnik und trotz Digitalisierung und moderner Drucktechnik nach wie vor überraschend oft im Einsatz, etwa als Preisliste im Fenster von Friseursalons, über dem Tresen von Bierpubs oder als periodisch aktualisierte Angebotskarte in Bäckereien oder Mittagsbistros.

Ich hätte zu gern gewusst, wer als Erfinder*in dieser Stecktafeln gilt und in welchem Jahr dieses bemerkenswert langlebige und populäre Werbemedium das Licht der Welt erblickte. Aber das Netz gab mir dazu leider keine validen Informationen preis. Für Hinweise, Links oder anderen Quellen dazu bin ich wie immer dankbar. 🤓 🔠 🪟

Update

Ich habe der Geschichte der »Letterboards« noch ein bisschen hinterher recherchiert. Es verdichten sich die Hinweise, dass diese Tafeln Anfang der 1940er-Jahre erfunden wurden. In historischen Bilddatenbanken konnte ich kein Foto vor 1940 ausfindig machen, auf dem in Burger Bars oder Diners die Menütafeln in diesem Format aushingen. Wohl aber existieren Aufnahmen, die in und um das Jahr 1942 datiert sind:

Und auf der Website des Henry Ford Museum findet sich das Foto eines Original-Exponats aus dessen Sammlung, das ich hier sogar mit Quellenangabe abbilden darf – ein Speisekarten-Triptychon aus einem Diner. Ein bisschen nähergekommen bin ich dem Ursprung also doch noch … 🙂

23.01.2026

Auch heute ist das typographische Fundstück wieder eine Reprise zum Thema eines früheren Beitrags. Darin ging es um eine Inschrift am Rathaus in Berlin-Spandau, in der die Umlaut-Punkte eines großen Ä die Buchstaben links und rechts daneben energisch auf Abstand hielten.

Das heutige Motiv zeigt einen Teil der Ladenbeschriftung an einem Wohn- und Geschäftshaus in Freiburg. Hier weist das Ä die gleiche Eigenart mit den links und rechts des A-Daches platzierten Umlaut-Punkten auf. Allerdings hat die für die Schriftanbringung verantwortliche Person – sei es mit handwerklichem oder gestalterischem Auftrag – die Laufweite der Schrift (also die idealerweise optisch einheitlich wirkenden Abstände zwischen den einzelnen Zeichen) von vornherein so breit angelegt, dass die Punkte hier den benachbarten Buchstaben nicht in die Quere kommen. Diese Beschriftung ist quasi ein schönes Gegenbeispiel zu dem suboptimalen Fundstück aus Spandau. Sie wirkt trotz des Versalsatzes luftig und harmonisch, fällt ungeachtet der weiten Abstände optisch nicht auseinander und ist gut lesbar.

Die auf Google Street View dokumentierte vollständige Beschriftung gehört zu dem ehemals an dieser Adresse ansässigen Elektrobetrieb »Schneider-Lämmlin«, der inzwischen in Online-Adressverzeichnissen als »dauerhaft geschlossen« gekennzeichnet wird.

Der Betrieb, zu dem sowohl ein Ladengeschäft für Elektroartikel und Haushaltsgeräte gehörte als auch eine Elektroinstallationswerkstatt, blickte auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Gegründet wurde er 1918, damals noch unter dem Namen »Spiegelhalter & Schneider«. Nach dem 2. Weltkrieg stieg der Großvater der heutigen Firmenchefin, der den Nachnamen Lämmlin trug, als Teilhaber ein und der Name wechselte zu der heute noch am Gebäude sichtbaren Firmierung.

Als Gründe für die Schließung nennt die ehemalige Betreiberin neben dem Nachhall der Corona-Pandemie, dem starken Konkurrenzdruck im lokal und online agierenden Elektro-Einzelhandel und der nachlassenden Zahlungsmoral vieler Firmenkunden auch den Fachkräftemangel:

»›Seit rund einem Jahr haben wir gar keinen Außendienst mit Elektromonteuren mehr, nur noch das Ladengeschäft – einfach weil wir keine guten Fachkräfte mehr gefunden haben«, berichtet Kerstin Lämmlin.«

QUelle: badische-zeitung.de

Am Freitag, den 9. Juli 2021, öffnete das Geschäft letztmalig. Im November 2022 eröffnete in den Räumlichkeiten, die sich im Besitz der Familie Lämmlin befinden, eine Hörgeräteakustiker-Kette eine neue Filiale.

Ich habe recherchiert – es gibt sehr wenige Schriften, bei deren Design die Umlaut-Punkte »ab Werk« neben oder in den Mutterbuchstaben A, O, U platziert sind. Einige habe ich dennoch gefunden. Zwei kommen aus der Gruppe der maschinenlesbaren oder OCR-Schriften. OCR steht für Optical Character Recognition. Es sind die »OCR-A Std« (American Type Founders/Adobe) und »OCR-B Letterpress M« (URW). Die dritte Schriftart – »BDR mono 2021« (Lorenz Gianfreda/Typedifferent/Büro Destruct) – gehört zur verwandten Gruppe der sog. »Monospace«-Schriften, bei denen jeder Buchstabe, egal ob z.B. M, F oder I, dieselbe Breite einnimmt. Diese Schriftarten werden bevorzugt in der Notation von Software-Code genutzt und sind wiederum verwandt mit den Schreibmaschinenschriften, die ebenfalls zu den Festbreitenschriften zählen.

Nummer vier, die Schriftart »Hand Stamp Gothic Rough« (Manuel Viergutz/TypoGraphicDesign), fand ich in der Gruppe der Stempelschriften. Auch hier sorgt beim Druck analoger Stempelschriften, die aus beweglichen rechteckigen Gummilettern zu Wörtern zusammengefügt werden, deren Blockbreite dafür, dass jedes Zeichen einen unveränderlichen Raum einnimmt und sich nicht mit Nachbarzeichen überlappen kann.

Die letzten beiden Schriften mit seitlichen Umlaut-Punkten sind eher »Freestyle«-Schriften. Bei der ersten, »Uni Opt« (Viktor Kharyk/ParaType) wurde jedes Zeichen innerhalb eines umrahmten eckigen Feldes gestaltet, dessen Größe bei allen Buchstabenzeichen gleich groß und als Quadrat angelegt ist. Nur die Felder von Ziffern und Sonderzeichen haben rechteckige statt quadratische Proportionen. Somit gibt es auch bei dieser Schrift, wie bei den zuvor genannten, einen »reserved Space« um jeden Buchstaben, der die seitlichen Umlaut-Punkte zulässt. Zum Schluss fand ich bei der isländischen Type Foundry »Or Type« noch die experimentelle Schrift »Forzata« (Guðmundur Úlfarsson & Mads Freund Brunse), bei welcher die Breite des A genug Raum für die seitliche Anordnung der Ä-Punkte lässt und z.B. das T zudem so gestaltet ist, dass sein Querstrich sich auch bei engerer Laufweite nicht mit den Ä-Punkten überlappt.

Darüber hinaus gibt es natürlich auf individuell angefertigten Schildern, in Ladenbeschriftungen, Werbeschriftzügen oder Firmenlogos immer wieder Lösungen, bei denen die verantwortlichen Designer*innen die Umlaut-Punkte abseits der Norm angeordnet haben. Ein schönes Beispiel ist etwa das frühere Logo der Modellbaufirma Märklin, das mit dieser Anordnung der Ä-Punkte von 1919 bis 1972 zum Einsatz kam:

Weitere fantasievolle Umsetzungen finden sich in der Bilderkollektion des Typographie-Blogs »Berlin Typography« im Beitrag »Umlauts of Berlin, Part 2: Ä«. Jedoch sowohl beim Märklin-Logo als auch bei den originellen Gestaltungsideen in dem verlinkten Blog kamen mit Sicherheit keine Schriften zum Einsatz, bei denen die Ä-Punkte standardmäßig seitlich platziert waren. Vielmehr waren die Gestalter gefragt oder entwickelten von sich aus abweichende Designlösungen, die witzig, markant, besonders merkfähig oder – ganz pragmatisch – in der Höhe platzsparender waren als mit »schwebenden« Umlaut-Punkten.

Ihr seht: Auch zu so unscheinbaren typographischen Elementen wie zwei kleinen Pünktchen, die zu einem Sonderzeichen gehören, lässt sich viel Interessantes erzählen. 🤓 🔠 ●●

19.01.2026

Wer hier häufiger oder gar regelmäßig mitliest, wird nicht umhingekommen sein, zu bemerken, dass ich ein großer Fan der »gekappten« Buchstabenform des sogenannten »Danish g« bin. Wo ich gehe und stehe – natürlich insbesondere, wenn ich Dänemark bereise – halte ich Ausschau nach Schriften, Beschriftungen, Schildern und ähnlichen Vorkommen mit dieser famosen Buchstabenform.

Auch kürzlich wurde ich wieder fündig, wenngleich an einem unerwarteten Ort: Beim Warten auf die U-Bahn am Berliner Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz stand ich auf dem Bahnsteig zufällig gegenüber einem Motiv einer ganzen Reihe historischer Aufnahmen aus Berlin, welche hinter dem Gleisbett an der gekachelten Wand im 18/1-Plakatformat angebracht sind. Und auf dieser Aufnahme des Pressefotografen Willy Römer aus den 1920er-Jahren sieht man eine Gruppe Passanten – ausschließlich Männer – vor einem jüdischen Geschäft in der damaligen Berliner Grenadierstraße, die 1951 in Almstadtstraße umbenannt wurde. Auf einem Schaufenster des Ladens befindet sich die zweisprachige Beschriftung כּשר (hebr.: »koscher«) und darunter »Geflügel« – mit einem g, das die typisch angeschnittene Unterlänge des »Danish g« aufweist! Dieser Schnappschuss von mir sei das typographische Montagsbonbon für heute.

Obwohl der Schriftzug mit Sicherheit handgezeichnet ist (die beiden doppelt vorkommenden Kleinbuchstaben e und l variieren in ihrer Form) und die Zeichen insgesamt einige ungelenke Design-Details aufweisen, finde ich die Grundanmutung sehr interessant. Man könnte sogar eine gewisse formale Ähnlichkeit zu hebräischen Buchstabenformen assoziieren, z.B. bei den Proportionen des G oder dem horizontalen, am Ende abgeschrägten Auslauf des e. Und rechts von der Fensteröffnung findet sich auf einem schmalen Mauervorsprung sogar noch ein zweites, hochkant gestürztes Wort (»…-Handlung«) mit einem ähnlichen g am Ende. Ein interessanter Fund! 🤓 🔠 🐓

Auf der Website des SPIEGEL kann dasselbe Motiv in einer kolorierten Fassung betrachtet werden.


Addendum

Im Berliner »Scheunenviertel«, wo sich das abgebildete Geschäft befand und in den Jahren, in denen das Foto entstand, ereigneten sich jedoch leider auch düstere Geschehnisse, wie ich bei der Recherche herausfand. Am 05. November 1923 – also knapp 10 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nur vier Tage vor einem ersten gescheiterten Staatsstreich derselben – kam es dort zu einem antisemitischen Pogrom, in dessen Verlauf zwei Tage lang jüdische Bürger angegriffen und ihre Geschäfte geplündert wurden.

»… am 5. November 1923, kam es in der Grenadierstraße zu einem Pogrom gegen die dort ansässigen Jüdinnen und Juden. Es war der reichsweit schlimmste Ausfall gegen Juden in der Weimarer Republik. Eine Menschenmenge strömte vom Arbeitsamt an der Alexanderstraße (…) in das Scheunenviertel, wie die Gegend genannt wurde. Sie brachen in die Geschäfte ein und plünderten Wohnungen aus. (…) Juden wurden gejagt, verprügelt und verletzt. Die Polizei erschien mit reichlicher Verspätung. Sie nahm eine große Zahl der verfolgten Juden fest, die die Beamten selbstverständlich für die Schuldigen hielten.«

QUelle: TAZ – »Das vergessene Pogrom«

Es gibt im Netz zahlreiche weitere Berichte und Beiträge zu diesem Ereignis. Einen weiteren Link, ergänzend zu den o.g. Quellen, füge ich nachfolgend an.

➡️ Audiobeitrag: »Anatomie eines Pogroms« – Deutschlandfunk (29:08 min)

16.01.2026

Der heutige Beitrag besteht aus einem typographischen Fundstück, erneut geknipst in der ehemaligen Hansestadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, an der Seitenfassade des Hauses Vor dem Steintor 10. Es war mir leider nicht möglich, historische Details zu dem offenbar früher dort ansässigen Fleischereibetrieb ausfindig zu machen, der mit dieser Werbeinschrift »Rind und Schweineschlachterei mit Kraftbetrieb ff Fleisch u. Wurstwaren« für sich warb. Auch in welchem Jahr das Unternehmen seinen Betrieb einstellte, konnte ich nicht ermitteln. Die Abkürzung ff im Werbetext steht vermutlich für »feinste«, sie war üblich in der italienischen Kaufmannssprache seit dem 17. Jahrhundert. Darin steht ein f bei der Klassifizierung der Warenqualität für »fein« (fino), ff steht für die Steigerung »sehr fein« (finissimo).

Man erkennt eindeutig, dass es an der Stelle mehrere übereinander aufgetragene Farbschichten bzw. Werbemotive gab, am deutlichsten in der Zeile mit dem Namen des Geschäftsinhabers, der zuletzt ein Fleischermeister Willy Stettler gewesen zu sein scheint. Der übermalte Name dahinter ist bis auf die zu erahnende Buchstabenfolge »Bal…« nicht mehr lesbar.

Und selbst auf den dahinter liegenden Ebenen der größtenteils weißen Farbschichten lassen sich noch mindestens zwei verschiedene typographische Werbemotive erkennen. Zwei große diagonal aufsteigende Schriftzüge, die in der oberen rechten Ecke des Motivs mit »…ke« und »…er« oder »…en« enden; links unten ist ein großes L erhalten (das nahezu unkenntliche Wort könnte »Lederwaren« heißen) und dahinter schemenhaft mehrere kleine, übermalte Textzeilen. In einer davon, unten rechts, meine ich das Wort »Vertretung« entziffern zu können.

Die Datierung der Wandmalerei ist schwierig. Die Schriftart in dem Wandmotiv wirkt auf mich älter als gängige Werbeschriften der deutschen Nachkriegszeit aus den 1950er Jahren und später. Sie erinnert eher an die sehr schmalen, platzsparenden Schriften in gewerblichen Annoncen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa die »Enge Journal Antiqua« der Schriftgießerei Berthold (um 1922) nach dem Originalentwurf der »Journal Antiqua« von Hermann Zehnpfundt (Emil-Gursch-Gießerei, Berlin, um 1912). Oder an die schmale Version der »Herold Reclameschrift« von Heinz Hoffmann (Berthold, 1904). Im Archivbestand digitalisierter historischer Adressbücher der Stadt Brandenburg etwa kann man solche alten Werbeanzeigen – ähnlich den späteren gewerblichen Inseraten in den »Gelben Seiten« – online einsehen. Hier z.B. ein Link zu einem PDF des Brandenburger Adressbuchs von 1914/1915.

Was weiterhin auffällt, ist die nach rechts aus der – ansonsten zentrierten –Textausrichtung hinausragende Angabe der Telefonnummer, was dafür spricht, dass diese Angabe erst nachträglich und bewusst im Schriftstil des restlichen Textes hinzugefügt wurde. Die Nummer ist mit drei Ziffern sehr kurz und deutet auf die Anfangszeit der Einführung von Telefonanschlüssen in Deutschland hin, die ab 1910 allmählich an Dynamik gewann. Laut Wikipedia besaßen im Jahr 1960 jedoch lediglich 4 von 100 Bundesbürgern einen Telefonanschluss. Andererseits liegt die Stadt Havelberg auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo Telefonanschlüsse bis weit in die 1980er-Jahre eher die Ausnahme waren. Das Selbstwählverfahren, bei dem man andere Teilnehmer vom eigenen Telefon aus einfach per Wählscheibe und ohne Umweg über eine Vermittlungsstelle anrufen konnte, wurde zwar bereits 1913 patentiert und in Bayern 1923 erstmals in der Praxis eingeführt, aber flächendeckend verfügbar war es erst deutlich später. Inzwischen befindet sich in dem Gebäude der Sitz eines Handwerksbetriebs für »Heizung · Sanitär · Klima · Solar« mit einer fünfstelligen Rufnummer.

»Private Telefonanschlüsse hatten in der DDR Seltenheitswert. Mitte der siebziger Jahre verfügten gerade mal rund zehn Prozent der Haushalte über ein eigenes Telefon. In der Bundesrepublik waren es zu dieser Zeit 90 Prozent. (…) Auf ein Auto musste man zwar mehrere Jahre warten, aber dann kriegte man es. Beim Telefonanschluss dagegen hatte man ohne Dringlichkeitsbescheinigung eines Betriebes oder einer Institution keine Chance. 1990 lagen bei der Deutschen Post noch 1,6 Millionen unbearbeitete Anträge. In kleineren Orten hatten oft nur Ärzte, Pfarrer oder Handwerker zu Hause ein Telefon.«

QUelle: ostfolk.de

»Das Telefonnetz der DDR stammte zum Teil noch aus den zwanziger Jahren.«

QUelle: »DDR-Telefon: Fasse dich kurz!« bei euractiv.de

»Die letzte per Hand gestöpselte Ortsvermittlungsstelle in der Bundesrepublik wird 1966 stillgelegt – und die Fräuleins vom Amt werden in den Ruhestand geschickt. In der DDR dauert es in ländlichen Regionen noch bis Ende der 1980er-Jahre.«

QUelle: »Eine kurze Geschichte des Telefons« bei tuev-nord.de

Daneben war auch das Thema Werbung in der DDR streng geregelt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Handwerksbetrieben erlaubt gewesen sein soll, für ihre Dienstleistungen (und hier sogar Produkte!) und damit für Umsatz und Profit zu werben, denn Werbung war Sache der DEWAG, der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft der DDR. Dieser der Partei unterstellte Betrieb hatte das Monopol für Werbemaßnahmen. In den 1970er-Jahren war Werbung dann, nachdem sie zuvor – wenngleich eingeschränkt und staatlich kontrolliert – erlaubt war, größtenteils verboten.

»Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED ging auch die Ära der lustigen Werbefilmchen und Plakate ihrem Ende entgegen. Vier Jahre später folgte das Gesetz zum Verbot der Inlandswerbung, verordnet vom Ministerrat. Dieses hatte bis zum Mauerfall bestand und folglich blieben die letzten zwei Jahrzehnte der DDR ohne aufwendige Produktwerbung.«

Quelle: »Werbung in der DDR« bei ddr-museum.de

Alle Indizien bringen mich zu der Vermutung, dass die Werbetafel für den Fleischereibetrieb in ihrer ursprünglichen Form – mit dem übermalten, heute unkenntlichen ersten Inhaber und ohne Angabe der Telefonnummer – irgendwann zwischen 1910 und 1930 entstanden ist. Die übermalten Werbemotive im Hintergrund würde ich zeitlich zwischen 1880 und 1910 ansiedeln.

Eine schlüssige Chronologie könnte daher folgende sein:
  • 1880–1910: Wechselnde Werbemotive auf der Fassade für damals tätige Gewerbe und Betriebe
  • 1910–1930: Anbringung des Werbemotivs für den Fleischereibetrieb mit dessen damaligem Inhaber, jedoch noch ohne Telefonnummernangabe
  • 1930–1949: Wechsel des Inhabers, Übermalung des Namens und Ergänzung der Telefonnummer (Möglichkeit 1), Gründung der DDR
  • seit 1949: ggf. Hinzufügung der Telefonnummer im grafischen Stil der bereits vorhandenen Texte, entweder während des Bestehens der DDR oder – falls der Betrieb nach der Wende noch tätig war – nach 1989 (Möglichkeiten 2 und 3)
  • Anschließend: Verbleib des Motivs in unveränderter Form bis heute, ungeachtet der Tatsache, dass der Betrieb seine Geschäftstätigkeit während dieser Zeit einstellte

Damit schließe ich den heutigen Beitrag und hoffe, die detektivische Reise in die Vergangenheit hat Euch wieder genauso gut gefallen wie mir.
🤓 🔠 🥩🔎

12.01.2026

Das typographische Bonbon an diesem Montag knüpft an einen älteren Beitrag zu einer auffallend gestalteten, kreisrund eingefassten Hausnummer in Kopenhagen an. Dieses neue Foto habe ich allerdings in Basel gemacht, an einem Seitenfenster des Restaurants mit dem interessanten Namen »Gifthüttli«, das früher erst eine Weinstube und später eine Bierschänke war.

»Vor etwa 120 Jahren wurde in den traditionellen Basler Wirtschaften nur Wein ausgeschenkt. Bier gab es nur in den zahlreichen, mit einer Gaststätte verbundenen Hausbrauereien. Der Wirt des Gasthauses ›zum Ritter St. Georg‹ an der Schneidergasse, Innocenz Weiss, war der erste der es wagte, neben Wein auch Bier auszuschenken. Die Stadt hatte ein Tagesgespräch mehr und im Lokalblatt ›Basler Nachrichten‹ erschien ein Artikel, in dem es hieß:

›… Bier, das nicht direkt beim Bierbrauer getrunken werde, ist Gift.‹

Innocenz Weiss, der sich stolz als ›Bierwirt‹ bezeichnete, nahm die Sache mit Humor und taufte daraufhin sein Restaurant von ›zum Ritter St. Georg‹ auf ›Gifthüttli‹ um.«

Quelle: gifthuettli.ch

Das Monogramm mit dem formfolgend gerundeten W und dem stilisierten Bierglas steht für den Namen der Brauerei »Zum Warteck« (später »Warteck Brauerei & Getränke AG«). Der Großneffe des Inhabers ließ nach der Übernahme der Leitung im Jahr 1913 ein neues Gebäude für das Gasthaus errichten. Nach seinem unerwarteten Grippetod im Jahr 1918 führte zunächst seine Witwe zehn Jahre lang das Geschäft weiter, 1928 verkaufte sie das Lokal dann an die genannte Brauerei, die seither das Gebäude verwaltet und dessen Gaststätte verpachtet. Inzwischen gehört die Brauerei zur Feldschlösschen Getränke AG, die ihrerseits seit 2000 Teil der internationalen Carlsberg-Gruppe ist – der nach eigenen Angaben viertgrößten Brauerei-Gruppe weltweit und Marktführer in Nord- und Osteuropa.

Das Bier dieser Marke ist jedoch nach wie vor im Sortiment.
Zum Wohl! 🤓 🔠 🍺

09.01.2026

Noch immer liegen hier auf meiner Festplatte einige Fundstücke aus Freiburg und Basel, die ihres Postens harren. Der heutige Beitrag präsentiert eines davon; ich entdeckte es in der »Schweizer Kulturhauptstadt« – Basel hat eine der schönsten und besterhaltenen Altstädte Europas – in einem schmalen Gässchen Richtung Andreasplatz, zwischen den Häusern Schneidergasse 18 und 20, hoch oben an der Seitenfassade eines Eckhauses. Fast wäre ich daran vorbeigelaufen, weil das Relikt so unscheinbar und verwittert war. Die historischen Orts- und Straßennamen in diesem Viertel der »Grossbasler Altstadt« – Hutgasse, Nadelberg, Sattelgasse, Gerbergasse, Schneidergasse – lassen vermuten, dass hier einst etliche Handwerksbetriebe ansässig waren, die mit der Verarbeitung von Stoff- und Lederwaren ihr Geld verdienten. Seinen Namen hat der überschaubare mittelalterliche Platz von einer Kapelle, die einst in seiner Mitte stand:

»An die im 11. Jahrhundert erbaute Andreaskapelle erinnern Pflastersteine, die am Boden ihren Grundriss nachzeichnen. In nachreformatorischer Zeit diente die Kapelle den Krämern der Safran Zunft Basel als Warenlager, bevor sie im Jahr 1792 auf Wunsch der Anwohnenden abgerissen wurde. Die Abstände zwischen den Wohnhäusern und dem Kirchlein betrugen teilweise nur vier Meter!«

QUelle: @baslerstadtbuch auf Instagram

Ich hatte wohl noch mehr Glück, den Schriftzug »Spezialität in Nähseide & Schneiderartikel« überhaupt bemerken zu können, denn auf einer älteren Gebäudeansicht bei Google Streetview ist die Fassade nahezu komplett mit Efeu überwachsen. Der dichte Pflanzenteppich hatte sich erst im Sommer 2017 durch sein eigenes Gewicht von der Fassade gelöst. Am Tage meines Besuches bedeckten die neu sprießenden Ranken nur die letzten vier Buchstaben. Die vornehmen, aufrecht stehenden Buchstaben und verzierten Initialen, die an mit Feder geschriebene Texte erinnern, sind mit Sicherheit von Hand auf die Wand gemalt worden, denn es fallen sofort Unregelmäßigkeiten im Schriftbild auf, wie etwa unterschiedliche Zeichenbreiten oder verschiedene Neigungswinkel des Querstrichs im kleinen e.

Die Schriftart ist keiner eindeutigen Klasse zuzuordnen, sie vermischt Stilelemente verschiedenster Epochen und Kategorien miteinander. So etwa die eigenwillig nach links »gebückte« Form des großen N, wie sie sich in manchen mittelalterlichen oder »gotisch/keltisch« assoziierten Schreibschriften wiederfindet, z.B. in der »Old Norse« (Eric Kurniawan/Burntilldead). Aber sie besitzt auch modernere Attribute, die man von den kalligrafischen Antiqua-Varianten der »Chancery«-Schriften (»Humanistische Kursive«) kennt, etwa den nach rechts geschwungenen oberen Abschluss am Stamm des h. In ihrer aufrechten Schreibweise wiederum erinnert sie an Schriften aus der Gruppe der »Humanistischen Minuskel« aus dem 15. Jh. Und auch das über der Grundlinie gehaltene z mit Unterschlinge ist bemerkenswert. Bezeichnen wir die Schrift also bis auf Weiteres als »frei gestaltete, dekorative Werbeschrift mit Federduktus und verzierten Initialen«.

Im unteren Teil des Bildes habe ich versucht, den Schriftzug leserlicher hervorzuheben, soweit der verblasste Farbauftrag dies zuließ. Lediglich beim k musste ich raten, wie dieses vielleicht ausgesehen haben könnte, da sich das einzige Vorkommen dieses Zeichens hinter dem Efeubewuchs verbarg.

»Aufgrund der wachsenden Zahl der Annoncen in Zeitungen, als Folge der industriellen Revolution, wurde der Markt der Werbung entdeckt und auch bald der der kostengünstigen Außenwerbung. Bereits um die Jahrhundertwende wurden deshalb monumentale Reklamen an Häuserwände gemalt.«

Quelle: Wikipedia-Artikel »Außenwerbung«

Über den einstigen, mit der Inschrift beworbenen Betrieb konnte ich leider keine Informationen ausfindig machen, insofern ist eine Datierung der Wandbemalung schwierig. Vermutlich entstand sie nicht vor ca. 1850–1870; als Referenzdatum für den aufkommenden Boom der Außenwerbung im 19. Jahrhundert kann der 15. April 1855 dienen. An diesem Tag wurde in der Münzstraße in Berlin-Mitte die erste sogenannte »Annonciersäule«, erdacht vom dortigen Verleger und Druckereiunternehmer Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) aufgestellt.

Ich jedenfalls finde es schön, dass man diese alte Werbebotschaft nun wieder ohne Efeubewucherung sieht. 🤓 🔠 🪴


Update: Eine Leserin auf LinkedIn trug in ihrem Kommentar noch ein interessantes Detail bei, das meine Einschätzung zur Entstehungszeit bestätigt:

»Das Luxusgut Nähseide industriell herzustellen, wurde erst mit der Entwicklung der Spinn- und Nähmaschinen im 19. Jahrhundert möglich und von der Firma Gütermann 1864 in großer Menge verfügbar gemacht.«

Weiterführende Links

➡️ »Ghost Signs« – Artikel über die Bilder des Fotografen Nicholas Brewer aus Berkshire von verblassenden historischen Werbebotschaften auf Fassaden in Großbritannien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
➡️ »The History of OOH (Out Of Home)« auf der Website der OAAA (Out of Home Advertising Association of America)

05.01.2026

Fotografisch eingefangen habe ich das heutige typographische Montagsbonbon in der Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt während eines Winterspaziergangs in der beginnenden Dämmerung vor wenigen Tagen. Die Beschriftung gehörte, wie im Internet nachzulesen ist, einst zur Buchhandlung des Inhabers Carl Kampfhenkel. Bilder des Hauses aus dem Oktober 2022 bei Google Street View zeigen das Gebäude bereits in einem ähnlich desolaten Zustand, jedoch nach wie vor mit Büchern in der Auslage. Inzwischen ist das Ladengeschäft als »dauerhaft geschlossen« markiert. Der Betrieb existierte offenbar bereits Anfang des 20. Jahrhunderts und war zu jener Zeit auch als Verlag tätig, denn es existieren Archivalien in Form alter Postkarten mit Fotomotiven aus der Region mit dem Vermerk »Verlag J. L. Goern Nchf. C. Kampfhenkel, Havelberg«.

Die, wie ich finde, ziemlich originelle Schriftart mit der angedeuteten Serife am Kopf des C, dem elegant geschwungenen oberen Schaft des K, dem kleinen Schnörkel am oberen Bogen des f und der Schlaufe im k gefällt mir ausnehmend gut. Ungeachtet des vermuteten Alters der Beschriftung wirkt sie auf mich sehr klar und zeitgemäß und bildet einen fast melancholischen Kontrast zur derangierten Fassade des Gebäudes. Eine lediglich entfernt ähnliche Anmutung bei kommerziell erhältlichen Schriften sehe ich in der »Niva Medium Italic« (Pedro Gonzalez Jorquera, PeGGO Fonts, 2016) und der Corporative Sans Condensed Medium Italic (Luciano Vergara/Daniel Hernández, Latinotype; 2015). Aber den Charme des Originals erreichen beide meines Erachtens nicht.

Hat die Buchhandlung geschlossen, weil sie – wie so viele – gegenüber der Konkurrenz des Onlinehandels ins Hintertreffen geriet? Verstarb der Inhaber oder setzte sich zur Ruhe und das Geschäft wurde deshalb aufgegeben? Ich weiß es nicht. Doch zumindest durfte ich noch ein Relikt des wohl einst florierenden Unternehmens einfangen und hierhin überführen. 🤓 🔠 📕

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