Als »Zwiebelfisch« bezeichnet man in der Typographie einen einzelnen abweichenden Buchstaben, der versehentlich in einem Text auftaucht, welcher ansonsten in einer anderen Schrift gesetzt ist. Zum Beispiel ein Buchstabe in einer fetten »Helvetica« inmitten eines Wortes bzw. Textes, der ansonsten durchgängig in »Times« gesetzt wurde. Der typographische Abweichler muss nicht zwingend einer anderen Schriftfamilie angehören, es kann sich durchaus auch ein kursiver »Arial«-Buchstabe in einen nicht-kursiven Text in derselben Schrift verirren oder ein fetteres Zeichen in einen ansonsten magereren Text. Auch kuriose Fälle, wie irrtümlich auf dem Kopf stehende Buchstaben, sind möglich. Nicht als Zwiebelfisch gelten hingegen Zeichen, die vorsätzlich abweichen, etwa in mathematischen Texten, in denen Buchstaben, Zahlen oder Symbole in besonders gestalteter Form, wie beispielsweise alphabetische Variablen, auftauchen und die bewusst genutzt werden, um einen Text wissenschaftlich korrekt wiederzugeben.
Der Begriff stammt ursprünglich aus dem manuellen Bleisatz. In den großen hölzernen Setzkästen, in denen einst die metallenen Lettern für jede Schriftart, jeden Schnitt und jede Punktgröße, getrennt voneinander, und jeweils sorgsam alphabetisch und nach Zahlen und Zeichen sortiert, aufbewahrt und in der Druckwerkstatt für den Setzer bereitgestellt wurden, kam es immer wieder dazu, dass einzelne Bleilettern bei der »Demontage« eines Druckbogens nach dem Druck nicht korrekt einsortiert wurden oder unbemerkt ins falsche Fach fielen. Bei der nächsten Verwendung gelangten diese dann – insbesondere unter Zeitdruck, bei allzu flüchtigem Arbeiten oder aufgrund unzureichender Endkontrolle – in den nächsten gesetzten Text.
Der Begriff geht etymologisch (angeblich) auf den kleinen Süßwasserfisch Ukelei – auch Lauge oder eben »Zwiebelfisch« genannt – zurück. Da dieser aufgrund seiner geringen Größe von unter 18 cm und vieler kleiner Gräten als minderwertig galt, wurde er in der frühen Neuzeit zum spöttischen Synonym für schlechte oder nachlässige Arbeit. Eine schlampig arbeitende Setzerei nannte man im Volksmund abwertend gar eine »Zwiebelfischbude«.
Mit dem Aufkommen des Fotosatzes (1960er-Jahre) und des Desktop-Publishing (um 1985) wurden Zwiebelfische seltener, verschwanden aber nicht völlig. Auch mir selbst ist vor kurzem bei der Erstellung des Programmzettels für ein privat organisiertes klassisches Konzert in einer kleinen Dorfkirche ein solcher »Fail« passiert: Ich wollte eigentlich die Titel der Stücke kursiv formatieren, hatte aber bei der Textauswahl mit dem Cursor nicht bemerkt, dass ich den letzten Buchstaben eines zur Kursivstellung vorgesehenen Wortes nicht mit in die Auswahlmarkierung übernommen hatte. Demzufolge blieb dieser Buchstabe nicht-kursiv stehen und wurde leider auch fehlerhaft ausgedruckt. Und wann habe ich es bemerkt? Als ich im Konzert saß und den Ablauf des Musikprogramms live auf dem Zettel verfolgte. Schreck, Scham, Schusseligkeit! 🫣

Den meisten Menschen mit weniger geübtem Auge fallen viele der Zwiebelfische vermutlich gar nicht oder erst auf wiederholten Blick auf. Je stärker sich die beiden unfreiwillig vermischten Schriftarten voneinander unterscheiden, desto eher dürfte ein solcher 𝓛apsus auffallen. Oben im Bild kommt hinzu, dass sich die Formen des aufrechten a und des kursiven a – wie es bei vielen Schriften der Fall ist – auch abseits der Schrägstellung voneinander unterscheiden. Die Form des kursiven a leitet sich vom historischen Schreiben mit einer Schreibfeder o.ä. ab; damit verbunden ist auch oft der Anspruch einer höheren Schreibgeschwindigkeit. Beim zügigen Schreiben mit der Hand kann das rundliche a flüssiger und schneller zu Papier gebracht werden als das komplizierter geformte a. Es gibt noch etliche weitere Glyphen, die in der kursiven Variante eine abweichende Form zeigen. Am deutlichsten sind die Unterschiede aber bei a/a, f/f und g/g.
Bis hierhin war dieser Text lediglich eine Einleitung für das heutige typographische Fundstück der Woche, das mir vor kurzem zufällig im Internet über den Weg lief. Es stammt aus dem »U.S. Government Printing Office« (GPO, heute »U.S. Government Publishing Office«) wurde laut Wikipedia am 25. Juni 1934 – wahrscheinlich von einem dortigen FBI-Mitarbeiter – angefertigt, hat eine Größe von 8 × 13 Inch (20,3 × 33 cm), ist inzwischen weltberühmt und enthält in der Tat einen ziemlich auffälligen Zwiebelfisch.
Bei dem Druckerzeugnis handelt es sich um ein Fahndungsplakat nach dem US-amerikanischen Bandenchef, Gangster und Bankräuber John Herbert Dillinger (1903–1934). Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters beitrugen oder gar seine Festnahme nach sich zogen, wurde eine Belohnung zwischen 5.000 und 10.000 US-Dollar ausgesetzt. Laut dem Inflationsrechner der Federal Reserve Bank of Minneapolis entsprächen diese Prämien aus dem Jahr 1934 heute Beträgen von rund 125.000 bzw. 250.000 Dollar. Die Figur Dillinger, ihre Geschichte und die Fahndung nach ihm waren 1945, 1973, 1991 und 2009 Thema von insgesamt vier Verfilungen und inspirierten darüber hinaus Musik, Literatur und Popkultur.
»John Herbert Dillinger (…) war ein US-amerikanischer Gangster, der sich mit seiner Bande auf Bankraub spezialisierte.
Das FBI setzte auf ihn ein Kopfgeld von 10.000 US-Dollar aus (…) und erklärte ihn als erste Person überhaupt zum ›Staatsfeind Nr. 1‹. Dillinger wurde am 22. Juli 1934 beim Verlassen eines Kinos von mehreren FBI-Agenten erschossen, nachdem er von seiner Bekannten Anna Sage, der ›Frau in Rot‹, verraten worden war.«
Quelle: Wikipedia – »John Dillinger«
Im untenstehenden Bild wird die Position des Zwiebelfischs nach drei Sekunden animiert gekennzeichnet (falls Ihr ihn nicht sofort selbst entdeckt). Wie der Buchstabe in der korrekten Schriftart aussehen sollte, sieht man rechts davon in derselben Zeile.

Da die Technik der Elektrofotografie (Xerografie) erst 1937 patentiert und Fotokopiergeräte nicht vor 1949 auf den Markt kamen und auch »Rubbelbuchstaben« erst seit 1961 verfügbar sind, ist davon auszugehen, dass das Plakat auf herkömmliche Weise gedruckt wurde. Bei den beiden Fahndungsfotos ist in der hochauflösenden Bilddatei zudem eindeutig ein Druckraster erkennbar:

Die Lettern der fetten Überschriften zeigen an den Rändern einen deutlichen Druckzuwachs, der die Formen ausweitet und deren Konturen abrundet. Dieser Effekt kann sowohl durch die Verteilung der Druckfarbe in den saugfähigen Fasern des Papiers entstehen als auch in Form von sog. »Quetschrändern« die insbesondere bei Druckverfahren mit erhabenen Druckformen (Klischees) auftreten können und um so breiter ausfallen, je weicher deren Material beschaffen ist. Die extremsten Quetschränder verursachen Gummiklischees, etwa beim Stempeln, bei Tampondruck (erst seit 1968) oder beim Flexodruck (patentiert 1907), die hier allerdings nicht zum Einsatz kamen. Gegen ein manuelles Stempelverfahren beim Druck dieses Plakats spricht auch die vergleichsweise gerade und saubere Ausrichtung der Buchstaben. Bei dem Wort »WANTED« fällt allerdings der unschöne weite Abstand zwischen dem W und dem A auf, der ein Indiz dafür sein könnte, dass rechteckige bewegliche Lettern für den Druck genutzt wurden, bei denen ein professionelles »Unterschneiden« der beiden Buchstaben – also ein ästhetischeres Zusammenrücken – technisch nicht möglich war. Welches Druckverfahren jedoch genau zum Einsatz kam (ggf. auch eine Kombination mehrerer Techniken), vermag ich nicht eindeutig zu sagen.
Die beiden zum Einsatz kommenden Schriftarten für die Überschriften und den Fahndungstext lassen sich recht leicht bestimmen. Die Überschriften sind höchstwahrscheinlich in der »Cheltenham Bold Extended« gesetzt, die im Jahr 1906 vom Ingenieur und Schriftgestalter Morris Fuller Benton für American Type Founders (ATF) gezeichnet wurde. Zumindest ließen sich die Lettern in dem Poster sehr gut in Deckung bringen mit Zeichen aus einem historischen Schriftmusterbuch der Gießerei Barnhart Brothers & Spindler aus dem Jahr 1925.

Die Schreibmaschinenschrift hingegen lässt sich kaum einem bestimmten Hersteller zuordnen. Zur Zeit der Entstehung des Fahndungsplakates nutzten Behörden und Unternehmen in den USA oftmals robuste und verlässliche Maschinen der führenden Hersteller Remington, L. C. Smith oder Underwood. Die typische, serifenbetonte »Monospace«-Schrift mit festen Laufweiten von 10 Zeichen pro Zoll (»Pica«) oder 12 Zeichen pro Zoll (»Elite«) existiert vermutlich in so zahlreichen Varianten wie es Gerätemodelle gibt. Es ist wohl bisweilen auch üblich gewesen, dass die Plakate mit vorgegebenen Inhalten im Auftrag der US-Regierung durch externe, privat betriebene Vertragsdruckereien produziert wurden. So kursiert etwa im Netz bei seriös erscheinenden Auktionshäusern auch eine Version des Plakats mit Überschriften (ohne Zwiebelfisch!) in der »Ultra Bodoni Extra Condensed«, ebenfalls entworfen von Morris Fuller Benton (1928).
Die schwierigste Frage ist natürlich, in welcher Schriftart der Zwiebelfisch gesetzt ist. Doch eine Schrift anhand nur eines einzelnen Zeichens – und noch dazu eines so generischen wie des serifenlosen H – zu bestimmen, ist ziemlich herausfordernd. Aber ich hatte einen Verdacht …
Zur Person John Dillingers existiert in verschiedenen verlässlichen Quellen ein weiteres Fahndungsplakat, nämlich jenes, auf dem er explizit als »PUBLIC ENEMY NUMBER ONE!« gesucht wird. Auf diesem Plakat aus dem Jahr 1933 – also ein Jahr vor dem obigen veröffentlicht – sind u.a. genau diese beiden Zeilen in einer damals überaus populären fetten und serifenlosen Schrift gesetzt, nämlich in der »Franklin Gothic«. Und nun ratet, wer sie im Jahr 1902 entworfen hatte? Richtig: Schon wieder Morris Fuller Benton, von 1900 bis 1937 Design-Direktor bei American Type Founders.
»Was Bekanntheitsgrad, Bedeutung und Verbreitung anbelangt, sticht vor allem die ab 1902 produzierte Franklin Gothic hervor. Die ›amerikanische Helvetica‹ gilt (…) als der Standard schlechthin unter den US-amerikanischen Serifenlosen.«
Quelle: Wikipedia – »Morris Fuller Benton«
Bei einem am selben Tag veröffentlichten Fahndungsplakat nach einem Bandenmitglied Dillingers, Lester M. Gillis, alias »Baby Face« Nelson, findet sich ein »Condensed«-Schnitt der »Franklin Gothic« bei den beiden Zeilen mit der Aufzählung seiner Spitznamen.
Das Government Printing Office gab zudem auch Schriftmusterbücher heraus, in denen das offizielle Repertoire der Schriftarten aufgeführt war, die für Regierungsdrucksachen genutzt wurden. Ich konnte zwar online kein digitalisiertes Exemplar aus den 1930er-Jahren finden, wohl aber eins aus dem Jahr 1950. In diesem »Specimens of type faces in the United States Government Printing Office« erscheint auf den Seiten 104–106 auch die »Franklin Gothic«. Somit ist klar, dass auch diese Schriftart zum offiziellen Repertoire des GPO gehörte. Auf den Seiten 170 und 171 treffen wir dann auch noch auf die eigentliche, umgebende Headline-Schriftart des Plakats, die »Cheltenham Bold Extended«.
(Übrigens versteckt sich auch ein ganz spezieller und sehr dezenter Zwiebelfisch in dem Plakat mit »Baby Face Nelson«, denn die Satzzeichen-Punkte in der »Cheltenham Bold Extended« sind gemäß der Schriftprobe in dem Musterbuch rund. Auf dem Fahndungsposter jedoch taucht im Namen des Delinquenten die Abkürzung »Lester M. Gillis« mit einem eckigen Punkt auf. Hinzu kommt, dass Gillis mit zweitem Vornamen nachweislich Joseph hieß und online keine validen Unterlagen oder Informationen auffindbar sind, die erklären können, wofür das »M.« stehen soll. Womöglich ist auch dies ein Fehler in dem Plakat. Aber das ist jetzt wirklich Nerdkram. 😬)

Nehmen wir nun das gedruckte Zwiebelfisch-H aus dem anfänglichen Fahndungsplakat und vergleichen es mit dem H aus dem GPO-Schriftmusterbuch, stimmen Proportionen, Strichstärken und Buchstabenform frappierend überein.

Mein »educated guess« wäre somit, dass sich in der beauftragten Druckerei versehentlich ein »Franklin-Gothic«-H in den Setzkasten mit den gleich großen »Cheltenham Bold Extended«-Lettern verirrt hatte und es so als einer der bekanntesten Zwiebelfische der Kriminalgeschichte in die typographischen Annalen geschafft hat.
Case closed. Oder was meint Ihr? 🤓 🔠 🔍
Weiterführende Links
➡️ »The evolution of the wanted poster« – ein Interview mit FBI-Historiker John Fox (englisch)


































