Auch in meinem gerade zuendegegangenen Sommerurlaub, der mich auf die schöne dänische Insel Fanø, nach Värmlands län in Südwestschweden und zum Schluss nach Kopenhagen führte, habe ich wieder einige Fundstücke fürs Blog gesammelt. Als Montagsbonbon habe ich aus dem frischen Fundus mal wieder ein besonderes Exemplar meines Lieblingsbuchstabens, dem kleinen g, ausgesucht, das mir beim Einkauf in der Nachbarschaft der Kopenhagener Unterkunft an der Fassade eines SPAR Supermarkts auffiel. Wie ich schon hin und wieder hier dokumentierte, haben die Dänen beim g definitiv eine Vorliebe für besondere, ungewöhnliche Formen.


Stünde es einzeln, außerhalb eines Textes, könnte man es von weitem für eine 8 halten, aber im Kontext der Wörter und Texte finde ich es problemlos lesbar. Aus der Nähe trägt dann das Fähnchen oben rechts ergänzend zur Erkennbarkeit des Buchstabens bei. Für mich verleiht dieses g der serifenlosen geometrischen Schriftart, die eindeutig an Klassiker wie Avant Garde Gothic, Futura oder Avenir angelehnt scheint, einen sympathischen, ja humorvollen Akzent.

Die verwendete Schriftart, die SPAR für seinen Außenauftritt – nicht nur bei der Ladenbeschriftung, sondern z.B. auch in der Angebotswerbung – nutzt, trägt den Namen »Wigrum« und wurde im Jahr 2011 von Anouk Pennel und Raphael Daudelin vom Designstudio Feed in Montréal entwickelt und 2013 von Production Type (Frankreich) als komplette Schriftfamilie veröffentlicht. Die Schrift entstand im Rahmen der Buchgestaltung für einen Roman gleichen Namens des kanadischen Autors Daniel Canty.
»Canty, a contemporary writer from Québec, writes … about a mysterious character who moves at the border between fiction and reality, between Second World War time and present time, between Eastern and Western Europe. In order to typeset the book, Studio Feed created Wigrum, a sans-serif with strong references to both geometrical sans of the thirties and to their current influence.«
Quelle: talonbooks.com / Bureau des affaires typographiques (B.A.T.)
Im Wigrum-Alphabet fallen bei näherer Betrachtung noch einige weitere dezente Besonderheiten auf, beispielsweise der hohe »Schwerpunkt« bei R und S, das »doppelte W« oder das ohne unteren Bogen endende, abgeschrägte j.

Die dänischen Filialen der Supermarktkette SPAR verwenden die Schrift offenbar noch nicht allzu lange für ihren Außenauftritt. Die Grundlage für den Beginn der strategischen und visuellen Neuausrichtung von SPAR im Jahr 2024 bildeten umfangreiche Kundenbefragungen. Aus den Ergebnissen der Marktforschung wurde eine neue Positionierung abgeleitet, die auch der Konkurrenz durch lokale Discounter entgegentreten sollte. Sie lautet »Hele Danmarks lokale supermarked – med danske varer til lave priser.« (»Der lokale Supermarkt für ganz Dänemark – mit dänischen Produkten zu günstigen Preisen.«)
Der erste SPAR-Markt im neuen Look – eine Filiale am Bahnhof Rødovre im Osten Kopenhagens – eröffnete am 23. November 2023. Der offizielle Rollout des aktualisierten Erscheinungsbildes wurde jedoch erst ein gutes Jahr später, ab dem Quartal 2024, schrittweise in den übrigen SPAR-Filialen eingeleitet – dem Jahr, in dem die Kette ihr 70-jähriges Jubiläum in Dänemark (und auf YouTube) feierte. Am 14. Januar 2025 verkündete das Unternehmen dann die Neuausrichtung auch auf LinkedIn, wiederum begleitet von einem Videoclip, der die neue Positionierung der Marke visualisiert.
Verantwortlich für die Entwicklung und Umsetzung des neuen Markenauftritts (und vermutlich auch für die Wahl der neuen Schriftart) ist die dänische Kommunikations- und Markenagentur Mensch.
Nun sind Supermarktprospekte zwar ohnehin selten Paradebeispiele für Ästhetik und Design, doch seit der Umstellung sind die SPAR-Wochenwerbeblätter deutlich luftiger und aufgeräumter gestaltet. Auch der Wildwuchs bei der Schriftwahl wurde eingedämmt, denn zuvor wurden neben oder anstelle der bisherigen SPAR-Schriftart »Ronnia« (José Scaglione & Veronika Burian, Type Together, 2007) oft frei gewählte weitere Fonts eingesetzt. Und sowohl die generelle Farbgebung als auch die Formatierung der Angebotspreise wirken nun konsistenter.
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir gefällt der neue Look. Er wirkt frisch, modern, ansprechend und – entgegen der offensiv beworbenen günstigen Preise – ganz und gar nicht billig. 🤓 🔠 🛒

Bonus-Link
Eine verwandte Form des kleinen g findet sich übrigens auch bei der serifenlosen geometrischen Schriftart »Mg12« der spanischen Independent-Foundry atipo. Hier sind die beiden geschlossenen Formen, aus denen der Buchstabe besteht, allerdings noch mit einem kurzen Steg verbunden. Falls Euch diese Schrift gefällt, kann der »Medium«-Schnitt im Tausch gegen einen Social-Media-Share kostenfrei heruntergeladen werden, und die komplette Familie wird sogar zum Tarif »pay what you want« (!) angeboten.

























