Das Typographische Fundstück

verknallt in Schrift und Buchstaben

18.05.2026

Als typographisches Montagsbonbon heute mal wieder ein Fundstück aus Trier. Auf dem Fußweg zum und vom Hauptbahnhof kam ich öfter an dem eingezäunten Grundstück des »Bischöflichen Generalvikariats Bistum Trier« vorbei. Schon bei meinen letzten Besuchen fiel mir durch die Gitterstäbe des Zaunes ein mannshohes eisernes A auf, das auf dem Innenhof zur Straße hin installiert war. Es ist von einer Rostschicht überzogen und wurde offensichtlich aus vielen kleinen eisernen Fragmenten, Platten, gestanzten Kleinteilen und Röhren zusammengefügt. Auf einigen der Einzelteile finden sich »aufgelötete« Signaturen mit Namen und Datumsangaben, z.B. »Medard Schule« oder »Pierre Fourier 10d Aug«. Es scheint also, als sei das Objekt eine kollaborative Arbeit, an der auch Bildungseinrichtungen und/oder Schüler beteiligt waren.

Erst jetzt aber, beim wiederholten Passieren des Areals, bemerkte ich eine Schrifttafel, die außen am Zaun angebracht war und nähere Details zu der Buchstabenskulptur offenbart. Augenscheinlich handelt es sich um eine dreidimensionale Umsetzung des Logos der sozialen Aktion »AKTION ARBEIT im Bistum Trier«:

Ich weiß nicht, ob die Aktion – über das sicherlich interessante Erlebnis der gemeinsamen handwerklichen Arbeit an der Skulptur hinaus – etwas bewirkt hat. Aber auch abseits seines kirchlichen Kontexts und der Intention dahinter ist das große A auf jeden Fall ein interessantes Monument. 🤓 🔠 🅰️

15.05.2026

Das heutige Thema des Fundstück-Potpourris aus Barcelona lautet »Embleme an Hauseingängen«. Davon habe ich diesmal vier schöne Exemplare von meiner Kurzreise mitgebracht – zwei mit Buchstaben und zwei mit Jahreszahlen.

Bei meiner Fotosafari durch die Straßen der Stadt kam ich nicht umhin, die zahllosen, im Jugendstil erbauten oder mit dekorativen Elementen dieser Epoche geschmückten Gebäude zu bemerken. Barcelona ist ein prachtvolles Sammelbecken dieser Architektur: Über 2.000 Gebäude, so heißt es, wurden in der Zeit zwischen etwa 1880 und 1930 im Stil des katalanischen »Modernisme« in der Stadt erbaut und sind zu großen Teilen bis heute erhalten geblieben. Durch Abriss der alten Stadtmauer bekam Barcelona damals die Möglichkeit, sich großzügig auszudehnen. Der parallel wachsende Reichtum durch Industrie und Kapital führte zu einer wohlhabenden Bürgerschicht, wohingegen im Rest Spaniens eine Depression herrschte. Dieser neue Wohlstand beflügelte den Nationalstolz der Katalanen, sodass der Jugendstil hier eine eigene politische Ebene beinhaltete, die von Aufbruch, Erneuerung und Selbstbestimmung geprägt war.

»Die Architekten des Modernismus entwerfen ihre Gebäude ›komplett‹: Alle Räume, Farben, Dekorationen, Rahmen, Stühle, Fußboden und Gardinen werden bis ins letzte Detail geplant. Inspirieren lassen sie sich dabei von der Kunst des Orients und von der Natur selbst: weiche Linien, Kurven, geometrische Formen und ein buntes Farbenspektrum dominieren in allen modernistischen Werken Barcelonas. Unter den Motiven findet man exotische Pflanzenranken, Blüten und Palmen. Im Gegensatz zu den geraden Linen und Formen des Neoklassizismus ist der katalanische Modernismus frech und verspielt.«

Quelle: freibeuter-reisen.org – »Auf den Spuren des katalanischen Modernisme«

Und so stammen auch meine hier gezeigten Fundstücke aus dieser Zeit.

Das erste Emblem ist aus Metall gefertigt und in ein mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziertes Türgitter eingebettet. Es zeigt die mit Goldbronze bemalten Initialen »AM«, die mit Jugendstil-Buchstaben gestaltet und übereinandergelegt zu einer Art Monogramm arrangiert sind.

Das zweite Emblem fällt garantiert in die Blütezeit des Modernisme, wie die Jahreszahl 1893 beweist. Interessant fand ich hier die diagonal gestürzte Anordnung, die in Verbindung mit den Verzierungen der Ziffern dem Gesamtgebilde eine fast abstrakt-ornamentale Anmutung verleiht.

Fünf Jahre später wurde dann wohl dieses Emblem angebracht – erneut von floralen Ornamenten umgeben. Schlicht, aber schön, wenngleich gekrönt von neuzeitlichem Kabelsalat.

Zum Schluss folgt noch ein Gesamtkunstwerk in Form des prachtvollen Portals des »Centro Aragonés de Barcelona«, eines 1909 gegründeten aragonesischen Kulturvereins, der sowohl eine 14.000 Bände umfassende Bibliothek beherbergt als auch ganzjährig Konzerte, Ausstellungen, Handwerksmärkte, Lesungen, Theateraufführungen und Workshops veranstaltet und u.a. für die aragonesische Community in der Stadt eine Anlaufstelle darstellt.

Typographisch interessant fand ich sowohl den bogenförmigen Schriftzug über dem Eingang als auch das »CA«-Monogramm in dem roten Gittertor. Beides würde ich gleichfalls dem Modernisme zuordnen, nicht nur aufgrund des o.g. Gründungsdatums des Vereins, sondern bei der Inschrift z.B. auch aufgrund der deutlich nach unten (beim A und R) bzw. nach oben (beim E) versetzten Mittelachse der Buchstaben. Bei dem Emblem deuten die geschweiften Enden der Bögen, Winkel und Stämme der Buchstaben darauf hin. Bemerkenswert sind auch die eckigen »Spiralen« im Kapitell am Kopf der Säulen links und rechts des Eingangs.

Ich zumindest kam beim Herumstromern mal wieder aus dem Staunen nicht heraus – und die heutigen Bildbeispiele zeigen aus meiner Sicht sehr schön, wie eng Typographie, Kunst und Architektur in manchen Epochen oder Regionen miteinander verbunden sein können. 🤓 🔠 ⚜️

13.05.2026

Und hier wieder etwas typographische Häppchenkost am Mittwoch. Noch mal Barcelona, zweimal Autohändler. Zwar keine aufpolierten, repräsentativen Flagship-Stores mit makellosen, lichtdurchfluteten Showrooms, aber dafür mit einem ganz eigenen kreativen Charme bei der Fassadenbeschriftung – natürlich gemäß der Ansprüche der (vermutlich vorwegend männlichen) Zielgruppe: kantig, technisch, kraftvoll, schnittig.

Hinzu kamen die beiden nicht gerade spanisch anmutenden Namen »Müller« und »Dachs« – könnten es Einwanderer mit Kfz-Expertise sein aus dem einst glorreichen Autoland Deutschland? Quién sabe … 🤓 🔠 🚘

11.05.2026

Weiter geht’s beim »Abbau« meiner typographischen Fundstücke aus Barcelona mit einem Potpourri fantasievoller Ladenbeschriftungen. Ich war wieder einmal entzückt, wie individuell und originell die Gründer bzw. Inhaber ihre Schriftzüge gestalten, anstatt diesen Aufwand zu scheuen und zu beliebigen, inflationär verbreiteten Schriftarten zu greifen.

Lloable!*

* (katalanisch: lobenswert!)


Das erste Wort in der nachfolgenden Beschriftung – so hübsch es auf den ersten Blick aussieht – ist leider suboptimal gestaltet. Die beiden eher f-ähnlichen Zeichen sollen tatsächlich den Buchstaben t repräsentieren: Das katalanische Wort »tintoreria« – ich las es zuerst fälschlich als »finforeria« – bedeutet sowohl »Färberei« als auch »(chemische) Reinigung«. Der Text darunter »neteja i tint de la pell · i planxat al vapor« bedeutet übersetzt »Lederreinigung und -färbung · chemische Reinigung«. Das Geschäft ist inzwischen offenbar leider dauerhaft geschlossen.

Fortsetzung folgt! 🤓 🔠 🖌️

09.05.2026

Typographisches Fundstück zum Wochenende. Ohne große Worte – einfach, weil die Zeiten derzeit zu düster und das Leben generell zu kurz sind, um nicht dem Schönen, Wahren, Guten, so oft wie es irgend geht, mehr Raum zu bieten.

Lest es als Verb. Imperativ. 🤓 🔠 ♥️

»Das Wahre suchen und das Schöne lieben,
das Gute üben,
kein edler Ziel kann im Leben
ein Mensch erstreben,
kein reiner Glück kann auf Erden
der Seele werden.«

Karl von Gerok (1815–1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

08.05.2026

Der zweite Beitrag meiner am letzten Freitag begonnenen Bilderserie vom kürzlichen Berlin-Kulturausflug stammt direkt vom Gendarmenmarkt – genauer gesagt: an der Adresse Markgrafenstr. 39, direkt gegenüber dem Konzerthaus. Ich hatte noch etwas Zeit bis zum Beginn des anstehenden Konzerts und so ging ich die Straße entlang, um mir die benachbarten Gebäude einmal näher anzusehen. Die vollständig mit einem gelb-roten Mosaik geschmückte Fassade dieses Hauses stach in der Reihe der Nachbargebäude besonders hervor. Und erst auf den zweiten Blick bemerkte ich hinter den Baumkronen (siehe animierte Markierung im Bild) drei – ebenfalls aus Mosaiksteinchen gefertigte – Schrifttafeln.

Um diese Tableaus überhaupt unverdeckt abbilden zu können, machte ich aus verschiedenen Blickwinkeln, zwischen den Ästen der Bäume hindurch, mehrere separate Aufnahmen und fügte diese zu einer simulierten Gesamtansicht zusammen.

Im Erdgeschoss des Gebäudes unter den insgesamt drei knallroten Markisen befinden sich im Bereich der Eingangstür mehrere in die Fassade eingelassene Beschriftungen: oberhalb: »Akademie Buchhandlung G. W. Leibniz«, links neben der Tür, von oben nach unten: »AKADEMIE·VERLAG·BERLIN« und rechts, ebenfalls von oben nach unten: »HERMANN·BÖHLAU s Nachf. WEIMAR«. Auf der Markise selbst wirbt der derzeitige Inhaber des dort ansässigen Geschäfts mit den Schlagworten »Tradition & Qualität« (linke Markise), »Plauener Spitze«, »Kuckucksuhren« und »Erzgebirgswaren« (mittlere Markise) und »Made in Germany« (rechte Markise) für sein Angebot. Oben auf der zentralen Markise befindet sich zudem der Name des Handelsunternehmens, der nur zu sehen ist, wenn das Stoffdach voll ausgefahren ist: »DAS SACHSENHAUS«. Kurioserweise wurde dieser in der wenig traditionsgemäß wirkenden, kantigen Computerschrift »Krungthep« gesetzt, die von 1984–97 unter dem Namen »Chicago« (Susan Kare für Apple Computer, 1983) und anfangs als reiner »Pixel-Font« Bestandteil der Systemsoftware von Apple-Macintosh-Computern war. Der legendäre Font ist zwar nach wie vor auf der MacOS-Plattform verfügbar, allerdings inzwischen unter geändertem Namen und um einen thailändischen Zeichensatz ergänzt.

Die Beschriftungen auf den Frontseiten der Markisen wurden in der Schriftart »Arial Rounded MT Bold« (Robin Nicholas, 1993 für Monotype) umgesetzt. Auch dies ist eine Systemschriftart, allerdings lizenziert von Microsoft für ihre Office-Applikationen. Tradition, wohin man blickt …

Doch zurück zum Gebäude. Man könnte annehmen, dass »Das Sachsenhaus« die Bezeichnung für dieses Wohn- und Geschäftshaus ist. Dem ist jedoch nicht so, dieser Name bezieht sich allein auf diese Filiale des folkloristischen Ladengeschäfts. Auf der Website der Bildagentur akg images finden sich einige Aufnahmen des Bauwerks, die noch zu DDR-Zeiten entstanden sind und das Erdgeschoss ohne Markise und mit dem zuvor dort ansässigen Buchladen zeigen. Dieser vertrat den bereits oben genannten, renommierten »Akademie-Verlag« und wurde im Jahr 1988 an diesem Standort – damals hieß die Adresse noch »Platz der Akademie« – eröffnet. Kein Zufall – denn sowohl die Benennung des Platzes als auch der Buchhandlung waren zu Repräsentationszwecken von staatlicher Seite bewusst aufeinander abgestimmt:

»Der Akademie-Verlag (Eigenschreibung: Akademie Verlag, früher Akademie-Verlag Berlin) war ein von 1946 bis 2013 bestehender deutscher Wissenschaftsverlag mit Sitz in Berlin. Er verlegte Werke aus den Fachgebieten Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Er war der bedeutendste Wissenschaftsverlag der DDR. Insgesamt erschienen über 12.000 Buchtitel und über 60 regelmäßig erscheinende Zeitschriften mit über 700.000 einzelnen Heften.

Im Signet des Verlags fand sich seit 1957 der Kopf von Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Gründer der Akademie im Jahre 1700, sowie der lateinische Wahlspruch ›THEORIA CUM PRAXI‹ (Theorie mit Praxis).
(…)
Mitte der 1950er Jahre gehörte er zu den größten Exportverlagen der DDR. Anfang der 1970er Jahre exportierte der Verlag 55 % seiner Produktion ins westliche Ausland. Mitte der 1980er Jahre waren es 66 %. Das anfangs noch recht übersichtliche Programm wuchs in die Breite und umfasste rund 25 Wissensgebiete aus Geistes- und Naturwissenschaften, Medizin und Technik.«

Quelle: Wikipedia – »Akademie-Verlag«

Damit ist auch geklärt, in wessen Auftrag und zu welchem Zeitpunkt die drei Mosaik-Texttafeln unter den Fenstern im 1. Obergeschoss des Hauses angebracht wurden. Und obwohl der erste Eindruck vermuten lässt, dass es sich um ein frühes historisches Gebäude handelt, widerlegen online verfügbare Quellen auch dies. Das Ensemble aus Wohn- und Geschäftshäusern an der Adresse Markgrafenstr. 39–41 wurde tatsächlich erst in den Jahren 1985–87, kurz vor dem Fall der Mauer, errichtet.

»Die Baumaßnahmen der 1980er Jahre am Platz der Akademie (seit 1991 wieder als Gendarmenmarkt bezeichnet) belegen anschaulich das Ziel, eine der Bedeutung des Standortes angemessene Gestaltung zu finden. […] Im Brüstungsbereich der Fenster und im Traufbereich werden durch dunkelrote Mosaiksteine vom Jugendstil inspirierte Zierelemente angedeutet. […] In den Brüstungsfeldern der darüber gelegenen Fenster befindet sich mit dem Schriftzug ›THEORIA CUM PRAXI‹ die von Gottfried Wilhelm Leibniz stammende Maxime für die von ihm begründete Akademie der Wissenschaften.«

Quelle: berlin.de – Landesdenkmalamt, »Erläuterungen zum Vorliegen der Merkmale eines Denkmals nach § 2 DSchG Bln vom 24.5.95« (PDF)

»Fake-Jugendstil«, könnte man also gemäß heutigem Vokabular zur Fassade des Vorzeigebaus für den angesehenen Verlag sagen. Und irgendwie passt diese »Mosaiktapete« ja dann auch wieder ganz gut zu den mit Computer-Systemschriften bedruckten Markisen an dem aktuell dort betriebenen Kunstgewerbeladen. 🤓 🔠 📖

06.05.2026

Und schon stand die nächste Reise an – eine Woche Kurzurlaub in der 1.-Mai-Woche in Trier. Die Unterkunft war, wie meistens, mit Selbstverpflegung gebucht und gleich am ersten Abend kam Appetit auf frisch gebackene, gute Steinofenpizza auf. Ein italienisches Restaurant, das in der Stadt seit über 50 Jahren ansässig ist und damit zum kulinarischen Urgestein gehört, lag keine 5 Gehminuten von der Ferienwohnung entfernt und wurde zur Bezugsquelle für zwei Pizze »to go« erkoren.

In der Appartementküche beim Auspacken fiel mir auf dem Deckel des Pizzakartons sofort die bizarre Formgebung des Doppel-z bei dem Wort »Pizza« auf. Es las sich eher wie »Pi(t)zma« und wirkte um so absonderlicher, je länger ich daraufschaute. Hier hatte sich der Kartongrafiker bei seinem Versuch der Gestaltung eines handgemachten Schriftzuges meines Erachtens typographisch eindeutig verhoben.

Die Illustration hingegen ist handwerklich nicht zu beanstanden. Nun kann man rätseln: War der Kartongestalter ein geübter Illustrator und hat dafür spürbar weniger Talent bei der Schriftgestaltung? Oder wurde das Bildmotiv von einem externen Bildanbieter lizenziert und die Person, welche die Druckvorlage erstellte, hatte überhaupt keine gestalterische Ausbildung, sodass der Do-it-yourself-Schriftzug als laienhafter Versuch zu sehen ist, mit den Designtools des genutzten Rechners das Wort mühsam manuell umzusetzen?

Der Ursprung des Bildes blieb auch nach einer Rückwärts-Bildersuche im Unklaren. Offensichtlich kursiert das Motiv seit geraumer Zeit, sowohl mit als auch ohne das Wort »Pizza« und in zahlreichen Farb-, Druck- und Schriftvarianten im Kreise von Restaurants sowie Verpackungsanbietern. Eine kommerzielle Bildquelle ließ sich nicht ausfindig machen, doch auch der kuriose Schriftzug findet sich unter den Suchergebnissen mehrfach wieder, vereinzelt ist er eine Idee besser zu entziffern.

Natürlich könnte man sagen, »Hey, es ist nur eine Einwegverpackung und die kommt doch nach dem Essen der Pizza sowieso ins Altpapier« oder »Die Pizza schmeckt doch trotzdem, egal, wie gut oder womit der Karton bedruckt ist«. Aber mir geht es nun mal so, dass ich es immer etwas bedaure, wenn das letzte Quentchen gestalterischer Mühe oder überschaubarer Kosten, das aus einem »okayen« Design ein besseres gemacht hätte, nicht investiert wurde.

Deshalb gibt’s hier von mir einen Vorschlag für das Kartondesign mit einer käuflichen Schriftart, die mit ihren Formen die Dampfschwaden aus dem Pizzaofen aufgreift, die das Doppel-z mit der Unterlängen-Schlaufe beibehält und dem Auge, wie ich finde, etwas mehr schmeichelt als die ursprüngliche Umsetzung.

Buon appetito! 🤓 🔠 🍕

04.05.2026

Ich versuche meistens, meine typographischen Fundstücke so zu sortieren, dass die sogenannten »Montagsbonbons« eher Motive zeigen, zu denen es entweder nicht sonderlich viel zu erzählen gibt – entweder, weil sich dazu trotz emsiger Recherchen keine weiteren Fakten ausgraben lassen oder weil nur wenige Erläuterungen vonnöten sind, da die Bilder für sich selbst sprechen. Das heutige Motiv – geknipst an der Haupt-Durchfahrtsstraße im Ort Schönhausen/Elbe in Sachsen-Anhalt auf dem Weg nach Stendal – gehört ein bisschen zu beiden Kategorien. Außer dem Namen des Betriebes und der Tatsache, dass sich dort anscheinend auch heute noch eine aktiv tätige Tischlerwerkstatt befindet, waren im Netz keine weiteren Details zu finden.

Fotografiert habe ich die Beschriftung, weil ich es immer wieder faszinierend finde, wie gekonnt es manche professionellen Schildermaler schaffen, den Duktus kalligrafischer Schriften, die normalerweise von Hand mit einer Breitfeder (und in wesentlich kleinerem Format) auf Papier geschrieben werden, derart ins Riesenhafte und noch dazu auf eine senkrechte, raue Fläche zu übertragen. In einem früheren Beitrag hatte ich schon einmal ein solches Werk aus dem Schankraum eines Regensburger Brauhauses vorgestellt.

Freuen wir uns also heute einfach nur ohne einen vertiefenden Text über dieses Zeugnis althergebrachter Schildermalerei – trotz des fehlenden Leerzeichens nach »Bau-« – und wünschen dem Tischlermeister, dass die Werbung an seinem Giebel nicht nur vorbeifahrende Buchstabennerds, sondern auch zahlende Kunden auf seine Werkstatt aufmerksam macht …
🤓 🔠 🪑

01.05.2026

Mit dem heutigen Beitrag möchte ich eine kurze zweiteilige Serie mit Fundstücken einleiten, die ich innerhalb einer guten Stunde in Berlin aufgetan habe. Ich machte mich an einem Samstag Ende März mit dem Regionalzug auf nach Berlin, um am Nachmittag ein spannendes Konzert an der Orgel des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, gespielt vom jungen Virtuosen und Organist der Berliner Gedächtniskirche, Sebastian Heindl, zu besuchen.

»Ein Heldenleben? – heroische Musik für Orgel«
  • Rachel Laurin – „Étude Héroïque“ op. 38
  • Clara Schumann – „Caprice á la Boléros“ aus „Quartre Pièces caractéristiques“ für Klavier op. 5, für Orgel übertragen von Sebastian Heindl
  • César Franck – „Symphonie héroïque“ (zusammengestellt von S. Heindl)
  • Sebastian Heindl – Improvisation (u. a. über Themen aus dem Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber)

Meine Zugreise endete am Bahnhof Potsdamer Platz und ich beschloss, da noch Zeit genug war, den Weg zum Konzerthaus zu Fuß zurückzulegen. Nach wenigen hundert Meter Wegstrecke bemerkte ich an einer Straßenkreuzung ein großes Jugendstil-Eckhaus, dessen Fassade mit opulenten Mosaiken in Grün, Gold und Schwarz und der Abkürzung »W.M.F.« geschmückt war. »Interessant«, dachte ich – liegt doch der Firmensitz und Gründungsort, Geislingen an der Steige, gut 500 km Luftlinie entfernt. Die 1853 gegründete Firma WMF (Württembergische Metallwarenfabrik), seit den 1950-er und 1960-er Jahren bekannt für ihre ebenso funktionalen wie ästhetischen Haushaltswaren, schien also bereits früh Bedarf an einer repräsentativen Niederlassung in der deutschen Hauptstadt gehabt zu haben.

Tatsächlich hat das 1903/1904 als Verwaltungsgebäude des Unternehmens errichtete »WMF-Haus« eine interessante und bewegte Geschichte:

»Das Gebäude […] diente zum Zeitpunkt der Eröffnung dem Unternehmen als Verwaltungsgebäude. […] Im Erdgeschoss bedienten 100 Angestellte die Käufer, zwei darüberliegende Etagen beherbergten eine Musterausstellung des Unternehmens. In den obersten Etagen befand sich die Berliner Redaktion der französischen Zeitung Le Matin.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte es verschiedene Nutzer, unter anderem ein Konfektionsgeschäft, ein Lebensmittelgeschäft und einen Auto-Ersatzteile-Markt. Das Gebäude wurde vom Ost-Berliner Magistrat für die Verbreiterung der Straße 1986 enteignet und verfiel. Am 6. Juni 1990 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, die WMF erhielt es zurück und verkaufte es […]. Das Haus wurde berühmt, weil es Anfang der 1990er Jahre Namensgeber und Gründungsstätte für den Technoclub WMF-Club war, dieser besetzte das Haus und veranstaltete illegale Partys.«

Quelle: Wikipedia – »WMF Haus«

Die Embleme links und rechts des Firmennamens in den Mosaiken zeigen einen laufenden Vogel Strauß. Dieses Markensymbol des Unternehmens wurde um 1903 – also etwa zeitgleich zum Baujahr des Hauses – eingeführt, um Produkte des Unternehmens mit einem geprägten Motivstempel als Originale zu kennzeichnen. Man nimmt an, dass das Symbol Strauß vom Nachnamen eines der WMF-Gründer (Daniel Straub) abgeleitet wurde. Zur Entstehungsgeschichte und Nutzung dieses und weiterer WMF-Markenzeichen finden sich viele weitere Details auf der Website des auf antike Tischwaren und Bestecke spezialisierten Antiquitätenhändlers Ralph Prüschberg.

Obwohl nur die drei Buchstaben des Monogramms für die Analyse der Schriftart zur Verfügung stehen, bieten sowohl das Entstehungsjahr des Gebäudes als auch die ausladenden Formen und markanten Serifen der genutzten Zeichen genug Anhaltspunkte, um sie ähnlichen Schriften vom Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts zuzuordnen. Exakte Übereinstimmungen ließen sich zwar nicht finden, aber große Ähnlichkeiten. Drei Beispiele für verwandte Schriften, inspiriert oder abgeleitet aus jener Zeit, sind »MFC Elmstead« (Font Brothers, nach Initialen aus dem Buch »Monograms and Alphabets for Combination« von Dollfus, Mieg & Cie aus den 1880-er Jahren), »Remus« (Ralph M. Unger, nach dem Schriftentwurf »Romanisch« von Schelter & Giesecke, 1889) oder »TS Verona« (Walter Florenz Brendel/Brendel Type Studio, 1974–1978 für die »TypeShop Collection« nach Schriftentwürfen ).

Zum wiederholten Male ein feines Fundstück aus der Ära des Jugendstils – eine Zeit, die für schöne Schriften unglaublich ergiebig zu sein scheint. 🤓 🔠🍴

30.04.2026

Durch meine kürzliche berufliche Reise nach Barcelona tut sich hier gerade ein kleiner Stau an Fundstücken auf, die ich in etwas dichterem Takt posten werde, denn ich hatte erfreulicherweise neben dem geplanten Messebesuch auch einige Zeit für Erkundungen in den Straßen und Stadtvierteln dieser lebendigen und traditionsreichen Stadt.

Die meisten Motive werde ich nicht ausführlich kommentieren, da sie oft von den Fassaden kleiner, inhabergeführter Geschäfte stammen, zu denen es kaum weiterführende Informationen im Netz gibt, oder weil die kommentierbaren typographischen Eigenheiten der Motive nicht genug für lange Erläuterungen hergeben. Dennoch wird es einiges Schöne und Kuriose zu sehen geben.

Fangen wir an mit drei Verpackungen aus einem lokalen Supermarkt. Ich habe in den Regalen bewusst nur nach Designs gesucht, bei denen Typographie eine Hauptrolle spielt.

Ich fand, zwischen all den anderen, herkömmlichen Verpackungen, bei denen der Inhalt entweder durch transparente Folie erkennbar ist oder die mit (realistischen) Abbildungen von »Serviervorschlägen«, Zutaten oder dem Produkt bedruckt sind, stachen diese auf eine eigene Art hervor.

Und sogar ich, der die spanische Sprache nur rudimentär versteht, erkannte auch so – insbesondere bei der komplett unbebilderten weiß-blauen Verpackung –, was darin feilgeboten wird. 🤓 🔠 📦

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