Bezüglich des heute präsentierten typographischen Fundstücks möchte ich Kritik und Lob in der Waage halten. Gegenstand der Betrachtung ist ein Schriftkunstwerk an der Westfassade des Potsdamer Stadtschlosses, das mittlerweile den Landtag Brandenburg beherbergt. Der goldene geschwungene Schriftzug »Ceci n’est pas un château.« (»Das ist kein Schloss.«) befindet sich außen, zwischen dem 1. und 2. Obergeschoss.

Das Bauwerk sieht zwar aus wie das historische preußische Stadtschloss, beherbergt im Inneren jedoch ein modernes Parlamentsgebäude und dient heute als demokratischer Arbeitsort statt als königliche Residenz. Der Spruch soll ironisch darauf aufmerksam machen, dass der Neubau inklusive der Fassade eine moderne Rekonstruktion ist und das Gebäude eine neue Funktion hat. Das ursprüngliche Potsdamer Stadtschloss war 1662–1669 an gleicher Stelle errichtet worden und wurde Ende des Zweiten Weltkrieges durch einen alliierten Bombenangriff zerstört.
Anlässlich großer öffentlicher Baumaßnahmen wie dieser stellt das Land Brandenburg Gelder für »Kunst am Bau« bereit. Damit soll durch projektspezifische, speziell für den jeweiligen Ort bzw. die jeweilige Architektur konzipierte Kunst ein kultureller Mehrwert geschaffen und zugleich Kunst und Kultur gefördert werden. Auch für das wiedererrichtete Potsdamer Stadtschloss wurde 2011 ein Wettbewerb für »Kunst am Bau« ausgelobt.
Die Idee zu dem Schriftobjekt war eine Einreichung der Potsdamer Künstlerin Annette Paul, die damit den 2. Preis des Wettbewerbs gewann und mit ihrem Werk auf das berühmte Gemälde »La Trahison des images« (»Der Verrat der Bilder«) des Surrealisten René Magritte aus dem Jahr 1929 anspielt. Die typographische Skulptur aus in Ton modellierten und mit Blattgold überzogenen Stucklettern wurde 2013 an der Fassade installiert.
Bei der Bestimmung der Schriftart half mir diesmal ein winziges Detail, nämlich die rautenförmige Form der Punkte über dem i und am Ende des Satzes. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich bei der Schriftvorlage um die »Excelsior Script« handelt, die im Jahr 1906 von der Niederländischen Schriftgießerei Lettergieterij Amsterdam herausgegeben wurde. Die elegante Schreibschrift, die zu einer ganzen Gruppe sehr ähnlicher Varianten gehört, wie etwa »Künstlerschreibschrift« (aka »Künstler Script«, D. Stempel AG, 1902) oder »Palace Script« (Stephenson Blake, 1923) ist keine handschriftliche kalligraphische Schreibschrift, sondern basiert auf englischen und französischen Kupferstich-Schreibschriften des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Wahl einer Schriftart aus dieser historischen Kategorie der »Écritures calligraphiques« ist vermutlich auch eine Reminiszenz an den Baustil des Schlosses, ein Hauptwerk des sog. »Friderizianischen Rokoko« unter Friedrich dem Großen, dessen Vorbilder in der französischen Architektur und Hofkunst des 18. Jahrhunderts und den Schloss- und Palaisbauten in Paris und Versailles liegen.
Von der gewählten Schrift existiert eine digitalisierte Version mit dem Namen »OPTIExcelsiorScript-Semi« auf Basis einer Bleisatzversion des Anbieters »Typefounders of Chicago« aus dem Jahr 1960. Die digitalisierte Familie wurde 1990/1991 mit zwei Schnitten veröffentlicht von dem offenbar etwas dubiosen Unternehmen Castcraft Software.

»Castcraft was notorious in the sixties and seventies for pirating film fonts for headline setting machines (…).«
Quelle: luc.devroye.org – Zitat-Ausschnitte zur Firma CastCraft Software Inc. von Mark Simonson (oben) und Florian Hardwig (unten)
»(…) virtually all of them are based on designs by others, made and distributed without authorization and without compensating the original designers (…).«
Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Schriftzüge oben im Bild nicht 100%ig übereinstimmen – es gibt Abweichungen beim Apostroph und beim Accent circonflexe über dem a in »château«. Beide Abweichungen finde ich jedoch – nun folgt das Lob – formal ansprechender als die Umsetzung in der digitalisierten Schriftprobe. Das integrierte Apostrophzeichen im Font »OPTIExcelsiorScript« sieht einem Accent aigu ähnlicher als der üblicheren Form eines »schwebenden Kommas« und ist zudem sehr weit oben positioniert, so dass es fast davonzufliegen scheint. Beides war bei Schreibschriften dieser Art zwar nicht unüblich (ich habe in historischen Schriftmusterbüchern nachgesehen), aber für heutige Sehgewohnheiten sieht es m. E. etwas »falsch« aus. Insofern gefällt mir die tiefer platzierte und etwas gekrümmter angelegte Form des Apostroph besser. Auch der aus meiner Sicht besser an die extreme Schrägstellung der Schrift von ca. 40° angepasste Accent circonflexe passt für mein Empfinden besser zu den Buchstaben als die Form in dem Computerfont.
ABER – und nun folgen meine zwei kleinen Mäkeleien – ich hätte den Apostroph ein gutes Stück weiter links platziert. Sprachlich ist er in dieser Konstellation nämlich ein Auslassungszeichen innerhalb der ausgeschriebenen Wortkombination »ne est«. Das erste e wird aufgrund des Aufeinandertreffens zweier Vokale weggelassen und diese Auslassung mit dem Apostroph gekennzeichnet. Das ist im Französischen sehr oft der Fall, wie etwa auch bei l’ami, l’eau oder n’écoute. Vor und nach dem Apostroph steht dann kein Leerzeichen.
Die zweite Mäkelei betrifft das Schluss-s im Wort »pas«. Daran befindet sich rechts noch ein aufwärts führender Verbindungsstrich, der bei dieser Schreibschrift eigentlich einen flüssigen Übergang zum folgenden Buchstaben ermöglichen soll – obwohl das betreffende Wort hier endet und gar kein weiterer Buchstabe folgt. Besser wäre gewesen, ein Schluss-s aus dem Zeichensatz zu nutzen (oder manuell auszuarbeiten), bei dem dieser Verbindungsstrich gar nicht angelegt ist. Im Schriftmusterbuch der oben erwähnten Lettergieterij Amsterdam ist ein Wort in der »Excelsior Script« mit einem korrekten Schluss-s zu finden:

Wären diese beiden Kritikpunkte bei dem Schriftzug an der Fassade berücksichtigt worden, sähe er so aus:

Ich fände diese Variante noch ein Ideechen »plus chic« – aber trotzdem ist es natürlich auch so ein originelles und stilistisch sehr passendes Kunstwerk. 🤓 🔠 🏰




























