Als ich vor wenigen Wochen in Kopenhagen war, führte mich mein Weg an einem der Tage in das kiezige Szeneviertel Nørrebro, das mich ein wenig an Belin-Kreuzberg erinnert. Auf der etwa anderthalb Kilometer langen Wegstrecke zwischen den Metrostationen Nørrebros Runddel und Nørrebro ließ ich natürlich sowohl an der Hauptstraße als auch in die kleinen Seitenstraßen hinein meinen Blick schweifen, um schöne neue typographische Fundstücke zu finden. Und in der Nebenstraße »Sorgenfrigade« entdeckte ich oberhalb eines Schaufensters dieses farbenfrohe alte Schild:

In den Geschäftsräumen an dieser Adresse befindet sich mittlerweile kein Geschäft mit »Möbel-Ausverkauf« mehr, sondern die Kopenhagener Niederlassung des 2018 gegründeten dänisch-guatemaltekischen Social-Business-Labels »Pura Utz«. Statt Sofas, Tischen und Stühlen zum Sonderpreis werden in dem Laden nun Perlentaschen, Modeschmuck und andere Accessoires angeboten, die im Auftrag der beiden Gründerinnen Bernabela Sapalú (🇬🇹) und Anna Waller Andrés (🇩🇰) von fair entlohnten Kunsthandwerker*innen in Guatemala gefertigt werden.
Das handgemalte Schild ist vom Zahn der Zeit mittlerweile ziemlich angenagt worden, aber die Farben wirken noch frisch und leuchtend. Die Schrift mit den kurzen Ober- und Unterlängen und der prägnanten x-Höhe entspricht keiner mir bekannten kommerziellen Type. Die auffälligsten Besonderheiten des Schriftzuges sind das weit gespreizte M, der Querstrich im ø, der nicht über die Zeichenkonturen hinausragt, das kleine b, dessen senkrechter Hauptstrich nicht auf der Grundlinie aufsetzt, sondern in der Rundung des Bauchs aufgeht, die extrem eng ausgestalteten oberen Bögen bei s und a sowie die gestutzte Unterlänge des g. Bei der Rekonstruktion der abgeblätterten Regionen der Buchstaben war das U die größte Herausforderung, denn durch den stark beschädigten Farbauftrag war seine ursprüngliche Form nicht mehr auf den ersten Blick identifizierbar. Entweder besaß es nur einen »normalen« einfachen unteren Bogen, oder aber – zwar eher selten vorkommend, aber möglich – einen zusätzlichen senkrechten Abstrich auf der rechten Seite, wie es z. B. beim »Alternates«-Schnitt der Schriftart »Montserrat« (Julieta Ulanovsky, Google Fonts, 2011) als alternative Zeichenform angelegt ist.

Zum Glück konnte ich im Netz jedoch noch ein weiteres Foto des Werbemotivs finden, bei dem die Verwitterung noch nicht so weit fortgeschritten war und somit war die korrekte Form des U geklärt. Auf diesem Foto aus dem Jahr 2022 ist außerdem erkennbar, dass zuvor in den Räumen ein Waschsalon betrieben wurde, denn auf den mit Packpapier verhängten Schaufenstern finden sich diesbezüglich noch aufgeklebte Angebotstexte.
Auf den ersten Blick leicht zu übersehen, aber beim Nachbauen um so offensichtlicher wurde das Detail, dass der orangerote 3D-Schatten hinter dem Schriftzug nicht konsequent den Formen der gelben Buchstaben folgt. Schaut man sich die Innenräume in den Schattenformen der Zeichen ø, b, e, d, a und g an, bemerkt man, dass diese teilweise deutlich kleiner ausfallen als bei den Buchstaben im Vordergrund – wohl etwas künstlerische Freiheit seitens des Schildermalers bzw. der Schildermalerin.

Zu dem früher dort präsenten Möbel-Outlet war in den Weiten des Internet kaum etwas zu finden – insbesondere keine weiteren älteren Fotos oder Werbeanzeigen. In digitalisierten historischen Telefonbüchern aus dem Bestand der Kopenhagener Bibliothek fand ich zu der Adresse immerhin textliche Einträge, die dafür sprechen, dass ein dort bereits ansässiger Möbeltischlermeister namens Carl Andersen sich 1934 mit einem Kollegen namens Axel Christian Lund zusammenschloss. Ab 1935 bis zum Jahr 1963 firmierte der Betrieb an dieser Adresse dann unter »Lund A Chr. Møbelhdl.«. 1964 wechselt der Firmenname für ein Jahr zu »Schiller Benny Møbelh.«, danach finden sich keine Einträge mehr für diese Branche.
Gehen wir also davon aus, dass das gemalte Motiv ein Überbleibsel der fast 30jährigen Geschäftstätigkeit der beiden Möbeltischler ist. Und für sein Alter von mindestens 63 Jahren sieht es eigentlich noch recht frisch aus. 🤓 🔠 🪑




























