Heute folgt das vorerst letzte Foto mit einem typographischen Fundstück aus Kopenhagen. Fotografiert habe ich die Beschriftung dieses alten Gasthauses am Kanal Nyhavn nahe dem Stadtzentrum.
»Der Nyhavn (dänisch für ›neuer Hafen‹) ist ein zentraler Hafen in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Der 1673 fertiggestellte Kanal Nyhavn wurde in Auftrag gegeben, um einen Stichkanal vom Kopenhagener Hafen zum Platz Kongens Nytorv zu schaffen. Die farbenfrohen Giebelhäuser an beiden Seiten des kleinen Hafenarms entstanden vorwiegend im 18. und 19. Jahrhundert. Das Hafenmilieu brachte frühzeitig zahlreiche Tavernen hervor, und die Gegend ist bis heute mit ihren vielen Restaurants, Bierstuben und Tanzlokalen neben der Istedgade eines der bekanntesten Vergnügungsviertel Kopenhagens.«
Quelle: WIkipedia, »Nyhavn«
Es ist ja manchmal so an solchen touristischen Brennpunkten, dass vor lauter Besucher*innen, Shoppingflanierenden, Sonnenschirmen, Markisen, dicht möblierten Außenbereichen, Straßenkünstler*innen und Radfahrenden die Fassaden der Gebäude optisch etwas ins Hintertreffen geraten. Gleichwohl lohnt es sich, auch an wuseligen touristischen Orten ab und zu innezuhalten und sich umzuschauen, um abseits des Trubels ein Auge auf Details zu werfen.

Das Gasthaus »Nyhavns Færgekro« mit seiner einst weißen, seit ca. 2011 jedoch leuchtend blauen Fassade, befindet sich nur zwei Häuser links des ältesten Gebäudes an diesem Straßenzug, welches im Jahr 1681 an der Adresse Nyhavn 9 erbaut wurde. Etwa 50 Jahre später, um das Jahr 1736, entstand dann an der Hausnummer 5 das Bauwerk auf dem Foto, zunächst als zweistöckiges Gebäude. In den folgenden rund 100 Jahren wurde es in Etappen um zwei Etagen aufgestockt und diente offenbar zunächst als städtisches Wohnhaus. Das Hinterhaus mit Keller und drei Stockwerken wurde 1757 im Auftrag des Gastwirtes Lorentz Svendsen erbaut.
»Færgekro« bedeutet auf Deutsch »Fährkrug« oder »Fährhaus« (Færge = dän. Fähre; Kro = dän. Krug, Gasthaus, Wirtshaus, Gaststätte). Es handelt sich um ein traditionelles, oft historisches Gasthaus oder Hotel, das direkt an einem Fähranleger liegt. Zumeist bieten Færgekroen neben Gastronomie auch Übernachtungsmöglichkeiten an und ihre Lage gewährt Blick auf das Wasser.
Obwohl der heutige Restaurantbetrieb nach eigenen Angaben erst im März 1983 eröffnete, taucht der historische Schriftzug an der Fassade bereits auf einer um 1930 gedruckten Postkarte, auf einem alten Foto aus dem Jahr 1938 und einem weiteren undatierten Bild, vermutlich aus Mitte der 1950-er Jahre, auf. Somit gab es wohl schon früher ein Wirtshaus dieses Namens, wenngleich dazu im Netz leider keine weiteren Daten auffindbar sind.
Belegt ist jedoch, dass sich in Nyhavn 5 um 1911/1912 einst die Büros der White Star Line befanden – der Reederei, die Fahrkarten für die »RMS Titanic« verkaufte. Wenn man genau hinschaut, sollen auf den erhaltenen historischen Fensterscheiben des Hauses noch immer die Namen der Reiseziele »New York«, »São Paulo« oder »Rio de Janeiro« erkennbar sein, die damals zu Werbezwecken in das Glas eingraviert wurden. Die meisten Passagiere, auch jene aus Skandinavien, waren Auswanderer, die sich aufmachten, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen und buchten zumeist die günstigsten Tickets in der 3. Klasse. Im Hafen Southhampton gingen Aufzeichnungen zufolge 196 Passagiere aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland an Bord. Zu 12 der dänischen Passagiere ist online sogar eine Namensliste einsehbar. Es ist tatsächlich Zufall, dass dieser Blogbeitrag heute online geht, nur drei Tage, nachdem sich die Katastrophe um dieses legendäre Schiff mit rund 1.500 Todesopfern zum 114. Mal jährt, denn ich recherchiere zu den einzelnen Motiven erst tiefergehend, während ich an den vorab datierten Beitragsentwürfen arbeite und darin nach und nach meine zusammengetragenen Erkenntnisse miteinander verknüpfe.

Die Ursprünge des Schriftzuges an der Fassade zu ergründen ist nicht ganz einfach. Ungewöhnlich sind daran die spiraligen Verzierungen an den Initialen sowie an y, s, und g. Eine ähnliche Form des y findet sich auf der Seite eines gedruckten Buches aus dem Jahr 1750. Auch der ausladende gebogene Aufstrich am v ist eher untypisch für frühe gebrochene Schriften, deren Formen auf dem Duktus einer Breitfeder beruhen. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen des Klassizismus, machten sich Schriftgestalter daran, die Formen der gebrochenen Schriften zu modernisieren. Der Drucker Johann Friedrich Unger aus Berlin entwickelte zwischen 1785 und 1794 mit der »Unger-Fraktur« eine solche Schrift, die sich bereits deutlich von den historischen Buchstabenformen löste und deren strenge Anmutung in Richtung modernerer Antiqua-Schriften öffnete. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden nach und nach weitere »modernisierte« Frakturschriften in diesem Sinne, so z. B. die »Aristokrat« (Albert Auspurg, 1912), die eine entfernte Ähnlichkeit zu dem Schriftzug des Kopenhagener Wirtshauses zeigen. Auch üppiger verzierte Varianten, auch »Kanzleischriften« genannt, entstanden vielfach in dieser Zeit.
Ein wahrer Glücksfund bei der Recherche war ein hochauflösendes historisches Motiv des dänischen Fotografen Peter Elfelt (1866–1931) aus dem Bestand digitaler Fotografien der Königlichen Dänischen Bibliothek. Ganz links am Rand kann man darin (inklusive der Hausnummer 5) das heutige Wirtshausgebäude erkennen. Anhand der im Kanal vertäuten Schiffe wird das Bild in Forendiskussionen datiert zwischen 1906 und 1931. Damals befanden sich an der Fassade, wie man sieht, noch die Werbeschriftzüge der Reedereien. Der Schriftzug »Nyhavns Færgekro« muss also zwischen frühestens 1911/12 (Zeitraum des Ticketverkaufs für die »Titanic«) und ca. 1930 angebracht worden sein.

Es war wieder ein spannendes Fundstück – ich hätte nie gedacht, dass mich die Geschichte dieser im Vorbeigehen geknipsten Fassade diesmal sogar bis zur tragischen Legende der »Titanic« führen würde. 🔠 🚢
Weiterführende Links
➡️ Sehr sehenswerte 4-teilige Doku-Reihe auf arte zum genauen Hergang des Untergangs der »Titanic« – »Titanic – die Nach der Katastrophe«, in der arte-Mediathek abrufbar bis zum 03.12.2026:
https://www.arte.tv/de/videos/RC-027714/titanic-die-nacht-der-katastrophe/

























