verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Antiquitäten (Seite 4 von 13)

Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

10.10.2025

Das heutige typographische Fundstück ist zum einen ein sehr persönliches Schriftstück, zum anderen verdient es die Bezeichnung »Fundstück« im wahrsten Sinne des Wortes, denn es lag lange Zeit versteckt an einem speziellen Ort und wurde erst dann gefunden. Es ist ein etwa postkartengroßer Zettel aus leicht vergilbtem Papier, datiert auf den Sommer des Jahres 1978, zweimal gefaltet und von Hand mit Kugelschreiber in Kurrentschrift beschrieben. Die Schreiberin war meine Oma mütterlicherseits, sie trug den vornehm klingenden Vornamen Margarethe, wurde aber von meiner Schwester und mir entweder »Oma Gretchen« oder »Omchen« genannt. Ihre Schrift war mir schon früh vertraut, denn sie schrieb auch ihre Briefe oder Grußkarten an uns oftmals von Hand.

Die Oma lebte lange im Haus eines Onkels und einer Tante, sie hatte dort im Obergeschoss mehrere kleine Zimmer für sich. Ich erinnere mich noch gut an die sehr omagemäße Einrichtung in diesen Räumen von meinen Besuchen und Ferienaufenthalten aus Kindertagen: Beim Wippen auf dem gepolsterten Sofa hörte man das Echo der Sprungfedern im Inneren, auf dem massiven Wohnzimmer-Vitrinenschrank tickte eine Buffetuhr in einem geschwungenen hölzernen Gehäuse und daneben stand ein Hund aus Porzellan. Ich musste diesen Hund gemocht haben, denn ich weiß noch, dass ihn die Oma für mich damals oft vom Schrank holen musste. Vermutlich habe ich ihn nur vorsichtig berührt, denn Porzellan ist empfindlich und kein Spielzeug für Kinder. Er ist nicht kitschig und nicht farbig bemalt, nur ein paar graue und schwarze Farbflecken akzentuieren sein Fell und die Augen. Er trägt kein Halsband und keine Leine, er ist nicht »niedlich«, sondern elegant und von einer vornehmen Wildheit. Er sitzt nicht brav bei Fuß, sondern ist draußen unterwegs, streift durchs Gras, apportiert vielleicht einem Jäger.

Als der Text auf dem Zettel verfasst wurde, war ich elf Jahre alt. Die Oma erzählte niemandem davon, sie deponierte ihn zusammengefaltet im hohlen Sockel des Hundes, wohl wissend, dass er zu gegebener Zeit entdeckt werden würde. Neun Jahre lang sollte das dauern. Sie verstarb im Jahr 1987.

Nach ihrem Tod wurde ihre kleine Wohnung nach und nach ausgeräumt und der Hund ging, als der Zettel zutage kam, wie verfügt in meinen Besitz über. Seither steht er in jeder meiner Wohnungen in meinem Wohnzimmerschrank und ist eines der schönsten und für mich wertvollsten Erinnerungsstücke, die ich besitze. Zusammen mit diesem kleinen Stück Papier und dessen warmherzigem Text – in einer Schrift, die heutzutage kaum noch jemand lesen kann. Könnt Ihr es?
🤓 🔠 🥹

Leser dieses Artikels, die mich schon länger als 15 Jahre online »kennen«, werden sich vielleicht erinnern, dass ich zu diesem Hund und dem Omazettel bereits im November 2009 einen Beitrag in meinem allgemeinen privaten Blog veröffentlicht habe. Da der Zettel sich aufgrund seiner typographischen Besonderheit aber auch für die hiesige Seite anbietet, entschied ich mich für eine überarbeitete Wiederveröffentlichung mit neuen Fotos und angepasstem Text.

29.09.2025

Am ersten Abend meiner kürzlichen Reise nach Freiburg galt es, ein Restaurant fürs Dinner zu finden, spontan und ohne Reservierung. Die Kombination aus einer vielversprechenden Speisekarte und einem freien Tisch fand sich schließlich im Hotel & Restaurant »Der Kaiser«. In einem der größeren Gasträume saß ich dann direkt neben einer antiken Anrichte, in deren verglasten Fächern einige sporadisch verteilte historische Deko-Geschirrstücke standen – darunter auch diese große Steingut-Vorratsdose mit der eingebrannten Aufschrift »GRAUPEN«.

Die schablonenartigen, kantigen Jugendstil-Lettern, ihre spannende Kombination aus Geometrie und handwerklichen Unregelmäßigkeiten und die harmonisch kombinierte Farbpalette des Ornaments darunter ließen mich das rustikale Objekt als Fotomotiv für die Rubrik des typographischen Montagsbonbons auswählen. Nach dem Bezahlen traute ich mich dann, in einer Hauruckaktion die Vitrine für zwei Sekunden aufzuschließen (um hinter die Reflexionen auf der Glasscheibe zu kommen) und aus der freien Hand einen schnellen, aufgrund des gedämpften Lichts leider etwas unscharfen Schnappschuss zu machen.

Einander ähnliche Varianten dieser Schrift sind auf Vorratsbehältern vergleichbaren Alters häufiger anzutreffen, wie eine Bildersuche mit den Wörtern »Jugendstil«, »Vorratsdose«, »Steingut«, »Porzellan«, »Keramik« ergab. Ein Foto mit weiteren Behältern aus der gleichen Serie oder eine exakt entsprechende kommerzielle Schriftart fand ich leider nicht.

Den verwackelten Schriftzug im Foto habe ich nachträglich etwas restauriert und parallel auch noch mal frei nachgezeichnet. Kennt eigentlich noch irgendjemand das »Oma-Food« Graupen? Isst das noch wer? Ich habe sehr lange keine gegessen, aber man kann damit, glaube ich, ziemlich fein kochen. 🤓 🔠

➡️ https://www.foodboom.de/rezept/skrei-mit-rote-bete-graupen-risotto

26.09.2025

Ich bin immer noch ein bisschen frustriert. Vorletzte Woche ergab sich für mich die Gelegenheit für eine Kurzreise nach Freiburg im Breisgau mit einigen schönen kulturellen Unternehmungen am Wochenende. Anreise am Mittwoch, fünf Tage Aufenthalt, Abreise am Mittwoch darauf. Doch wie das Schicksal es wollte, spürte ich schon am Freitagmorgen erste Anzeichen einer starken Erkältung nahen, die mich gen Abend zur Bettruhe zwangen. Am Samstag versuchte ich, mich mühevoll mit Medikamenten im aufrechten Gang zu halten. Ein Fehler offenbar, denn der Preis war ein kompletter Sonntag im Bett. Erst am Montag war Besserung spürbar. Und so entgingen mir auch etliche Stunden, die ich ansonsten in der geschichtsträchtigen Stadt umhergestromert wäre, um neues Futter für meine Fundstücksammlung zu erhaschen. 😒

Nichtsdestotrotz stand aber noch am Donnerstag vor dem Siechtum ein Tagesausflug nach Basel auf dem Plan. Und dort erspähte ich auf dem Weg durch die Gassen an einem großen, offiziell aussehenden und teilweise wegen Bauarbeiten eingerüsteten historischen Bauwerk, an den Seiten einer Toreinfahrt, dieses famose handgemalte, dreisprachige Verbotsschild:

Allein dass pro Sprache eigens verschiedene Schriften zur Anwendung kommen, begeisterte mein Typo-Herz. Dass diese Schriften dann auch noch – jede für sich – viele wundervolle kleine Besonderheiten besaßen, ließ es noch höher schlagen. Der eingerollte Schnörkel beim h und das elegant geschlaufte a bei den deutschen Zeilen. Das kalligraphisch geschwungene P und die oben offene a-Form im französischen Text. Und nicht zuletzt die avantgardistischen g und das abgewinkelte t bei dem italienischen Schriftzug. Wie schön!

Was war das für ein Gebäude? Warum die drei Sprachen trotz der größtenteils deutschsprachigen Basler Bevölkerung? Was war wohl die Motivation zur Auswahl genau dieser drei Schriften? Meine Neugier war mal wieder geweckt.

Bei dem Gebäude, so fand ich heraus, handelt es sich um die ehemalige Basler Hauptpost. Seit Ende August 2023 und noch voraussichtlich bis Dezember 2025 wird der sechsstöckige denkmalgeschützte Komplex nach Entwürfen des Architekturbüros Herzog & de Meuron zu einem edlen Laden-​ und Bürogebäude umgebaut und saniert. Die abgebildete Inschrift fand ich seitlich einer Toröffnung an der Westfassade in Höhe der Gerbergasse 13, rechts unterhalb des von einem Staffelgiebel gekrönten Eckvorbaus (Risalit). Auf einem aktuell im Rahmen der Bauarbeiten veröffentlichten Foto kann man die Stelle sehr gut sehen.

Das Bauwerk hat eine lange zurückreichende Geschichte. In seiner vor der Renovierung bestehenden Form wurde es in mehreren Bauphasen 1851–53/1881 aus rotem Saverner Sandstein auf dem Gelände eines ehemaligen Kaufhauses (!) aus dem 14. Jh. erbaut. Das historische Portal dieses Kaufhauses sowie ein Original-Relief aus dem Jahr 1572, auf dem zwei Basilisken das Basler Wappen halten, sind bis heute erhaltene Bestandteile des Gebäudes.

Doch im späten 20. Jahrhundert, der Ära des Online-Banking und digitaler Frankiermöglichkeiten, ereilte das mondäne Postgebäude mit seiner großen neogotischen, von gusseisernen Säulen getragenen Schalterhalle dasselbe Schicksal wie viele andere Publikumsbauten von Banken und Postunternehmen. Die Kundenzahlen sanken, der Schalterbetrieb und die riesigen Flächen rentierten sich nicht länger, der repräsentative Bau wurde unwirtschaftlich. Im Jahr 2016 wurde die Schließung der Hauptpost angekündigt, fünf Jahre später, am 12. November 2021, waren die Schalter dort letztmals geöffnet.

Mit den Baudaten des Postgebäudes im späten 19. Jahrhundert haben wir nun schon einmal einen plausiblen Hinweis auf die Entstehungszeit des Verbotsschildes. Die Dreisprachigkeit darauf wollte ich als Nächstes ergründen.

Zwar wird in Basel seit langer Zeit überwiegend Deutsch gesprochen, jedoch wurden kurz vor der Errichtung des Gebäudes mit der Schweizer Bundesverfassung von 1848 Deutsch, Französisch und Italienisch zu den drei gleichberechtigten Landessprachen erklärt; 1938 kam das Rätoromanisch als vierte Landessprache dazu. Im Jahr 1900 hatte der Kanton Basel-Stadt 112.227 Einwohner, davon gehörte die Mehrheit (95,1%) zu den Deutsch sprechenden, nur ein kleiner Teil entfiel auf Französisch (2,3%) und Italienisch (2,1%). Die Mehrsprachigkeit auf der Tafel liegt also sehr wahrscheinlich in dieser offiziellen Sprachregelung begründet.

Die spannendste Frage ist nun die nach der Motivation des Schildermalers zur Auswahl und Formgebung der genutzten Schriftarten. Dazu kann ich folgendes sagen:

Die Schrift der deutschen Zeilen ist wohl eine damalige zeitgenössische Interpretation einer gebrochenen sog. »Textura«-Schrift mit linearen sowie ornamentalen Verzierungen an vielen Zeichen sowie charakteristischen »Spornen« an den Stämmen mancher Initialen. Textura-Schriften gehören in ihrer Originalform zu den ältesten gebrochenen Schriften. Ihre kantigen Buchstabenformen lassen eindeutig deren Ursprung im manuellen Schreibprozess mittels einer Breitfeder erkennen. Die Bezeichnung »Textura« deutet an, dass das sehr gleichförmige Schriftbild bei längeren Texten optisch wie ein gewebeähnliches Muster erscheint.

Ziemlich ähnliche Buchstabenformen konnte ich bei zwei heute kommerziell erhältlichen Schriften finden. Zum einen die »Blackletter 686« (Bitstream, 1964) / unter anderem Namen als »London Text« erschienen (Berthold, 1974?). Der Gestalter bzw. Urheber ist leider unbekannt. Die zweite, erst kürzlich erschienene ähnliche Schrift ist die prächtige »Altwien« (2020) von Christoph Zeugswetter, inspiriert von alten Straßenschildern in Wien und Salzburg.

Die ebenfalls deutlich handschriftlich anmutende Schrift des französischen Textes ist eine sog. »Ronde«-Schrift (»L’écriture ronde française«, in England »French script«, in Deutschland »Rundschrift«), die sich im Laufe des Barock aus verschiedenen handgeschriebenen Varianten gotischer (Kursiv)schriften entwickelte. Sie wurde oft sehr aufrecht, fast ohne Neigung geschrieben und in Frankreich bis ins 20. Jahrhundert hinein im Schulunterricht als Schreibschrift gelehrt.

Auch für die Buchstaben dieser Inschrift finden sich bei einigen käuflichen Schriften sehr eng verwandte Zeichenformen: Mein Favorit ist die »Bon Mot« (Nick Curtis, 2006). Auch heute noch recht populär ist die formverwandte »French Script« – eine von mehreren ähnlichen veröffentlichten Schriften, die sich an eine Vorlage namens »Parisian Ronde« anlehnen, welche 1878 von der Chappelle Foundry in Paris veröffentlicht wurde. Inspiration dafür waren wohl Handschriften und Gravuren, die zu jener Zeit in offiziellen Ankündigungen oder formellen Einladungen häufig genutzt wurden. Weitere Versionen dieser Ur-Schrift folgten rund um die Entstehungszeit der Hauptpost bis etwa 1905 u.a. unter den Namen »Inland French Script«, »French Plate« und »Typo Upright«.

Am wenigsten fündig wurde ich bei der Recherche zu Ursprüngen und Ähnlichkeiten des italienischen Schriftzuges. Er ist eine für die damalige Zeit bemerkenswert moderne, handgezeichnete Mischung aus einer serifenlosen Groteskschrift (bei s und a) und einer serifenbetonten Linear Antiqua oder »Egyptienne« (mit breiten Serifen bei P/p i, b und t). Vermutlich ließ sich der Schildermaler vom Stil ähnlich gestalteter, plakativer »Reklameschriften« jener Zeit inspirieren, die sich damals – neu aus England kommend – im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert über ganz Europa ausbreiteten.
Entfernt ähnliche Formmerkmale – speziell die Mischung aus Buchstaben mit (B, F, P) und ohne Serifen (V, W, X) – finden sich interessanterweise bei der über 100 Jahre später erschienenen »Triplex Serif« von Zuzana Licko (Emigre, 1989).

Ein Detail, das noch auffällt, ist, dass jeweils die Schrift in der zweiten Zeile jedes der drei Texte größer angelegt ist als in der ersten. Das wäre logisch, wenn diese Akzentuierung durchgehend das Wort für VERBOTEN beträfe, aber in der deutschen Zeile ist es DURCHGANG. Auch ein optischer Ausgleich der Zeilenbreiten kann nicht der Grund sein, denn die zweite deutsche Zeile wird durch die Vergrößerung sogar breiter, lediglich beim französischen und italienischen Textblock ergibt sich ein gewisser optischer Ausgleich. Insofern bleibt diese Ungleichheit ein Kuriosum, dessen Grund sich nicht nachvollziehen lässt.

Ich hoffe, der Recherchebericht »bis zum Ellenbogen« zu diesem feinen historischen schweizerischen Fundstück war heute nicht allzu speziell. Wer trotzdem darüber hinaus etwas mehr nachlesen mag, findet nachfolgend noch einige Links. 🤓 🔠 🇨🇭

Website zum Gebäude der Hauptpost Basel und dessen Umbau:
➡️ https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptpost_(Basel)#

Bildbericht über die Bauarbeiten von einem beteiligten Unternehmen:
➡️ https://www.erne.ch/de/baureportagen/umbau-alte-hauptpost-basel/

Geschichte der Sprachen in der Schweiz:
➡️ https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachen_in_der_Schweiz

Zu den französischen »Ronde«-Schriften:
➡️ https://de.wikipedia.org/wiki/Ronde_(Schrift)


22.09.2025

»Nimm zwei!«, dachte ich mir bei der Auswahl der Bildmotive für das heutige typographische Montagsbonbon und wählte zwei grandiose Exemplare historischer Ladenbeschriftungen. Bild 1 (»Tabak«) fand ich erst kürzlich auf einem Fußweg durch Berlin-Kreuzberg, Bild 2 (»Böhmer«) schon vor geraumer Zeit in der Innenstadt von Lemgo. Besonders das markant-dynamische, selbstbewusste k im ersten Bild gefällt mir außerordentlich gut. 🤓 🔠 🤩

19.09.2025

2021 präsentierte der Satiriker Jan Böhmermann in seinem Magazin »ZDF Magazin Royale« ein Musikvideo ⬇️ mit dem Titel »Wieso hört der Fahrradweg einfach hier auf?«. Genau dieser Songtitel kam mir in den Sinn, als ich vor einigen Tagen in Hamburg die Fußgängertreppe zwischen der Straße »Palmaille« und dem Altonaer Fischmarkt hinabging und an der Fassade des am Weg liegenden Gasthauses »Zum Elbblick« eine Gedenktafel mit einer für mich sonderbar formulierten Inschrift las. »BAUSTEINE WURDEN AUS SPARGROSCHEN DER HAMBURGER SPARCASSE VON 1827« stand dort – und ich dachte: »Und – was wurden die? Gekauft? Gesponsort? Eingeschmolzen? Finanziert?« Der Satz klang für mich merkwürdig abgeschnitten bzw. unvollständig. Daraufhin fotografierte ich diese Tafel – das heutige typographische Fundstück – und recherchierte dem eigentümlichen Text hinterher.

Die benannte »Hamburger Sparcasse von 1827«, so fand ich heraus, wurde im benannten Jahr und auf Initiative einem Hamburger Senators mit dem hinreißenden Namen Dr. Amandus Augustus Abendroth (1767–1842) von Hamburger Bürgern gegründet. Sie betätigte sich, wie ebenfalls zu lesen ist, unter anderem an der Bereitstellung von Geldern und Krediten zur Finanzierung von Wohnungsbauprojekten in der Hansestadt. Dieses Kapital wurden offenbar auch – zumindest teilweise – über durch den Verkauf sogenannter »Bausteine« sowie aus Lotterie-Erlösen erwirtschaftet. Wann das Gebäude des Gasthofes errichtet wurde, konnte ich zwar nicht herausfinden, wohl aber, dass sich in Hamburg und anderen Städten seit etwa Ende des 19. Jahrhunderts und bis weit in die 1980er-Jahre hinein sogenannte »(Kneipen-)Sparklubs« großer Beliebtheit erfreuten. An vielen Orten der Zusammenkunft, teils in Wirtshäusern, manchmal auch an Arbeitsstätten, brachten die Mitglieder sogenannte »Sparkästen« an, die von den Geldinstituten bereitgestellt wurden und in die jeder Einzelne – mehr oder weniger beschwipst und/oder großzügig – Geldbeträge in den Schlitz seines persönlichen Spar-Faches einwerfen konnte. Sparklubs vereinbarten einen wöchentlichen Mindest-Sparbetrag, viele Klubs verhängten sogar Strafen über säumige Sparer. Auf einem historischen Foto von 1962 ist zufällig ein solcher Sparkasten genau der obengenannten »Hamburger Sparcasse von 1827« in einer Kneipe zu sehen.

Die Sparkästen wurden gewissenhaft wöchentlich geleert, die Beträge jedes einzelnen Sparers sowie die Strafzahlungen auf einer offiziellen »Sparkarte« notiert und die Gelder anschließend bei der jeweiligen Bank eingezahlt. Diese Beträge – und hier führen meine Schlussfolgerungen wieder zurück zu der Tafel des heutigen typographischen Fundstücks – wurden üblicherweise als »Spargroschen« bezeichnet. Ich nehme also an*, dass ein Teil der aus den Gewinnen der Bank bereitgestellten Baukosten für das Gasthof-Gebäude (auch) durch das ersparte Kapital solcher Sparklubs zusammengekommen sein könnte und die Hinweistafel dies bekunden und daran erinnern sollte.

(* Sollte eine[r] der hier Mitlesenden tiefere oder anderweitige Kenntnisse zu dem Sachverhalt haben, freue ich mich natürlich über Ergänzungen und/oder Korrekturen!)

»… von den Anfängen an waren die Sparkassen in gleich zweifacher Hinsicht dem Gemeinwohl verpflichtet. Zum einen konnten sie auf lokaler Ebene Kredite für wirtschaftliche und öffentliche Unternehmungen bereitstellen, zum anderen waren sie laut Satzung gehalten, ihre Gewinne zum Wohle der Allgemeinheit in Wohltätigkeit und Kulturförderung zu investieren.«

stern.de

Doch zurück zu der sonderbaren Formulierung. An einem ganz anderen Ort, auf einer schwedischen (!) Website, fand ich dann noch ein zweites, emailliertes Schild derselben Sparkasse – und auf diesem wurde der sinngleiche Satz in einer abweichenden Wortfolge formuliert. Dort steht (übrigens ebenfalls in einer sehr schönen Schriftart): »Spargroschen bei der Hamburger Sparcasse von 1827 wurden Bausteine«.

Aha! Am Ende der aus heutiger Sicht etwas yodahaft klingenden Inschrift »meiner« Gedenktafel fehlte also gar nichts! Statt »BAUSTEINE WURDEN AUS SPARGROSCHEN DER HAMBURGER SPARCASSE VON 1827« könnte man ihn auch lesen als »Aus Spargroschen der Hamburger Sparcasse von 1827 wurden (die) Bausteine (dieses Gebäudes)«. Nun wurde mir die Bedeutung klar.

Die Schriftart auf der Tafel konnte ich leider nicht bestimmen, sie lehnt sich mit ihrem S, das wie ein gespiegeltes Z aussieht, an manche Art-déco-Schriften wie etwa »Koloss« an, die hier kürzlich bereits an einer Apothekenfassade identifiziert wurde, aber die unregelmäßigen Lettern auf der Tafel lassen vermuten, dass der Text darauf eigens und von Hand gestaltet wurde.

Ich liebe die spannenden Zeitreisen, auf die mich meine typographischen Fundstücke oft mitnehmen! 😅 🤓 🔠

Link zu einem Artikel inkl. ausführlicher Bilderstrecke bei spiegel.de über (Hamburger Kneipen-)Sparklubs:
➡️ https://www.spiegel.de/geschichte/kneipen-sparclub-fuenf-ins-toepfchen-50-ins-kroepfchen-a-1065189.html

Artikel bei stern.de zur Geschichte der Sparkassen in Hamburg:
➡️ https://www.stern.de/lokal/hamburg/1778-wurde-in-hamburg-die-erste-sparkasse-der-welt-gegruendet-8543120.html

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12.09.2025

Das typographische Fundstück am Freitag kommt heute aus meinem Bestand an über das Pfingstwochenende geknipsten Bildern aus Regensburg. Als passionierter Genuss-Biertrinker wollte ich natürlich wissen, ob es 1. die Brauerei dieses Namens aktuell noch gibt und 2. falls nicht, wer aus welchem Grund diese schöne Inschrift bis heute so liebevoll erhalten hat – und begann zu recherchieren.

Antwort 1: »Jein«. Die Brauereilandschaft – vermutlich nicht nur in Regensburg – war zur Zeit der Geschäftstätigkeit dieses Betriebes (gegründet 1800) offenbar in regem Umbruch. Es wurde aufgekauft, veräußert, fusioniert, vergrößert, ausgebaut und umfirmiert, dass einem regelrecht schwindlig werden kann. Hier ein Auszug aus einer von mir rekonstruierten Chronik der Ereignisse*:

  • 1800 Gründung der Bierbrauerei
  • 1889 noch aktiv als »Brauerei Mathias Bolland«
  • 1890~1893 Aufkauf durch die Jesuiten Brauerei AG (gegr. 1813). Die Gär- und Schenkbierkellereien der Bolland’schen Bierbrauerei werden anschließend zur Mälzerei umgebaut.
  • 1922 Übernahme der Jesuiten Brauerei AG durch Brauhaus Regensburg AG (gegr. 1897)
  • Nach 1958 Übernahme durch die Fürstliche Brauerei Thurn und Taxis
  • 1996 Übernahme durch die Paulaner Brauerei Gruppe

Insofern kann man sagen, die Brauerei ging zwar in anderen Betrieben auf, die bis heute existieren, wurde jedoch nie aktiv aufgrund von Insolvenz o.ä. »geschlossen«. Es gibt zudem Indizien dafür, dass in dem Gebäude von 1973 bis 1976 unter dem Namen »Bollandbräu« eine Gaststätte oder Schankwirtschaft betrieben wurde.

Antwort 2: Das Haus in der Ostengasse 26 in Regensburg-Ostnerwacht wurde im 17./18. Jahrhundert erbaut und ab 1846 mehrfach umgestaltet, aufgestockt und um Anbauten erweitert. Unter der Aktennummer D-3-62-000-893 wird es beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege offiziell als Baudenkmal geführt. Vermutlich ist das der Grund dafür, dass die Inschrift bis heute so gepflegt erhalten geblieben ist (wann sie ursprünglich an dem Gebäude angebracht wurde und ob ihr heutiges Aussehen dem Urzustand entspricht, konnte ich leider nicht herausfinden).

Und obwohl die Schriftzeile auf der Fassade eindeutig handgemalt ist, wollte ich natürlich prüfen, ob ich im Netz vergleichbare oder ähnliche digitalisierte Schriften ausfindig machen kann. Die Verzierungen und Formmerkmale der Buchstaben deuten darauf hin, dass kalligraphische, also mit einer Breitfeder von Hand geschriebene Lettern als Vorlage gedient haben. Drei gebrochene Schriftarten habe ich nach meiner Recherche – und auch nur für die Kleinbuchstaben, für die B-Initialen konnte ich keinerlei Vorlage finden – als »Best Matches« in die engere Wahl genommen, obwohl keine von ihnen exakt gleich aussieht: 1. Die »Royal Bavarian« von Gert Wiescher, 2. die »Straßburg Fraktur« von Peter Wiegel und 3. die »(Neue) Theuerdank Fraktur«, ebenfalls von Peter Wiegel, in Kollaboration mit Dieter Steffmann.

Zum Wohl! 🤓 🔠 🍻

* Quellen:
➡️ https://www.klausehm.de/BuchstabeR/Pag16960.html
➡️ https://www.klausehm.de/BuchstabeR/R0119.html
➡️ http://www.albert-gieseler.de/dampf_de/firmen4/firmadet46538.shtml
➡️ http://www.albert-gieseler.de/dampf_de/firmen4/firmadet46537.shtml
➡️ https://www.sammleraktien-online.de/brauhaus-regensburg-ag/item-1-3997.html

08.09.2025

Das typographische Montagsbonbon zeigt heute eine Gedenktafel aus der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, angebracht am Geburtshaus des berühmten Künstlers Caspar David Friedrich (1774–1840). Das denkmalgeschützte Haus steht mitten in der Fußgängerzone der Innenstadt und beherbergt seit 2004 das Caspar-David-Friedrich-Zentrum – das als Museum, Dokumentations- und Forschungsstätte zu Leben und Werk des Künstlers sowie der Geschichte seiner Familie dient und der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Bei der Schriftart auf der steinernen Tafel handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Variante der »Koch-Schrift« (auch »Koch-Fraktur« oder »Deutsche Schrift« genannt), die 1910 mit ihren kräftigen, fetten Lettern das Debüt des Schriftgestalters Rudolf Koch war und in der Schriftgießerei Gebr. Klingspor erschien. Warum für ein Gebäude aus dem 18. Jahrhundert und einen in jener Zeit geborenen Künstler der Romantik diese über 100 Jahre später entstandene Schriftart gewählt wurde, kann nur vermutet werden. Vielleicht wollten die Verantwortlichen einerseits zwar eine gebrochene Schrift nutzen, da diese in Deutschland zu Lebzeiten der Friedrichs weithin gebräuchlich waren, aber andererseits eine Variante, die mit ihren klareren Formen und alternativen Buchstaben (z.B. A vs. 𝔄) für heutige Leser ein bisschen besser entzifferbarer ist.

Rudolf Koch jedenfalls entwarf neben seiner populären Koch-Fraktur auch noch weitere, »modernere« – und bis heute genutzte – Schriften, wie z.B. die geometrische sog. Groteskschrift »Kabel«. 🤓 🔠

Website der Caspar-David-Friedrich-Gesellschaft und des Museums:
➡️ https://www.caspar-david-friedrich-gesellschaft.de/

Mehr zur Koch-Schrift:
➡️ https://www.typografie.info/3/Schriften/fonts.html/deutsche-schrift-koch-schrift-r341/

29.08.2025

Das typographische Fundstück der Woche stammt aus dem Kopenhagener Stadtteil Ordrup und begann mit einem y. Dieses y fiel mir als erstes auf einem Straßenschild in der Nähe meiner dortigen Ferienunterkunft auf. Und nach und nach entdeckte ich auf weiteren Schildern in der Gegend mehr und mehr Details: Das rote Herzchen auf dem j, den kleinen Dorn am r, die kantigen Schrägen von A, X, Y, R und V, das rustikale M, die konischen Querstriche bei H und E usw. 😍 Drei der Schilder habe ich fotografiert und begann, dieser Beschilderung, die mir in Kopenhagen nie zuvor aufgefallen war, nachzuspüren.



Die Schilder sind tatsächlich begrenzt auf die Gemeinde Gentofte im Norden der Stadt. Ihre Geschichte begann 1923, als der Architekt und Buchdrucker Knud V. Engelhardt (1882–1931)¹ den Auftrag erhielt, neue Straßenschilder für die Gemeinde zu entwerfen². Er war überzeugt, dass Staat und Kommunen die Pflicht hätten, Wert auf gutes Design im öffentlichen Raum zu legen und gestaltete ein komplett neues Alphabet, das sich auf Standardisierung, Ästhetik und Lesbarkeit fokussierte. Die anfangs emaillierten Schilder wurden 1954 durch langlebigere, aus Aluminium gegossene ersetzt. Schon von Anfang an war das kleine Herz, das Engelhardt oft als Signatur nutzte, in weiß auf dem j vorhanden, es wurde später einheitlich rot und ist mittlerweile eine Art Markenzeichen der Gemeinde geworden. Manche Anwohner überkleben oder übermalen auf privat angebrachten Schildern mit Straßennamen sogar die »normalen« j-Punkte mit roten Herzchen und bessern so als Guerilla-Designer die Fehlstellen im Look des Viertels aus.



Die senkrechten Kappungen der diagonalen Auf- und Abstriche sollen bei längeren Namen einen geringeren Zeichenabstand und eine höhere Anzahl Buchstaben pro Schild ermöglichen. Einige der Formelemente erinnerten mich an die Schrift »Ovink« von Sofie Beier, die ich unserem damaligen biike GmbH Agenturkunden maresystems 2018 als Logo- und Hausschrift empfahl. Und der schwedische Schriftdesigner Mårten Thavenius veröffentlichte 2016 mit der »Skilt Gothic« eine auf dem Alphabet Engelhardts basierende Schriftfamilie, die noch mehr der markanten Formelemente übernimmt³. Einige der auffälligsten Buchstaben habe ich im zweiten Bild auf Basis einer im Netz gefundenen Originalskizze Engelhardts nachgezeichnet. Von Juni bis Oktober 2023 wurde ihm die Ausstellung »URBAN HEARTBEATS – celebrating 100 years of public design by Knud V. Engelhardt«⁴ gewidmet, die ich leider verpasst habe. 🤓 🔠

Ich könnte noch seitenweise über dieses wunderbare Beispiel dänischen Designs schreiben, aber ach 😅 … ein paar Links hänge ich dennoch an.



PDF zu Engelhardt:


1 ➡️ https://arkitekturpolitik.gentofte.dk/media/rzoof2c1/knud-v-engelhardt-webtilgaengelig.pdf

Weitere Originalschilder:


2 ➡️ http://vwnettet.dk/bb-media/pictures/1/6/127161/skilte.jpg

Font »Skilt Gothic«:


3 ➡️ https://fontcaster.com/


Website der Ausstellung:


4 ➡️ https://designmuseum.dk/udstilling/urban-heartbeats/

18.08.2025

Das typographische Montagsbonbon besteht heute aus einem Vierer-Potpourri mit Bildmotiven, die ich vor wenigen Tagen in Kopenhagen aufgespürt habe. Ich finde es immer wieder spannend, wie fantasievoll Schriftgestalter*innen und/oder Grafikdesigner*innen sind, wenn es darum geht, für ein und dasselbe Schriftzeichen ganz individuelle Formlösungen zu finden, die dennoch eindeutig, erkennbar und gut lesbar sind – hier beim dänischen Ø. 

Einfach schøn! 🤓 🔠



(Urlaubsbedingt halte ich meine begleitenden textlichen Ausführungen vorübergehend ein wenig kürzer als üblich. 😉)

08.08.2025

Das typographische Fundstück der Woche entdeckte ich während meines diesjährigen Pfingsturlaubs in Regensburg. Ich war sofort angetan von der klassischen, breit laufenden Schriftart mit dem eleganten Schweif am Ende des R, der dezenten Farbgebung und der auffälligen Diagonale, die aus den Ü-Punkten erwächst. Der Schriftzug erinnerte mich an andere Logos, bei denen Buchstabenelemente, wie z.B. einzelne Oberlängen, markant »gestreckt« werden, um eine plakative und merkfähige Wortmarke zu gestalten, wie etwa im früheren Logo der Zigarettenmarke »dunhill« oder im ebenfalls schon etwas älteren Logo des Konkurrenten »Marlboro«.



Der Betrieb, an dessen Fassade die Beschriftung prangt, hat eine interessante Branchenreise hinter sich. Gegründet 1926 begann die Firmenchronik als Wappen- und Schildermalerei, ab Mitte der 1950er Jahre hält die Elektrik Einzug und das Unternehmen wird vom Nachkommen des Inhabers als Schilder- und Lichtreklameanbieter fortgeführt. 1999 wird der Staffelstab an die dritte Generation weitergereicht und die Tätigkeitsfelder Elektroinstallation, Veranstaltungstechnik und Pyrotechnik kommen hinzu.



Obwohl ich im Internet keine Informationen zur Entstehung des Logos finden konnte, vermute ich, dass es eine Eigenkreation der früheren Inhaber mit dem Schwerpunkt Schildermalerei ist. Inspiriert vom Stil der 1920er bis 1950er Jahre, hat die Formsprache auch die nachfolgenden Jahrzehnte aus meiner Sicht gut überdauert und wirkt auch heute noch zeitlos schön. Die Schriftart erinnert in ihren Proportionen an die moderne Art-Deco-Verwandte »Aviano« von Jeremy Dooley (insigne Design, 2007), ein ähnlicher Schwung am R findet sich bei der »Quantum Latin« von Hitesh Malaviya (Indian Type Foundry, 2015). 



Ein schönes Beispiel dafür, dass ein gut gemachtes, klassisches Logo gleichzeitig einprägsam und trendresistent sein kann. 😉 🤓 🔠 



Aviano Sans:
➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/aviano-sans-font-insigne

Quantum Latin:


➡️ https://www.myfonts.com/de/products/semibold-quantum-latin-391326

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