verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Antiquitäten (Seite 10 von 14)

Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

02.10.2024

Typographisches Fundstück № 2 meiner Streifzüge durch Kopenhagen: eine dänische Version des Haustürschildes »Betteln und Hausieren verboten«, aber nicht als schnöder Folienaufkleber, sondern als metallene Reliefplakette, passend zu der vornehmen alten Haustür, an der sie angebracht ist.

Obgleich die Schrift ungelenk übermalt wurde, lässt sie noch ihre Ursprünge erkennen, die ich in den 1920er- oder 1930er-Jahren verorten würde. Ein bisschen »Futura« – aber eleganter, mit prägnanteren Oberlängen –, ein Hauch »Kabel«, eine Prise Lucian Bernhard¹ – die im Jahr 2010 von Santiago Orozco entworfene nostalgische »Josefin Sans«², kommt der Plakettenschrift ziemlich nahe. Lediglich die kalten Aluminiumschrauben holen das Auge unweigerlich in die Gegenwart zurück. 🤓 🔠

1 ➡️ https://de.wikipedia.org/wiki/Lucian_Bernhard

2 ➡️ https://fonts.google.com/specimen/Josefin+Sans

27.09.2024

Das typographische Fundstück der Woche ist heute eine von Hand beschriftete Hinweistafel in der Nähe des Ortes Stölln im Brandenburger Havelland. Sie steht am Fuß des Gollenbergs, von dem der Flugpionier Otto Lilienthal (*1848) nach seinen gut 2.000 Flugversuchen auch seinen letzten Gleitflug startete – diesmal aber nach nur 140 Metern Flugstrecke von einer thermischen Turbulenz am 9. August 1896 zum Absturz gebracht wurde.

Lilienthal gilt als erster erfolgreicher Flugpionier der Geschichte. Bei seinen Flugversuchen mit selbst konstruierten Gleitern, die sich größtenteils den Gleitflug von Vögeln zum Vorbild nahmen, verbrachte er bis zu seinem Tode am Tag nach dem schweren Unfall insgesamt rund 5 Stunden in der Luft.



Im Jahr 2024, nur 128 Jahre nach Lilienthals tragischem Tod, finden nach Angaben der OAG (Official Airline Guide) mittlerweile durchschnittlich an jedem einzelnen Tag (!) über 102.000 kommerzielle Flüge statt.



Mehr zu Otto Lilienthal:
➡️ https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Lilienthal
➡️ https://ardalpha.de/s/dbkdhk

Flugverkehrsstatistiken der OAG Aviation Worldwide Limited:
➡️ https://www.oag.com/airline-frequency-and-capacity-statistics

20.09.2024

Das Schöne an den typographischen Fundstücken, die ich mir so Woche für Woche zusammenknipse, sind oftmals die Dinge, die ich darüber lerne, wenn ich den Schriften, Orten oder Wörtern hinterherrecherchiere. Diese Woche freue ich mich mal wieder über ein zauberhaftes Exemplar meines Lieblingsbuchstabens (das kleine »g«), entdeckt auf einer sonntäglichen Stadtwanderung durch Hamburg am Fähranleger »Neumühlen/Övelgönne«. Auf dem fotografierten Schild ist der Name dieses Gebiets im Hamburger Stadtteil Ottensen in einer alternativen Schreibweise mit nur einem »ö« umgesetzt. Aber was bedeutet eigentlich »Oevelgönne«? Ich war neugierig und fragte das Internet.

(Update, 03.09.2025: Das anfängliche Rechercheergebnis wurde gegenüber dem Original-LinkedIn-Posting aktualisiert, da aufgrund eines Kommentars weitere mögliche Deutungen hinzukamen.)

»Der Name des Stadtteils bedeutet ›Übelgunst‹ und bezieht sich dabei entweder auf die zwielichtige Einstellung der ersten Bewohner oder aber auf die schlechte Bebaubarkeit des Geländes.«

Wikipedia

»Der Ortsname ›Ovelgönne‹ erklärt sich wahrscheinlich aus einer Beschreibung der Winkelmann’schen Chronik von 1671, wonach ›Ovelgönne‹ von dem plattdeutschen ›Oevelgönne‹, das heißt ›übel gegönnt‹ (mißgönnt), ableitet. Dies bezieht sich auf die Burg Ovelgönne, die im Jahre 1514 errichtet und kurz danach von den Friesen belagert wurde. In diesem Zusammenhang soll der Oldenburgische Graf (Graf Johann von Oldenburg) gesagt haben: ›Ick günn se er övel‹.

Damit ist die Namensdeutung aber nicht zu Ende. Es gibt z. B. in den Niederlanden ein Euvelgönne. Dies soll soviel heißen wie ›Över gunnen‹, auf Hochdeutsch: ›Auf der anderen Seite‹. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß andere Ortslagen, die den Namen Ovelgönne tragen, zum Teil an Gewässern, d. h. jeweils auf der anderen Seite, gelegen sind. Als Beispiel ist hier Ovelgönne bei Buxtehude anzuführen; auch unser Ovelgönne in der Wesermarsch liegt in der Luftlinie nur 6 km von der Weser entfernt.«

(gemeinde-ovelgoenne.de)



Ist »Übelgunst« nicht – trotz seiner eher negativen Bedeutung – ein famoses altes Wort? Ich nehme das ab jetzt jedenfalls in meinen Wortschatz auf. 

🙂 💬 🔠

(Im zweiten Bild habe ich einmal versucht, die rustikalen, unregelmäßig-gerundeten Originalformen des kleinen g »ordentlich« und etwas moderner nachzuzeichnen.)

13.09.2024

Das neueste Motiv dieser Woche stammt diesmal aus Trier, wo ich mich letzte Woche für einige Tage in der Nähe aufhielt. Am Fuß des hohen Sandsteinfelsens am linken Moselufer nahe dem alten Vorort Pallien findet sich an der Felswand eine nahezu unleserliche aufgemalte Hinweistafel.



Der ursprüngliche Text lautet:

Aufgang


Schneidershof


Weißhaus ↗


Kockelsberg



Aber kann man überhaupt noch von Typografie sprechen, wenn verwitterte Buchstaben kaum oder gar nicht mehr zu erkennen sind? Ich meine: ja. Alle Zeichen, deren Zweck es ist oder war, eine Botschaft zu vermitteln, würde ich dazu zählen – ungeachtet ihrer Entzifferbarkeit. Und manchmal entstehen durch Alterung, Verfall oder Beschädigung an einst intakten Buchstaben sogar interessante neue Formen, die wiederum Inspiration für neue Schriften sein können. Drei Beispiele dafür habe ich nachfolgend einmal verlinkt.



»Rock It« (Flecken, Löcher, Risse):


➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/rock-it-font-fenotype

»Elementa Rough« (Unregelmäßgikeiten, Strukturen):


➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/elementa-rough-pro-font-fontfont

»TRGrunge« (Erosion, Korrosion):


➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/trgrunge-font-ingrimayne-type

23.08.2024 (1)

Aus Urlaubsgründen wird die – selbstverständlich trotzdem fortgesetzte – Serie der typographischen Fundstücke vorübergehend aus eher unkommentierten Schnappschüssen bestehen, die mir während meiner Ausflüge durch Skandinavien ins Auge fallen. Heute beginne ich mit zwei schönen historischen Motiven aus dem beschaulichen Städtchen Skive in Midtjylland, Dänemark.

02.08.2024

Die sechs typographischen Fundstücke dieser Woche stammen aus der Kategorie »Straßenschilder«. Und natürlich sind mal wieder einige Fotos dabei, auf denen ich eigenwillige kleine g-Varianten aus Skandinavien gesammelt habe.



  1. Karlskrona (Schweden)


  2. Ystad (Schweden)


  3. Regensburg, Bayern


  4. Hundested (Dänemark)


  5. Prietzen, Brandenburg


  6. Helsingør (Dänemark)



05.07.2024

Bei einem Blick in mein Archiv typographischer Fundstücke fiel mir diese Woche auf, dass ich zufällig auf meinen aktuellen Reisen nach Regensburg und Stralsund Fotos von Schriftzügen an Gebäuden geknipst habe, die ich vor mehr als einem Jahrzehnt schon einmal abgelichtet hatte – nur in einem jeweils komplett anderen Zustand. In Regensburg wurde der Schriftzug an dem inzwischen geschlossenen Geschäft »SCHUH Bar« kürzlich abmontiert, sodass nur noch der Schatten der Buchstaben übrig blieb. In Stralsund hingegen wurde der damals fast zerstörte Schriftzug an der ebenso baufälligen Fassade der »Milchbar« originalgetreu restauriert und inzwischen genießen in dem Café/Restaurant darunter wieder Einheimische und Touristen ihre Speisen und Getränke.



So fange ich in meiner Sammlung hin und wieder nicht nur einzigartige Zeugnisse der Schriftkultur ein, sondern dokumentiere ab und zu – wenn auch hier unbeabsichtigt – ihr bedauerliches Verschwinden oder ihre erfreuliche Bewahrung. Und das ist ja abseits der Schönheit der Buchstabenformen genauso spannend wie die Schriftzüge selbst … oder?



28.06.2024

Als typographisches Fundstück der Woche präsentiere ich heute mal wieder eine Inschrift auf einem verfallenen alten Bahnhofsgebäude, gefunden im Moselland. Der Bahnhof selbst ist zwar für Regionalzüge als reine Bahnsteigstation mit Wartehäuschen nach wie vor in Betrieb, aber das angrenzende ehemalige Stationsgebäude ist eingezäunt, mit Spanplatten vernagelt und verlassen. Irgendwie ironisch, dass solche Relikte aus einer Zeit, in der das Schienennetz der Bahn bis zu 20.000 Kilometer länger als heute war*, nach außen einen Grad der Vernachlässigung aufweisen, der dem Fahrgefühl des oft unzuverlässigen Bahnbetriebs der Gegenwart hinter seiner modernen Fassade ziemlich gut entspricht … 🤔🙁🛤📉 



* 1955 hatte die Gesamtlänge des Schienennetzes in Gesamt-Deutschland mit insgesamt 53.700 km ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. 2023 waren es nur noch 33.430 km.



Weiterführende Links:



➡️ https://interaktiv.morgenpost.de/bahn-schienennetz-deutschland-1835-bis-heute/

➡️ https://www.allianz-pro-schiene.de/themen/infrastruktur/schienennetz/

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