Es gibt Menschen, die lieben Jahrmärkte wegen der Bierzelte, wegen Lebkuchenherzen, gebrannten Mandeln, Liebesäpfeln oder Zuckerwatte, wegen Fischbrötchen, Crêpes oder Wurstsemmeln. Andere begeistern die unzähligen Fahrgeschäfte: von der Geisterbahn, dem Spiegelkabinett, Autoscooter, Riesenrad, Achterbahn, Kettenkarussell und all die anderen Vorrichtungen, mit denen kreischende Insassen rauf und runter oder in allerlei wahnwitzigen Orbitalbahnen herumgeschleudert werden.
Das meiste davon lässt mich weitgehend kalt. Bier trinke ich lieber aus den gut sortierten Zapfhähnen einer Craft-Bier-Bar, Süßigkeitenexzesse habe ich mir abgewöhnt, das Preis-Genuss-Verhältnis der meisten Imbiss-Snacks auf Jahrmärkten halte ich für suboptimal und in Freifall-, Kreisel- oder Schleudermaschinen wird mir zügig blümerant.
Was ich jedoch liebe, sind Volksfeste mit einem besonderen, reservierten Bereich für fahrende Händler. Auf hemmungslos mit Waren in allen Varianten überladenen Ständen bieten sie Mützen und Hüte, Gürtel, Socken, Duftöle und Seifen, Kräutermischungen, Tees und Gewürze, Modeschmuck, Dekoartikel, Spielwaren, Töpfe und Küchenzubehör an. Stundenlang kann ich an den Auslagen dieser Buden entlangschlendern, in den kuriosen und interessanten Artikeln stöbern und Utensilien, Markennamen oder Verpackungen entdecken, wie sie nirgendwo im Einzelhandel zu finden sind. Bisweilen habe ich auch schon das eine oder andere gekauft, zuletzt etwa ein rundes Fett-Spritzschutzgitter in Übergröße für meine Wokpfanne und einige angenehm duftende natürliche Aromaöle für die heimische Sauna.
Einer der Jahrmärkte mit einem solchen Händlerareal ist die Dult in Regensburg, und bei einer Kurzreise über Pfingsten nutzte ich natürlich die Gelegenheit für einen Bummel durch die besagten bunten Budengassen. An einem der Stände mit allerlei Edelstahlgerät – Messer, Zahnarztinstrumente, Scheren, Nagelfeilen, Pinzetten etc. – bemerkte ich ein Holzkästchen mit einigen altertümlich anmutenden, aber sehr schönen (und auch typographisch interessanten) Rasierklingenpäckchen. Und die wollten natürlich sofort fotografiert werden.

Nicht nur die Optik der in verschiedenen Purpurtönen bedruckten Schachteln ließ vermuten, dass sie schon einige Jahrzehnte alt sein dürften, sondern auch die Tatsache, dass die Glanzzeit der Messer- und Klingenherstellung in Solingen bereits eine Zeit lang zurückliegt.
Die Geschichte des Schneidwarenhandwerks in Solingen reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Wasserreiche Bäche der Wupper trieben die Schleifmühlen an, reichliche Vorkommen an regionalem Eisenerz und Holz aus den Wäldern begünstigten das dichte Netz an Werkstätten, Fabriken und Manufakturen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg Solingen zur wichtigsten Produktionsstätte für Schneidwaren weltweit auf. Die Herkunftsangabe »Solingen« auf Produkten und Verpackungen wurde zum weltweiten Gütesiegel. Der Name der Stadt ist sogar als Marke gesetzlich geschützt und seit 2012 führt sie den offiziellen Zusatz »Klingenstadt«.
Doch sowohl die Massenproduktion als auch die handwerkliche Fertigung gerieten ab dem späten 20. Jahrhundert durch billigere Konkurrenzprodukte und minderwertige Plagiate aus Asien massiv unter Druck. Viele Traditionsbetriebe mussten schließen, fusionieren oder sich komplett neu erfinden. Trotz aller Widrigkeiten jedoch behauptet sich Solingen bis heute als weltweiter Standort für hochwertige Messer und Haushaltswaren. Etwa 90 % der deutschen Schneidwaren- und Besteckbranche sind nach wie vor in der Region ansässig.
In digitalisierten Solinger Adressbüchern aus den Jahren 1938 und 1953 finden sich allein in der Rubrik »Rasierklingen(fabriken)« jeweils etwa 80–90 Einträge; in der jüngeren Ausgabe lautet einer davon »Pott & Co. · Tizian – Milano – Rio – Rekord · Burgstr. 37«. Dass der Markenname »RECORD« auf dem oben abgebildeten Päckchen mit C geschrieben wird, scheint dabei keinen Unterschied zu machen, denn auf dem Sammlermarkt mit Retro-Rasierklingen (ja, auch ich lernte bei der Recherche zu diesem Beitrag: so etwas gibt es!) werden orangefarbene und ebenfalls in derselben Schriftart mit »RECORD« bedruckte Chargen mit Klingenschachteln angeboten, auf deren enthaltenen, einzeln verpackten Klingen dann kurioserweise »REKORD« mit K steht, dazu die Jahresangabe »1952«. Diese Datierung würde ich auch in etwa der Produktion der von mir fotografierten Klingenschachteln zuordnen. Zwei der im Internet kursierenden Druckmotive mit unterschiedlicher Schreibweise auf den Klingen selbst habe ich hier einmal rekonstruiert:

Die Schriften sowohl auf den Klingen (die ich für den Beitrag hier bewusst außer Acht lasse) als auch auf den farbig bedruckten Kartonschachteln werden durch das gewählte Druckverfahren, vermutlich der sog. »Flexodruck«, nicht sauber dargestellt, da durch die elastischen Druckklischees beim Druckprozess Quetschränder zu den unbedruckten Flächen hin entstehen, die die Formkanten ausweiten und z.T. zulaufen lassen. Auf vielen Fotos der alten Klingen wirken die Buchstaben, wie auch hier, zudem noch verschmiert oder verwischt, möglicherweise bedingt durch die Geschwindigkeit, mit der sie durch die Druckvorrichtung laufen. Ich kann nicht sagen, ob Rasierklingen heute noch exakt so produziert werden wie damals, aber es scheint plausibel, dass viele Fertigungsschritte sich nicht wesentlich verändert haben.
Für die Schriftarten auf den Kartonschachteln konnte ich in den mir zugänglichen Quellen und Musterverzeichnissen keine hinreichend ähnliche Entsprechung finden, sodass ich davon ausgehe, dass die Schriftzüge eigens für die Verpackungen entworfen wurden. Dafür spricht auch, dass doppelt vorkommende Buchstaben, wie P (bei »Wappen«) und R (bei »RECORD«) im Detail unterschiedlich aussehen. Auch die, wie ich finde, sehr gekonnt kalligraphisch anmutende Gestaltung der einzelnen Buchstaben des Wortes »Klinge« und deren dekorative Schwünge könnten ein Indiz dafür sein.

Bei dem etwa mit 20° geneigten Schriftzug »RECORD« finden sich an den Enden der Striche ähnliche, an trockene Pinselspuren erinnernde Ausfaserungen wie bei der recht bekannten Schrift »Reporter«, die 1938 von Carlos Winkow für die Schriftgießerei Johannes Wagner entworfen wurde. Eine spätere Version von Linotype mit dem Namen »Reporter No. 2«, die in den 1980er-Jahren bei Letraset auch in Form von Rubbelbuchstaben erschien, verzichtete auf die Pinselstrukturen innerhalb der Buchstaben und ließ die Schrift kompakter erscheinen.
Die auffälligsten Besonderheiten des »WAPPEN«-Schriftzugs sind aus meiner Sicht die nur in eine Richtung »wehenden« Serifen an A, P und N, die oben markant herausragende Spitze des W und vor allem das unten gerundete E. Die »Romic« etwa (Colin Brignall für Letraset, 1979) weist ähnliche asymmetrische Serifen auf. Einzeln sind solche Merkmale bei diversen Schriftarten anzutreffen, vereint in einer Type konnte ich sie jedoch nicht finden.
Die Blütezeit der Rasierklingenproduktion in Solingen, die auch durch das Aufkommen moderner Elektrorasierer in den 1960er-Jahren ihrem Ende entgegenging, war auch gekennzeichnet durch ein buntes Potpourri zeitgenössischer Markennamen wie Flirt, Element, Punktal, Cosmeta, Dozent, Birko, Rotbart, Timor, Romi, Extase, Amboss, Azur, Excentric, Damocles, Sonnal Markanto, Hammond, FAMA oder Herrenstolz. Ebenso phantasievoll waren die – natürlich oft gereimten – Reklamesprüche in Anzeigen und auf Werbeplakaten: »Rasier Dich ohne Qual – mit Punktal«, »Mit ›ROMI‹ Klingen – ein gut’ Gelingen!« oder »Deine Wahl: nur Sonnal«.
Und wenn ich diese amüsanten Retro-Marketingfragmente so lese, kann ich die Sammelleidenschaft der Fans dieser kuriosen Körperpflegeantiquitäten tatsächlich ein bisschen verstehen … 🤓 🔠 🪒
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