verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Zeichenformen (Seite 1 von 8)

Manchmal fällt mir ein einzelnes Zeichen innerhalb eines typographischen Fundstücks ganz besonders auf. Oder ich begegne einer Schrift bzw. einem Schriftzug mit mehreren schönen oder sonderbaren Details.

06.03.2026

Schon wieder ein Businesstrip, diesmal nach Bremerhaven. Es blieb zwar keine Zeit für ausgiebige typographische Exkursionen in der Stadt, aber unmittelbar am Hauptbahnhof konnte ich dieses interessante Schmuckstück ablichten.

Wo es heute bei der Deutschen Bahn nur noch die 1. und 2. Klasse gibt, waren es früher durchaus ein paar mehr. In der Bahnhofshalle des 1915 im Jugendstil erbauten Hauptbahnhofs in Oldenburg (Oldb.) reichte die Komfortclusterung für Bahnreisende nachweislich gar bis zur IV. Klasse. Immerhin, so steht zu lesen, stand für Reisende in beiden Wartesälen ein gastronomisches Angebot zur Verfügung. Und aus heutiger Sicht wirkt ihr Interieur geradezu luxuriös.

Auch das Bahnhofsgebäude in Bremerhaven stammt aus dieser Zeit. Das im Stil des Spätklassiszismus gehaltene Bauwerk wurde im Sommer 1914 eröffnet.

Das interessanteste Detail an dem fotografierten Schild in der Bahnhofshalle ist aus meiner Sicht, neben der kantigen – heute würde man sagen, »techno-artigen« – Gestaltung der Buchstaben das »doppelte W«. Auf die Geschichte dieses Zeichens möchte ich daher heute einmal etwas genauer eingehen.

Das W ist schon allein deshalb ein besonderer Buchstabe, weil es in vielen Sprachen der Welt eine ähnliche, auffällige Bezeichnung trägt. Zwar buchstabieren ihn Deutsche, Niederländer oder Polen kurz und einsilbig mit Namen, die sich an seine Aussprache in der jeweiligen Sprache anlehnen (veː / ʋeː / vu), doch in etlichen anderen Sprachräumen trägt das W einen Namen, der – anders als bei den restlichen Buchstaben des Alphabets – sein äußeres Erscheinungsbild beschreibt. Aus dem Englischen kennen wir es als »double-u« (Doppel-u), im Französischen heißt es »double vé« (»doppeltes v«), die Italiener sagen »doppia vu«, die Portugiesen »duplo vê«; im spanischen Sprachraum ist es als »uve doble« (»v doppelt«) bekannt. Die Isländer sagen »tvöfalt vaff«, im Tschechischen nennt man es »dvojité vé«, in Estland »kaksisvee« und in Finnland »kaksois-vee«. In Dänemark und Schweden kommt der Buchstabe zwar zumeist nur in Eigennamen oder in aus anderen Sprachen entlehnten Wörtern vor, aber auch dort heißt er »dobbelt-ve« bzw. »dobel-ve«. Diese Gepflogenheit reicht sogar bis nach Asien – auch in Vietnam wird der Buchstabe als »vê đúp« oder »vê kép« benannt.

Diese weit verbreiteten Bezeichnungen verweisen nicht nur auf die Form des Zeichens, sondern auch auf seine Entstehungsgeschichte, welche es sich über viele Jahrhunderte mit dem U und dem V teilt. Auch das Y und das F sind mit dem W verwandt.

Zusammengefasst gesagt, entwickelte sich das Zeichen W in mehreren Stufen, stets entlang des Bedarfes in verschiedenen Epochen und Sprachräumen, bestimmte Laute möglichst eindeutig in Schriftform wiedergeben zu können. Eins der frühesten Schriftzeichen in seiner Ahnenreihe ist der phönizische Konsonant »waw« (11. bis 5. Jahrhundert v. Chr.), dessen nagelartige Form bereits an das spätere Y erinnert, das in »begradigter« Form als Großbuchstabe um das 9. Jahrhundert v. Chr. ins griechische Alphabet übernommen wurde. Die Aussprache, der sogenannte Lautwert des Zeichens, bewegte sich damals ungefähr zwischen dem Vokal [u] und dem u-ähnlichen Anlaut im englischen Wort »water«.

»Die Etrusker übernahmen das frühgriechische Ypsilon und dessen Lautwert. Mit der Zeit verschwand bei den Etruskern die untere Spitze, der Buchstabe bekam die Form V. Ebenso änderte sich die Bedeutung des Buchstabens: Das Etruskische enthielt auch den dem [u] entsprechenden Halbvokal [w] und der Buchstabe wurde verwendet, um beide Laute zu schreiben.«

Quelle: Wikipedia, Artikel zum Buchstaben V

Auch in das lateinische Alphabet wurde der Buchstabe V mit beiden Lautwerten für [u] und [w] übernommen und in der von den Etruskern übernommenen, spitz zulaufenden Form geschrieben. Erst in der Spätantike (ca. 3. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) wurde auch eine unten abgerundete Variante entwickelt, die der Form des heutigen U entspricht.

Im Laufe der Verschriftung der germanischen Sprachen gegen Ende des ersten Jahrtausends n. Chr. entstand dann der Bedarf, den stimmhaften Laut [w] eindeutig schriftlich notieren zu können. Zu diesem Zweck erdachten die Schreiber zunächst zwei parallel verwendete, doppelte Schreibweisen – VV und UU – die erst zu Ligaturen verschmolzen und aus denen dann nachfolgend das W entstand.

Doppel-V als W auf einem Pamphlet über Hexen. London, September 1643, gedruckt von John Hammond. | Abb. via Wikimedia Commons, Public Domain. Man beachte, dass in der kleinen Bildüberschrift sowohl das u in der Wortmitte (»true«) als auch das v als Anlaut (»vſed« = »used«) vorkommen, wo heutzutage in beiden Fällen ein u stehen würde.

Erst im 17. Jahrhundert bildete sich zwischen V und U die differenzierte Verwendung heraus zwischen der spitzen Variante, ausschließlich für den konsonantischen Lautwert ([w] und [f]), und der abgerundeten Variante, speziell für den vokalischen Lautwert ([u]). Die Nutzung des Buchstabens V als U ist auch bei Inschriften jüngeren Datums, z.B. an klassizistischen Bauten, oft anzutreffen, so etwa am Alten Museum (erbaut 1825–1830) auf der Museumsinsel in Berlin. Und bis heute taucht diese Schreibweise aus rein ästhetischen Gründen noch gelegentlich auf, so z.B. im Logo der Luxus-Marke BULGARI.

Das war’s für heute, bis zum nächsten Fundstück – wie immer hier im WWW!
🤓 🔠 📜

27.02.2026

Über das heutige Fundstück freue ich mich wieder ganz besonders, weil ich zwar auf der Spurensuche nur extrem wenige Informationen darüber im Internet gefunden habe, aber trotzdem genug, um hinter die Geschichte dieses Schriftzugs blicken zu können.

Ich entschied mich an einem Tag, der mich zu einem Business-Termin nach Berlin führte, im Anschluss an das Meeting einen längeren Fußweg durch die Stadt zu machen. Zum einen wollte ich nicht den ganzen Tag nur träge an Tischen und in Öffis sitzen, sondern zur Abwechslung auch mal den Schrittzähler im Phone aktivieren, zum anderen ergab sich ein Weg durch Straßen und Viertel, in denen ich – trotz meiner regelmäßigen und häufigen Aufenthalte in der Hauptstadt – ansonsten selten unterwegs bin.

Mein Weg führte mich durch Schöneberg, von der Station U+S Yorckstraße zum Europa-Center an der Gedächtniskirche. An der Hausfassade des Gebäudes Potsdamer Straße 164 fiel mir über den Fenstern im ersten Stock dieser grandiose nostalgische Schriftzug auf. Ein Geschäft oder Gewerbe dazu konnte ich im Haus indes nicht (mehr) ausmachen. Spannend!

Die wunderschön gestalteten Buchstaben, allen voran das funkensprühende R und das flammende d, weckten sofort meine Neugier. Nur zu gerne wollte ich wissen, wann und wofür die Leuchtschrift einst warb. Auf der Website des Landesdenkmalamts Berlin konnte ich anhand eines Fotos aus dem Jahr 2005 in einem Eintrag zu dem betreffenden Gebäude anhand des »Verwitterungsschattens« auf dem Wandputz einen inzwischen fehlenden Teil des Schriftzuges identifizieren. Der vollständige Text lautete »Radio-Brée«. Der Bindestrich, der damals noch vorhanden war, ist inzwischen ebenfalls verschwunden. Eine vergleichbare kommerzielle Schriftart konnte ich nicht ermitteln. Die Buchstaben für die Wortmarke sind vermutlich eigens für diese Lichtreklame entworfen worden.

Nun hatte ich einen Namen und konnte weiter recherchieren. Am 23. Januar 1912 erfolgte offiziell die Gründung der »Wilhelm Brée Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. Gegenstand des Unternehmens war »… die Herstellung und der Vertrieb von Zubehörteilen zu Musikinstrumenten sowie die Vertretung von Häusern, die derartige Artikel herstellen und vertreiben, insbesondere der Fortbetrieb des vom Kaufmann Wilhelm Brée in Berlin bisher allein betriebenen Handelsgeschäfts dieser Art.«

Befasste sich das zuvor bereits seit 1908 existierende Handelsunternehmen des Gründers noch mit dem »Erwerb und (…) Vertrieb von Schreibmaschinen und von Sprechmaschinen«, so führte die rasante Entwicklung der Rundfunktechnik und Unterhaltungselektronik offenbar dazu, dass man sich auf diesen vielversprechenden neuen Geschäftszweig konzentrierte. Es folgten florierende Jahre, in denen das Geschäft Plattenspieler, Radiogeräte und vor allem Schallplatten an die Frau und den Mann brachte.

Durch die für den Publikumsverkehr günstige Lage in der Nähe des sowohl kulturell als auch politisch oft genutzten großen Veranstaltungszentrums »Berliner Sportpalast«, das nur acht Hausnummern entfernt in der Potsdamer Straße 172 ansässig war, wurden permanent reichlich Kunden auf das Geschäft aufmerksam und bescherten ihm gute Umsätze. In der damals größten Veranstaltungshalle der Stadt mit Platz für rund 10.000 Besucher fanden Radrennen, Eishockeyspiele, Eislaufen, Boxkämpfe, Hand- und Basketballturniere sowei Turn- und Leichtathletikwettbewerbe statt. In den 1920er Jahren wurden zahlreiche Kostümbälle und sogar ein Bockbierfest veranstaltet. Es gab hochwertige Aufführungen klassischer Musik (nach dem Krieg auch Pop- und Jazz-Konzerte), das Gelände umfasste eine große Eislaufbahn und wurde auch als großräumiges Lichtspielhaus für Filmvorführungen genutzt. Jedoch sowohl bezüglich des Sortiments des Unternehmens Radio-Brée als auch seiner Adresse vermischten sich, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, immer mehr die Bereiche Unterhaltung und politische Agitation und den tiefdunklen Markstein der dortigen Veranstaltungen bildete die Sportpalastrede Joseph Goebbels’, in der er am 18. Februar 1943 zum »Totalen Krieg« aufrief – zu hören auch im elektronischen Propagandainstrument des »Volksempfängers«, der bei Brée gleich nebenan erhältlich war.

Nichtsdestotrotz nutzte das Geschäft für seine Werbung von der Vorkriegszeit bis in die 1950er-Jahre den Werbespruch »SCHALLPLATTEN, DIE DU GERNE HAST, FÜHRT RADIO-BRÉE AM SPORTPALAST«, der auch auf eigene Plattenhüllen und Tragetüten aufgedruckt wurde. Es gab sogar aufwendig produzierte Werbeschallplatten, auf denen mit einem eingängigen Song voller Berliner Lokalkolorit und Orchesterbegleitung gereimte Reklame für Brée gemacht wurde. Tatsächlich findet sich dazu eine Tondatei aus dem Jahr 1949 auf YouTube:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

»Denkst du an Kirschen, dann träumst du von Werder,
winkst du Berlin, dann besingst du die Spree.
Sprichst du von Weimar, dann denkst du an Goethe
und denkst du an Radio … ja, dann meinste Brée!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, wo du eine Riesen-Auswahl hast!
Da wird der Empfänger dir beschert,
den die Braut sich wünscht, den dein Herz begehrt!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!«

Quelle: Youtube (s.o.)

Am 13. November 1973 wurde der inzwischen unwirtschaftlich gewordene Sportpalast zugunsten eines Wohnungsbauprojektes abgerissen. Wenige Jahre danach, 1976, meldete Brée Konkurs an. Übriggeblieben sind nur die verwitterte erste Häfte des Firmennamens an der braungrauen Hausfassade – und vielleicht die eine oder andere bedruckte Hülle um eine alte Schellack- oder Vinylscheibe im Fundus von Sammlern, Secondhand-Läden oder auf Trödelmärkten.

Ein schöner Zufall war es, dass ich wenige Tage nach der Entdeckung dieses Fundstücks in der Berliner Staatsoper das grandiose Konzert »Musik aus fernen Rundfunktagen« erleben durfte, bei dem Dirigent Christian Thielemann aus genau dieser Ära früher Radiosendungen Kompositionen mit »gehobener Unterhaltungsmusik« vorstellte, die eigens (und teils von berühmten Komponisten) zum Zweck der Live-Übertragung erschaffen wurden.

Zwar ist das gesamte, sehr hörenswerte Gute-Laune-Konzert leider nicht als Mitschnitt online abrufbar, aber dafür das komplette Programmheft, eine ausführliche Besprechung und auf YouTube finden sich einige der Stücke in Form von Aufnahmen mit anderen Orchestern:

Turn the Radio on! 🤓 🔠 📻

16.02.2026

Zu den Geschäften bzw. Bezugsquellen des Einzelhandels, bei denen mir das Aussterben einzelner Branchen in den Innenstädten am stärksten auffällt, zählen neben den klassischen, gutsortierten Schreibwarengeschäften und Bettwarenhandlungen auch Kurzwaren- und Handarbeitsläden. Ich erinnere mich noch gut an kleine inhabergeführte Geschäfte und an Kaufhausabteilungen, in denen sich Stoffballen türmten, sich ein Regal mit Näh- und Stickgarnen in allen Farben des Regenbogens und darüber hinaus ans andere reihte. Es gab Garne und Wollknäuel in riesiger ein- und mehrfarbiger Auswahl, Reißverschlüsse von kurz bis lang, Gummilitzen, Druckknöpfe, Häkel-, Strick- und Nähnadeln in allen Dimensionen und – in langen transparenten Kunststoffröhren gestapelt, mit einem Musterexemplar außen am Verschlussstopfen – Knöpfe aus Horn, Metall und Kunststoff oder mit Stoffüberzug, mit zwei Löchern, vier Löchern oder mit rückseitigen Ösen in hunderten Varianten. Die kleinen Läden hießen »Wollzauber«, »Nähkästchen«, »Stofftruhe« oder »Nadelspiel« oder enthielten die Nachnamen ihrer Gründer*innen, wie »Wollhaus Klocke« oder »Stoffhaus Tippel«.

Im Zeitalter der »Fast Fashion« mit ihren gefühlt wöchentlichen Kollektionswechseln jedoch nähen nicht mehr so viele Menschen wie damals selbst und auch das Reparieren, Stopfen, Ändern oder Umarbeiten von Kleidungsstücken scheint etwas aus der Mode gekommen. Die bevorzugte Bezugsquelle sind auch bei Handarbeitsbedarf inzwischen in erster Linie Online-Shops. Doch hier und da finden sich im Stadtbild – und gemeint ist hier explizit die unvergällte Bedeutung des Wortes – noch vereinzelte Relikte, fast wie kleine gallische Handarbeitsdörfer. Eins, an dem ich z.B. öfter vorbeikomme, ist die Fadeninsel in Berlin-Kreuzberg mit ihrem herrlich nostalgischen, schwungvollen Schriftzug über der rot-weiß gestreiften Markise.

Ein anderes Geschäft entdeckte ich einige Tage zuvor auf einem Fußweg in Berlin-Zehlendorf. Dort ist der goldgelbe Schriftzug »Handarbeiten« sogar noch als Original-Neoninstallation erhalten geblieben. Wie schön bitte sind die Lettern mit ihren »unnötigen« Verzierungen, unten am rechten Bein des H oder in der Schlaufe des d!

Das Geschäft trägt inzwischen den vermutlich gegenwartstauglicheren Namen »Cottonfields«, aber das Sortiment passt nach wie vor zu der hübschen Leuchtreklame. Ein feines typographisches Montagsbonbon, wie ich finde.
🤓 🔠 🧶🪡 🧵

09.02.2026

Das typographische Bonbon dieses Montags fotografierte ich diesmal aus Rang 1 Loge 2 der Hamburgischen Staatsoper, am Abend der Premiere und Uraufführung der Oper »Monster’s Paradise« von Elfriede Jelinek (Libretto) und Olga Neuwirth (Libretto/Komposition). Das Werk in der Tradition des grotesk-gruseligen Grand-Guignol-Theaters widmet sich dem Gefühl des Niedergangs der Welt und der Zerstörung der Demokratie durch größenwahnsinnige Despoten, es ist also brandaktuell. Mitwirkende sind – neben einem unverkennbar erratisch agierenden Bühnenklon des amtierenden US-Präsidenten – unter anderem Elvis, Schneewittchen und weitere Disney-Prinzessinnen mit Cheerleader-Puscheln, Kermit und Miss Piggy, das radioaktiv mutierte Echsenmonster Gorgonzilla, eine Horde Zombies in Anzügen, eine Melania-Stehlampe, humanoide Hot Dogs und eine mahnende Göttin. Langweilig war es also keine Sekunde lang.

Vor dem Beginn der Vorstellung hing vor dem geschlossenen Vorhang dieses animiert beleuchtete Motiv im Las-Vegas-Neonschild-Style. Nach den ersten drei Bildern des Stücks, in denen bereits jede Menge turbulente Szenen die Charaktere und Kulissen spürbar in Mitleidenschaft gezogen hatten, sah auch die spätere, in der Pause erneut herabgelassene Version der Lichtinstallation etwas ramponierter aus: einzelne Buchstaben blieben dunkel, andere flackerten panisch. Eine schöne begleitende Metapher zum Fortgang der bizarren und dystopischen Handlung, wie ich fand.

Und natürlich wollte ich wieder wissen, welche Schriftarten in dem Motiv zum Einsatz kamen. Die erste Zeile ließ sich relativ leicht bestimmen, es handelt sich um die Schriftfamilie »Budmo« (Ray Larabie/Typodermic, 2005), in der es sowohl einen flächigen »Solid«-Schnitt als auch einen – mit innenliegenden Leuchtpunkten versehenen – namens »Jiggler«-gibt.

Die bluttriefende zweite Zeile ist vermutlich eine bewusst trashige, freie Nachzeichnung des Fonts »Melted Monster« (Dimas Prasetyo/DM Letter Studio, 2018). Meine Vermutung basiert darauf, dass die Buchstaben sich zwar auf den ersten Blick unterscheiden, aber bei genauerem Hinsehen ziemlich genau an denselben Stellen und in der gleichen Zahl die typischen »Tropfnasen« aufweisen.

Die Oper »Monster’s Paradise« steht an der Hamburgischen Staatsoper für den 4., 8., 11., 13. und 19. Februar, jeweils um 19:00 Uhr, auf dem Spielplan. Im März wird sie als Koproduktion im Opernhaus Zürich aufgeführt und für 2027 sind Vorstellungen in Österreich an der Oper Graz geplant. 🤓 🔠 🎼

19.01.2026

Wer hier häufiger oder gar regelmäßig mitliest, wird nicht umhingekommen sein, zu bemerken, dass ich ein großer Fan der »gekappten« Buchstabenform des sogenannten »Danish g« bin. Wo ich gehe und stehe – natürlich insbesondere, wenn ich Dänemark bereise – halte ich Ausschau nach Schriften, Beschriftungen, Schildern und ähnlichen Vorkommen mit dieser famosen Buchstabenform.

Auch kürzlich wurde ich wieder fündig, wenngleich an einem unerwarteten Ort: Beim Warten auf die U-Bahn am Berliner Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz stand ich auf dem Bahnsteig zufällig gegenüber einem Motiv einer ganzen Reihe historischer Aufnahmen aus Berlin, welche hinter dem Gleisbett an der gekachelten Wand im 18/1-Plakatformat angebracht sind. Und auf dieser Aufnahme des Pressefotografen Willy Römer aus den 1920er-Jahren sieht man eine Gruppe Passanten – ausschließlich Männer – vor einem jüdischen Geschäft in der damaligen Berliner Grenadierstraße, die 1951 in Almstadtstraße umbenannt wurde. Auf einem Schaufenster des Ladens befindet sich die zweisprachige Beschriftung כּשר (hebr.: »koscher«) und darunter »Geflügel« – mit einem g, das die typisch angeschnittene Unterlänge des »Danish g« aufweist! Dieser Schnappschuss von mir sei das typographische Montagsbonbon für heute.

Obwohl der Schriftzug mit Sicherheit handgezeichnet ist (die beiden doppelt vorkommenden Kleinbuchstaben e und l variieren in ihrer Form) und die Zeichen insgesamt einige ungelenke Design-Details aufweisen, finde ich die Grundanmutung sehr interessant. Man könnte sogar eine gewisse formale Ähnlichkeit zu hebräischen Buchstabenformen assoziieren, z.B. bei den Proportionen des G oder dem horizontalen, am Ende abgeschrägten Auslauf des e. Und rechts von der Fensteröffnung findet sich auf einem schmalen Mauervorsprung sogar noch ein zweites, hochkant gestürztes Wort (»…-Handlung«) mit einem ähnlichen g am Ende. Ein interessanter Fund! 🤓 🔠 🐓

Auf der Website des SPIEGEL kann dasselbe Motiv in einer kolorierten Fassung betrachtet werden.


Addendum

Im Berliner »Scheunenviertel«, wo sich das abgebildete Geschäft befand und in den Jahren, in denen das Foto entstand, ereigneten sich jedoch leider auch düstere Geschehnisse, wie ich bei der Recherche herausfand. Am 05. November 1923 – also knapp 10 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nur vier Tage vor einem ersten gescheiterten Staatsstreich derselben – kam es dort zu einem antisemitischen Pogrom, in dessen Verlauf zwei Tage lang jüdische Bürger angegriffen und ihre Geschäfte geplündert wurden.

»… am 5. November 1923, kam es in der Grenadierstraße zu einem Pogrom gegen die dort ansässigen Jüdinnen und Juden. Es war der reichsweit schlimmste Ausfall gegen Juden in der Weimarer Republik. Eine Menschenmenge strömte vom Arbeitsamt an der Alexanderstraße (…) in das Scheunenviertel, wie die Gegend genannt wurde. Sie brachen in die Geschäfte ein und plünderten Wohnungen aus. (…) Juden wurden gejagt, verprügelt und verletzt. Die Polizei erschien mit reichlicher Verspätung. Sie nahm eine große Zahl der verfolgten Juden fest, die die Beamten selbstverständlich für die Schuldigen hielten.«

QUelle: TAZ – »Das vergessene Pogrom«

Es gibt im Netz zahlreiche weitere Berichte und Beiträge zu diesem Ereignis. Einen weiteren Link, ergänzend zu den o.g. Quellen, füge ich nachfolgend an.

➡️ Audiobeitrag: »Anatomie eines Pogroms« – Deutschlandfunk (29:08 min)

12.01.2026

Das typographische Bonbon an diesem Montag knüpft an einen älteren Beitrag zu einer auffallend gestalteten, kreisrund eingefassten Hausnummer in Kopenhagen an. Dieses neue Foto habe ich allerdings in Basel gemacht, an einem Seitenfenster des Restaurants mit dem interessanten Namen »Gifthüttli«, das früher erst eine Weinstube und später eine Bierschänke war.

»Vor etwa 120 Jahren wurde in den traditionellen Basler Wirtschaften nur Wein ausgeschenkt. Bier gab es nur in den zahlreichen, mit einer Gaststätte verbundenen Hausbrauereien. Der Wirt des Gasthauses ›zum Ritter St. Georg‹ an der Schneidergasse, Innocenz Weiss, war der erste der es wagte, neben Wein auch Bier auszuschenken. Die Stadt hatte ein Tagesgespräch mehr und im Lokalblatt ›Basler Nachrichten‹ erschien ein Artikel, in dem es hieß:

›… Bier, das nicht direkt beim Bierbrauer getrunken werde, ist Gift.‹

Innocenz Weiss, der sich stolz als ›Bierwirt‹ bezeichnete, nahm die Sache mit Humor und taufte daraufhin sein Restaurant von ›zum Ritter St. Georg‹ auf ›Gifthüttli‹ um.«

Quelle: gifthuettli.ch

Das Monogramm mit dem formfolgend gerundeten W und dem stilisierten Bierglas steht für den Namen der Brauerei »Zum Warteck« (später »Warteck Brauerei & Getränke AG«). Der Großneffe des Inhabers ließ nach der Übernahme der Leitung im Jahr 1913 ein neues Gebäude für das Gasthaus errichten. Nach seinem unerwarteten Grippetod im Jahr 1918 führte zunächst seine Witwe zehn Jahre lang das Geschäft weiter, 1928 verkaufte sie das Lokal dann an die genannte Brauerei, die seither das Gebäude verwaltet und dessen Gaststätte verpachtet. Inzwischen gehört die Brauerei zur Feldschlösschen Getränke AG, die ihrerseits seit 2000 Teil der internationalen Carlsberg-Gruppe ist – der nach eigenen Angaben viertgrößten Brauerei-Gruppe weltweit und Marktführer in Nord- und Osteuropa.

Das Bier dieser Marke ist jedoch nach wie vor im Sortiment.
Zum Wohl! 🤓 🔠 🍺

09.01.2026

Noch immer liegen hier auf meiner Festplatte einige Fundstücke aus Freiburg und Basel, die ihres Postens harren. Der heutige Beitrag präsentiert eines davon; ich entdeckte es in der »Schweizer Kulturhauptstadt« – Basel hat eine der schönsten und besterhaltenen Altstädte Europas – in einem schmalen Gässchen Richtung Andreasplatz, zwischen den Häusern Schneidergasse 18 und 20, hoch oben an der Seitenfassade eines Eckhauses. Fast wäre ich daran vorbeigelaufen, weil das Relikt so unscheinbar und verwittert war. Die historischen Orts- und Straßennamen in diesem Viertel der »Grossbasler Altstadt« – Hutgasse, Nadelberg, Sattelgasse, Gerbergasse, Schneidergasse – lassen vermuten, dass hier einst etliche Handwerksbetriebe ansässig waren, die mit der Verarbeitung von Stoff- und Lederwaren ihr Geld verdienten. Seinen Namen hat der überschaubare mittelalterliche Platz von einer Kapelle, die einst in seiner Mitte stand:

»An die im 11. Jahrhundert erbaute Andreaskapelle erinnern Pflastersteine, die am Boden ihren Grundriss nachzeichnen. In nachreformatorischer Zeit diente die Kapelle den Krämern der Safran Zunft Basel als Warenlager, bevor sie im Jahr 1792 auf Wunsch der Anwohnenden abgerissen wurde. Die Abstände zwischen den Wohnhäusern und dem Kirchlein betrugen teilweise nur vier Meter!«

QUelle: @baslerstadtbuch auf Instagram

Ich hatte wohl noch mehr Glück, den Schriftzug »Spezialität in Nähseide & Schneiderartikel« überhaupt bemerken zu können, denn auf einer älteren Gebäudeansicht bei Google Streetview ist die Fassade nahezu komplett mit Efeu überwachsen. Der dichte Pflanzenteppich hatte sich erst im Sommer 2017 durch sein eigenes Gewicht von der Fassade gelöst. Am Tage meines Besuches bedeckten die neu sprießenden Ranken nur die letzten vier Buchstaben. Die vornehmen, aufrecht stehenden Buchstaben und verzierten Initialen, die an mit Feder geschriebene Texte erinnern, sind mit Sicherheit von Hand auf die Wand gemalt worden, denn es fallen sofort Unregelmäßigkeiten im Schriftbild auf, wie etwa unterschiedliche Zeichenbreiten oder verschiedene Neigungswinkel des Querstrichs im kleinen e.

Die Schriftart ist keiner eindeutigen Klasse zuzuordnen, sie vermischt Stilelemente verschiedenster Epochen und Kategorien miteinander. So etwa die eigenwillig nach links »gebückte« Form des großen N, wie sie sich in manchen mittelalterlichen oder »gotisch/keltisch« assoziierten Schreibschriften wiederfindet, z.B. in der »Old Norse« (Eric Kurniawan/Burntilldead). Aber sie besitzt auch modernere Attribute, die man von den kalligrafischen Antiqua-Varianten der »Chancery«-Schriften (»Humanistische Kursive«) kennt, etwa den nach rechts geschwungenen oberen Abschluss am Stamm des h. In ihrer aufrechten Schreibweise wiederum erinnert sie an Schriften aus der Gruppe der »Humanistischen Minuskel« aus dem 15. Jh. Und auch das über der Grundlinie gehaltene z mit Unterschlinge ist bemerkenswert. Bezeichnen wir die Schrift also bis auf Weiteres als »frei gestaltete, dekorative Werbeschrift mit Federduktus und verzierten Initialen«.

Im unteren Teil des Bildes habe ich versucht, den Schriftzug leserlicher hervorzuheben, soweit der verblasste Farbauftrag dies zuließ. Lediglich beim k musste ich raten, wie dieses vielleicht ausgesehen haben könnte, da sich das einzige Vorkommen dieses Zeichens hinter dem Efeubewuchs verbarg.

»Aufgrund der wachsenden Zahl der Annoncen in Zeitungen, als Folge der industriellen Revolution, wurde der Markt der Werbung entdeckt und auch bald der der kostengünstigen Außenwerbung. Bereits um die Jahrhundertwende wurden deshalb monumentale Reklamen an Häuserwände gemalt.«

Quelle: Wikipedia-Artikel »Außenwerbung«

Über den einstigen, mit der Inschrift beworbenen Betrieb konnte ich leider keine Informationen ausfindig machen, insofern ist eine Datierung der Wandbemalung schwierig. Vermutlich entstand sie nicht vor ca. 1850–1870; als Referenzdatum für den aufkommenden Boom der Außenwerbung im 19. Jahrhundert kann der 15. April 1855 dienen. An diesem Tag wurde in der Münzstraße in Berlin-Mitte die erste sogenannte »Annonciersäule«, erdacht vom dortigen Verleger und Druckereiunternehmer Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) aufgestellt.

Ich jedenfalls finde es schön, dass man diese alte Werbebotschaft nun wieder ohne Efeubewucherung sieht. 🤓 🔠 🪴


Update: Eine Leserin auf LinkedIn trug in ihrem Kommentar noch ein interessantes Detail bei, das meine Einschätzung zur Entstehungszeit bestätigt:

»Das Luxusgut Nähseide industriell herzustellen, wurde erst mit der Entwicklung der Spinn- und Nähmaschinen im 19. Jahrhundert möglich und von der Firma Gütermann 1864 in großer Menge verfügbar gemacht.«

Weiterführende Links

➡️ »Ghost Signs« – Artikel über die Bilder des Fotografen Nicholas Brewer aus Berkshire von verblassenden historischen Werbebotschaften auf Fassaden in Großbritannien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
➡️ »The History of OOH (Out Of Home)« auf der Website der OAAA (Out of Home Advertising Association of America)

02.01.2026

Vor gut einem Jahr, am Heiligabend 2024, postete ich einen Beitrag zur Formenvielfalt des »Asterisk«- oder »Sternchen«-Zeichens. Es begeistert mich immer wieder, wie blühend die Fantasie der Schriftgestalter beim Design einzelner Glyphen ist. Manche Zeichen eignen sich dafür besser, andere – wie zum Beispiel das große I – lassen etwas weniger Spielraum. Ebenso faszinierend finde ich, wie gut Auge und Gehirn des Menschen damit klarkommen, diese so unterschiedlichen Formen fast immer blitzschnell und eindeutig als die Zeichen zu erkennen und lesen zu können, die es sein sollen.

Ein Symbol aus dem gängigen Zeichensatz, bei dem mir der Variantenreichtum ebenfalls besonders auffällt, ist das »Et«-, »Und«- oder »Ampersand«-Zeichen (&), auf das ich beim ersten typographischen Fundstück im Neuen Jahr das Augenmerk lenken will. Aufgefallen war mir das Zeichen kurz vor Silvester im Abspann des Woody-Allen-Films »Hannah und ihre Schwestern«, wo es insbesondere im Rahmen der Auflistung der im Film gespielten Musikstücke ins Auge fällt. Die Schriftart mit dieser wunderbar geschwungenen, ausladend-eleganten Interpretation des Ampersand ist sehr wahrscheinlich eine Condensed-Variante der »Windsor« (Originalentwurf von Eleisha Pechey für Stephenson Blake, um 1904).

Das heute als einzelnes Zeichen genutzte Symbol ist eigentlich eine Ligatur, also eine Verschmelzung mehrerer Schriftzeichen, und zwar aus den beiden lateinischen Buchstaben des Wortes »Et« (= »und«). Bei manchen Schriftarten kann man diesen Ursprung aus der Form im wahrsten Sinne des Wortes noch herauslesen (siehe z.B. letzte Reihe im Bild, vorletzte Spalte), bei anderen ist er weniger oder gar nicht mehr erkennbar.

Erste Zeile: Davis Sans Medium, Papyrus, American Typewriter, Bookman Old Style Bold, Aviano Slab Light, Arima Medium. Zweite Zeile: Blenny Black, Rooney Sans Light, Rockwell Extra Bold, Noteworthy Light, Aller Display, Bickham Script Pro Semibold. Dritte Zeile: Semplicita Pro Bold, Edwardian Script ITC, Monotype Corsiva, FS Lola ExtraBold, Dax Compact Pro Medium, Marker Felt Thin. Vierte Zeile: Harrington, Kino MT, Coquette, Skia Bold, Ellograph CF Bold, Charmonman Bold. Fünfte Zeile: Allotrope Medium, Giddyup Std, Luminari, Regave DemiBold, Rhetoric, LayarBahtera Kiamat Bold. Sechste Zeile: Aviano, Asphalt Black, Adlery Pro , Adobe Clean UX, Trebuchet MS, Mukta Medium.

Ebenso vielfältig wie sein Erscheinungsbild ist auch die Verwendung des Ampersand. Es taucht bei der Benennung von Konzernen (Johnson & Johnson, AT&T, Procter & Gamble) oder Handelsunternehmen (Marks & Spencer, C&A, Peek & Cloppenburg, H&M) ebenso auf wie bei Produktmarken (Ben & Jerry’s, M&M’s, Head & Shoulders, Black & Decker, Dolce & Gabbana) oder auf den Firmenschildern von Anwaltskanzleien, Consultingfirmen oder Werbeagenturen (Scholz & Friends, McKinsey & Company). Und auch aus Firmierungen wie »Lidl GmbH & Co. KG« ist es uns vertraut.

In Auszeichnungssprachen wie HTML oder LaTeX wird mit dem Ampersand die Codierung sichtbarer oder unsichtbarer Sonderzeichen eingeleitet. So steht z.B. die Zeichenfolge Ä in der Codierung »Decimal NCR« (Decimal Numeric Character Reference) für den Großbuchstaben des Umlauts Ä. In einer anderen, nichtdezimalen Schreibweise als sog. »HTML-Entity« lautet die codierte Schreibweise für denselben Buchstaben Ä (A-Umlaut). Einige Programmiersprachen verwenden zwei aufeinanderfolgende Ampersands && als Referenz auf den booleschen Operator AND, der zwei Aussagen logisch miteinander zu einer sog. »Konjunktion« verknüpft, die genau dann wahr ist, wenn beide verbundenen Aussagen wahr sind. Und in der Programmiersprache C++ bezieht sich das & auf eine konkrete Adresse im Speicher, wo z.B. eine Variable abgelegt ist. Auch in den Sprachen Fortran, MySQL, Perl und Pascal hat das Ampersand eine speziell zugewiesene Funktion.

In Alltagsleben und Popkultur findet sich das Et-Zeichen bei der Kategorisierung von Musikgenres (R&B – Rhythm and Blues) ebenso wie bei den Namen von Bands oder Interpreten (Echo & the Bunnymen, Earth, Wind & Fire, Simon & Garfunkel). Es gibt Bezeichnungen für Unternehmensabteilungen oder Geschäftsbereiche (R&D – Research and Development, F&B – Food and Beverages). Man kann Unterkünfte mit B&B (Bed and Breakfast) buchen, in Publikumsveranstaltungen Q&A (Questions and Answers) diskutieren oder mit D&D (Dungeons and Dragons)-Games virtuelle Abenteuer erleben. Und auf Initiative des US-Amerikaners Chaz DeSimone, einem Designer mit einer Leidenschaft für Typographie, ist dem Symbol seit 2015 sogar ein eigener Feiertag gewidmet, der »National Ampersand Day« oder »World Ampersand Day«, der jedes Jahr am 08. September begangen wird.

Die formalen Ursprünge des Zeichens lassen sich tatsächlich schon bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen. Zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n. Chr. trat es dann zunehmend in der heute verbreiteten verschlungenen Gestalt auf, die an eine 8 erinnert. Der Name »Ampersand« hingegen entstand erst ca. Anfang des 19. Jahrhunderts im britisch-englischen Sprachraum. Damals wurde das Zeichen als 27. Buchstabe des Alphabets nach dem Z britischen Schülern beigebracht, die es mit dem Begriff »and per se and« bezeichneten. Eine undeutliche Aussprache bzw. die Zusammenziehung dieses Terminus führten dann letztlich zum »Ampersand«. 1837 wurde das Wort offiziell in die ersten englischen Wörterbücher aufgenommen.

Der Begriff »Ampersand« findet sich interessanterweise auch in einem beliebten englischen Kinderreim zum Erlernen der Buchstaben und ihrer Reihenfolge im Alphabet. In den ältesten Fassungen (die bis zum Jahr 1671 zurückreichen!) ist dieser Bezug noch nicht enthalten. Das Gedicht wurde aber im Laufe der Zeit mehrfach erweitert und verändert und in einer gedruckten Fassung um 1820 wird das &-Zeichen in der vorletzten Zeile erwähnt. Es fehlen hingegen noch die Buchstaben I und U, da zu jener Zeit zwischen der Schreibweise der Großbuchstaben I und J sowie U und V noch nicht unterschieden wurde, was das Fehlen der beiden Vokale erklärt.

The Tragical Death Of An Apple Pie

A An Apple Pie,
B Bit it,
C Cut it,
D Dealt it,
E Did eat it,
F Fought for it,
G Got it,
H Had it,
J Join’d for it,
K Kept it,
L Long’d for it,
M Mourned for it,
N Nodded at it,
O Open’d it,
P Peeped into it,
Q Quartered it,
R Ran for it,
S Stole it,
T Took it,
V View’d it,
W Wanted it,
XYZ and ampersand
all wished for a piece in hand.

Quelle: Faksimile (um 1820) bei spitalfieldslife.com

Das Et-Zeichen wird in einigen geschriebenen Texten (oder sogar Headlines) bisweilen aus Bequemlichkeit, Gewohnheit oder Unbedachtheit oft auch als Ersatz für das geschriebene Wort »und« genutzt. Von dieser Verwendung raten jedoch professionell schreibende, lektorierende und textende Expert*innen ab. Bei Platznot oder in Eile geschriebenen Texten sollte ein »und« besser durch die Abkürzung »u.« ersetzt werden. Am besten lesen sich Texte jedoch, wenn sich die Verfasser*innen den Platz und die Zeit zum Ausschreiben des »und« nehmen und dem Ampersand seinen exklusiven Status, den es als altehrwürdige Design-Diva unter den Schriftzeichen aus meiner Sicht verdient hat, wohlwollend zugestehen. 🤓 🔠 👩‍🎤

Weiterführende Links

➡️ »Formenwandlungen der ET-Zeichen« (archive.org)
➡️ »The Story of the Ampersand« (blazetype.eu)
➡️ Zur Geschichte des »Apple Pie ABC« (wikipedia.org)

29.12.2025

Das letzte typographische Montagsbonbon dieses Jahres entdeckte ich in der Nähe der historischen Fischauktionshalle in Hamburg-Altona, an der Fassade des gegenüberliegenden Design- und Interieur-Einkaufszentrums »Stilwerk«. Es war mal wieder eines der Fundstücke, an denen man – insbesondere als niedergelassener Einwohner der Stadt – zumeist achtlos vorbeiläuft, sofern man die vermeintlich schon dutzendmal gesehenen Gebäude nicht noch einmal bewusst betrachtet.

An der typischen Hamburger Klinkermauer sind drei Gedenkmarken aus Metall angebracht, die an die höchsten Wasserstände bei Sturmfluten in der jüngeren Geschichte der Hansestadt erinnern sollen. Auf das verheerendste Ereignis verweist interessanterweise die niedrigste der drei Markierungen – der Orkan »Vincinette« und die damit verbundene Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962, in deren Verlauf 315 Menschen ihr Leben verlieren und rund 100.000 Einwohner ohne Strom und Telefon und bei winterlichen Temperaturen vom Wasser stundenlang eingeschlossen waren. Der historisch hohe Pegel von 5,70 m über Normalhöhennull (NHN) überschwemmt nahezu alle Deiche und Dämme der Metropole; noch über Nacht treten 60 Dammbrüche auf. Rund 200 Wohnungen werden völlig zerstört, mehr als 700 massiv beschädigt. Über 11.000 Wohnungen sind anschließend vorübergehend nicht mehr bewohnbar, sodass etwa 20.000 Menschen für längere Zeit in Notunterkünften leben müssen. Die beherzten Handlungen und Hilfsmaßnahmen des damaligen Hamburger Polizeisenators Helmut Schmidt sind in die Geschichte eingegangen.

Seit dieser Flutkatastrophe wurden die Deiche in und um Hamburg massiv erhöht und die Innenstadt durch Hochwasserschutzmauern und -tore deutlich besser geschützt. Gegenwärtig ist Hamburg gegen Sturmfluten mit Deichen gewappnet, die einen Wasserstand zwischen 7,50 und 9,25 m ü. NHN zurückhalten können. Auch aus diesem Grund verliefen die Hochwasser der beiden weiter oben markierten, späteren Sturmfluten wohl glimpflicher als die erste.

Die mittlere der drei Flutmarken erinnert an zwei Hochwasser im Januar 1976. In diesem Monat trafen gleich zwei Sturmfluten im Abstand von nur 17 Tagen auf die deutsche und die dänische Nordseeküste, angestoßen durch eine dauerhafte Westwind-Wetterlage um den Jahreswechsel 1975/76 und den begleitenden Orkan »Capella«. Die erste, weniger schwere Flut mit einem neuen Rekordpegel von 6,45 Meter ü. NHN traf die Küstengebiete am 3. Januar 1976. Auch die darauf folgende, zweite Januarflut in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar richtete schwerere Schäden an und führte erneut zu Evakuierungen und Dammbrüchen. Beide hatten jedoch u.a. aufgrund des inzwischen verbesserten Hochwasserschutzes weniger gravierende Auswirkungen als die Flut 1962.

Die obere Flutmarke verweist vermutlich auf das Hochwasser im Winter 2023, verursacht durch das Sturmtief »Zoltan«. Diese Sturmflut führte im Hamburger Elbgebiet am 22. Dezember zu einem maximalen Wasserstand von +3,33 m gegenüber dem mittleren Hochwasserstand. Autos mussten aus dem Flutgebiet entfernt werden, die Hochwassertore wurden geschlossen. Insgesamt jedoch war die Lage keinesfalls so dramatisch wie bei den beiden markierten Ereignissen zuvor.

»Zahlreiche Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Hamburg Wasser waren vor Ort, wie dpa-Reporter berichteten. Die Atmosphäre war entspannt.«

QUELLE: Tagesspiegel vom 22.12.2023

Update (31.12.2025): Inzwischen kenne ich den Wert des höchsten Pegelstandes aus dem Jahr 2023 auch in der Messart »über NHN«, er entspricht 5,45 m. Seltsam daran ist, dass dieser Wert nicht – wie die Flutmarke 2023 an der Mauer – über den beiden Pegelständen von 1962 und 1976 liegt, sondern sogar unter dem Stand von 1962. Diese Unstimmigkeit versuche ich noch nachträglich aufzuklären.

Warum entschieden wurde, eine abweichende Schriftart für die Flutmarke 2023 zu nutzen, ist mir nicht bekannt. Eigentlich wirken die eigenwilligen, offenen Ziffern der beiden formal gleichartigen Marken aus den Jahren 1962 und 1976 auf mich nach wie vor modern, diejenigen der jüngsten Jahreszahl finde ich eher beliebig. Allein anhand der vier Ziffern lässt sich deren Schrift kaum verlässlich bestimmen. Bei den beiden älteren Marken gehe ich von eigens gestalteten Formen aus, insbesondere die 6 und die 9 lassen sich aus schmalen Metallstreifen in der Strichstärke der Ziffern vermutlich recht unaufwendig derart zurechtbiegen, die 1 muss überhaupt nicht gebogen werden, lediglich die 7 und die 2 erfordern aufgrund der spitzen Winkel wohl etwas mehr handwerklichen Aufwand.

Update (27.02.2026): Zunächst hatte ich zwei Hamburger Behörden kontaktiert, um herauszufinden, warum die obere Flutmarke von 2023 auf der falschen Höhe sitzt.

Am 07.01.2026 antwortete mir die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA):

»Hier hat sich jemand evtl. einen Scherz erlaubt. Von offizieller Seite ist zumindest die obere Marke nicht angebracht worden. Mir ist leider nicht bekannt, wer für die Anbringung dieser Marken zuständig ist«.

Man verwies mich netterweise an den Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG). Von dort kam am 27.01. folgende Auskunft:

»Die von Ihnen recherchierten Höhen der jeweiligen Sturmfluten sind korrekt. Die Flutmarke aus dem Jahr 2023 wurde tatsächlich auf einer nicht zutreffenden Höhe angebracht. Diese Markierung stammt jedoch nicht vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer.«

Ich solle mich an den Eigentümer des Gebäudes, die stilwerk Hospitality GmbH, wenden. Auch dies tat ich und erhielt heute am 27.02. von dort folgende Nachricht:

»Wir konnten leider auch nicht viel mehr herausfinden, als dass es sich, genau wie Sie schon richtig schreiben, um eine Guerilla-Flutmarke handelt, die wahrscheinlich von Klimaschützer:innen angebracht wurde – vor 2023 natürlich. Die Flutmarke besteht aus Styropor und ist auch sehr gut zu unterscheiden von den offiziellen. Natürlich kann das gewählte Jahr 2023 mittlerweile etwas zu Verwirrung führen – aber um ehrlich zu sein, sind Sie die erste Person, die uns darauf anspricht.
Wir finden aber den Gedanken hinter der Flutmarke wichtig und haben sie deshalb auch an der Fassade gelassen.«

Dass die »Guerilla-Flutmarke« damals offenbar als Warnung vor einem künftigen Hochwasser angebracht wurde, erklärt auch ihre inkorrekte Platzierung, denn den realen Wasserstand der 2023 dann tatsächlich eintretenden Flut von 5,45 m über NHN konnten die Aktivisten ja noch gar nicht kennen.

Rätsel gelöst! 🤓☝️🌊

Und wieder habe ich durch einen zufälligen Seitenblick wieder etwas über meinen Wohnort und dessen Geschichte gelernt. Allem voran, dass die höchste gemessene Flut nicht zwangsläufig die schwersten Schäden mit sich bringt – und dass vorausschauender Hochwasserschutz gar nicht genug wertgeschätzt werden kann.

Weiterführende Links bzw. genutzte Informationsquellen:
➡️ NDR – »Sturmflut 1962: Als Hamburg im Wasser versank«
➡️ NDR – »Orkan ›Capella‹ wütet im Januar 1976 im Norden«
➡️ Wikipedia – »Zweite Januarflut 1976«
➡️ Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie – »Serie von schweren Nordsee-Sturmfluten am 21.12.2023 und 25.12.2023« (PDF)
➡️ Behörde für Umwelt und Energie Hamburg – »Wasserstände, Sturmfluten, Sollhöhen in Hamburg · Am Beispiel des Pegels St. Pauli« (PDF)

22.12.2025

Weihnachten steht vor der Tür – und deshalb ist das typographische Montagsbonbon heute nichts Gefundenes, sondern was Selbstgemachtes. Nur mit Farbflächen und Buchstaben erstellt und von Hand animiert.

Ob ich am Freitag dieser Woche, wie üblich, ein ausführlicheres Fundstück poste, entscheide ich spontan, je nach Muße, Lust und Laune. Bis dahin vielen Dank fürs Liken, Boosten und Kommentieren meiner Einträge hier, feiert schön, lasst Euch herzerwärmend beschenken, umgebt Euch mit lieben Menschen, genießt feine Speisen, Trank und Festlichkeit und habt eine schöne Zeit! 🤓 🔠🎄🎅

Verwendete Schriftarten: J am Bildrand: Adobe Handwriting (Frank Grießhammer/Ernest March/Tiffany de Sousa Wardle), H: American Typewriter (Joel Kaden/Tony Stan, ITC), V: Bauhaus 93 (URW Type Foundry), T: Birch (Kim Buker Chansler, Adobe), U: Custard (Rian Hughes, Device), S: Engravers MT (Robert Wiebking, Monotype), M: Giddyup (Laurie Szujewska, Adobe), Q: ITC Edwardian Script (Edward Benguiat), W: ITC Portago (Luis Siquot), O: Kestrel Script (Alan Meeks), o: Kino MT (Martin Dovey, Monotype), E: Latin Wide (URW Type Foundry), I: Lucida Blackletter (Charles Bigelow/Kris Holmes, Monotype), L am Bildrand: Matura (Imre Reiner, Monotype) und Z: Party (Carol Kemp, ITC).

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