300 bis 500 Werbebotschaften pro Tag, so heißt es, prasseln gegenwärtig auf uns ein – als digitale oder gedruckte Anzeigen, Poster oder Plakate, auf Displays, in Videos oder in Prospekten und Broschüren. Und Schrift ist immer dabei.
An diesem Montag biete ich gleich vier typographische Bonbons an, die ich im Umfeld von Bistros, Restaurants, Imbissen oder Marktständen fotografiert habe, teils schon vor einigen Jahren.
Es ist einiges Handgeschriebene dabei, sodass sich eine Schriftbestimmung dort erübrigt. Allen gemein ist aus meiner Sicht jedoch eine amüsante Komponente, die durch Botschaft, Wortwahl, Schriftbild oder Anordnung der Buchstaben bzw. Texte entstand – teils mit Absicht, teils ohne Zutun der Schreiber*innen. Deshalb lasse ich die Fundstücke heute auch mal nur für sich sprechen und verzichte auf tiefgründige Recherchen. Man bemerke jedoch, dass beim ersten Bild in der zweiten Zeile kopfstehende W als M-Ersatz genutzt wurden.
Über das heutige Fundstück freue ich mich wieder ganz besonders, weil ich zwar auf der Spurensuche nur extrem wenige Informationen darüber im Internet gefunden habe, aber trotzdem genug, um hinter die Geschichte dieses Schriftzugs blicken zu können.
Ich entschied mich an einem Tag, der mich zu einem Business-Termin nach Berlin führte, im Anschluss an das Meeting einen längeren Fußweg durch die Stadt zu machen. Zum einen wollte ich nicht den ganzen Tag nur träge an Tischen und in Öffis sitzen, sondern zur Abwechslung auch mal den Schrittzähler im Phone aktivieren, zum anderen ergab sich ein Weg durch Straßen und Viertel, in denen ich – trotz meiner regelmäßigen und häufigen Aufenthalte in der Hauptstadt – ansonsten selten unterwegs bin.
Mein Weg führte mich durch Schöneberg, von der Station U+S Yorckstraße zum Europa-Center an der Gedächtniskirche. An der Hausfassade des Gebäudes Potsdamer Straße 164 fiel mir über den Fenstern im ersten Stock dieser grandiose nostalgische Schriftzug auf. Ein Geschäft oder Gewerbe dazu konnte ich im Haus indes nicht (mehr) ausmachen. Spannend!
Im Detail frei interpretierte Nachzeichnung des Schriftzuges.
Die wunderschön gestalteten Buchstaben, allen voran das funkensprühende R und das flammende d, weckten sofort meine Neugier. Nur zu gerne wollte ich wissen, wann und wofür die Leuchtschrift einst warb. Auf der Website des Landesdenkmalamts Berlin konnte ich anhand eines Fotos aus dem Jahr 2005 in einem Eintrag zu dem betreffenden Gebäude anhand des »Verwitterungsschattens« auf dem Wandputz einen inzwischen fehlenden Teil des Schriftzuges identifizieren. Der vollständige Text lautete »Radio-Brée«. Der Bindestrich, der damals noch vorhanden war, ist inzwischen ebenfalls verschwunden. Eine vergleichbare kommerzielle Schriftart konnte ich nicht ermitteln. Die Buchstaben für die Wortmarke sind vermutlich eigens für diese Lichtreklame entworfen worden.
Nun hatte ich einen Namen und konnte weiter recherchieren. Am 23. Januar 1912 erfolgte offiziell die Gründung der »Wilhelm Brée Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. Gegenstand des Unternehmens war »… die Herstellung und der Vertrieb von Zubehörteilen zu Musikinstrumenten sowie die Vertretung von Häusern, die derartige Artikel herstellen und vertreiben, insbesondere der Fortbetrieb des vom Kaufmann Wilhelm Brée in Berlin bisher allein betriebenen Handelsgeschäfts dieser Art.«
Befasste sich das zuvor bereits seit 1908 existierende Handelsunternehmen des Gründers noch mit dem »Erwerb und (…) Vertrieb von Schreibmaschinen und von Sprechmaschinen«, so führte die rasante Entwicklung der Rundfunktechnik und Unterhaltungselektronik offenbar dazu, dass man sich auf diesen vielversprechenden neuen Geschäftszweig konzentrierte. Es folgten florierende Jahre, in denen das Geschäft Plattenspieler, Radiogeräte und vor allem Schallplatten an die Frau und den Mann brachte.
Durch die für den Publikumsverkehr günstige Lage in der Nähe des sowohl kulturell als auch politisch oft genutzten großen Veranstaltungszentrums »Berliner Sportpalast«, das nur acht Hausnummern entfernt in der Potsdamer Straße 172 ansässig war, wurden permanent reichlich Kunden auf das Geschäft aufmerksam und bescherten ihm gute Umsätze. In der damals größten Veranstaltungshalle der Stadt mit Platz für rund 10.000 Besucher fanden Radrennen, Eishockeyspiele, Eislaufen, Boxkämpfe, Hand- und Basketballturniere sowei Turn- und Leichtathletikwettbewerbe statt. In den 1920er Jahren wurden zahlreiche Kostümbälle und sogar ein Bockbierfest veranstaltet. Es gab hochwertige Aufführungen klassischer Musik (nach dem Krieg auch Pop- und Jazz-Konzerte), das Gelände umfasste eine große Eislaufbahn und wurde auch als großräumiges Lichtspielhaus für Filmvorführungen genutzt. Jedoch sowohl bezüglich des Sortiments des Unternehmens Radio-Brée als auch seiner Adresse vermischten sich, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, immer mehr die Bereiche Unterhaltung und politische Agitation und den tiefdunklen Markstein der dortigen Veranstaltungen bildete die Sportpalastrede Joseph Goebbels’, in der er am 18. Februar 1943 zum »Totalen Krieg« aufrief – zu hören auch im elektronischen Propagandainstrument des »Volksempfängers«, der bei Brée gleich nebenan erhältlich war.
Nichtsdestotrotz nutzte das Geschäft für seine Werbung von der Vorkriegszeit bis in die 1950er-Jahre den Werbespruch »SCHALLPLATTEN, DIE DU GERNE HAST, FÜHRT RADIO-BRÉE AM SPORTPALAST«, der auch auf eigene Plattenhüllen und Tragetüten aufgedruckt wurde. Es gab sogar aufwendig produzierte Werbeschallplatten, auf denen mit einem eingängigen Song voller Berliner Lokalkolorit und Orchesterbegleitung gereimte Reklame für Brée gemacht wurde. Tatsächlich findet sich dazu eine Tondatei aus dem Jahr 1949 auf YouTube:
»Denkst du an Kirschen, dann träumst du von Werder, winkst du Berlin, dann besingst du die Spree. Sprichst du von Weimar, dann denkst du an Goethe und denkst du an Radio … ja, dann meinste Brée! Das ist Radio Brée am Sportpalast, wo du eine Riesen-Auswahl hast! Da wird der Empfänger dir beschert, den die Braut sich wünscht, den dein Herz begehrt! Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt. Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin! Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt. Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!«
Quelle: Youtube (s.o.)
Am 13. November 1973 wurde der inzwischen unwirtschaftlich gewordene Sportpalast zugunsten eines Wohnungsbauprojektes abgerissen. Wenige Jahre danach, 1976, meldete Brée Konkurs an. Übriggeblieben sind nur die verwitterte erste Häfte des Firmennamens an der braungrauen Hausfassade – und vielleicht die eine oder andere bedruckte Hülle um eine alte Schellack- oder Vinylscheibe im Fundus von Sammlern, Secondhand-Läden oder auf Trödelmärkten.
Ein schöner Zufall war es, dass ich wenige Tage nach der Entdeckung dieses Fundstücks in der Berliner Staatsoper das grandiose Konzert »Musik aus fernen Rundfunktagen« erleben durfte, bei dem Dirigent Christian Thielemann aus genau dieser Ära früher Radiosendungen Kompositionen mit »gehobener Unterhaltungsmusik« vorstellte, die eigens (und teils von berühmten Komponisten) zum Zweck der Live-Übertragung erschaffen wurden.
Zwar ist das gesamte, sehr hörenswerte Gute-Laune-Konzert leider nicht als Mitschnitt online abrufbar, aber dafür das komplette Programmheft, eine ausführliche Besprechung und auf YouTube finden sich einige der Stücke in Form von Aufnahmen mit anderen Orchestern:
Das typographische Fundstück am Freitag stammt heute aus dem Schankraum der Brauereigaststätte »Bräustüble« in Donaueschingen, die im Gebäudekomplex der Brauerei Fürstenberg ansässig ist. Die »Fürstlich Fürstenbergische Brauerei GmbH & Co. KG« führt in ihrem Logo den Zusatz »Bierkultur seit 1283«.
Das Bild amüsierte und befremdete mich zugleich. Bierwerbung mit Kindern? Das schien anscheinend früher™ durchaus mal gesellschaftsfähig gewesen zu sein. Als ich begann, dazu zu recherchieren, traf ich auf etliche andere Motive; die meisten davon stammten aus den ersten beiden Jahrzehnten nach 1900. Diese Entstehungszeit würde ich auch für das heutige Fundstück vermuten. Der kurze Schriftzug am Kopf des Motivs lässt Anklänge an Schriftformen des Jugendstils erkennen, er ist sehr wahrscheinlich handgezeichnet, worauf auch die beiden miteinander verschlungenen Zeichen des Doppel-f, die aus der Unterlänge des g heraus verlängerte Unterstreichung und die generell etwas unregelmäßige Gestaltung der Zeichen hinweisen.
Einige der im Netz vorgefundenen ähnlichen Werbemotive möchte ich nachfolgend einmal zur Ansicht verlinken:
Postkarte um 1900: »Münchner Kindl auf einem Bierkrug des Hofbräuhauses München sitzend«. Text: »Gruss aus München … soll Ihnen das ›Münchner Kindel‹ von mir bringen u. Ihnen genügen daß ich Ihrer gedenck. R. v. Bz.‹« | Bildquelle: Wikimedia Commons, Public Domain.
Nicht wenige Traditionsbrauereien führen auch heute noch Kinder oder kindlich anmutende Werbefiguren in ihrem Logo oder Firmenemblem, so z. B. bei den Biermarken »Allgäuer Büble« oder »Berliner Kindl«. Und in einschlägigen Onlineshops kann man für den Nachwuchs Strampler oder Trinkgefäße mit eindeutigen, oft launig betexteten Motiven erwerben, die an den Bierkonsum anknüpfen.
Fällt das auch unter »Bierkultur«? Und was ist eigentlich »Bierkultur« – wie entstand sie? Ich selber liebe Bier – maßvoll genossen. Es ist ein Getränk, das ich in der Aromatik, mit seinen zahllosen gebrauten regionalen und internationalen Sorten und Varianten – insbesondere unter dem Etikett »Craft Beer« – für ebenso vielfältig halte wie Wein. Und es gehört zu den ältesten Getränken der Welt, wie über 12.000 Jahre alte Artefakte belegen. Im alten Ägypten war Bier vor rund 5.000 Jahren ein zentrales Grundnahrungsmittel und sogar als Zahlungsmittel ein Teil des Arbeitslohns der Pyramidenarbeiter, die pro Tag etwa 3 bis 4 Liter davon bekamen. Das nahrhafte, kalorienreiche Gebräu diente als Energielieferant für die schwere körperliche Arbeit und war Teil einer Ration aus Brot und Bier, die auch Soldaten und Beamte jeden Tag erhielten. Gebräuchlich war es auch, den Toten Bier als Grabbeigabe mit auf ihre Reise zu geben.
Schon bald in der Geschichte dieses beliebten und reichlich konsumierten Getränks wurden Betriebe, die es herstellten, verkauften oder ausschenkten, von den Regierenden mit einträglichen Steuerzahlungen belegt und strikt reglementiert. Wer als Gewerbetreibender mit »schwarz« gebrautem oder gepanschtem Bier erwischt wurde, musste mit drastischen Strafen rechnen. Die bekannteste dieser Regeln ist wohl das Deutsche Reinheitsgebot von 1516. Herrschaftliche Brauordnungen zur Qualitätssicherung des Bieres, die etwas allgemeiner formuliert sind, reichen sogar zurück bis ins Jahr 1156.
»Warme Biersuppe war im deutschen Sprachraum vor allem auf dem Land bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ein häufiges Frühstück für Erwachsene wie für Kinder, wobei Dünnbier verwendet wurde. Sie wurde erst dann allmählich durch die neue Mode verdrängt, morgens Kaffee zu trinken und dazu Brot zu essen. Vor der Einführung des Kaffees, aber auch noch danach, wurde die Biersuppe von allen Schichten gegessen, auch vom Adel. Bier galt als nahrhaftes und stärkendes Lebensmittel.«
Das im Zitat erwähnte »Dünnbier« hatte einen geschätzten Alkoholgehalt von etwa 2 % Vol., sodass die Bevölkerung dadurch kaum im Dauerrausch durch den Alltag schwankte. Entgegen eines verbreiteten Mythos wurde Bier allerdings dem Wasser als Alltagsgetränk nicht deshalb vorgezogen, weil der enthaltene Alkohol Keime abtötete. Das war allenfalls ein nützlicher Nebeneffekt. Es gibt hinreichend historische Textquellen, die sich mit der Praxis der Reinhaltung von Trinkwasser, Erlässen zur Pflege von Brunnen und Leitungen, Empfehlungen zum Auffinden sauberer Quellen und Verordnungen zur geregelten Entsorgung von Abwasser in städtischen Flüssen befassen. Klares, kühles Quellwasser galt gar als Medizin.
Auch heute ist Bier, trotz der sinkenden Absatzzahlen, nach wie vor ein omnipräsenter Teil der Getränkekultur in Deutschland – in einigen Regionen, insbesondere im Süden des Landes – mehr, in anderen etwas weniger. Im Jahr 1900 erreichte der Pro-Kopf-Konsum im Bayern mit 246 Litern ein historisches Hoch, in Gesamtdeutschland lag er im gleichen Jahr bei nur gut der Hälfte (125 Liter). Eine zweite Spitze war 1980 zu beobachten (227 Liter in Bayern/146 Liter in Deutschland insgesamt), seither aber bewegt sich die Kurve konstant bergab (Quelle: Historisches Lexikon Bayerns).
Dazwischen, im Jahr 1952 trat das »Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit« (JÖSchG) in Deutschland in Kraft. Darin wurde der Genuss von Alkohol durch Kinder und Jugendliche erstmals klar gesetzlich geregelt.
Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit §3
»(1) Jugendlichen unter 18 Jahren darf in Gaststätten und Verkaufsstellen Branntwein weder verabfolgt noch sein Genuß gestattet werden. Das gleiche gilt für überwiegend branntweinhaltige Genußmittel.
(2) Andere alkoholische Getränke dürfen an Jugendliche unter 16 Jahren nicht verabreicht werden, wenn sich diese nicht in Begleitung eines Erziehungsberechtigten befinden.«
»(1) In Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit dürfen
1. Bier, Wein, weinähnliche Getränke oder Schaumwein oder Mischungen von Bier, Wein, weinähnlichen Getränken oder Schaumwein mit nichtalkoholischen Getränken an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren,
2. andere alkoholische Getränke oder Lebensmittel, die andere alkoholische Getränke in nicht nur geringfügiger Menge enthalten, an Kinder und Jugendliche
weder abgegeben noch darf ihnen der Verzehr gestattet werden.
(2) Absatz 1 Nummer 1 gilt nicht, wenn Jugendliche von einer personensorgeberechtigten Person begleitet werden.«
In beiden Fassungen des Gesetzes findet sich jedoch ein Passus, der es Jugendlichen unterhalb der Altersgrenze in Anwesenheit der Eltern oder anderer sorgeberechtigter Personen sehr wohl erlaubt, in der Öffentlichkeit Bier, Wein oder Sekt zu trinken. Diese Ausnahmeregelung im § 9 Jugendschutzgesetz soll einen kontrollierten Umgang ermöglichen. Noch 2014 wurde ein Druckwerk für Eltern herausgegeben mit dem Titel »Auch Trinken will gelernt sein – Wie Sie Ihr Kind beim richtigen Umgang mit Alkohol begleiten« (Beltz Verlag, Weinheim/Basel, »Programm PVU Psychologie Verlags Union«). Über eine Abschaffung der Zulässigkeit des sog. »begleitenden Trinkens« wird derzeit zugunsten des Jugendschutzes konkret diskutiert.
Ich selbst erinnere mich bezüglich meiner Kindheit in den 1970er- und 1980er-Jahren, dass Erwachsene oft und viel Alkohol tranken. Das reichte vom Feierabendbier des Vaters, einem gelegentlichen Whisky oder Longdrinks wie Gin Tonic oder Cola-Rum bei geselligen Treffen bis hin zum ausgelassenen Getränkekonsum auf Familienfeiern und Silvesterpartys. Auch im Fernsehen, z.B. während politischer Talkrunden, wurde ordentlich »gebechert«. In fast jedem Spielfilm oder in Serien wie »Dallas« gossen sich die Darsteller reichlich Drinks ein oder bekamen, unabhängig von der Tageszeit und oft sogar am Arbeitsplatz, welche angeboten. Die im häuslichen Umfeld in Flaschen oder Gläsern gereichten alkoholischen Getränke blieben uns Kindern zwar stets vorenthalten, aber in sehr süßer Form als Füllung in Süßigkeiten (Eierlikör-Schoko-Konfekt, Weinbrandbohnen, Mon Chéri) wurde ab etwa einem Alter von 12 Jahren bisweilen eine Ausnahme gemacht und wir durften davon kosten.
In Kinofilmen und Serien wird nach wie vor reichlich Alkohol konsumiert, im Fernsehen hingegen gelten heutzutage strengere Regeln bis hin zum kompletten Verbot.
Mittlerweile bezeichnen Mediziner und Statistiker den Alkoholkonsum in Deutschland insgesamt als »stabil rückläufig«. Und je jünger die untersuchte Bevölkerungsgruppe ist, desto stärker nimmt deren Neigung zum Alkoholkonsum ab. Eine erfreuliche Entwicklung, wie ich finde – und einmal mehr ein Beweis dafür, dass die vermeintlich »guten alten Zeiten« beileibe nicht immer das sind, wofür sie oft gehalten werden. 🤓 🔠 🍺
Das Foto des typographischen Fundstücks an diesem Freitag habe ich geknipst, weil mir mehrere kuriose Details an der sichtlich heruntergekommenen Hausfassade auffielen. Zum ersten war es natürlich der wilde »Typo-Mix« der dort versammelten Beschilderungen: Das verwitterte »Café Kracht«-Banner mit seinen saftigen gebrochenen Lettern; die schwarze »66« der Hausnummer; die Tafel über der Tür, die klarmacht, dass das Café gleichzeitig auch eine Bäckerei beherbergt; die zwei Werbeaufkleber für »Ur·echt-kräftig-deftiges« Gebäck sowie eine bekannte Spirituose; das links an die Seite verbannte Hinweisschild »Einfahrt freihalten!« – und nicht zuletzt das amüsant-irritierende Plakat, das darauf hinweist, dass die einstige Ladentür eine Umwidmung zur Motorradausfahrt erfahren hatte. Zum zweiten fragte ich mich, was wohl die »Strohlemmeln« seien, die die offensichtlich schon seit geraumer Zeit geschlossene Bäckerei einst bewarb. Und zum dritten natürlich die Neugier, welche Geschichte wohl hinter diesem leerstehenden Gebäude steckt, denn nicht nur das Geschäft im Erdgeschoss war geschlossen, auch die restlichen Räume in den oberen Etagen schienen unbewohnt.
Zu den historischen Daten des Hauses wurde ich relativ schnell fündig:
»Gegründet wurde die Traditionsbäckerei 1856 durch August Kracht und firmierte auch als Lemgoer Strohsemmel-Bäckerei. Ende Februar 1998 wurde das Geschäft geschlossen. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau stammt aus dem Jahre 1456 und eine angrenzende Scheune, wo die Backstube untergebracht war, aus dem Jahre 1792.«
Somit war auch klar, dass die von mir gelesenen »Strohlemmeln« tatsächlich »Strohsemmeln« waren. Dabei handelt es sich um eine regionale Brötchensorte auf Hefeteigbasis, deren rohe Teiglinge – ähnlich wie Bagels – in kochendem Wasser gebrüht und dann bei vergleichsweise hohen Temperaturen auf einem schützenden Strohbett im Ofen gebacken werden:
»Das wohl bekannteste Gebäck Lippes ist sicherlich die Lemske Strauhsemmel (Lemgoer Strohsemmel), die allerdings nicht nur in Lemgo, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes hergestellt wird. Einer alten Überlieferung zufolge wurde das Rezept für die Strohsemmel von einem unbekannten Bäckergesellen und Soldaten im napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland nach Lippe mitgebracht. (…) Da aber spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die Bäckerei Richter in Detmold und die Bäckerei Kracht in Lemgo, sondern auch zahlreiche andere Bäckereien in Lippe Strohsemmeln backten und verkauften, muß sich das ›Geheimrezept‹ unter Lippes Bäckern doch relativ rasch herumgesprochen haben. (…) Das Besondere an der Strohsemmel ist wohl auch weniger das Rezept als die Herstellungsart: Zum einen wird der Teig gebrüht; zum anderen werden die gebrühten Teigstücke auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches abgebacken.«
Da das Geschäft bereits vor nunmehr rund 28 Jahren seinen Betrieb aufgab, stellt sich natürlich die Frage, was seither geschah, denn schließlich befindet sich das verwaiste Objekt mitten in der ansonsten belebten Fußgängerzone Lemgos. Auch dazu hat das Netz interessante Informationen zu bieten. Zum einen sorgten sich die ehemaligen Besitzer wohl um den Fortbestand des Rezepts ihres »Signature Gebäcks«, zum anderen schienen sie sich nach Kräften um die Veräußerung der Immobilie zu bemühen:
»›Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur‹, erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. ›Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen.‹«
»Eine Lemgoer Institution zum Nulltarif: Laut Angaben von Herbert Kracht (72) wird das Haus der Traditionsbäckerei Kracht in der Breiten Straße kostenlos abgegeben. Die einzige Bedingung: Der neue Besitzer muss das dazu gehörige Grundstück kaufen.«
Das verlockende Verkaufsangebot fand jedoch offenbar keinen Interessenten, denn im Februar 2023 wurde in der lokalen Presse über eine anstehende Zwangsversteigerung des Hauses berichtet. Doch auch diese Maßnahme war wohl aus unbekannten Gründen nicht umsetzbar, denn weitere 10 Monate später titelte dieselbe Zeitung »Lemgoer Bäckerei Kracht noch nicht unterm Hammer«. Mein obenstehendes Foto entstand erneut knapp zwei Jahre später, am 10. November 2025. Anzeichen für einen Abriss, eine Sanierung, Renovierung oder äußere Hinweise auf einen Besitzerwechsel waren auch zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Mehr konnte ich über das Schicksal des Hauses nicht herausbekommen.
Die handbeschriftete Glastafel über dem Eingang mit dem etwas missglückten »langen s« (ſ), das eher wie ein kleines l aussieht, nahm ich anschließend zum Anlass, das typographische Potpourri an der Ladenfassade mit möglichst ähnlichen Schriftarten noch einmal nachzuempfinden und dabei ein wenig zu optimieren.
Ich gehe davon aus, dass die unübliche Gestaltung des »ſ« in die Verantwortung des Schildermalers fällt, denn als ich nach ähnlichen Formen in kommerziellen (vorzugsweise kursiven) Antiqua-Schriften suchte, konnte ich bei keiner davon eine Variante auffinden, die derart einem kleinen 𝑙 ähnelt. Insgesamt sechs Varianten für das Design des »langen s« sind allgemein gebräuchlich. Vier davon können bei flüchtigem Lesen meines Erachtens mit einem 𝑓 verwechselt werden, zumal der Buchstabe ſ heutzutage kaum noch in Texten vorkommt und Leser*innen ihn somit darin nicht erwarten. Mir persönlich gefällt daher die letzte Variante am besten:
Beispiel »Times New Roman« (Stanley Morison, Victor Lardent/Monotype, 1931): Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering. Diese Variante ist ausschließlich in nicht-kursiven Schriftschnitten anzutreffen. Beim Wechsel auf einen kursiven Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie wechselt die Form zur Variante 6!
Beispiel »Haiku Italic« (Zac Hallgarten/AcidType, 2022): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Basile« (Dario Manuel Muhafara/Tipo, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Littleworth Now Italic« (Steve Matteson & Frederic L. Griggs/Monotype, 2025): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Dutch Medieval Pro Italic« (Hans van Maanen, Patrick Griffin/Canada Type, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Times New Roman Italic«: Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering.
Und zum Schluss hier noch das Rezept (oder besser: eine schlüssige Version, zusammengestellt aus fünf der vielen online kursierenden Rezepte) für die Original »Lemgoer Strohsemmeln«. Guten Appetit! 🤓 🔠 🥯
Lemgoer Strohsemmeln
Zutaten: 500 g Weizenmehl 1 Würfel (42 g) frische Hefe oder 1 Tütchen (7 g) Trockenhefe 1,5 EL Zucker 1 gestr. EL Salz ca. 300 ml lauwarmes Wasser (nach Bedarf etwas mehr oder weniger, s.u.) Weizenstroh oder Roggenstroh, nicht zu kurze Halme (zum Auslegen des Backblechs)
Zubereitung: Die Hefe in einem geeigneten Gefäß in 200 ml des Wassers bröseln und zusammen mit einem Teelöffel des Zuckers gut verrühren, bis sie sich aufgelöst hat.
Das Mehl in eine Schüssel geben und in der Mitte eine Vertiefung formen. In diese Mulde die Hefemischung gießen. Anschließend nach und nach Salz, den restlichen Zucker und weiteres Wasser zugeben und alles zu einem Teig verkneten. Dabei nur so viel Wasser verwenden, dass ein fester, aber gut formbarer Teig entsteht.
Den fertigen Teig abgedeckt mit einem Küchentuch etwa 30 Minuten an einem warmen Ort ruhen lassen, bis er sichtbar aufgegangen ist und ungefähr sein Volumen verdoppelt hat. Danach den Teig nochmals kurz durchkneten, zu einer Rolle formen und diese mit einem Messer in 15 etwa gleich große Stücke teilen. Die Stücke rund formen und auf Backpapier weitere 5 Minuten warm angehen lassen. Anschließend die Teiglinge leicht flachdrücken und mit einem spitzen Gegenstand 6–8 mal über die Oberfläche verteilt einstechen. Danach nochmals rund 15 Minuten ruhen lassen.
In der Zwischenzeit ein Backblech mit dem Stroh auslegen und den Backofen (noch ohne Blech) auf 220 °C vorheizen. Parallel 1–2 l Wasser in einem großen Topf zum Kochen bringen. Die Teiglinge kurz rundum in das kochende Wasser tauchen, danach auf das mit dem Weizenstroh ausgelegte Backblech legen und es auf der mittleren Schiene in den Backofen schieben. Dann noch eine halbe Tasse Wasser auf den heißen Boden des Ofens gießen und die Ofenklappe zügig schließen.
Nun werden die Semmeln im Dampf bei einer Temperatur von etwa 220 °C für 25 bis 30 Minuten gebacken. Durch das unterliegende Stroh wird das Gebäck nur auf der Oberfläche braun, der Boden hingegen bleibt hell. Nach dem Backen sollten sich die Semmeln relativ leicht vom Stroh lösen lassen.
Strohsemmeln schmecken sowohl nur mit Butter als auch mit Schinken oder typisch lippischer Mettwurst. Aber auch süße Aufstriche wie Marmelade oder Honig passen gut dazu.
Das Verb »verfeinern« ist zumeist im Umfeld der Zubereitung von Fertiggerichten anzutreffen. Wer sich selbst, der Familie oder Gästen Mahlzeiten serviert, deren Komponenten zum Teil aus Tüte, Dose oder Tiefkühltruhe stammen, fügt gerne zur individuellen Vervollkommnung der Rezeptur noch einige eigene Zutaten hinzu, die über das reine Abschmecken hinausgehen. Eine Handvoll frische Kräuter, ein besonderes Gewürz, ein Gläschen Kochwein, ein Schuss Sahne oder ein Esslöffel Crème fraîche runden das Gericht nicht nur gemäß dem eigenen Geschmack ab, sondern geben der Person am Herd auch das gute Gefühl, das Essen mehr als bloß aufgewärmt zu haben. Auch ich selbst praktiziere das so.
Als Fundstück möchte ich heute allerdings einen Imbiss reichen, bei dem mich ein Drang zur Verfeinerung in gestalterischer Hinsicht ergriff. Es geht dabei nicht nur um Typographie, sondern auch um Orthographie und Lesbarkeit.
Gesehen habe ich das betreffende Objekt am Gleis einer Hamburger U-Bahn-Station. Während ich auf meinen Zug wartete, wanderte mein Blick über die Werbeplakate an den Wänden und blieb an diesem Motiv einige Sekundenbruchteile länger hängen, als es sich »richtig« anfühlt, denn ich las zuerst »Erstens … Hilfe-Set …«. Erst einen kleinen Moment später begriff ich, dass die Eins mit dem Punkt mit zu den beiden folgenden Wörtern gehören sollte. Schade, dachte ich, eine so schöne, kreative und originelle Plakatidee – und dann wird der Witz gebremst durch eine nicht sofort intuitiv erfassbare Schreibweise.
Ich vermutete zunächst, der Grund für diese Verkürzung sei, dass der Platz nicht ausreichte und der voll ausgeschriebene Begriff dann nicht mehr ohne Umbruch in eine Zeile gepasst hätte. Aber dem ist nicht so, wie meine retuschierte »Verfeinerung« zeigt:
Der textlich ausgeschriebene Begriff »Erste Hilfe« ohne Ordinalzahl ist auf Beschilderungen und Kennzeichnungstafeln, damit beschrifteten Verbandskästen (s.u.) sowie in regelbasierten Dokumenten zu Unfallschutz und Versorgung akut erkrankter oder verletzter Personen die allgemein gebräuchliche Schreibweise. Insofern ist es auch die am häufigsten im Alltag wahrgenommene und von den meisten Menschen »gelernte« Erscheinungsform dieses Begriffs, die aufgrund dieser Prägung innerhalb kürzester Zeit erfasst und begriffen wird. Man findet zwar ohne weiteres mit dem Suchbegriff »1. Hilfe« im Netz jede Menge Produkte und Informationen, zudem auch Websites zum Thema, in deren URL die 1 auftaucht – etwa den Online-Kursanbieter meine1hilfe.de –, aber die Schreibweise mit Ziffer ist eindeutig seltener, weniger vertraut und braucht daher tendenziell länger, um verstanden zu werden.
Doch selbst wenn der Einsatz der Ziffer nicht zu beanstanden wäre, ist die Schreibweise im Plakat nicht korrekt – denn es fehlt ein Bindestrich, der nicht nur die letzten beiden, sondern alle drei Bestandteile des Begriffs »1.-Hilfe-Set« zu einem (wiederum besser verständlichen) Ganzen koppelt:
»(…) in Wortzusammensetzungen mit Zahlen und Abkürzungen setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich. Beispiele sind:
der 230-V-Antrieb der 500-m-Lauf das 1.-Kl.-Abteil die 4-Zr.-Wohnung die 100-km/h-Grenze (…)«
Nennt mich Erbsenzähler, schimpft mich Korinthenkacker – aber wenn etwas fast perfekt ist und nur ein letztes winziges Detail eine ansonsten runde Sache trübt, triggert das mein Auge manchmal ebenso sehr wie ein weitaus größeres grafisches Missgeschick. 🤓 🔠 🧐
Die für die Texte im Plakat und auf der Iglo-Website als Corporate Font zum Einsatz kommende Schriftart ist die »Foco« (Fabio Luiz Haag/Dalton Maag).
Der im Plakat genutzte Schriftschnitt »Foco Black«.
Um neue Schrift- und Buchstaben-Fundstücke zu sammeln, gehe ich manchmal ganz bewusst einige Stunden und »einfach der Nase nach« auf Fotosafari, insbesondere auf Reisen. An den Orten meiner Arbeits- und Lebensmittelpunkte hingegen treffe ich oft rein zufällig und im Vorbeigehen – etwa auf Besorgungstouren oder auf Fußweg-Routen zu Jobterminen – auf interessante Entdeckungen.
Eine solche Zufallsentdeckung ist auch das letzte typographische Montagsbonbon, das ich in Hamburg an einer belebten Durchgangsstraße fotografierte. Die typische Gewerbemischung der Läden und kleinen Geschäfte an solchen mehrspurigen innerstädtischen Straßen kennen wir wohl alle – es sind beispielsweise Versicherungsbüros, Fahrschulen, Nagelstudios, Schlüsseldienste, Perückensalons, Imbisslokale oder – Änderungsschneidereien.
Die Tafel im Bild ist eigentlich nichts Besonderes; sie fiel mir hauptsächlich deshalb auf, weil sie sich im Umfeld der benachbarten Geschäfte von den glatten, digital gedruckten oder mit Folienbuchstaben beklebten Schaufenstern auf eine fast anachronistische Art abhob. Ein paar kuriose Details könnte man noch anmerken, zum Beispiel den gekürzten REISVERSCHLUSS in der vierten Zeile oder die JEANS H0SEN in der sechsten Zeile, bei denen das O durch eine Null ersetzt wurde, vermutlich, weil der O-Vorrat erschöpft war. Einige I wurden mit İ-Punkten geschmückt, andere nicht. Ein paar vereinzelte Ü-Punkte fallen auf, denen ihr Zwilling abhandengekommen ist. In der dritten Zeile sind selbige zwar vollständig, aber nicht wie sonst überall rund, sondern quadratisch. Und in der vorletzten Zeile ist vom L nur noch ein apostrophartiger Stummel vorhanden, einige Buchstaben fehlen komplett.
Die Schriftart erinnert stark an die Futura, wobei im direkten Vergleich auffällt, dass viele Zeichen der Steckschrift (D, N, R, U) schmaler gestaltet sind – wahrscheinlich, um Platz zu sparen. Zudem sitzt die »Mittelachse« bei den Buchstaben B, E und F deutlich höher als bei der Futura. Aber eine enge Verwandtschaft ist nicht zu leugnen.
Vergleich der Tafelschrift am Beispiel der »Futura Next DemiBold« (Paul Renner/Marie-Thérèse Koreman, Neufville Digital).
Die dunklen Rillentafeln mit den weißen, oft vergilbten Steckbuchstaben sind ein jahrzehntealter Klassiker der Werbetechnik und trotz Digitalisierung und moderner Drucktechnik nach wie vor überraschend oft im Einsatz, etwa als Preisliste im Fenster von Friseursalons, über dem Tresen von Bierpubs oder als periodisch aktualisierte Angebotskarte in Bäckereien oder Mittagsbistros.
Ich hätte zu gern gewusst, wer als Erfinder*in dieser Stecktafeln gilt und in welchem Jahr dieses bemerkenswert langlebige und populäre Werbemedium das Licht der Welt erblickte. Aber das Netz gab mir dazu leider keine validen Informationen preis. Für Hinweise, Links oder anderen Quellen dazu bin ich wie immer dankbar. 🤓 🔠 🪟
Update
Ich habe der Geschichte der »Letterboards« noch ein bisschen hinterher recherchiert. Es verdichten sich die Hinweise, dass diese Tafeln Anfang der 1940er-Jahre erfunden wurden. In historischen Bilddatenbanken konnte ich kein Foto vor 1940 ausfindig machen, auf dem in Burger Bars oder Diners die Menütafeln in diesem Format aushingen. Wohl aber existieren Aufnahmen, die in und um das Jahr 1942 datiert sind:
Und auf der Website des Henry Ford Museum findet sich das Foto eines Original-Exponats aus dessen Sammlung, das ich hier sogar mit Quellenangabe abbilden darf – ein Speisekarten-Triptychon aus einem Diner. Ein bisschen nähergekommen bin ich dem Ursprung also doch noch … 🙂
Wer hier häufiger oder gar regelmäßig mitliest, wird nicht umhingekommen sein, zu bemerken, dass ich ein großer Fan der »gekappten« Buchstabenform des sogenannten »Danish g« bin. Wo ich gehe und stehe – natürlich insbesondere, wenn ich Dänemark bereise – halte ich Ausschau nach Schriften, Beschriftungen, Schildern und ähnlichen Vorkommen mit dieser famosen Buchstabenform.
Auch kürzlich wurde ich wieder fündig, wenngleich an einem unerwarteten Ort: Beim Warten auf die U-Bahn am Berliner Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz stand ich auf dem Bahnsteig zufällig gegenüber einem Motiv einer ganzen Reihe historischer Aufnahmen aus Berlin, welche hinter dem Gleisbett an der gekachelten Wand im 18/1-Plakatformat angebracht sind. Und auf dieser Aufnahme des Pressefotografen Willy Römer aus den 1920er-Jahren sieht man eine Gruppe Passanten – ausschließlich Männer – vor einem jüdischen Geschäft in der damaligen Berliner Grenadierstraße, die 1951 in Almstadtstraße umbenannt wurde. Auf einem Schaufenster des Ladens befindet sich die zweisprachige Beschriftung כּשר (hebr.: »koscher«) und darunter »Geflügel« – mit einem g, das die typisch angeschnittene Unterlänge des »Danish g« aufweist! Dieser Schnappschuss von mir sei das typographische Montagsbonbon für heute.
Frei interpretierte Nachzeichnung des Schriftzuges.
Obwohl der Schriftzug mit Sicherheit handgezeichnet ist (die beiden doppelt vorkommenden Kleinbuchstaben e und l variieren in ihrer Form) und die Zeichen insgesamt einige ungelenke Design-Details aufweisen, finde ich die Grundanmutung sehr interessant. Man könnte sogar eine gewisse formale Ähnlichkeit zu hebräischen Buchstabenformen assoziieren, z.B. bei den Proportionen des G oder dem horizontalen, am Ende abgeschrägten Auslauf des e. Und rechts von der Fensteröffnung findet sich auf einem schmalen Mauervorsprung sogar noch ein zweites, hochkant gestürztes Wort (»…-Handlung«) mit einem ähnlichen g am Ende. Ein interessanter Fund! 🤓 🔠 🐓
Im Berliner »Scheunenviertel«, wo sich das abgebildete Geschäft befand und in den Jahren, in denen das Foto entstand, ereigneten sich jedoch leider auch düstere Geschehnisse, wie ich bei der Recherche herausfand. Am 05. November 1923 – also knapp 10 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nur vier Tage vor einem ersten gescheiterten Staatsstreich derselben – kam es dort zu einem antisemitischen Pogrom, in dessen Verlauf zwei Tage lang jüdische Bürger angegriffen und ihre Geschäfte geplündert wurden.
»… am 5. November 1923, kam es in der Grenadierstraße zu einem Pogrom gegen die dort ansässigen Jüdinnen und Juden. Es war der reichsweit schlimmste Ausfall gegen Juden in der Weimarer Republik. Eine Menschenmenge strömte vom Arbeitsamt an der Alexanderstraße (…) in das Scheunenviertel, wie die Gegend genannt wurde. Sie brachen in die Geschäfte ein und plünderten Wohnungen aus. (…) Juden wurden gejagt, verprügelt und verletzt. Die Polizei erschien mit reichlicher Verspätung. Sie nahm eine große Zahl der verfolgten Juden fest, die die Beamten selbstverständlich für die Schuldigen hielten.«
Es gibt im Netz zahlreiche weitere Berichte und Beiträge zu diesem Ereignis. Einen weiteren Link, ergänzend zu den o.g. Quellen, füge ich nachfolgend an.
Der heutige Beitrag besteht aus einem typographischen Fundstück, erneut geknipst in der ehemaligen Hansestadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, an der Seitenfassade des Hauses Vor dem Steintor 10. Es war mir leider nicht möglich, historische Details zu dem offenbar früher dort ansässigen Fleischereibetrieb ausfindig zu machen, der mit dieser Werbeinschrift »Rind und Schweineschlachterei mit Kraftbetrieb ff Fleisch u. Wurstwaren« für sich warb. Auch in welchem Jahr das Unternehmen seinen Betrieb einstellte, konnte ich nicht ermitteln. Die Abkürzung ff im Werbetext steht vermutlich für »feinste«, sie war üblich in der italienischen Kaufmannssprache seit dem 17. Jahrhundert. Darin steht ein f bei der Klassifizierung der Warenqualität für »fein« (fino), ff steht für die Steigerung »sehr fein« (finissimo).
Man erkennt eindeutig, dass es an der Stelle mehrere übereinander aufgetragene Farbschichten bzw. Werbemotive gab, am deutlichsten in der Zeile mit dem Namen des Geschäftsinhabers, der zuletzt ein Fleischermeister Willy Stettler gewesen zu sein scheint. Der übermalte Name dahinter ist bis auf die zu erahnende Buchstabenfolge »Bal…« nicht mehr lesbar.
Und selbst auf den dahinter liegenden Ebenen der größtenteils weißen Farbschichten lassen sich noch mindestens zwei verschiedene typographische Werbemotive erkennen. Zwei große diagonal aufsteigende Schriftzüge, die in der oberen rechten Ecke des Motivs mit »…ke« und »…er« oder »…en« enden; links unten ist ein großes L erhalten (das nahezu unkenntliche Wort könnte »Lederwaren« heißen) und dahinter schemenhaft mehrere kleine, übermalte Textzeilen. In einer davon, unten rechts, meine ich das Wort »Vertretung« entziffern zu können.
Die Datierung der Wandmalerei ist schwierig. Die Schriftart in dem Wandmotiv wirkt auf mich älter als gängige Werbeschriften der deutschen Nachkriegszeit aus den 1950er Jahren und später. Sie erinnert eher an die sehr schmalen, platzsparenden Schriften in gewerblichen Annoncen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa die »Enge Journal Antiqua« der Schriftgießerei Berthold (um 1922) nach dem Originalentwurf der »Journal Antiqua« von Hermann Zehnpfundt (Emil-Gursch-Gießerei, Berlin, um 1912). Oder an die schmale Version der »Herold Reclameschrift« von Heinz Hoffmann (Berthold, 1904). Im Archivbestand digitalisierter historischer Adressbücher der Stadt Brandenburg etwa kann man solche alten Werbeanzeigen – ähnlich den späteren gewerblichen Inseraten in den »Gelben Seiten« – online einsehen. Hier z.B. ein Link zu einem PDF des Brandenburger Adressbuchs von 1914/1915.
Was weiterhin auffällt, ist die nach rechts aus der – ansonsten zentrierten –Textausrichtung hinausragende Angabe der Telefonnummer, was dafür spricht, dass diese Angabe erst nachträglich und bewusst im Schriftstil des restlichen Textes hinzugefügt wurde. Die Nummer ist mit drei Ziffern sehr kurz und deutet auf die Anfangszeit der Einführung von Telefonanschlüssen in Deutschland hin, die ab 1910 allmählich an Dynamik gewann. Laut Wikipedia besaßen im Jahr 1960 jedoch lediglich 4 von 100 Bundesbürgern einen Telefonanschluss. Andererseits liegt die Stadt Havelberg auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo Telefonanschlüsse bis weit in die 1980er-Jahre eher die Ausnahme waren. Das Selbstwählverfahren, bei dem man andere Teilnehmer vom eigenen Telefon aus einfach per Wählscheibe und ohne Umweg über eine Vermittlungsstelle anrufen konnte, wurde zwar bereits 1913 patentiert und in Bayern 1923 erstmals in der Praxis eingeführt, aber flächendeckend verfügbar war es erst deutlich später. Inzwischen befindet sich in dem Gebäude der Sitz eines Handwerksbetriebs für »Heizung · Sanitär · Klima · Solar« mit einer fünfstelligen Rufnummer.
»Private Telefonanschlüsse hatten in der DDR Seltenheitswert. Mitte der siebziger Jahre verfügten gerade mal rund zehn Prozent der Haushalte über ein eigenes Telefon. In der Bundesrepublik waren es zu dieser Zeit 90 Prozent. (…) Auf ein Auto musste man zwar mehrere Jahre warten, aber dann kriegte man es. Beim Telefonanschluss dagegen hatte man ohne Dringlichkeitsbescheinigung eines Betriebes oder einer Institution keine Chance. 1990 lagen bei der Deutschen Post noch 1,6 Millionen unbearbeitete Anträge. In kleineren Orten hatten oft nur Ärzte, Pfarrer oder Handwerker zu Hause ein Telefon.«
»Die letzte per Hand gestöpselte Ortsvermittlungsstelle in der Bundesrepublik wird 1966 stillgelegt – und die Fräuleins vom Amt werden in den Ruhestand geschickt. In der DDR dauert es in ländlichen Regionen noch bis Ende der 1980er-Jahre.«
Daneben war auch das Thema Werbung in der DDR streng geregelt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Handwerksbetrieben erlaubt gewesen sein soll, für ihre Dienstleistungen (und hier sogar Produkte!) und damit für Umsatz und Profit zu werben, denn Werbung war Sache der DEWAG, der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft der DDR. Dieser der Partei unterstellte Betrieb hatte das Monopol für Werbemaßnahmen. In den 1970er-Jahren war Werbung dann, nachdem sie zuvor – wenngleich eingeschränkt und staatlich kontrolliert – erlaubt war, größtenteils verboten.
»Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED ging auch die Ära der lustigen Werbefilmchen und Plakate ihrem Ende entgegen. Vier Jahre später folgte das Gesetz zum Verbot der Inlandswerbung, verordnet vom Ministerrat. Dieses hatte bis zum Mauerfall bestand und folglich blieben die letzten zwei Jahrzehnte der DDR ohne aufwendige Produktwerbung.«
Alle Indizien bringen mich zu der Vermutung, dass die Werbetafel für den Fleischereibetrieb in ihrer ursprünglichen Form – mit dem übermalten, heute unkenntlichen ersten Inhaber und ohne Angabe der Telefonnummer – irgendwann zwischen 1910 und 1930 entstanden ist. Die übermalten Werbemotive im Hintergrund würde ich zeitlich zwischen 1880 und 1910 ansiedeln.
Eine schlüssige Chronologie könnte daher folgende sein:
1880–1910: Wechselnde Werbemotive auf der Fassade für damals tätige Gewerbe und Betriebe
1910–1930: Anbringung des Werbemotivs für den Fleischereibetrieb mit dessen damaligem Inhaber, jedoch noch ohne Telefonnummernangabe
1930–1949: Wechsel des Inhabers, Übermalung des Namens und Ergänzung der Telefonnummer (Möglichkeit 1), Gründung der DDR
seit 1949: ggf. Hinzufügung der Telefonnummer im grafischen Stil der bereits vorhandenen Texte, entweder während des Bestehens der DDR oder – falls der Betrieb nach der Wende noch tätig war – nach 1989 (Möglichkeiten 2 und 3)
Anschließend: Verbleib des Motivs in unveränderter Form bis heute, ungeachtet der Tatsache, dass der Betrieb seine Geschäftstätigkeit während dieser Zeit einstellte
Damit schließe ich den heutigen Beitrag und hoffe, die detektivische Reise in die Vergangenheit hat Euch wieder genauso gut gefallen wie mir. 🤓 🔠 🥩🔎
Noch immer liegen hier auf meiner Festplatte einige Fundstücke aus Freiburg und Basel, die ihres Postens harren. Der heutige Beitrag präsentiert eines davon; ich entdeckte es in der »Schweizer Kulturhauptstadt« – Basel hat eine der schönsten und besterhaltenen Altstädte Europas – in einem schmalen Gässchen Richtung Andreasplatz, zwischen den Häusern Schneidergasse 18 und 20, hoch oben an der Seitenfassade eines Eckhauses. Fast wäre ich daran vorbeigelaufen, weil das Relikt so unscheinbar und verwittert war. Die historischen Orts- und Straßennamen in diesem Viertel der »Grossbasler Altstadt« – Hutgasse, Nadelberg, Sattelgasse, Gerbergasse, Schneidergasse – lassen vermuten, dass hier einst etliche Handwerksbetriebe ansässig waren, die mit der Verarbeitung von Stoff- und Lederwaren ihr Geld verdienten. Seinen Namen hat der überschaubare mittelalterliche Platz von einer Kapelle, die einst in seiner Mitte stand:
»An die im 11. Jahrhundert erbaute Andreaskapelle erinnern Pflastersteine, die am Boden ihren Grundriss nachzeichnen. In nachreformatorischer Zeit diente die Kapelle den Krämern der Safran Zunft Basel als Warenlager, bevor sie im Jahr 1792 auf Wunsch der Anwohnenden abgerissen wurde. Die Abstände zwischen den Wohnhäusern und dem Kirchlein betrugen teilweise nur vier Meter!«
Ich hatte wohl noch mehr Glück, den Schriftzug »Spezialität in Nähseide & Schneiderartikel« überhaupt bemerken zu können, denn auf einer älteren Gebäudeansicht bei Google Streetview ist die Fassade nahezu komplett mit Efeu überwachsen. Der dichte Pflanzenteppich hatte sich erst im Sommer 2017 durch sein eigenes Gewicht von der Fassade gelöst. Am Tage meines Besuches bedeckten die neu sprießenden Ranken nur die letzten vier Buchstaben. Die vornehmen, aufrecht stehenden Buchstaben und verzierten Initialen, die an mit Feder geschriebene Texte erinnern, sind mit Sicherheit von Hand auf die Wand gemalt worden, denn es fallen sofort Unregelmäßigkeiten im Schriftbild auf, wie etwa unterschiedliche Zeichenbreiten oder verschiedene Neigungswinkel des Querstrichs im kleinen e.
Die Schriftart ist keiner eindeutigen Klasse zuzuordnen, sie vermischt Stilelemente verschiedenster Epochen und Kategorien miteinander. So etwa die eigenwillig nach links »gebückte« Form des großen N, wie sie sich in manchen mittelalterlichen oder »gotisch/keltisch« assoziierten Schreibschriften wiederfindet, z.B. in der »Old Norse« (Eric Kurniawan/Burntilldead). Aber sie besitzt auch modernere Attribute, die man von den kalligrafischen Antiqua-Varianten der »Chancery«-Schriften (»Humanistische Kursive«) kennt, etwa den nach rechts geschwungenen oberen Abschluss am Stamm des h. In ihrer aufrechten Schreibweise wiederum erinnert sie an Schriften aus der Gruppe der »Humanistischen Minuskel« aus dem 15. Jh. Und auch das über der Grundlinie gehaltene z mit Unterschlinge ist bemerkenswert. Bezeichnen wir die Schrift also bis auf Weiteres als »frei gestaltete, dekorative Werbeschrift mit Federduktus und verzierten Initialen«.
Im unteren Teil des Bildes habe ich versucht, den Schriftzug leserlicher hervorzuheben, soweit der verblasste Farbauftrag dies zuließ. Lediglich beim k musste ich raten, wie dieses vielleicht ausgesehen haben könnte, da sich das einzige Vorkommen dieses Zeichens hinter dem Efeubewuchs verbarg.
»Aufgrund der wachsenden Zahl der Annoncen in Zeitungen, als Folge der industriellen Revolution, wurde der Markt der Werbung entdeckt und auch bald der der kostengünstigen Außenwerbung. Bereits um die Jahrhundertwende wurden deshalb monumentale Reklamen an Häuserwände gemalt.«
Quelle: Wikipedia-Artikel »Außenwerbung«
Über den einstigen, mit der Inschrift beworbenen Betrieb konnte ich leider keine Informationen ausfindig machen, insofern ist eine Datierung der Wandbemalung schwierig. Vermutlich entstand sie nicht vor ca. 1850–1870; als Referenzdatum für den aufkommenden Boom der Außenwerbung im 19. Jahrhundert kann der 15. April 1855 dienen. An diesem Tag wurde in der Münzstraße in Berlin-Mitte die erste sogenannte »Annonciersäule«, erdacht vom dortigen Verleger und Druckereiunternehmer Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) aufgestellt.
Ich jedenfalls finde es schön, dass man diese alte Werbebotschaft nun wieder ohne Efeubewucherung sieht. 🤓 🔠 🪴
Update: Eine Leserin auf LinkedIn trug in ihrem Kommentar noch ein interessantes Detail bei, das meine Einschätzung zur Entstehungszeit bestätigt:
»Das Luxusgut Nähseide industriell herzustellen, wurde erst mit der Entwicklung der Spinn- und Nähmaschinen im 19. Jahrhundert möglich und von der Firma Gütermann 1864 in großer Menge verfügbar gemacht.«
Weiterführende Links
➡️ »Ghost Signs« – Artikel über die Bilder des Fotografen Nicholas Brewer aus Berkshire von verblassenden historischen Werbebotschaften auf Fassaden in Großbritannien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ➡️ »The History of OOH (Out Of Home)« auf der Website der OAAA (Out of Home Advertising Association of America)
Heute gibt es mal einen Beitrag »außer der Reihe«, bei dem zwar die Typographie nur am Rande vorkommt, wohl aber ein visuelles Kriterium, das in der Typographie und Gestaltung mit Text eine große Rolle spielt: die Leserlichkeit bzw. »Entschlüsselbarkeit« der dargebotenen Inhalte. Eine Schrift kann noch so interessant oder ästhetisch aussehen – wenn die durch sie transportierte Botschaft nicht entziffert zu werden vermag oder deren Erfassung und Rezeption beeinträchtigt, wird sie ihrer Aufgabe als Kommunikationsmittel nicht gerecht. Man kann mit der Leserlichkeit spielen, wie es z.B. die Wortmarken von Death Metal Bands oftmals tun, aber dort, wo wichtige Inhalte vermittelt werden, ist das unangebracht oder kann – z.B. bei Warnhinweisen – sogar gefährlich sein. Und genauso schwer auf Anhieb zu dechiffrieren können auch (metaphorische) Bildinhalte sein.
Am letzten Tag des Jahres möchte ich daher gern noch eine Werbekampagne aus dem Jahr 2025 küren, die ich persönlich in der Umsetzung für bemerkenswert kontraproduktiv halte. Die Zielsetzung der »Plakatkampagne gegen Drogen und Ablenkung am Steuer« vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV), dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) und den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen sowie ihrem Spitzenverband, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ist eine löbliche: Bewusstsein zu schaffen für das Risiko des Autofahrens unter dem Einfluss von Alkohol oder Cannabis bzw. für die Gefahren durch die Bedienung von Smartphones während der Fahrt. Die Plakatmotive dazu, die ich am Fahrbahnrand hängen sah, verursachten bei mir eher Irritation und beeinträchtigten stattdessen meine Aufmerksamkeit beim Fahren, denn ich war in den wenigen Sekunden des Vorbeifahrens (natürlich in angemessenem Tempo) schlicht nicht in der Lage, die Bildmotive zu »entschlüsseln«.
Auge und Gehirn arbeiten bei der Wahrnehmung der Welt primär nach zwei Maximen zusammen: »Muster erkennen« und »Vertrautes/Bekanntes von Fremdem/Neuartigem trennen«. Beides ist z.B. auch dafür verantwortlich, dass wir Tippfehler in Texten so leicht übersehen, denn oft gelesene, vertraute Wörter werden als Muster von Buchstaben erkannt, gelesen und verstanden, selbst wenn sie falsch geschrieben sind. Nur wenn ein Tippfehler ein Wort derart entstellt, dass die Vertrautheit verloren geht, stocken wir beim Lesen.
Die Bildmotive auf den Plakaten sind kreativ, aber meines Erachtens zu rätselhaft. Ein nicht maßstabsgetreuer Pkw, der – aus ungewohnter Perspektive, von oben dargestellt – nach unten in Bier mit Schaum obenauf fällt (nicht einmal die Kontur eines Bierglases wird als Dechiffrierhilfe gezeigt). Ein senkrecht in der Luft hängender Pkw, bei dem erst auf den zweiten Blick die abfallenden Fahrzeugteile erkennbar sind, von Rauchschwaden umhüllt und darunter ein überdimensionaler Joint, der auch eine schief gedrehte Zigarette sein könnte; dazu noch ein Wortspiel mit »high«. Und ein kryptischer, qualmender Fleck auf einer völlig leeren Fahrbahn, ohne Autowrack, nur eine Bremsspur.
Bei allen drei Motiven war mein erster Gedanke »Hä, was???«. Erst nach wiederholter Vorbeifahrt an anderer Stelle erschlossen sich mir nach und nach die Botschafts-, Bild-, Assoziations-, Text- und Anspielungs-Ebenen, die die Motive dem Betrachter neben- und übereinander zumuten. Das lenkt ab und bewirkt eigentlich das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist: Die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. Für mich einer der rückblickend fragwürdigsten »Werbe-Fails« des Jahres 2025.
Die verwendete Schriftart für die Headlines ist übrigens die »FF DIN Pro Black« (Albert-Jan Pool, 1995–2009 für FontFont/Monotype).
Ich bin gespannt auf die Kampagne 2026 (so es eine geben wird) und hoffe, die macht das dann wieder besser. 😉
Frohes Neues Jahr, passt auf euch auf, kommt gut rein (und an), feiert schön und lasst das Auto im Zweifelsfall lieber stehen! 🤓 🔠 🚘