300 bis 500 Werbebotschaften pro Tag, so heißt es, prasseln gegenwärtig auf uns ein – als digitale oder gedruckte Anzeigen, Poster oder Plakate, auf Displays, in Videos oder in Prospekten und Broschüren. Und Schrift ist immer dabei.
Wer hier häufiger oder gar regelmäßig mitliest, wird nicht umhingekommen sein, zu bemerken, dass ich ein großer Fan der »gekappten« Buchstabenform des sogenannten »Danish g« bin. Wo ich gehe und stehe – natürlich insbesondere, wenn ich Dänemark bereise – halte ich Ausschau nach Schriften, Beschriftungen, Schildern und ähnlichen Vorkommen mit dieser famosen Buchstabenform.
Auch kürzlich wurde ich wieder fündig, wenngleich an einem unerwarteten Ort: Beim Warten auf die U-Bahn am Berliner Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz stand ich auf dem Bahnsteig zufällig gegenüber einem Motiv einer ganzen Reihe historischer Aufnahmen aus Berlin, welche hinter dem Gleisbett an der gekachelten Wand im 18/1-Plakatformat angebracht sind. Und auf dieser Aufnahme des Pressefotografen Willy Römer aus den 1920er-Jahren sieht man eine Gruppe Passanten – ausschließlich Männer – vor einem jüdischen Geschäft in der damaligen Berliner Grenadierstraße, die 1951 in Almstadtstraße umbenannt wurde. Auf einem Schaufenster des Ladens befindet sich die zweisprachige Beschriftung כּשר (hebr.: »koscher«) und darunter »Geflügel« – mit einem g, das die typisch angeschnittene Unterlänge des »Danish g« aufweist! Dieser Schnappschuss von mir sei das typographische Montagsbonbon für heute.
Frei interpretierte Nachzeichnung des Schriftzuges.
Obwohl der Schriftzug mit Sicherheit handgezeichnet ist (die beiden doppelt vorkommenden Kleinbuchstaben e und l variieren in ihrer Form) und die Zeichen insgesamt einige ungelenke Design-Details aufweisen, finde ich die Grundanmutung sehr interessant. Man könnte sogar eine gewisse formale Ähnlichkeit zu hebräischen Buchstabenformen assoziieren, z.B. bei den Proportionen des G oder dem horizontalen, am Ende abgeschrägten Auslauf des e. Und rechts von der Fensteröffnung findet sich auf einem schmalen Mauervorsprung sogar noch ein zweites, hochkant gestürztes Wort (»…-Handlung«) mit einem ähnlichen g am Ende. Ein interessanter Fund! 🤓 🔠 🐓
Im Berliner »Scheunenviertel«, wo sich das abgebildete Geschäft befand und in den Jahren, in denen das Foto entstand, ereigneten sich jedoch leider auch düstere Geschehnisse, wie ich bei der Recherche herausfand. Am 05. November 1923 – also knapp 10 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nur vier Tage vor einem ersten gescheiterten Staatsstreich derselben – kam es dort zu einem antisemitischen Pogrom, in dessen Verlauf zwei Tage lang jüdische Bürger angegriffen und ihre Geschäfte geplündert wurden.
»… am 5. November 1923, kam es in der Grenadierstraße zu einem Pogrom gegen die dort ansässigen Jüdinnen und Juden. Es war der reichsweit schlimmste Ausfall gegen Juden in der Weimarer Republik. Eine Menschenmenge strömte vom Arbeitsamt an der Alexanderstraße (…) in das Scheunenviertel, wie die Gegend genannt wurde. Sie brachen in die Geschäfte ein und plünderten Wohnungen aus. (…) Juden wurden gejagt, verprügelt und verletzt. Die Polizei erschien mit reichlicher Verspätung. Sie nahm eine große Zahl der verfolgten Juden fest, die die Beamten selbstverständlich für die Schuldigen hielten.«
Es gibt im Netz zahlreiche weitere Berichte und Beiträge zu diesem Ereignis. Einen weiteren Link, ergänzend zu den o.g. Quellen, füge ich nachfolgend an.
Der heutige Beitrag besteht aus einem typographischen Fundstück, erneut geknipst in der ehemaligen Hansestadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, an der Seitenfassade des Hauses Vor dem Steintor 10. Es war mir leider nicht möglich, historische Details zu dem offenbar früher dort ansässigen Fleischereibetrieb ausfindig zu machen, der mit dieser Werbeinschrift »Rind und Schweineschlachterei mit Kraftbetrieb ff Fleisch u. Wurstwaren« für sich warb. Auch in welchem Jahr das Unternehmen seinen Betrieb einstellte, konnte ich nicht ermitteln. Die Abkürzung ff im Werbetext steht vermutlich für »feinste«, sie war üblich in der italienischen Kaufmannssprache seit dem 17. Jahrhundert. Darin steht ein f bei der Klassifizierung der Warenqualität für »fein« (fino), ff steht für die Steigerung »sehr fein« (finissimo).
Man erkennt eindeutig, dass es an der Stelle mehrere übereinander aufgetragene Farbschichten bzw. Werbemotive gab, am deutlichsten in der Zeile mit dem Namen des Geschäftsinhabers, der zuletzt ein Fleischermeister Willy Stettler gewesen zu sein scheint. Der übermalte Name dahinter ist bis auf die zu erahnende Buchstabenfolge »Bal…« nicht mehr lesbar.
Und selbst auf den dahinter liegenden Ebenen der größtenteils weißen Farbschichten lassen sich noch mindestens zwei verschiedene typographische Werbemotive erkennen. Zwei große diagonal aufsteigende Schriftzüge, die in der oberen rechten Ecke des Motivs mit »…ke« und »…er« oder »…en« enden; links unten ist ein großes L erhalten (das nahezu unkenntliche Wort könnte »Lederwaren« heißen) und dahinter schemenhaft mehrere kleine, übermalte Textzeilen. In einer davon, unten rechts, meine ich das Wort »Vertretung« entziffern zu können.
Die Datierung der Wandmalerei ist schwierig. Die Schriftart in dem Wandmotiv wirkt auf mich älter als gängige Werbeschriften der deutschen Nachkriegszeit aus den 1950er Jahren und später. Sie erinnert eher an die sehr schmalen, platzsparenden Schriften in gewerblichen Annoncen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa die »Enge Journal Antiqua« der Schriftgießerei Berthold (um 1922) nach dem Originalentwurf der »Journal Antiqua« von Hermann Zehnpfundt (Emil-Gursch-Gießerei, Berlin, um 1912). Oder an die schmale Version der »Herold Reclameschrift« von Heinz Hoffmann (Berthold, 1904). Im Archivbestand digitalisierter historischer Adressbücher der Stadt Brandenburg etwa kann man solche alten Werbeanzeigen – ähnlich den späteren gewerblichen Inseraten in den »Gelben Seiten« – online einsehen. Hier z.B. ein Link zu einem PDF des Brandenburger Adressbuchs von 1914/1915.
Was weiterhin auffällt, ist die nach rechts aus der – ansonsten zentrierten –Textausrichtung hinausragende Angabe der Telefonnummer, was dafür spricht, dass diese Angabe erst nachträglich und bewusst im Schriftstil des restlichen Textes hinzugefügt wurde. Die Nummer ist mit drei Ziffern sehr kurz und deutet auf die Anfangszeit der Einführung von Telefonanschlüssen in Deutschland hin, die ab 1910 allmählich an Dynamik gewann. Laut Wikipedia besaßen im Jahr 1960 jedoch lediglich 4 von 100 Bundesbürgern einen Telefonanschluss. Andererseits liegt die Stadt Havelberg auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo Telefonanschlüsse bis weit in die 1980er-Jahre eher die Ausnahme waren. Das Selbstwählverfahren, bei dem man andere Teilnehmer vom eigenen Telefon aus einfach per Wählscheibe und ohne Umweg über eine Vermittlungsstelle anrufen konnte, wurde zwar bereits 1913 patentiert und in Bayern 1923 erstmals in der Praxis eingeführt, aber flächendeckend verfügbar war es erst deutlich später. Inzwischen befindet sich in dem Gebäude der Sitz eines Handwerksbetriebs für »Heizung · Sanitär · Klima · Solar« mit einer fünfstelligen Rufnummer.
»Private Telefonanschlüsse hatten in der DDR Seltenheitswert. Mitte der siebziger Jahre verfügten gerade mal rund zehn Prozent der Haushalte über ein eigenes Telefon. In der Bundesrepublik waren es zu dieser Zeit 90 Prozent. (…) Auf ein Auto musste man zwar mehrere Jahre warten, aber dann kriegte man es. Beim Telefonanschluss dagegen hatte man ohne Dringlichkeitsbescheinigung eines Betriebes oder einer Institution keine Chance. 1990 lagen bei der Deutschen Post noch 1,6 Millionen unbearbeitete Anträge. In kleineren Orten hatten oft nur Ärzte, Pfarrer oder Handwerker zu Hause ein Telefon.«
»Die letzte per Hand gestöpselte Ortsvermittlungsstelle in der Bundesrepublik wird 1966 stillgelegt – und die Fräuleins vom Amt werden in den Ruhestand geschickt. In der DDR dauert es in ländlichen Regionen noch bis Ende der 1980er-Jahre.«
Daneben war auch das Thema Werbung in der DDR streng geregelt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Handwerksbetrieben erlaubt gewesen sein soll, für ihre Dienstleistungen (und hier sogar Produkte!) und damit für Umsatz und Profit zu werben, denn Werbung war Sache der DEWAG, der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft der DDR. Dieser der Partei unterstellte Betrieb hatte das Monopol für Werbemaßnahmen. In den 1970er-Jahren war Werbung dann, nachdem sie zuvor – wenngleich eingeschränkt und staatlich kontrolliert – erlaubt war, größtenteils verboten.
»Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED ging auch die Ära der lustigen Werbefilmchen und Plakate ihrem Ende entgegen. Vier Jahre später folgte das Gesetz zum Verbot der Inlandswerbung, verordnet vom Ministerrat. Dieses hatte bis zum Mauerfall bestand und folglich blieben die letzten zwei Jahrzehnte der DDR ohne aufwendige Produktwerbung.«
Alle Indizien bringen mich zu der Vermutung, dass die Werbetafel für den Fleischereibetrieb in ihrer ursprünglichen Form – mit dem übermalten, heute unkenntlichen ersten Inhaber und ohne Angabe der Telefonnummer – irgendwann zwischen 1910 und 1930 entstanden ist. Die übermalten Werbemotive im Hintergrund würde ich zeitlich zwischen 1880 und 1910 ansiedeln.
Eine schlüssige Chronologie könnte daher folgende sein:
1880–1910: Wechselnde Werbemotive auf der Fassade für damals tätige Gewerbe und Betriebe
1910–1930: Anbringung des Werbemotivs für den Fleischereibetrieb mit dessen damaligem Inhaber, jedoch noch ohne Telefonnummernangabe
1930–1949: Wechsel des Inhabers, Übermalung des Namens und Ergänzung der Telefonnummer (Möglichkeit 1), Gründung der DDR
seit 1949: ggf. Hinzufügung der Telefonnummer im grafischen Stil der bereits vorhandenen Texte, entweder während des Bestehens der DDR oder – falls der Betrieb nach der Wende noch tätig war – nach 1989 (Möglichkeiten 2 und 3)
Anschließend: Verbleib des Motivs in unveränderter Form bis heute, ungeachtet der Tatsache, dass der Betrieb seine Geschäftstätigkeit während dieser Zeit einstellte
Damit schließe ich den heutigen Beitrag und hoffe, die detektivische Reise in die Vergangenheit hat Euch wieder genauso gut gefallen wie mir. 🤓 🔠 🥩🔎
Noch immer liegen hier auf meiner Festplatte einige Fundstücke aus Freiburg und Basel, die ihres Postens harren. Der heutige Beitrag präsentiert eines davon; ich entdeckte es in der »Schweizer Kulturhauptstadt« – Basel hat eine der schönsten und besterhaltenen Altstädte Europas – in einem schmalen Gässchen Richtung Andreasplatz, zwischen den Häusern Schneidergasse 18 und 20, hoch oben an der Seitenfassade eines Eckhauses. Fast wäre ich daran vorbeigelaufen, weil das Relikt so unscheinbar und verwittert war. Die historischen Orts- und Straßennamen in diesem Viertel der »Grossbasler Altstadt« – Hutgasse, Nadelberg, Sattelgasse, Gerbergasse, Schneidergasse – lassen vermuten, dass hier einst etliche Handwerksbetriebe ansässig waren, die mit der Verarbeitung von Stoff- und Lederwaren ihr Geld verdienten. Seinen Namen hat der überschaubare mittelalterliche Platz von einer Kapelle, die einst in seiner Mitte stand:
»An die im 11. Jahrhundert erbaute Andreaskapelle erinnern Pflastersteine, die am Boden ihren Grundriss nachzeichnen. In nachreformatorischer Zeit diente die Kapelle den Krämern der Safran Zunft Basel als Warenlager, bevor sie im Jahr 1792 auf Wunsch der Anwohnenden abgerissen wurde. Die Abstände zwischen den Wohnhäusern und dem Kirchlein betrugen teilweise nur vier Meter!«
Ich hatte wohl noch mehr Glück, den Schriftzug »Spezialität in Nähseide & Schneiderartikel« überhaupt bemerken zu können, denn auf einer älteren Gebäudeansicht bei Google Streetview ist die Fassade nahezu komplett mit Efeu überwachsen. Der dichte Pflanzenteppich hatte sich erst im Sommer 2017 durch sein eigenes Gewicht von der Fassade gelöst. Am Tage meines Besuches bedeckten die neu sprießenden Ranken nur die letzten vier Buchstaben. Die vornehmen, aufrecht stehenden Buchstaben und verzierten Initialen, die an mit Feder geschriebene Texte erinnern, sind mit Sicherheit von Hand auf die Wand gemalt worden, denn es fallen sofort Unregelmäßigkeiten im Schriftbild auf, wie etwa unterschiedliche Zeichenbreiten oder verschiedene Neigungswinkel des Querstrichs im kleinen e.
Die Schriftart ist keiner eindeutigen Klasse zuzuordnen, sie vermischt Stilelemente verschiedenster Epochen und Kategorien miteinander. So etwa die eigenwillig nach links »gebückte« Form des großen N, wie sie sich in manchen mittelalterlichen oder »gotisch/keltisch« assoziierten Schreibschriften wiederfindet, z.B. in der »Old Norse« (Eric Kurniawan/Burntilldead). Aber sie besitzt auch modernere Attribute, die man von den kalligrafischen Antiqua-Varianten der »Chancery«-Schriften (»Humanistische Kursive«) kennt, etwa den nach rechts geschwungenen oberen Abschluss am Stamm des h. In ihrer aufrechten Schreibweise wiederum erinnert sie an Schriften aus der Gruppe der »Humanistischen Minuskel« aus dem 15. Jh. Und auch das über der Grundlinie gehaltene z mit Unterschlinge ist bemerkenswert. Bezeichnen wir die Schrift also bis auf Weiteres als »frei gestaltete, dekorative Werbeschrift mit Federduktus und verzierten Initialen«.
Im unteren Teil des Bildes habe ich versucht, den Schriftzug leserlicher hervorzuheben, soweit der verblasste Farbauftrag dies zuließ. Lediglich beim k musste ich raten, wie dieses vielleicht ausgesehen haben könnte, da sich das einzige Vorkommen dieses Zeichens hinter dem Efeubewuchs verbarg.
»Aufgrund der wachsenden Zahl der Annoncen in Zeitungen, als Folge der industriellen Revolution, wurde der Markt der Werbung entdeckt und auch bald der der kostengünstigen Außenwerbung. Bereits um die Jahrhundertwende wurden deshalb monumentale Reklamen an Häuserwände gemalt.«
Quelle: Wikipedia-Artikel »Außenwerbung«
Über den einstigen, mit der Inschrift beworbenen Betrieb konnte ich leider keine Informationen ausfindig machen, insofern ist eine Datierung der Wandbemalung schwierig. Vermutlich entstand sie nicht vor ca. 1850–1870; als Referenzdatum für den aufkommenden Boom der Außenwerbung im 19. Jahrhundert kann der 15. April 1855 dienen. An diesem Tag wurde in der Münzstraße in Berlin-Mitte die erste sogenannte »Annonciersäule«, erdacht vom dortigen Verleger und Druckereiunternehmer Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) aufgestellt.
Ich jedenfalls finde es schön, dass man diese alte Werbebotschaft nun wieder ohne Efeubewucherung sieht. 🤓 🔠 🪴
Update: Eine Leserin auf LinkedIn trug in ihrem Kommentar noch ein interessantes Detail bei, das meine Einschätzung zur Entstehungszeit bestätigt:
»Das Luxusgut Nähseide industriell herzustellen, wurde erst mit der Entwicklung der Spinn- und Nähmaschinen im 19. Jahrhundert möglich und von der Firma Gütermann 1864 in großer Menge verfügbar gemacht.«
Weiterführende Links
➡️ »Ghost Signs« – Artikel über die Bilder des Fotografen Nicholas Brewer aus Berkshire von verblassenden historischen Werbebotschaften auf Fassaden in Großbritannien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ➡️ »The History of OOH (Out Of Home)« auf der Website der OAAA (Out of Home Advertising Association of America)
Heute gibt es mal einen Beitrag »außer der Reihe«, bei dem zwar die Typographie nur am Rande vorkommt, wohl aber ein visuelles Kriterium, das in der Typographie und Gestaltung mit Text eine große Rolle spielt: die Leserlichkeit bzw. »Entschlüsselbarkeit« der dargebotenen Inhalte. Eine Schrift kann noch so interessant oder ästhetisch aussehen – wenn die durch sie transportierte Botschaft nicht entziffert zu werden vermag oder deren Erfassung und Rezeption beeinträchtigt, wird sie ihrer Aufgabe als Kommunikationsmittel nicht gerecht. Man kann mit der Leserlichkeit spielen, wie es z.B. die Wortmarken von Death Metal Bands oftmals tun, aber dort, wo wichtige Inhalte vermittelt werden, ist das unangebracht oder kann – z.B. bei Warnhinweisen – sogar gefährlich sein. Und genauso schwer auf Anhieb zu dechiffrieren können auch (metaphorische) Bildinhalte sein.
Am letzten Tag des Jahres möchte ich daher gern noch eine Werbekampagne aus dem Jahr 2025 küren, die ich persönlich in der Umsetzung für bemerkenswert kontraproduktiv halte. Die Zielsetzung der »Plakatkampagne gegen Drogen und Ablenkung am Steuer« vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV), dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) und den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen sowie ihrem Spitzenverband, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ist eine löbliche: Bewusstsein zu schaffen für das Risiko des Autofahrens unter dem Einfluss von Alkohol oder Cannabis bzw. für die Gefahren durch die Bedienung von Smartphones während der Fahrt. Die Plakatmotive dazu, die ich am Fahrbahnrand hängen sah, verursachten bei mir eher Irritation und beeinträchtigten stattdessen meine Aufmerksamkeit beim Fahren, denn ich war in den wenigen Sekunden des Vorbeifahrens (natürlich in angemessenem Tempo) schlicht nicht in der Lage, die Bildmotive zu »entschlüsseln«.
Auge und Gehirn arbeiten bei der Wahrnehmung der Welt primär nach zwei Maximen zusammen: »Muster erkennen« und »Vertrautes/Bekanntes von Fremdem/Neuartigem trennen«. Beides ist z.B. auch dafür verantwortlich, dass wir Tippfehler in Texten so leicht übersehen, denn oft gelesene, vertraute Wörter werden als Muster von Buchstaben erkannt, gelesen und verstanden, selbst wenn sie falsch geschrieben sind. Nur wenn ein Tippfehler ein Wort derart entstellt, dass die Vertrautheit verloren geht, stocken wir beim Lesen.
Die Bildmotive auf den Plakaten sind kreativ, aber meines Erachtens zu rätselhaft. Ein nicht maßstabsgetreuer Pkw, der – aus ungewohnter Perspektive, von oben dargestellt – nach unten in Bier mit Schaum obenauf fällt (nicht einmal die Kontur eines Bierglases wird als Dechiffrierhilfe gezeigt). Ein senkrecht in der Luft hängender Pkw, bei dem erst auf den zweiten Blick die abfallenden Fahrzeugteile erkennbar sind, von Rauchschwaden umhüllt und darunter ein überdimensionaler Joint, der auch eine schief gedrehte Zigarette sein könnte; dazu noch ein Wortspiel mit »high«. Und ein kryptischer, qualmender Fleck auf einer völlig leeren Fahrbahn, ohne Autowrack, nur eine Bremsspur.
Bei allen drei Motiven war mein erster Gedanke »Hä, was???«. Erst nach wiederholter Vorbeifahrt an anderer Stelle erschlossen sich mir nach und nach die Botschafts-, Bild-, Assoziations-, Text- und Anspielungs-Ebenen, die die Motive dem Betrachter neben- und übereinander zumuten. Das lenkt ab und bewirkt eigentlich das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist: Die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. Für mich einer der rückblickend fragwürdigsten »Werbe-Fails« des Jahres 2025.
Die verwendete Schriftart für die Headlines ist übrigens die »FF DIN Pro Black« (Albert-Jan Pool, 1995–2009 für FontFont/Monotype).
Ich bin gespannt auf die Kampagne 2026 (so es eine geben wird) und hoffe, die macht das dann wieder besser. 😉
Frohes Neues Jahr, passt auf euch auf, kommt gut rein (und an), feiert schön und lasst das Auto im Zweifelsfall lieber stehen! 🤓 🔠 🚘
Ich kann einfach nicht aufhören, obwohl Weihnachten ist. Für viele Menschen sind die Festtage auch – je nach ihren finanziellen Möglichkeiten – ein Anlass, sich mal »etwas Anderes« oder besonders Feines auf dem heimischen Speiseplan zu gönnen. Oder sie folgen bewusst einer familiären Tradition und servieren Kartoffelsalat mit Würstchen, Fondue, Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen oder Raclette.
Auch Fisch und Meeresfrüchte sind beliebte Gerichte an Weihnachten und Silvester: Räucherlachs, Garnelencocktail, Hummersuppe oder delikate Fischsalate stehen auf dem Speiseplan. Und – Karpfen. Mich selbst hat dieser Fisch, auch nach mehrmaligem Probieren und in wechselnden Zubereitungsarten, nie wirklich begeistert. Wohl aber in Form dieses famosen Posters, das ich kürzlich während des Wartens in der Kundenschlange bei meinem lokalen Hamburger Fischfachgeschäft an der Wand neben dem Tresen hängen sah und das heute das typographische Fundstück der Woche sein soll. Die Farben! Die Schriften! Die Illustration! Für mich wieder eines dieser kuriosen, aber wunderschönen Werbemotive (ähnlich der dreieckigen Papiertüte mit dem Aufdruck »Esst mehr Früchte und Ihr bleibt gesund!«), die seit den 1950-er oder 1960-er Jahren irgendwie in kleinen Spezialitätengeschäften und auf Wochenmärkten bis heute überlebt haben und nach wie vor genutzt werden.
Die Schriften auf dem Poster entsprechen keiner digitalisierten Schriftart, die ich finden konnte. Schade eigentlich, denn die Lettern des fetten »Karpfen«–Schriftzuges mit dem interessanten Knick im unteren Bein des K und dem freundlich gerundeten e machen mich neugierig, wie wohl das komplette Alphabet aussehen würde. Bei der Schreibschrift ging ich gleich von Anfang an davon aus, dass sie von einem Plakatmaler exklusiv nur für dieses Werbemotiv gestaltet wurde.
Wollte man das Werbemotiv mit aktuell erhältlichen Schriftarten nachempfinden, wären die Fonts »LP Pinselschrift« (Peter Langpeter für URW, 2008) und »Frisans Black« (Bo Berndal, 2005 für Monotype) eine geeignete Wahl.
Als Bonus zum Schluss hier noch die aktuelle Reihenfolge der zehn beliebtesten Weihnachtsgerichte in Deutschland, zusammengetragen aus verschiedenen Quellen der letzten beiden Jahre. Die Reihenfolge der Favoriten ist hierzulande offenbar bemerkenswert konstant:
Würstchen und Kartoffelsalat
Geflügel aus Ofen oder Bratpfanne, vor allem Gans und Ente
Raclette
Schweinebraten
Fondue
Rindfleisch (Steak, Schmorbraten, Roastbeef)
Fisch und Meeresfrüchte*
Wildgerichte
Vegetarische Speisen/vegane Gerichte
Sonstiges (z.B. Eintöpfe oder Bratwurst mit Sauerkraut)
Bei den Fischgerichten ist Lachs mit gut 60 % Beliebtheit der Spitzenreiter, gefolgt von Krustentieren wie Garnelen, Krabben und Scampi. An dritter Stelle steht die Forelle – der auf dem Plakat beworbene Karpfen folgt mit 20 % erst auf Platz vier.
Und warum stand ich im Fischladen an? Ich ließ mir vom Inhaber ein feines, gleichmäßig geschnittenes Stück Lachsfilet schneiden, das ich anlässlich der Feiertage zu Hause in eine aromatische, selbst kreierte Beize eingelegt habe. Hier das Rezept:
Hausgebeizter Graved Lachs mit Kaffirlimette und Hibiskusblüten
400 g Lachsfilet ohne Haut in Sushi-Qualität
14 g grobes Salz
20 g Zucker
1 TL Zitronenschalen-Abrieb
10–12 in feine Streifen geschnittene Kaffirlimetten-Blätter (TK, gibt’s im Asia-Markt)
Alle Gewürzzutaten bis auf den Schnaps miteinander vermischen und den Lachs damit rundum dick »panieren«. Dann vorsichtig den Ingwergeist darüber träufeln. Den marinierten Fisch mit allen eventuell abgefallenen Resten der Marinade entweder (dicht und ohne eingeschlossene Luft!) in Frischhaltefolie einwickeln und in eine flache Form oder einen tiefen Teller legen. Oder alles in einen Zip-Beutel umbetten, die Luft herausdrücken und ihn dicht verschließen. Der Lachs sollte im Kühlschrank 24 bis 48 Stunden in der Beize durchziehen, am besten das Paket währenddessen mehrfach bewegen und wenden.
Vor dem Servieren die Beize abspülen, den Lachs trockentupfen und noch einmal im Kühlschrank, fest in Folie gewickelt, einige Stunden ruhen lassen. Sodann mit einem scharfen Messer in feine Scheiben schneiden und auf dunklem Roggen- oder Vollkornbrot, z.B. mit etwas Frischkäse, verzehren. 🤓 🔠 🐟 😋
Als typographisches Montagsbonbon serviere ich heute einen eher herzhaften statt süßen Beitrag. Ich hatte in einem früheren Artikel schon einmal erwähnt, wie gerne ich auf Reisen – insbesondere ins Ausland – große Supermärkte durchstreife und mir die Produkte und ihre Verpackungen ansehe, die es in deutschen Geschäften nicht gibt.
Auf einem Tagesausflug nach Basel tat ich genau das wieder in einer MIGROS-Filiale, vergleichbar etwa mit einer hiesigen Kaufland-Niederlassung. Dort fiel mir im Kühlregal diese rein typographisch gestaltete Frischepackung für einen neutralen Pizzateig zum Selbstbelegen auf. Keine Klarsichtfolie bzw. kein Plastik, keine italienischen Farb- oder Bildmotiv-Stereotypen, keine Abbildungen von Pizza, Tomaten, Basilikum, Mozzarella oder anderen banalen »Serviervorschlägen«. Stattdessen lediglich ein Becher mit einer Banderole aus nachhaltig anmutendem Kraftpapier bzw. -karton und eine einfarbige, rein schwarze Beschriftung in einer – vermutlich eigens handgezeichneten – kräftigen Schrift, welche die Assoziationen »hausgemacht«/»selbstgemacht/handwerklich« und »rustikal« aufruft. Alles Weitere wird der Fantasie der Käufer*innen überlassen.
Wie findet Ihr die Idee, geeignete Lebensmittel auch mal »nur mit Typo« zu verpacken und auf übliche, oft schon tausendmal gesehene bildliche Designklischees zu verzichten? Spontan fallen mir als weiteres Beispiel noch die Verpackungen der nachhaltigen Schokoladenmarke »Tony’s« ein.
Mir persönlich gefällt’s und ich würde mich freuen, künftig öfter mal etwas Abwechslung dieser Art in den Regalen anzutreffen. 🤓 🔠 🍕 📦
Das typographische Bonbon zum Wochenanfang ist heute nichts für Vegetarier oder Veganer, passt aber nachträglich noch recht gut zum Thema »Halloween«. Gefunden habe ich es vor einer Metzgerei in Basel.
Was meine Aufmerksamkeit weckte, war nicht in erster Linie das Logo des Ladens. Es waren auch nicht die etwas grobschlächtigen 🤭 zweifarbigen und handgeschriebenen, kreativen Großbuchstaben. Es war … der nicht vorhandene Bindestrich.
(Zum Preis pro Liter kann ich leider keine Angaben machen.) 🤓 🔠🩸😱
Das typographische Montagsbonbon kommt heute wieder aus der Rubrik »Do-It-Yourself-Typographie« und ich erspähte es an einem Regionalbahnhof auf der Fahrt aus Brandenburg nach Hamburg. Toller Farbkontrast und eine dem Wetter folgende, lockende Botschaft. Da fallen die kleinen Kanten und Lücken in den Buchstaben gar nicht mehr so ins Gewicht … 😉 🤓 🔠 ☕ 🧊
Wie vorgenommen, habe ich alle Bildmotive zeigenswerter typographischer Fundstücke von meinen letzten Städtereisen ausgewählt und vorbereitet und kann sie gemütlich Woche für Woche »abarbeiten«. 🙂
Den Anfang macht heute ein (auch farblich) sehr schönes altes Fassaden-Reklamemotiv aus Trier. Ich liebe ja auch den aus heutiger Sicht etwas gestelzt klingenden Duktus der alten Formulierungen, und genau deshalb habe ich eben auch bewusst »Reklame« geschrieben statt »Werbung«.
Die Schrift ist mit Sicherheit keine kommerzielle Type, sondern besteht aus individuell gestalteten Buchstaben. Der schmal laufende Slogan am Kopf des Motivs erinnert mich am ehesten an die »DIN Condensed«, die breiter laufenden Zeilen darunter eher an »Avenir« oder »Futura«. Interessant sind die verschiedenen Formen des G im Claim über dem blauen Logo-Feld und in der Unterzeile unter dem Unternehmensnamen. Zu meinen spontanen Ähnlichkeits-Assoziationen habe ich ein zweites Bild angefügt.
Das beworbene Unternehmen existiert übrigens nach wie vor und bezeichnet sich selbst als »das größte Damenbekleidungsgeschäft der Saar-Lor-Lux Region.« Es wurde 1894 unter dem im Foto dokumentierten Namen »Hochstetter & Lange« eröffnet und firmiert heute nur noch unter dem Namen »Hochstetter«. Wann das Wandmotiv entstand, konnte ich leider nicht verlässlich ermitteln, ich persönlich würde es anhand der Gestaltung und Formulierung geschätzt etwa zwischen 1950 und 1965 verorten. 🤓 🔠
Diese Woche stammt das typographische Fundstück der Woche aus dem Umfeld eines Baumarkts in Berlin-Spandau. Eigentlich wollte ich nur kurz »reinspringen« und ein benötigtes Werkzeug erstehen, doch auf dem Weg von der Bushaltestelle über den Parkplatz zum Haupteingang fielen mir sofort einige in den Außenarealen und an verschlossenen Zugängen angebrachte, handgeschriebene (!) Schilder auf. Zwei davon habe ich dann nach meinem Einkauf auf dem Rückweg fotografiert.
Ich erinnere mich noch gut, dass in meinen Kindertagen in den 1970er-Jahren und bis gut in die 2000er hinein in vielen Geschäften noch mit dickem Marker auf Neonpapier für Sonderangebote und Aktionsware geworben wurde. Durch die würfelzuckergroßen, eckigen Filz-Schreibspitzen der Stifte ergab sich ein charakteristischer, saftig-kalligraphischer Duktus der Buchstaben und Ziffern, aber darüber hinaus ließ mich die Ähnlichkeit der Schriftzüge über Orte und Geschäfte hinweg schon damals vermuten, dass es speziell für diese Art des Schreibens geschulte Mitarbeiter in den Läden geben musste. Und ich frage mich: War bzw. ist das so? Oder wurde in der Belegschaft einfach nach den Mitarbeitenden mit der jeweils lesbarsten individuellen Handschrift gesucht und diese Person dann zum Schilderschreiben »rekrutiert«
Hier in diesem Baumarkt jedenfalls arbeitet offenbar ebenfalls noch jemand aus dieser schreibenden Zunft. Und zumindest mir geht es so, dass ich solche derart zu Papier gebrachten Botschaften anders wahrnehme als es bei einem 08/15-Digitalausdruck mit derselben Botschaft wäre. Ich »spüre«, dass hier vor dem Aushängen ein Mensch gedacht, formuliert, geschrieben und mit Schrift gestaltet hat. Und ich mag dieses Gefühl. 🤓 🔠 🖍️ 📃
Hier kommen noch ein paar historische Impressionen aus deutschen Supermärkten der 1960er bis 1980er … insbesondere die »Blutwurst« im letzten Foto ist wunderschön geschrieben (jetzt hör ich aber auf) 😅