Auf Englisch heißt das »fail«, aber das klingt mir zu negativ. In dieser Kategorie wird gesammelt, was durch Unvermögen, Nachlässigkeit, Unwissen oder Missgeschick nicht ganz so schön oder fehlerfrei ist, wie es hätte sein können.
Ich weiß nicht, wie viele Leser*innen sich hier einfinden, die in der Schule noch Gedichte auswendig lernen mussten. Ich erinnere mich zumindest noch an Schillers »Bürgschaft« mit dem »Dolch im Gewande« und an Adalbert von Chamissos »Riesenspielzeug«. Bei anderen, gern aufgetragenen Werken, wie »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« oder auch (noch mal Schiller) »Die Glocke« (s.u.), ging der Lernkelch an mir vorüber. Und so lernte ich auch erst bei der Recherche zum heutigen typographischen Montagsbonbon, dass das in Stein verewigte Zitat am Hauseingang des Teltower Damm 20 in Steglitz, welches ich heute zeige, ebenfalls aus der »Glocke« stammt.
Entdeckt habe ich das Objekt an einem Wohn- und Geschäftshaus, das online verfügbaren Quellen zufolge in den Jahren 1908/1909 von der Architektensozietät Bastian & Kabelitz geplant wurde und dessen verzierte Fassade es dem Baustil des Historismus und dort insbesondere dem »Neobarock« zuordnet. Die Schrift zeigt typische Stilelemente der Bauzeit, auch des Jugendstils, wie z.B. die schneckenartigen Einrollungen im S, die organisch gerundeten Konturen der Buchstaben (E, G) oder das gebogene Bein des R. Einen entfernten Verwandten der Schriftart auf der Tafel sähe ich z.B. in der auch heute noch gern genutzten »Hobo« (Morris Fuller Benton für American Type Founders, 1910).
ARBEITISTDES BÜRGERSZIRDE SEGENISTDER MÜHEPREIS.
Typographisch interessant sind bei dem Relief aus meiner Sicht zudem fünf weitere Details: Zum einen das nahezu völlige Fehlen von Leerzeichen zwischen den Wörtern. Mit einer etwas kleineren Schrift oder einem schmaleren Rahmen um das Textfeld wäre dafür ja durchaus Platz vorhanden. Es muss also eine bewusste Entscheidung gewesen sein. Auch auf Interpunktion innerhalb des Textes hat die künstlerisch verantwortliche Person verzichtet, lediglich am Ende wurde ein Punkt gesetzt. Die dritte Besonderheit sind die sehr dezenten Miniatur-Ü-Punkte, die in den Wörtern »BÜRGERS« und »MÜHE« regelrecht im U »versenkt« wurden. Hier mag tatsächlich der Grund gewesen sein, in der Höhe Platz zu sparen, um die Zeilen möglichst eng setzen zu können.
Am spannendsten finde ich aber, dass das Wort »ZIRDE« ohne E geschrieben wurde und dass das N in »SEGEN« spiegelverkehrt dargestellt ist. Zum ersten Detail wollte ich prüfen, wie die Schreibweise in der Urfassung des Gedichtes vorliegt.
»Zwar ist die Niederschrift des Gedichtes nicht überliefert, im Erstdruck erschienen ist es 1799 im Musen-Almanach für das Jahr 1800, den Schiller selbst herausgab.«
Es gibt tatsächlich Scans dieses Druckes und dort ist zu sehen, dass der Dichter höchstselbst »Zierde« mit »ie« drucken ließ. Wurde das E also ebenfalls aus Platznot weggelassen? Es bleibt rätselhaft.
Ebenso mysteriös ist das spiegelverkehrte N. Eigentlich ist dies ein Fehler (wenn es denn einer ist und nicht Absicht), der nur passieren kann, wenn ein Schild aus einzelnen dreidimensionalen Buchstaben angefertigt wird und einer davon versehentlich mit falscher Orientierung appliziert wird, wie es hier im Blog schon bei Fundstücken mit gedrehten oder spiegelverkehrten Lettern vorkam. Ein Flüchtigkeitsfehler kann es bei einem gemeißelten Relief, das etliche Arbeitsstunden erfordert, kaum sein. Und auch bei einem gegossenen Werkstück hätte der Irrtum auffallen müssen, da als Vorlage für Form und Abguss meist ein Urmodell steht, welches ebenfalls seitenrichtig vorliegt. Auch hier bleibt die Ursache dieser Besonderheit also im Dunkeln.
Ich gebe mich also heute gerne wieder damit zufrieden, viel Neues gelernt zu haben (u. a. vier Zeilen aus der »Glocke«), ohne den Geheimnissen des Fundstücks komplett auf die Spur kommen zu können. Aber manchmal sind es ja gerade die ungelösten Rätsel, die etwas erst interessant machen … 🤓 🔠 🏛️
Das Foto des typographischen Fundstücks an diesem Freitag habe ich geknipst, weil mir mehrere kuriose Details an der sichtlich heruntergekommenen Hausfassade auffielen. Zum ersten war es natürlich der wilde »Typo-Mix« der dort versammelten Beschilderungen: Das verwitterte »Café Kracht«-Banner mit seinen saftigen gebrochenen Lettern; die schwarze »66« der Hausnummer; die Tafel über der Tür, die klarmacht, dass das Café gleichzeitig auch eine Bäckerei beherbergt; die zwei Werbeaufkleber für »Ur·echt-kräftig-deftiges« Gebäck sowie eine bekannte Spirituose; das links an die Seite verbannte Hinweisschild »Einfahrt freihalten!« – und nicht zuletzt das amüsant-irritierende Plakat, das darauf hinweist, dass die einstige Ladentür eine Umwidmung zur Motorradausfahrt erfahren hatte. Zum zweiten fragte ich mich, was wohl die »Strohlemmeln« seien, die die offensichtlich schon seit geraumer Zeit geschlossene Bäckerei einst bewarb. Und zum dritten natürlich die Neugier, welche Geschichte wohl hinter diesem leerstehenden Gebäude steckt, denn nicht nur das Geschäft im Erdgeschoss war geschlossen, auch die restlichen Räume in den oberen Etagen schienen unbewohnt.
Zu den historischen Daten des Hauses wurde ich relativ schnell fündig:
»Gegründet wurde die Traditionsbäckerei 1856 durch August Kracht und firmierte auch als Lemgoer Strohsemmel-Bäckerei. Ende Februar 1998 wurde das Geschäft geschlossen. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau stammt aus dem Jahre 1456 und eine angrenzende Scheune, wo die Backstube untergebracht war, aus dem Jahre 1792.«
Somit war auch klar, dass die von mir gelesenen »Strohlemmeln« tatsächlich »Strohsemmeln« waren. Dabei handelt es sich um eine regionale Brötchensorte auf Hefeteigbasis, deren rohe Teiglinge – ähnlich wie Bagels – in kochendem Wasser gebrüht und dann bei vergleichsweise hohen Temperaturen auf einem schützenden Strohbett im Ofen gebacken werden:
»Das wohl bekannteste Gebäck Lippes ist sicherlich die Lemske Strauhsemmel (Lemgoer Strohsemmel), die allerdings nicht nur in Lemgo, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes hergestellt wird. Einer alten Überlieferung zufolge wurde das Rezept für die Strohsemmel von einem unbekannten Bäckergesellen und Soldaten im napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland nach Lippe mitgebracht. (…) Da aber spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die Bäckerei Richter in Detmold und die Bäckerei Kracht in Lemgo, sondern auch zahlreiche andere Bäckereien in Lippe Strohsemmeln backten und verkauften, muß sich das ›Geheimrezept‹ unter Lippes Bäckern doch relativ rasch herumgesprochen haben. (…) Das Besondere an der Strohsemmel ist wohl auch weniger das Rezept als die Herstellungsart: Zum einen wird der Teig gebrüht; zum anderen werden die gebrühten Teigstücke auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches abgebacken.«
Da das Geschäft bereits vor nunmehr rund 28 Jahren seinen Betrieb aufgab, stellt sich natürlich die Frage, was seither geschah, denn schließlich befindet sich das verwaiste Objekt mitten in der ansonsten belebten Fußgängerzone Lemgos. Auch dazu hat das Netz interessante Informationen zu bieten. Zum einen sorgten sich die ehemaligen Besitzer wohl um den Fortbestand des Rezepts ihres »Signature Gebäcks«, zum anderen schienen sie sich nach Kräften um die Veräußerung der Immobilie zu bemühen:
»›Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur‹, erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. ›Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen.‹«
»Eine Lemgoer Institution zum Nulltarif: Laut Angaben von Herbert Kracht (72) wird das Haus der Traditionsbäckerei Kracht in der Breiten Straße kostenlos abgegeben. Die einzige Bedingung: Der neue Besitzer muss das dazu gehörige Grundstück kaufen.«
Das verlockende Verkaufsangebot fand jedoch offenbar keinen Interessenten, denn im Februar 2023 wurde in der lokalen Presse über eine anstehende Zwangsversteigerung des Hauses berichtet. Doch auch diese Maßnahme war wohl aus unbekannten Gründen nicht umsetzbar, denn weitere 10 Monate später titelte dieselbe Zeitung »Lemgoer Bäckerei Kracht noch nicht unterm Hammer«. Mein obenstehendes Foto entstand erneut knapp zwei Jahre später, am 10. November 2025. Anzeichen für einen Abriss, eine Sanierung, Renovierung oder äußere Hinweise auf einen Besitzerwechsel waren auch zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Mehr konnte ich über das Schicksal des Hauses nicht herausbekommen.
Die handbeschriftete Glastafel über dem Eingang mit dem etwas missglückten »langen s« (ſ), das eher wie ein kleines l aussieht, nahm ich anschließend zum Anlass, das typographische Potpourri an der Ladenfassade mit möglichst ähnlichen Schriftarten noch einmal nachzuempfinden und dabei ein wenig zu optimieren.
Ich gehe davon aus, dass die unübliche Gestaltung des »ſ« in die Verantwortung des Schildermalers fällt, denn als ich nach ähnlichen Formen in kommerziellen (vorzugsweise kursiven) Antiqua-Schriften suchte, konnte ich bei keiner davon eine Variante auffinden, die derart einem kleinen 𝑙 ähnelt. Insgesamt sechs Varianten für das Design des »langen s« sind allgemein gebräuchlich. Vier davon können bei flüchtigem Lesen meines Erachtens mit einem 𝑓 verwechselt werden, zumal der Buchstabe ſ heutzutage kaum noch in Texten vorkommt und Leser*innen ihn somit darin nicht erwarten. Mir persönlich gefällt daher die letzte Variante am besten:
Beispiel »Times New Roman« (Stanley Morison, Victor Lardent/Monotype, 1931): Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering. Diese Variante ist ausschließlich in nicht-kursiven Schriftschnitten anzutreffen. Beim Wechsel auf einen kursiven Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie wechselt die Form zur Variante 6!
Beispiel »Haiku Italic« (Zac Hallgarten/AcidType, 2022): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Basile« (Dario Manuel Muhafara/Tipo, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Littleworth Now Italic« (Steve Matteson & Frederic L. Griggs/Monotype, 2025): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Dutch Medieval Pro Italic« (Hans van Maanen, Patrick Griffin/Canada Type, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Times New Roman Italic«: Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering.
Und zum Schluss hier noch das Rezept (oder besser: eine schlüssige Version, zusammengestellt aus fünf der vielen online kursierenden Rezepte) für die Original »Lemgoer Strohsemmeln«. Guten Appetit! 🤓 🔠 🥯
Lemgoer Strohsemmeln
Zutaten: 500 g Weizenmehl 1 Würfel (42 g) frische Hefe oder 1 Tütchen (7 g) Trockenhefe 1,5 EL Zucker 1 gestr. EL Salz ca. 300 ml lauwarmes Wasser (nach Bedarf etwas mehr oder weniger, s.u.) Weizenstroh oder Roggenstroh, nicht zu kurze Halme (zum Auslegen des Backblechs)
Zubereitung: Die Hefe in einem geeigneten Gefäß in 200 ml des Wassers bröseln und zusammen mit einem Teelöffel des Zuckers gut verrühren, bis sie sich aufgelöst hat.
Das Mehl in eine Schüssel geben und in der Mitte eine Vertiefung formen. In diese Mulde die Hefemischung gießen. Anschließend nach und nach Salz, den restlichen Zucker und weiteres Wasser zugeben und alles zu einem Teig verkneten. Dabei nur so viel Wasser verwenden, dass ein fester, aber gut formbarer Teig entsteht.
Den fertigen Teig abgedeckt mit einem Küchentuch etwa 30 Minuten an einem warmen Ort ruhen lassen, bis er sichtbar aufgegangen ist und ungefähr sein Volumen verdoppelt hat. Danach den Teig nochmals kurz durchkneten, zu einer Rolle formen und diese mit einem Messer in 15 etwa gleich große Stücke teilen. Die Stücke rund formen und auf Backpapier weitere 5 Minuten warm angehen lassen. Anschließend die Teiglinge leicht flachdrücken und mit einem spitzen Gegenstand 6–8 mal über die Oberfläche verteilt einstechen. Danach nochmals rund 15 Minuten ruhen lassen.
In der Zwischenzeit ein Backblech mit dem Stroh auslegen und den Backofen (noch ohne Blech) auf 220 °C vorheizen. Parallel 1–2 l Wasser in einem großen Topf zum Kochen bringen. Die Teiglinge kurz rundum in das kochende Wasser tauchen, danach auf das mit dem Weizenstroh ausgelegte Backblech legen und es auf der mittleren Schiene in den Backofen schieben. Dann noch eine halbe Tasse Wasser auf den heißen Boden des Ofens gießen und die Ofenklappe zügig schließen.
Nun werden die Semmeln im Dampf bei einer Temperatur von etwa 220 °C für 25 bis 30 Minuten gebacken. Durch das unterliegende Stroh wird das Gebäck nur auf der Oberfläche braun, der Boden hingegen bleibt hell. Nach dem Backen sollten sich die Semmeln relativ leicht vom Stroh lösen lassen.
Strohsemmeln schmecken sowohl nur mit Butter als auch mit Schinken oder typisch lippischer Mettwurst. Aber auch süße Aufstriche wie Marmelade oder Honig passen gut dazu.
Das Verb »verfeinern« ist zumeist im Umfeld der Zubereitung von Fertiggerichten anzutreffen. Wer sich selbst, der Familie oder Gästen Mahlzeiten serviert, deren Komponenten zum Teil aus Tüte, Dose oder Tiefkühltruhe stammen, fügt gerne zur individuellen Vervollkommnung der Rezeptur noch einige eigene Zutaten hinzu, die über das reine Abschmecken hinausgehen. Eine Handvoll frische Kräuter, ein besonderes Gewürz, ein Gläschen Kochwein, ein Schuss Sahne oder ein Esslöffel Crème fraîche runden das Gericht nicht nur gemäß dem eigenen Geschmack ab, sondern geben der Person am Herd auch das gute Gefühl, das Essen mehr als bloß aufgewärmt zu haben. Auch ich selbst praktiziere das so.
Als Fundstück möchte ich heute allerdings einen Imbiss reichen, bei dem mich ein Drang zur Verfeinerung in gestalterischer Hinsicht ergriff. Es geht dabei nicht nur um Typographie, sondern auch um Orthographie und Lesbarkeit.
Gesehen habe ich das betreffende Objekt am Gleis einer Hamburger U-Bahn-Station. Während ich auf meinen Zug wartete, wanderte mein Blick über die Werbeplakate an den Wänden und blieb an diesem Motiv einige Sekundenbruchteile länger hängen, als es sich »richtig« anfühlt, denn ich las zuerst »Erstens … Hilfe-Set …«. Erst einen kleinen Moment später begriff ich, dass die Eins mit dem Punkt mit zu den beiden folgenden Wörtern gehören sollte. Schade, dachte ich, eine so schöne, kreative und originelle Plakatidee – und dann wird der Witz gebremst durch eine nicht sofort intuitiv erfassbare Schreibweise.
Ich vermutete zunächst, der Grund für diese Verkürzung sei, dass der Platz nicht ausreichte und der voll ausgeschriebene Begriff dann nicht mehr ohne Umbruch in eine Zeile gepasst hätte. Aber dem ist nicht so, wie meine retuschierte »Verfeinerung« zeigt:
Der textlich ausgeschriebene Begriff »Erste Hilfe« ohne Ordinalzahl ist auf Beschilderungen und Kennzeichnungstafeln, damit beschrifteten Verbandskästen (s.u.) sowie in regelbasierten Dokumenten zu Unfallschutz und Versorgung akut erkrankter oder verletzter Personen die allgemein gebräuchliche Schreibweise. Insofern ist es auch die am häufigsten im Alltag wahrgenommene und von den meisten Menschen »gelernte« Erscheinungsform dieses Begriffs, die aufgrund dieser Prägung innerhalb kürzester Zeit erfasst und begriffen wird. Man findet zwar ohne weiteres mit dem Suchbegriff »1. Hilfe« im Netz jede Menge Produkte und Informationen, zudem auch Websites zum Thema, in deren URL die 1 auftaucht – etwa den Online-Kursanbieter meine1hilfe.de –, aber die Schreibweise mit Ziffer ist eindeutig seltener, weniger vertraut und braucht daher tendenziell länger, um verstanden zu werden.
Doch selbst wenn der Einsatz der Ziffer nicht zu beanstanden wäre, ist die Schreibweise im Plakat nicht korrekt – denn es fehlt ein Bindestrich, der nicht nur die letzten beiden, sondern alle drei Bestandteile des Begriffs »1.-Hilfe-Set« zu einem (wiederum besser verständlichen) Ganzen koppelt:
»(…) in Wortzusammensetzungen mit Zahlen und Abkürzungen setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich. Beispiele sind:
der 230-V-Antrieb der 500-m-Lauf das 1.-Kl.-Abteil die 4-Zr.-Wohnung die 100-km/h-Grenze (…)«
Nennt mich Erbsenzähler, schimpft mich Korinthenkacker – aber wenn etwas fast perfekt ist und nur ein letztes winziges Detail eine ansonsten runde Sache trübt, triggert das mein Auge manchmal ebenso sehr wie ein weitaus größeres grafisches Missgeschick. 🤓 🔠 🧐
Die für die Texte im Plakat und auf der Iglo-Website als Corporate Font zum Einsatz kommende Schriftart ist die »Foco« (Fabio Luiz Haag/Dalton Maag).
Der im Plakat genutzte Schriftschnitt »Foco Black«.
Heute gibt es mal einen Beitrag »außer der Reihe«, bei dem zwar die Typographie nur am Rande vorkommt, wohl aber ein visuelles Kriterium, das in der Typographie und Gestaltung mit Text eine große Rolle spielt: die Leserlichkeit bzw. »Entschlüsselbarkeit« der dargebotenen Inhalte. Eine Schrift kann noch so interessant oder ästhetisch aussehen – wenn die durch sie transportierte Botschaft nicht entziffert zu werden vermag oder deren Erfassung und Rezeption beeinträchtigt, wird sie ihrer Aufgabe als Kommunikationsmittel nicht gerecht. Man kann mit der Leserlichkeit spielen, wie es z.B. die Wortmarken von Death Metal Bands oftmals tun, aber dort, wo wichtige Inhalte vermittelt werden, ist das unangebracht oder kann – z.B. bei Warnhinweisen – sogar gefährlich sein. Und genauso schwer auf Anhieb zu dechiffrieren können auch (metaphorische) Bildinhalte sein.
Am letzten Tag des Jahres möchte ich daher gern noch eine Werbekampagne aus dem Jahr 2025 küren, die ich persönlich in der Umsetzung für bemerkenswert kontraproduktiv halte. Die Zielsetzung der »Plakatkampagne gegen Drogen und Ablenkung am Steuer« vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV), dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) und den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen sowie ihrem Spitzenverband, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ist eine löbliche: Bewusstsein zu schaffen für das Risiko des Autofahrens unter dem Einfluss von Alkohol oder Cannabis bzw. für die Gefahren durch die Bedienung von Smartphones während der Fahrt. Die Plakatmotive dazu, die ich am Fahrbahnrand hängen sah, verursachten bei mir eher Irritation und beeinträchtigten stattdessen meine Aufmerksamkeit beim Fahren, denn ich war in den wenigen Sekunden des Vorbeifahrens (natürlich in angemessenem Tempo) schlicht nicht in der Lage, die Bildmotive zu »entschlüsseln«.
Auge und Gehirn arbeiten bei der Wahrnehmung der Welt primär nach zwei Maximen zusammen: »Muster erkennen« und »Vertrautes/Bekanntes von Fremdem/Neuartigem trennen«. Beides ist z.B. auch dafür verantwortlich, dass wir Tippfehler in Texten so leicht übersehen, denn oft gelesene, vertraute Wörter werden als Muster von Buchstaben erkannt, gelesen und verstanden, selbst wenn sie falsch geschrieben sind. Nur wenn ein Tippfehler ein Wort derart entstellt, dass die Vertrautheit verloren geht, stocken wir beim Lesen.
Die Bildmotive auf den Plakaten sind kreativ, aber meines Erachtens zu rätselhaft. Ein nicht maßstabsgetreuer Pkw, der – aus ungewohnter Perspektive, von oben dargestellt – nach unten in Bier mit Schaum obenauf fällt (nicht einmal die Kontur eines Bierglases wird als Dechiffrierhilfe gezeigt). Ein senkrecht in der Luft hängender Pkw, bei dem erst auf den zweiten Blick die abfallenden Fahrzeugteile erkennbar sind, von Rauchschwaden umhüllt und darunter ein überdimensionaler Joint, der auch eine schief gedrehte Zigarette sein könnte; dazu noch ein Wortspiel mit »high«. Und ein kryptischer, qualmender Fleck auf einer völlig leeren Fahrbahn, ohne Autowrack, nur eine Bremsspur.
Bei allen drei Motiven war mein erster Gedanke »Hä, was???«. Erst nach wiederholter Vorbeifahrt an anderer Stelle erschlossen sich mir nach und nach die Botschafts-, Bild-, Assoziations-, Text- und Anspielungs-Ebenen, die die Motive dem Betrachter neben- und übereinander zumuten. Das lenkt ab und bewirkt eigentlich das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist: Die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. Für mich einer der rückblickend fragwürdigsten »Werbe-Fails« des Jahres 2025.
Die verwendete Schriftart für die Headlines ist übrigens die »FF DIN Pro Black« (Albert-Jan Pool, 1995–2009 für FontFont/Monotype).
Ich bin gespannt auf die Kampagne 2026 (so es eine geben wird) und hoffe, die macht das dann wieder besser. 😉
Frohes Neues Jahr, passt auf euch auf, kommt gut rein (und an), feiert schön und lasst das Auto im Zweifelsfall lieber stehen! 🤓 🔠 🚘
Wieviel wiegt das Nichts? Mit dieser Frage beschäftigen sich Wissenschaftler*innen rund um die Welt schon seit geraumer Zeit. Sie erforschen dazu den bizarren Mikrokosmos der Quantenphysik ebenso wie die unvorstellbaren Dimensionen des für uns sichtbaren Universums. Komplexe Formeln werden diskutiert, kühne Theorien aufgestellt, Präzisionsexperimente in seismisch abgelegenen, hunderte Meter tiefen Schächten durchgeführt¹, es werden Nullpunktfluktuationen, die Lamb-Verschiebung der Spektrallinien von Atomen und die Casimir-Kraft gemessen² und allerlei mehr, was das Allgemeinwissen wohl der meisten Menschen übersteigt.
Vielleicht, aber nur vielleicht, ist ja das typographische Montagsbonbon dieser Woche – nun wieder ein fotografisches Mitbringsel aus Freiburg – ein viel einleuchtenderer, triftiger und für jede/n ganz leicht nachvollziehbarer Beweis dafür, dass Löcher (die ja prinzipiell aus Nichts bestehen und als sogenannte »Punzen« auch im Inneren vieler Buchstaben vorkommen) tatsächlich ganz schön schwer sein können. 😉 🔠 🤓
Als Montagsbonbon schiebe ich – zwischen meinen weiterhin reichlich vorrätigen Fundstücken aus Freiburg – heute mal ein Intermezzo aus Lemgo ein, wohin mich in der vergangenen Woche eine mehrtägige Dienstreise führte. Kaum 100 Meter voneinander entfernt fotografierte ich zwei separate Gewerbebeschriftungen, die beide etwas gemeinsam haben.
Zugunsten der Ehrenrettung des Restaurants (laut örtlicher Empfehlungen eins der besten italienischen Lokale der Stadt, was ich nach einem Abendessen dort bestätigen kann) bitte ich darum, das deutlich überdimensionierte V und das etwas zu kleine O, die falschen Kapitälchen¹ und die *hust* »suboptimalen« Abstände der Buchstaben 🫣 bei der Beantwortung der Frage großmütig zu übersehen.
Worin besteht die Gemeinsamkeit der beiden Schriftzüge? (Tipp: Es ist nicht die Schriftart – das VESUVIO nutzt die »Times New Roman«, der Raumausstatter TASCHE die »Plantin Now«.) 🤓 🔠 🧐
Die Auflösung steht im Akkordion-Block unterhalb der beiden Fotos. ⬇️
¹ Beim VESUVIO ist der Name in sog. »falschen Kapitälchen« gesetzt. Das bedeutet: die Strichstärke des V-Anfangsbuchstabens wirkt im Kontrast zu den nachfolgenden kleineren Versalien viel zu mächtig, da der Buchstabe nachträglich manuell hochskaliert wurde. Wer »echte Kapitälchen« nutzen möchte, sollte eine Schriftart wählen, in deren Zeichenvorrat separate Varianten für »große Großbuchstaben« und »kleine Großbuchstaben« existieren. Darin sind die Strichstärken sowie Größenverhältnisse der Initialen zu den kleineren Folgezeichen harmonisch aufeinander abgestimmt.
Auflösung lesen
Die beiden S stehen jeweils auf dem Kopf.
Man erkennt das daran, dass – zumindest bei den beiden genutzten Schriftarten – der untere S-Bogen größer bzw. ausladender sein sollte als der obere. Im folgenden Bild habe ich die verdrehten Zeichen sowie die weiteren typographischen Schönheitsfehler zum Vergleich einmal weitgehend »ausgebügelt«.
So sieht das Ganze doch schon wesentlich schicker aus, oder?
Das typographische Bonbon zum Wochenanfang ist heute nichts für Vegetarier oder Veganer, passt aber nachträglich noch recht gut zum Thema »Halloween«. Gefunden habe ich es vor einer Metzgerei in Basel.
Was meine Aufmerksamkeit weckte, war nicht in erster Linie das Logo des Ladens. Es waren auch nicht die etwas grobschlächtigen 🤭 zweifarbigen und handgeschriebenen, kreativen Großbuchstaben. Es war … der nicht vorhandene Bindestrich.
(Zum Preis pro Liter kann ich leider keine Angaben machen.) 🤓 🔠🩸😱
Auch beim typographischen Fundstück von heute bleiben wir noch in Sachsen-Anhalt. Im kleinen Dorf Klietznick, das die Auszeichnung „Lebenswertestes Dorf Deutschlands« trägt, unternahm ich an einem der vergangenen Wochenenden eine Wanderung durch die dortige schöne Landschaft. Ausgangs- und Endpunkt war ein Parkplatz am Fuße des sage und schreibe 48 m hohen »Weinbergs«. Dieser heißt nicht nur so, sondern tatsächlich wachsen an seinem Südhang einige Rebstöcke. Auf der Kuppe befindet sich ein hölzerner Aussichtsturm, von dessen Spitze sich ein wunderbarer Ausblick über die Elblandschaft genießen lässt.
Am Rande des Parkplatzes steht eine handbeschriebene Tafel, auf der interessierte Touristen einige Informationen über das Dorf und seine Bewohner nachlesen können. Ich habe im ländlichen Raum schon oft solche Tafeln entdeckt und liebe die Fantasie und die kalligraphischen Ambitionen der Urheber und sehe sie als ein sympathisches Gegengewicht zu Digitaldrucken, Folienschriftzügen und oftmals liebloser PowerPoint-Ästhetik an touristischen Info-Touchpoints.
Dennoch fiel mir auf der Tafel sofort ein kleiner typographischer Lapsus auf: die beiden M in der ersten Zeile stehen »verkehrt herum«. Eine sehr ähnliche Schrift wie die dort genutzte ist die »Optima« – eine serifenlose Antiqua-Variante, deren Proportionen und Buchstabenformen (der Versalien) sich an historische, gemeißelte Inschriften anlehnen. Der berühmte Schriftdesigner Hermann Zapf entwarf die Schrift in den Jahren 1952–1958 für die Schriftgießerei Stempel in Frankfurt. Erste Skizzen dazu erstellte Zapf bereits im Jahr 1950 nach Inschriften am Konstantinsbogen in Rom und auf Grabplatten in der Basilika Santa Croce in Florenz während einer Italienreise. Das Interessante an dieser Schrift ist, dass sie gekonnt ein Charakteristikum solcher antiken Serifenschriften – die wechselnden Strichstärken innerhalb der einzelnen Buchstaben – mit der klaren Anmutung moderner geometrisch konstruierter, serifenloser Groteskschriften ähnlicher Proportionen vereint (siehe unteres Bild).
Wenn ich nun die erste Zeile von der Tafel in der Schriftart »Optima« setze, ist zu sehen, dass die Abstriche des M zur rechten Seite des Buchstabens hin fett sind, auf der Tafel hingegen zur linken Seite. Wie diese kleine Anomalie zustande kam, lässt sich nur vermuten. Vielleicht hat die schreibende Person das W vom Wortanfang als Vorlage genutzt und es an einer horizontalen Achse gespiegelt. Hätte sie das W hingegen um 180° gedreht, entstünde ein M-ähnliches Zeichen mit der korrekten Strichstärkenanordnung.
Die meisten Betrachter der Tafel werden diesen kleinen Schönheitsfehler vermutlich kaum bemerkt haben. Mir geht es oft so, dass mein Auge an derlei Details hängenbleibt, noch bevor mein Kopf erfasst hat, was mir da eigentlich aufgefallen ist.
Aber genau aus diesem Grund gibt es ja dieses Blog. 🤓 🔠 😉
Hier kann man sehr schön sehen, welche Formmerkmale klassischer Serifenschriften (oben »Trajan«) und moderner Groteskschriften (unten »Futura Book«) in der »Optima« (Mitte) zusammenkommen.
Auch das typographische Montagsbonbon von heute – wahlweise zum Schmunzeln oder Augenbrauen heben – stammt erneut aus Berlin, diesmal aber nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen der Stadt – aus Spandau. Auf einer Besorgungstour führte mich mein Weg kürzlich vorbei am dortigen Rathaus. An der Fassade des 1910–1913 erbauten Hauses findet sich auf der rechten Seite des Haupteingangsportals eine querformatige Tafel mit acht deutschen und internationalen Stadtwappen sowie der fetten, in Versalien gesetzten Unterzeile »UNSERE PARTNERSTÄDTE«. Das kuriose Detail, das mir daran ins Auge fiel, waren die breiten Ä-Punkte, die von den Urhebern der Beschilderung vermutlich manuell links und rechts neben dem Umlaut platziert wurden. Der Platzbedarf der kräftigen Rechtecke ist jedoch derart groß, dass die benachbarten Buchstaben T und D vom Ä abgerückt werden mussten, so dass in dem Wort zwei – nicht sehr ansehnliche – Lücken entstanden.
Die verwendete Schriftart war relativ leicht zu identifizieren, es handelt sich um die populäre »Helvetica« in einem extra fetten Schriftschnitt (»Heavy«) mit besonders weiter Zeichenbreite (»Extended«). Im Vergleich des Schildes mit dem in der Helvetica nachgesetzten Text (siehe unteres Bild) wurde jedoch auch hier noch an den Buchstaben »herumgebastelt«: So stammen beide S augenscheinlich aus dem Zeichensatz des nächst fetteren Schriftschnittes »Black« und die oberen und unteren Querbalken im E wurden etwas verlängert.
Warum diese Eingriffe geschahen, darüber kann man nur rätseln. Dass aber kein typographisch versierter Designer an der Erstellung des Schildes beteiligt war, so weit lege ich mich fest. 🧐 🤓 🔠
Und wieder ist es Zeit für ein typographisches Montagsbonbon – heute beschäftigt es sich mit dem »Reiz des Unvollständigen«. Geknipst habe ich es Mitte Juni in Stralsund. Zunächst versuchte ich die Zeichenfolge aus der Ferne spanisch/italienisch/arabisch zu entziffern, doch beim Näherkommen lösten sich die Verständnisschwierigkeiten beim Durchschauen der aufgetragenen Übermalung schnell auf … 🤓 🔠 ⁉️😃☝️