verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Reisefunde (Seite 1 von 15)

Ich reise gerne und oft, innerhalb Deutschlands, aber auch in Europa. Und natürlich ist unterwegs immer die Kamera dabei, sodass auf jeder Tour neue Fundstücke in meiner Sammlung landen.

23.01.2026

Auch heute ist das typographische Fundstück wieder eine Reprise zum Thema eines früheren Beitrags. Darin ging es um eine Inschrift am Rathaus in Berlin-Spandau, in der die Umlaut-Punkte eines großen Ä die Buchstaben links und rechts daneben energisch auf Abstand hielten.

Das heutige Motiv zeigt einen Teil der Ladenbeschriftung an einem Wohn- und Geschäftshaus in Freiburg. Hier weist das Ä die gleiche Eigenart mit den links und rechts des A-Daches platzierten Umlaut-Punkten auf. Allerdings hat die für die Schriftanbringung verantwortliche Person – sei es mit handwerklichem oder gestalterischem Auftrag – die Laufweite der Schrift (also die idealerweise optisch einheitlich wirkenden Abstände zwischen den einzelnen Zeichen) von vornherein so breit angelegt, dass die Punkte hier den benachbarten Buchstaben nicht in die Quere kommen. Diese Beschriftung ist quasi ein schönes Gegenbeispiel zu dem suboptimalen Fundstück aus Spandau. Sie wirkt trotz des Versalsatzes luftig und harmonisch, fällt ungeachtet der weiten Abstände optisch nicht auseinander und ist gut lesbar.

Die auf Google Street View dokumentierte vollständige Beschriftung gehört zu dem ehemals an dieser Adresse ansässigen Elektrobetrieb »Schneider-Lämmlin«, der inzwischen in Online-Adressverzeichnissen als »dauerhaft geschlossen« gekennzeichnet wird.

Der Betrieb, zu dem sowohl ein Ladengeschäft für Elektroartikel und Haushaltsgeräte gehörte als auch eine Elektroinstallationswerkstatt, blickte auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Gegründet wurde er 1918, damals noch unter dem Namen »Spiegelhalter & Schneider«. Nach dem 2. Weltkrieg stieg der Großvater der heutigen Firmenchefin, der den Nachnamen Lämmlin trug, als Teilhaber ein und der Name wechselte zu der heute noch am Gebäude sichtbaren Firmierung.

Als Gründe für die Schließung nennt die ehemalige Betreiberin neben dem Nachhall der Corona-Pandemie, dem starken Konkurrenzdruck im lokal und online agierenden Elektro-Einzelhandel und der nachlassenden Zahlungsmoral vieler Firmenkunden auch den Fachkräftemangel:

»›Seit rund einem Jahr haben wir gar keinen Außendienst mit Elektromonteuren mehr, nur noch das Ladengeschäft – einfach weil wir keine guten Fachkräfte mehr gefunden haben«, berichtet Kerstin Lämmlin.«

QUelle: badische-zeitung.de

Am Freitag, den 9. Juli 2021, öffnete das Geschäft letztmalig. Im November 2022 eröffnete in den Räumlichkeiten, die sich im Besitz der Familie Lämmlin befinden, eine Hörgeräteakustiker-Kette eine neue Filiale.

Ich habe recherchiert – es gibt sehr wenige Schriften, bei deren Design die Umlaut-Punkte »ab Werk« neben oder in den Mutterbuchstaben A, O, U platziert sind. Einige habe ich dennoch gefunden. Zwei kommen aus der Gruppe der maschinenlesbaren oder OCR-Schriften. OCR steht für Optical Character Recognition. Es sind die »OCR-A Std« (American Type Founders/Adobe) und »OCR-B Letterpress M« (URW). Die dritte Schriftart – »BDR mono 2021« (Lorenz Gianfreda/Typedifferent/Büro Destruct) – gehört zur verwandten Gruppe der sog. »Monospace«-Schriften, bei denen jeder Buchstabe, egal ob z.B. M, F oder I, dieselbe Breite einnimmt. Diese Schriftarten werden bevorzugt in der Notation von Software-Code genutzt und sind wiederum verwandt mit den Schreibmaschinenschriften, die ebenfalls zu den Festbreitenschriften zählen.

Nummer vier, die Schriftart »Hand Stamp Gothic Rough« (Manuel Viergutz/TypoGraphicDesign), fand ich in der Gruppe der Stempelschriften. Auch hier sorgt beim Druck analoger Stempelschriften, die aus beweglichen rechteckigen Gummilettern zu Wörtern zusammengefügt werden, deren Blockbreite dafür, dass jedes Zeichen einen unveränderlichen Raum einnimmt und sich nicht mit Nachbarzeichen überlappen kann.

Die letzten beiden Schriften mit seitlichen Umlaut-Punkten sind eher »Freestyle«-Schriften. Bei der ersten, »Uni Opt« (Viktor Kharyk/ParaType) wurde jedes Zeichen innerhalb eines umrahmten eckigen Feldes gestaltet, dessen Größe bei allen Buchstabenzeichen gleich groß und als Quadrat angelegt ist. Nur die Felder von Ziffern und Sonderzeichen haben rechteckige statt quadratische Proportionen. Somit gibt es auch bei dieser Schrift, wie bei den zuvor genannten, einen »reserved Space« um jeden Buchstaben, der die seitlichen Umlaut-Punkte zulässt. Zum Schluss fand ich bei der isländischen Type Foundry »Or Type« noch die experimentelle Schrift »Forzata« (Guðmundur Úlfarsson & Mads Freund Brunse), bei welcher die Breite des A genug Raum für die seitliche Anordnung der Ä-Punkte lässt und z.B. das T zudem so gestaltet ist, dass sein Querstrich sich auch bei engerer Laufweite nicht mit den Ä-Punkten überlappt.

Darüber hinaus gibt es natürlich auf individuell angefertigten Schildern, in Ladenbeschriftungen, Werbeschriftzügen oder Firmenlogos immer wieder Lösungen, bei denen die verantwortlichen Designer*innen die Umlaut-Punkte abseits der Norm angeordnet haben. Ein schönes Beispiel ist etwa das frühere Logo der Modellbaufirma Märklin, das mit dieser Anordnung der Ä-Punkte von 1919 bis 1972 zum Einsatz kam:

Weitere fantasievolle Umsetzungen finden sich in der Bilderkollektion des Typographie-Blogs »Berlin Typography« im Beitrag »Umlauts of Berlin, Part 2: Ä«. Jedoch sowohl beim Märklin-Logo als auch bei den originellen Gestaltungsideen in dem verlinkten Blog kamen mit Sicherheit keine Schriften zum Einsatz, bei denen die Ä-Punkte standardmäßig seitlich platziert waren. Vielmehr waren die Gestalter gefragt oder entwickelten von sich aus abweichende Designlösungen, die witzig, markant, besonders merkfähig oder – ganz pragmatisch – in der Höhe platzsparender waren als mit »schwebenden« Umlaut-Punkten.

Ihr seht: Auch zu so unscheinbaren typographischen Elementen wie zwei kleinen Pünktchen, die zu einem Sonderzeichen gehören, lässt sich viel Interessantes erzählen. 🤓 🔠 ●●

19.01.2026

Wer hier häufiger oder gar regelmäßig mitliest, wird nicht umhingekommen sein, zu bemerken, dass ich ein großer Fan der »gekappten« Buchstabenform des sogenannten »Danish g« bin. Wo ich gehe und stehe – natürlich insbesondere, wenn ich Dänemark bereise – halte ich Ausschau nach Schriften, Beschriftungen, Schildern und ähnlichen Vorkommen mit dieser famosen Buchstabenform.

Auch kürzlich wurde ich wieder fündig, wenngleich an einem unerwarteten Ort: Beim Warten auf die U-Bahn am Berliner Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz stand ich auf dem Bahnsteig zufällig gegenüber einem Motiv einer ganzen Reihe historischer Aufnahmen aus Berlin, welche hinter dem Gleisbett an der gekachelten Wand im 18/1-Plakatformat angebracht sind. Und auf dieser Aufnahme des Pressefotografen Willy Römer aus den 1920er-Jahren sieht man eine Gruppe Passanten – ausschließlich Männer – vor einem jüdischen Geschäft in der damaligen Berliner Grenadierstraße, die 1951 in Almstadtstraße umbenannt wurde. Auf einem Schaufenster des Ladens befindet sich die zweisprachige Beschriftung כּשר (hebr.: »koscher«) und darunter »Geflügel« – mit einem g, das die typisch angeschnittene Unterlänge des »Danish g« aufweist! Dieser Schnappschuss von mir sei das typographische Montagsbonbon für heute.

Obwohl der Schriftzug mit Sicherheit handgezeichnet ist (die beiden doppelt vorkommenden Kleinbuchstaben e und l variieren in ihrer Form) und die Zeichen insgesamt einige ungelenke Design-Details aufweisen, finde ich die Grundanmutung sehr interessant. Man könnte sogar eine gewisse formale Ähnlichkeit zu hebräischen Buchstabenformen assoziieren, z.B. bei den Proportionen des G oder dem horizontalen, am Ende abgeschrägten Auslauf des e. Und rechts von der Fensteröffnung findet sich auf einem schmalen Mauervorsprung sogar noch ein zweites, hochkant gestürztes Wort (»…-Handlung«) mit einem ähnlichen g am Ende. Ein interessanter Fund! 🤓 🔠 🐓

Auf der Website des SPIEGEL kann dasselbe Motiv in einer kolorierten Fassung betrachtet werden.


Addendum

Im Berliner »Scheunenviertel«, wo sich das abgebildete Geschäft befand und in den Jahren, in denen das Foto entstand, ereigneten sich jedoch leider auch düstere Geschehnisse, wie ich bei der Recherche herausfand. Am 05. November 1923 – also knapp 10 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nur vier Tage vor einem ersten gescheiterten Staatsstreich derselben – kam es dort zu einem antisemitischen Pogrom, in dessen Verlauf zwei Tage lang jüdische Bürger angegriffen und ihre Geschäfte geplündert wurden.

»… am 5. November 1923, kam es in der Grenadierstraße zu einem Pogrom gegen die dort ansässigen Jüdinnen und Juden. Es war der reichsweit schlimmste Ausfall gegen Juden in der Weimarer Republik. Eine Menschenmenge strömte vom Arbeitsamt an der Alexanderstraße (…) in das Scheunenviertel, wie die Gegend genannt wurde. Sie brachen in die Geschäfte ein und plünderten Wohnungen aus. (…) Juden wurden gejagt, verprügelt und verletzt. Die Polizei erschien mit reichlicher Verspätung. Sie nahm eine große Zahl der verfolgten Juden fest, die die Beamten selbstverständlich für die Schuldigen hielten.«

QUelle: TAZ – »Das vergessene Pogrom«

Es gibt im Netz zahlreiche weitere Berichte und Beiträge zu diesem Ereignis. Einen weiteren Link, ergänzend zu den o.g. Quellen, füge ich nachfolgend an.

➡️ Audiobeitrag: »Anatomie eines Pogroms« – Deutschlandfunk (29:08 min)

16.01.2026

Der heutige Beitrag besteht aus einem typographischen Fundstück, erneut geknipst in der ehemaligen Hansestadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, an der Seitenfassade des Hauses Vor dem Steintor 10. Es war mir leider nicht möglich, historische Details zu dem offenbar früher dort ansässigen Fleischereibetrieb ausfindig zu machen, der mit dieser Werbeinschrift »Rind und Schweineschlachterei mit Kraftbetrieb ff Fleisch u. Wurstwaren« für sich warb. Auch in welchem Jahr das Unternehmen seinen Betrieb einstellte, konnte ich nicht ermitteln. Die Abkürzung ff im Werbetext steht vermutlich für »feinste«, sie war üblich in der italienischen Kaufmannssprache seit dem 17. Jahrhundert. Darin steht ein f bei der Klassifizierung der Warenqualität für »fein« (fino), ff steht für die Steigerung »sehr fein« (finissimo).

Man erkennt eindeutig, dass es an der Stelle mehrere übereinander aufgetragene Farbschichten bzw. Werbemotive gab, am deutlichsten in der Zeile mit dem Namen des Geschäftsinhabers, der zuletzt ein Fleischermeister Willy Stettler gewesen zu sein scheint. Der übermalte Name dahinter ist bis auf die zu erahnende Buchstabenfolge »Bal…« nicht mehr lesbar.

Und selbst auf den dahinter liegenden Ebenen der größtenteils weißen Farbschichten lassen sich noch mindestens zwei verschiedene typographische Werbemotive erkennen. Zwei große diagonal aufsteigende Schriftzüge, die in der oberen rechten Ecke des Motivs mit »…ke« und »…er« oder »…en« enden; links unten ist ein großes L erhalten (das nahezu unkenntliche Wort könnte »Lederwaren« heißen) und dahinter schemenhaft mehrere kleine, übermalte Textzeilen. In einer davon, unten rechts, meine ich das Wort »Vertretung« entziffern zu können.

Die Datierung der Wandmalerei ist schwierig. Die Schriftart in dem Wandmotiv wirkt auf mich älter als gängige Werbeschriften der deutschen Nachkriegszeit aus den 1950er Jahren und später. Sie erinnert eher an die sehr schmalen, platzsparenden Schriften in gewerblichen Annoncen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa die »Enge Journal Antiqua« der Schriftgießerei Berthold (um 1922) nach dem Originalentwurf der »Journal Antiqua« von Hermann Zehnpfundt (Emil-Gursch-Gießerei, Berlin, um 1912). Oder an die schmale Version der »Herold Reclameschrift« von Heinz Hoffmann (Berthold, 1904). Im Archivbestand digitalisierter historischer Adressbücher der Stadt Brandenburg etwa kann man solche alten Werbeanzeigen – ähnlich den späteren gewerblichen Inseraten in den »Gelben Seiten« – online einsehen. Hier z.B. ein Link zu einem PDF des Brandenburger Adressbuchs von 1914/1915.

Was weiterhin auffällt, ist die nach rechts aus der – ansonsten zentrierten –Textausrichtung hinausragende Angabe der Telefonnummer, was dafür spricht, dass diese Angabe erst nachträglich und bewusst im Schriftstil des restlichen Textes hinzugefügt wurde. Die Nummer ist mit drei Ziffern sehr kurz und deutet auf die Anfangszeit der Einführung von Telefonanschlüssen in Deutschland hin, die ab 1910 allmählich an Dynamik gewann. Laut Wikipedia besaßen im Jahr 1960 jedoch lediglich 4 von 100 Bundesbürgern einen Telefonanschluss. Andererseits liegt die Stadt Havelberg auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo Telefonanschlüsse bis weit in die 1980er-Jahre eher die Ausnahme waren. Das Selbstwählverfahren, bei dem man andere Teilnehmer vom eigenen Telefon aus einfach per Wählscheibe und ohne Umweg über eine Vermittlungsstelle anrufen konnte, wurde zwar bereits 1913 patentiert und in Bayern 1923 erstmals in der Praxis eingeführt, aber flächendeckend verfügbar war es erst deutlich später. Inzwischen befindet sich in dem Gebäude der Sitz eines Handwerksbetriebs für »Heizung · Sanitär · Klima · Solar« mit einer fünfstelligen Rufnummer.

»Private Telefonanschlüsse hatten in der DDR Seltenheitswert. Mitte der siebziger Jahre verfügten gerade mal rund zehn Prozent der Haushalte über ein eigenes Telefon. In der Bundesrepublik waren es zu dieser Zeit 90 Prozent. (…) Auf ein Auto musste man zwar mehrere Jahre warten, aber dann kriegte man es. Beim Telefonanschluss dagegen hatte man ohne Dringlichkeitsbescheinigung eines Betriebes oder einer Institution keine Chance. 1990 lagen bei der Deutschen Post noch 1,6 Millionen unbearbeitete Anträge. In kleineren Orten hatten oft nur Ärzte, Pfarrer oder Handwerker zu Hause ein Telefon.«

QUelle: ostfolk.de

»Das Telefonnetz der DDR stammte zum Teil noch aus den zwanziger Jahren.«

QUelle: »DDR-Telefon: Fasse dich kurz!« bei euractiv.de

»Die letzte per Hand gestöpselte Ortsvermittlungsstelle in der Bundesrepublik wird 1966 stillgelegt – und die Fräuleins vom Amt werden in den Ruhestand geschickt. In der DDR dauert es in ländlichen Regionen noch bis Ende der 1980er-Jahre.«

QUelle: »Eine kurze Geschichte des Telefons« bei tuev-nord.de

Daneben war auch das Thema Werbung in der DDR streng geregelt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Handwerksbetrieben erlaubt gewesen sein soll, für ihre Dienstleistungen (und hier sogar Produkte!) und damit für Umsatz und Profit zu werben, denn Werbung war Sache der DEWAG, der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft der DDR. Dieser der Partei unterstellte Betrieb hatte das Monopol für Werbemaßnahmen. In den 1970er-Jahren war Werbung dann, nachdem sie zuvor – wenngleich eingeschränkt und staatlich kontrolliert – erlaubt war, größtenteils verboten.

»Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED ging auch die Ära der lustigen Werbefilmchen und Plakate ihrem Ende entgegen. Vier Jahre später folgte das Gesetz zum Verbot der Inlandswerbung, verordnet vom Ministerrat. Dieses hatte bis zum Mauerfall bestand und folglich blieben die letzten zwei Jahrzehnte der DDR ohne aufwendige Produktwerbung.«

Quelle: »Werbung in der DDR« bei ddr-museum.de

Alle Indizien bringen mich zu der Vermutung, dass die Werbetafel für den Fleischereibetrieb in ihrer ursprünglichen Form – mit dem übermalten, heute unkenntlichen ersten Inhaber und ohne Angabe der Telefonnummer – irgendwann zwischen 1910 und 1930 entstanden ist. Die übermalten Werbemotive im Hintergrund würde ich zeitlich zwischen 1880 und 1910 ansiedeln.

Eine schlüssige Chronologie könnte daher folgende sein:
  • 1880–1910: Wechselnde Werbemotive auf der Fassade für damals tätige Gewerbe und Betriebe
  • 1910–1930: Anbringung des Werbemotivs für den Fleischereibetrieb mit dessen damaligem Inhaber, jedoch noch ohne Telefonnummernangabe
  • 1930–1949: Wechsel des Inhabers, Übermalung des Namens und Ergänzung der Telefonnummer (Möglichkeit 1), Gründung der DDR
  • seit 1949: ggf. Hinzufügung der Telefonnummer im grafischen Stil der bereits vorhandenen Texte, entweder während des Bestehens der DDR oder – falls der Betrieb nach der Wende noch tätig war – nach 1989 (Möglichkeiten 2 und 3)
  • Anschließend: Verbleib des Motivs in unveränderter Form bis heute, ungeachtet der Tatsache, dass der Betrieb seine Geschäftstätigkeit während dieser Zeit einstellte

Damit schließe ich den heutigen Beitrag und hoffe, die detektivische Reise in die Vergangenheit hat Euch wieder genauso gut gefallen wie mir.
🤓 🔠 🥩🔎

12.01.2026

Das typographische Bonbon an diesem Montag knüpft an einen älteren Beitrag zu einer auffallend gestalteten, kreisrund eingefassten Hausnummer in Kopenhagen an. Dieses neue Foto habe ich allerdings in Basel gemacht, an einem Seitenfenster des Restaurants mit dem interessanten Namen »Gifthüttli«, das früher erst eine Weinstube und später eine Bierschänke war.

»Vor etwa 120 Jahren wurde in den traditionellen Basler Wirtschaften nur Wein ausgeschenkt. Bier gab es nur in den zahlreichen, mit einer Gaststätte verbundenen Hausbrauereien. Der Wirt des Gasthauses ›zum Ritter St. Georg‹ an der Schneidergasse, Innocenz Weiss, war der erste der es wagte, neben Wein auch Bier auszuschenken. Die Stadt hatte ein Tagesgespräch mehr und im Lokalblatt ›Basler Nachrichten‹ erschien ein Artikel, in dem es hieß:

›… Bier, das nicht direkt beim Bierbrauer getrunken werde, ist Gift.‹

Innocenz Weiss, der sich stolz als ›Bierwirt‹ bezeichnete, nahm die Sache mit Humor und taufte daraufhin sein Restaurant von ›zum Ritter St. Georg‹ auf ›Gifthüttli‹ um.«

Quelle: gifthuettli.ch

Das Monogramm mit dem formfolgend gerundeten W und dem stilisierten Bierglas steht für den Namen der Brauerei »Zum Warteck« (später »Warteck Brauerei & Getränke AG«). Der Großneffe des Inhabers ließ nach der Übernahme der Leitung im Jahr 1913 ein neues Gebäude für das Gasthaus errichten. Nach seinem unerwarteten Grippetod im Jahr 1918 führte zunächst seine Witwe zehn Jahre lang das Geschäft weiter, 1928 verkaufte sie das Lokal dann an die genannte Brauerei, die seither das Gebäude verwaltet und dessen Gaststätte verpachtet. Inzwischen gehört die Brauerei zur Feldschlösschen Getränke AG, die ihrerseits seit 2000 Teil der internationalen Carlsberg-Gruppe ist – der nach eigenen Angaben viertgrößten Brauerei-Gruppe weltweit und Marktführer in Nord- und Osteuropa.

Das Bier dieser Marke ist jedoch nach wie vor im Sortiment.
Zum Wohl! 🤓 🔠 🍺

09.01.2026

Noch immer liegen hier auf meiner Festplatte einige Fundstücke aus Freiburg und Basel, die ihres Postens harren. Der heutige Beitrag präsentiert eines davon; ich entdeckte es in der »Schweizer Kulturhauptstadt« – Basel hat eine der schönsten und besterhaltenen Altstädte Europas – in einem schmalen Gässchen Richtung Andreasplatz, zwischen den Häusern Schneidergasse 18 und 20, hoch oben an der Seitenfassade eines Eckhauses. Fast wäre ich daran vorbeigelaufen, weil das Relikt so unscheinbar und verwittert war. Die historischen Orts- und Straßennamen in diesem Viertel der »Grossbasler Altstadt« – Hutgasse, Nadelberg, Sattelgasse, Gerbergasse, Schneidergasse – lassen vermuten, dass hier einst etliche Handwerksbetriebe ansässig waren, die mit der Verarbeitung von Stoff- und Lederwaren ihr Geld verdienten. Seinen Namen hat der überschaubare mittelalterliche Platz von einer Kapelle, die einst in seiner Mitte stand:

»An die im 11. Jahrhundert erbaute Andreaskapelle erinnern Pflastersteine, die am Boden ihren Grundriss nachzeichnen. In nachreformatorischer Zeit diente die Kapelle den Krämern der Safran Zunft Basel als Warenlager, bevor sie im Jahr 1792 auf Wunsch der Anwohnenden abgerissen wurde. Die Abstände zwischen den Wohnhäusern und dem Kirchlein betrugen teilweise nur vier Meter!«

QUelle: @baslerstadtbuch auf Instagram

Ich hatte wohl noch mehr Glück, den Schriftzug »Spezialität in Nähseide & Schneiderartikel« überhaupt bemerken zu können, denn auf einer älteren Gebäudeansicht bei Google Streetview ist die Fassade nahezu komplett mit Efeu überwachsen. Der dichte Pflanzenteppich hatte sich erst im Sommer 2017 durch sein eigenes Gewicht von der Fassade gelöst. Am Tage meines Besuches bedeckten die neu sprießenden Ranken nur die letzten vier Buchstaben. Die vornehmen, aufrecht stehenden Buchstaben und verzierten Initialen, die an mit Feder geschriebene Texte erinnern, sind mit Sicherheit von Hand auf die Wand gemalt worden, denn es fallen sofort Unregelmäßigkeiten im Schriftbild auf, wie etwa unterschiedliche Zeichenbreiten oder verschiedene Neigungswinkel des Querstrichs im kleinen e.

Die Schriftart ist keiner eindeutigen Klasse zuzuordnen, sie vermischt Stilelemente verschiedenster Epochen und Kategorien miteinander. So etwa die eigenwillig nach links »gebückte« Form des großen N, wie sie sich in manchen mittelalterlichen oder »gotisch/keltisch« assoziierten Schreibschriften wiederfindet, z.B. in der »Old Norse« (Eric Kurniawan/Burntilldead). Aber sie besitzt auch modernere Attribute, die man von den kalligrafischen Antiqua-Varianten der »Chancery«-Schriften (»Humanistische Kursive«) kennt, etwa den nach rechts geschwungenen oberen Abschluss am Stamm des h. In ihrer aufrechten Schreibweise wiederum erinnert sie an Schriften aus der Gruppe der »Humanistischen Minuskel« aus dem 15. Jh. Und auch das über der Grundlinie gehaltene z mit Unterschlinge ist bemerkenswert. Bezeichnen wir die Schrift also bis auf Weiteres als »frei gestaltete, dekorative Werbeschrift mit Federduktus und verzierten Initialen«.

Im unteren Teil des Bildes habe ich versucht, den Schriftzug leserlicher hervorzuheben, soweit der verblasste Farbauftrag dies zuließ. Lediglich beim k musste ich raten, wie dieses vielleicht ausgesehen haben könnte, da sich das einzige Vorkommen dieses Zeichens hinter dem Efeubewuchs verbarg.

»Aufgrund der wachsenden Zahl der Annoncen in Zeitungen, als Folge der industriellen Revolution, wurde der Markt der Werbung entdeckt und auch bald der der kostengünstigen Außenwerbung. Bereits um die Jahrhundertwende wurden deshalb monumentale Reklamen an Häuserwände gemalt.«

Quelle: Wikipedia-Artikel »Außenwerbung«

Über den einstigen, mit der Inschrift beworbenen Betrieb konnte ich leider keine Informationen ausfindig machen, insofern ist eine Datierung der Wandbemalung schwierig. Vermutlich entstand sie nicht vor ca. 1850–1870; als Referenzdatum für den aufkommenden Boom der Außenwerbung im 19. Jahrhundert kann der 15. April 1855 dienen. An diesem Tag wurde in der Münzstraße in Berlin-Mitte die erste sogenannte »Annonciersäule«, erdacht vom dortigen Verleger und Druckereiunternehmer Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) aufgestellt.

Ich jedenfalls finde es schön, dass man diese alte Werbebotschaft nun wieder ohne Efeubewucherung sieht. 🤓 🔠 🪴


Update: Eine Leserin auf LinkedIn trug in ihrem Kommentar noch ein interessantes Detail bei, das meine Einschätzung zur Entstehungszeit bestätigt:

»Das Luxusgut Nähseide industriell herzustellen, wurde erst mit der Entwicklung der Spinn- und Nähmaschinen im 19. Jahrhundert möglich und von der Firma Gütermann 1864 in großer Menge verfügbar gemacht.«

Weiterführende Links

➡️ »Ghost Signs« – Artikel über die Bilder des Fotografen Nicholas Brewer aus Berkshire von verblassenden historischen Werbebotschaften auf Fassaden in Großbritannien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
➡️ »The History of OOH (Out Of Home)« auf der Website der OAAA (Out of Home Advertising Association of America)

05.01.2026

Fotografisch eingefangen habe ich das heutige typographische Montagsbonbon in der Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt während eines Winterspaziergangs in der beginnenden Dämmerung vor wenigen Tagen. Die Beschriftung gehörte, wie im Internet nachzulesen ist, einst zur Buchhandlung des Inhabers Carl Kampfhenkel. Bilder des Hauses aus dem Oktober 2022 bei Google Street View zeigen das Gebäude bereits in einem ähnlich desolaten Zustand, jedoch nach wie vor mit Büchern in der Auslage. Inzwischen ist das Ladengeschäft als »dauerhaft geschlossen« markiert. Der Betrieb existierte offenbar bereits Anfang des 20. Jahrhunderts und war zu jener Zeit auch als Verlag tätig, denn es existieren Archivalien in Form alter Postkarten mit Fotomotiven aus der Region mit dem Vermerk »Verlag J. L. Goern Nchf. C. Kampfhenkel, Havelberg«.

Die, wie ich finde, ziemlich originelle Schriftart mit der angedeuteten Serife am Kopf des C, dem elegant geschwungenen oberen Schaft des K, dem kleinen Schnörkel am oberen Bogen des f und der Schlaufe im k gefällt mir ausnehmend gut. Ungeachtet des vermuteten Alters der Beschriftung wirkt sie auf mich sehr klar und zeitgemäß und bildet einen fast melancholischen Kontrast zur derangierten Fassade des Gebäudes. Eine lediglich entfernt ähnliche Anmutung bei kommerziell erhältlichen Schriften sehe ich in der »Niva Medium Italic« (Pedro Gonzalez Jorquera, PeGGO Fonts, 2016) und der Corporative Sans Condensed Medium Italic (Luciano Vergara/Daniel Hernández, Latinotype; 2015). Aber den Charme des Originals erreichen beide meines Erachtens nicht.

Hat die Buchhandlung geschlossen, weil sie – wie so viele – gegenüber der Konkurrenz des Onlinehandels ins Hintertreffen geriet? Verstarb der Inhaber oder setzte sich zur Ruhe und das Geschäft wurde deshalb aufgegeben? Ich weiß es nicht. Doch zumindest durfte ich noch ein Relikt des wohl einst florierenden Unternehmens einfangen und hierhin überführen. 🤓 🔠 📕

19.12.2025

Das typographische Fundstück der Woche besteht heute aus zwei Fotos der Fassade eines historischen Hauses in Freiburg in der Herrenstraße 34. Es ist wohl eines der ältesten erhaltenen Häuser in der Stadt überhaupt und genießt unter dem Namen »Haus zur alten Waag/zum alten Wag« den Status eines »Kulturdenkmals gemäß § 12 Denkmalschutzgesetz«.

Das Motiv ist keinesfalls neu, es ist im Internet bereits auf Fotos aus allerlei Perspektiven und verschiedenen Zeiten zu finden. Dennoch habe ich es für den heutigen Beitrag ausgewählt, weil ich es zum einen ausnehmend schön finde und ihm zum anderen durch die nachfolgenden Recherchen vielleicht doch noch einen interessanten zusätzlichen Kontext hinzufügen kann, der so bisher noch nicht behandelt wurde.

»Das dokumentierte Gebäude gehört zu den ältesten erhaltenen Gebäuden in Freiburg. In seiner ursprünglichen Form zu Beginn des 13. Jh. dürfte es sich um einen zweigeschossigen Bau mit Keller und zur Straße geneigtem Pultdach gehandelt haben.

Um 1173 (d/g) Errichtung des ersten Steinhauses mit verputztem Keller.
Abtiefung des Kellers um 2m, Einbau einer Zwischenbalkenlage, rückseitigen Erweiterung und Aufstockung 1225 (d).
(…) Bau der Westfassade der Kooperatur 1435 (d), sie bildet die Hofmauer des Alten Wags.
Verkauf des Gebäudes 1544 (…) mit vermutlich einhergehendem durchgreifendem Umbau: wohl Aufstockung um ein Geschoss, neue Hof-/Straßenfassade, neue Deckenbalken über EG und OG.
Erstmalige Nennung des Namens zum alten Wag 1565

QUelle: bauforschung-bw.de

Zur Aufnahme oder Beendigung der Geschäftstätigkeit der Druckerei konnte ich leider keine Angaben ermitteln. Aber im Netz finden sich zumindest Abbildungen gedruckter Postkarten, die zwischen 1899 und 1948 dort produziert wurden.

Die aufwendige Bemalung scheint seit jeher gewissenhaft gepflegt worden zu sein, im Bestand des Staatsarchivs Freiburg/Landesarchiv Baden-Württemberg befinden sich farbige Fotos, z.B. aus dem Jahr 1983 und ein schwarzweißes Motiv wohl noch deutlich früheren Datums, auf dem sie ebenso gut erhalten wirkt wie aktuell.

Bei der Schrift handelt es sich um eine – wahrscheinlich vom damaligen Schriftenmaler entworfene oder modifizierte – gebrochene Schrift aus der Gruppe der sog. »Textura-Schriften«. Dies schließe ich zum einen aus den variierenden Formen oder Breiten bei mehrfach vorkommenden gleichen Buchstaben (d, r, h) und den besonderen Abschlüssen der Buchstaben (t oben, h oben, g unten). Auch die prächtigen, goldbelegten und mit Verzierungen versehenen Initialen, die optimal in die verfügbaren Flächen auf der Fassade eingebunden sind, legen eine individuelle Gestaltung nahe. Als Beispiele für digitale Fonts mit ähnlicher Anmutung würde ich etwa die »Amador« (Jim Parkinson, 2004) oder die »Notre Dame« (Karlgeorg Hoefer für Linotype, 1991) nennen.

Obwohl die Bemalung frühestens angebracht worden sein dürfte, als die Druckerei in dem Haus ihren Betrieb aufnahm und vermutlich auch nicht vor Beginn des 19. Jahrhunderts, da die im Druckhaus genutzte Technik der Lithographie erst 1798 erfunden wurde, erfolgte die Wahl der Schriftart möglicherweise keinesfalls rein willkürlich, denn die Zeit der Entstehung und verbreiteten Nutzung der Textura-Schriften (12. bis 14. Jahrhundert) überlappt sich zum Teil mit den obengenannten wesentlichen Bau- und Umbauphasen des historischen Hauses (1173–1565). Man könnte also vermuten, dass die einstigen Auftraggeber oder Handwerker mit der Umsetzung auf dessen Wurzeln Bezug nehmen wollten.

Ein bisschen »störte« mich in der Beschriftung zunächst das &-Zeichen (Et-Zeichen oder »Ampersand«). Nach dem ersten Blick vermutete ich, dass dieses Zeichen zur Zeit der alten Textura-Schriften in dieser modern anmutenden, 8-artigen Form noch gar nicht existierte. Doch hier musste ich mich eines Besseren belehren lassen: Die verschlungene Ligatur, entstanden aus den beiden Buchstaben des lateinischen Wortes »et« (für »und«), existiert in der heute zumeist gebräuchlichen, schlaufenartigen Form tatsächlich bereits seit etwa dem 4. Jahrhundert, wie ich aus dem Beitrag »The story of the Ampersand« anhand von Abbildungen aus alten Manuskripten lernen durfte.

Und so schließe ich den heutigen Beitrag wieder einmal mit der Erkenntnis, dass es auch über schon öfter gezeigte oder gesehene Dinge noch Interessantes zu erfahren gibt – wenn man einfach noch einmal etwas genauer hinsieht. 🤓 🔠 🔎

15.12.2025

Als typographisches Montagsbonbon serviere ich heute einen eher herzhaften statt süßen Beitrag. Ich hatte in einem früheren Artikel schon einmal erwähnt, wie gerne ich auf Reisen – insbesondere ins Ausland – große Supermärkte durchstreife und mir die Produkte und ihre Verpackungen ansehe, die es in deutschen Geschäften nicht gibt.

Auf einem Tagesausflug nach Basel tat ich genau das wieder in einer MIGROS-Filiale, vergleichbar etwa mit einer hiesigen Kaufland-Niederlassung. Dort fiel mir im Kühlregal diese rein typographisch gestaltete Frischepackung für einen neutralen Pizzateig zum Selbstbelegen auf. Keine Klarsichtfolie bzw. kein Plastik, keine italienischen Farb- oder Bildmotiv-Stereotypen, keine Abbildungen von Pizza, Tomaten, Basilikum, Mozzarella oder anderen banalen »Serviervorschlägen«. Stattdessen lediglich ein Becher mit einer Banderole aus nachhaltig anmutendem Kraftpapier bzw. -karton und eine einfarbige, rein schwarze Beschriftung in einer – vermutlich eigens handgezeichneten – kräftigen Schrift, welche die Assoziationen »hausgemacht«/»selbstgemacht/handwerklich« und »rustikal« aufruft. Alles Weitere wird der Fantasie der Käufer*innen überlassen.

Wie findet Ihr die Idee, geeignete Lebensmittel auch mal »nur mit Typo« zu verpacken und auf übliche, oft schon tausendmal gesehene bildliche Designklischees zu verzichten? Spontan fallen mir als weiteres Beispiel noch die Verpackungen der nachhaltigen Schokoladenmarke »Tony’s« ein.

Mir persönlich gefällt’s und ich würde mich freuen, künftig öfter mal etwas Abwechslung dieser Art in den Regalen anzutreffen. 🤓 🔠 🍕 📦

12.12.2025

Zu den Erkenntnissen beim Recherchieren zu historischen typographischen Funden gehört auch, dass man manchmal in einer Sackgasse landet oder online ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr weiterkommt. Würde ich für dieses Hobby finanziell entlohnt, hätte ich nicht übel Lust, manchem noch unklaren Detail auch offline nachzuforschen, an Lebensorte der Urheber*innen zu reisen, Stadtarchive oder Bibliotheken zu besuchen und in alten Dokumenten zu blättern. Doch als reiner Steckenpferdreiter ist es dann sinnvoller, die Recherche in solchen Fällen abzubrechen und sich mit dem zu begnügen, was im Netz auffindbar war.

So ergab es sich mit dem heutigen Fundstück, das ich (ebenfalls wieder) in Freiburg entdeckte. Ziemlich versteckt und hoch oben, neben dem Türsturz zum Eingang einer Anwaltskanzlei in einem großen prächtigen Eckgebäude, erspähte ich zufällig ein steinernes Relief, das ich zunächst für das einstige Firmenschild des benannten Gewerbes hielt – und machte ein Foto davon.

Die untere linke Ecke der Relieftafel ist mittlerweile durch den nachträglich eingebauten, modernen Türrahmen verdeckt, trotzdem bleibt die Inschrift komplett lesbar, sie lautet: »Architekten Hans-Schütte W.-Schneider Mitarbeiter«. Auf dem Foto eines Users bei Google Maps sind die Platzierung und Größe des Reliefs sehr gut zu sehen.

Interessant an der Schreibweise fand ich die Bindestriche zwischen den Vor- und Nachnamen beider Personen und dass der Vorname der erstgenannten ausgeschrieben, der nachfolgende jedoch abgekürzt ist.

Zuerst versuchte ich, etwas zu dem Gebäude an dieser Adresse herauszufinden und zu ergründen, ob dort ggf. zu früherer Zeit ein Architekturbüro ansässig war. Das eindrucksvolle Gebäude mit abgerundeter Eckfassade trägt bis heute den Namen »Dreisameck«, benannt nach dem Fluss Dreisam, der keine 80 Meter entfernt davon durch Freiburg fließt.

Unter dieser Adresse, an der Kaiser-Joseph-Straße 284, so erfuhr ich weiter, befand sich keineswegs die Niederlassung der auf dem Schild benannten Architekten. Vielmehr ist die Tafel eine Art Signatur, da sie maßgeblich für den Entwurf und die Planung des Hauses verantwortlich waren.

»Hier erwarb Anfang des Jahres 1909 die seit 1906 in Freiburg ansässige Dresdner Bank das Eckgrundstück Schreiber-/Kaiserstraße. Sie ließ das darauf stehende Wohngebäude abreißen und begann Mitte des Jahres mit der Errichtung eines Neubaus. Geplant und ausgeführt wurde das imposante Gebäude von den Architekten H. Schütte und W. Schneider. Die Fassade, ganz aus Muschelkalk (Würzburg) und Granitgestein (Yach), wurde im barocken Erscheinungsbild, aber auch unter vom Jugendstil geprägten Einfluss gestaltet.«

QUelle: Badische Zeitung

Mit dieser Auskunft bestätigte sich auch meine Vermutung, dass die für das Relief ausgewählte Schrift in der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende zu suchen war. Sie erinnerte mich auf Anhieb an eine Gruppe von Schriften jener Zeit, die dem Jugendstil zuzuordnen sind. Und tatsächlich passen auch die Veröffentlichungsdaten dieser spontan assoziierten Schriften perfekt zum Baujahr des Hauses: Als Erstes würde ich die »Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, 1905) nennen, digital neu interpretiert von Ralph M. Unger unter dem Namen »RMU Trifels« (2020). Sehr ähnlich ist die »Manola« (Ludwig & Mayer, 1906), ebenfalls neu interpretiert von Ralph M. Unger als »RMU Manolo« (2019). Weitere, spätere – aber auch bis heute bekanntere – Varianten sind die »Nuptial Script« (Edwin W. Shaar für Intertype Corporation, 1952) und »Floridian Script« (Monotype, 1972). Und in dem online einsehbaren historischen Schriftmusterbuch »Hauptprobe in gedrängter Form der Bauerschen Giesserei, Frankfurt am Main« (1900) auf Seite 151 findet sich eine sehr anmutige Verwandte unter dem Namen »Zirkularschrift Chic«.

Die gemeißelte Inschrift ist zwar nicht deckungsgleich mit den recherchierten Schriftarten, aber sowohl ihre »hybride« Anmutung zwischen Schreib- und Druckschrift und etliche formale Details lassen dennoch eine große Verwandtschaft erkennen. Vermutlich wurde der Schriftzug eigens für die auftraggebenden Architekten gestaltet, was auch die Unterschiede zwischen mehrmals vorkommenden gleichen Buchstaben (am deutlichsten z.B. bei den beiden S) bekräftigen.

Doch wer waren die beiden Architekten, die dieses Gebäude entwarfen? Und waren sie seinerzeit noch für andere, bis heute erhaltene Bauwerke verantwortlich? Die Recherche dazu gestaltete sich deutlich mühsamer. Schon der Vorname des zweiten Mitarbeiters auf dem Schild ließ sich nicht herausfinden, weder im Kontext mit seinem Kompagnon noch mit der Profession als Architekt – und allein mit dem Nachnamen »Schneider« kam ich schon gar nicht weiter.

Hingegen gibt es im Netz zwar zahlreiche Hinweise auf einen Hans Schütte, der während der fraglichen Zeit als Architekt tätig war, jedoch sind diese recht widersprüchlich. Eine Angabe »geboren 1897, gestorben 1927« muss entweder falsch sein oder sich auf einen anderen Architekten gleichen Namens beziehen, denn ansonsten wäre Herr Schütte im Baujahr des Dreisameck erst 12 Jahre alt gewesen. Auf der Website des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin findet sich ein spärlicher Eintrag ohne Todesjahr zu einem Architekten Hans Schütte, der 1871 geboren worden sein soll, was schon deutlich plausibler erscheint.

In der Chronik an Gebäuden unter Federführung eines Hans Schütte finden sich zeitlich passende Einträge, interessanterweise aus Berlin, also quasi am anderen Ende des Landes. So etwa für die Gemeindeschule in Berlin-Lichtenberg (erbaut 1904/1905) sowie, im gleichen Stadtbezirk, die Alte Feuerwache (entstanden um 1898). An zwei anderen Stellen wird die Beteiligung eines Hans Schütte – sogar mit dem Titel »Regierungsbaumeister« – am Bau des Rathauses in Berlin Köpenick erwähnt:

»Für die Ausführung des ohne Grunderwerb, Innenausstattung und Bauleitungskosten auf 375.000 Mark bilanzierten Bauwerks holten sich die Stadtväter am 4. Februar 1901 Regierungsbaumeister Hans Schütte aus Bonn an die Spree, der die Rathausbaukommission am 12. April 1901 mit seinen Entwürfen zu überzeugen vermochte.«

Quelle: berlin.de

»Neubau (1902/05), märkische Backsteingotik mit fünfteiligem Ziergiebel und Turm (54 m). Entwurf von Regierungsbaumeister Hans Schütte

Quelle: tourbee.de

Dabei musste ich es dann belassen, mehr war mit meinen Mitteln nicht herauszufinden. Aber es war wieder einmal eine spannende Reise in die Vergangenheit, angestoßen von einem zufälligen Seitenblick in den unscheinbaren Hauseingang eines Freiburger Geschäftshauses. 🤓 🔠 🏛️

08.12.2025

Montagsbonbonzeit!

In England schreibt man »Push«, in Deutschland »Drücken«, in Dänemark »Tryk«, in Frankreich »Poussez«. Unbekannt war mir bis zur Sichtung dieses Fundstückes aus Basel, dass man in der Schweiz die Aufforderung »Stossen« bevorzugt.

Bei der Identifikation der Schriftart jedoch muss ich diesmal passen. Es ist keine der mir bekannten »Compressed«-Varianten der »Bodoni«, nicht die »Bordeaux«, die »Onyx«, »Fashion Didot«, »Romantica« und auch keine andere der extrem schmalen klassizistischen Antiqua-Schriften, die ich verglich. Die Buchstaben machen auch nicht den Eindruck, als seien sie in der Breite aus einer weiter laufenden Schrift schmal »zusammengestaucht« worden. Lediglich O und N wirken – insbesondere in der schwarzweißen Nachzeichnung – in meinen Augen etwas zu schmal im Vergleich zu den Proportionen der restlichen Zeichen.

Vielleicht ist es eine spezielle Schweizer Schriftart? Oder eine, die exklusiv für Gravurwerkstätten produziert wurde, die derartige Schilder herstellen?

Ich lasse diese Frage daher heute mal sperrangelweit offen. 🤓 🔠 🚪

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