Auf einer Dienstreise nach Berlin in den schönen Stadtteil Steglitz-Zehlendorf habe ich kürzlich auf einer Wegstrecke von nur gut 6 Metern entlang der Straße »Teltower Damm« nebeneinander gleich drei komplett unterschiedliche Fundstücke für meinen Vorrat gesammelt – die aparte Neonreklame an einem dortigen Kurzwarenladen kennt Ihr ja schon. Ich setze die Vorstellung dieser Trouvaillen heute u.a. mit einem wunderschönen Umlaut fort, entdeckt über dem Eingang zum Bürgersaal im Gebäude des Rathauses Zehlendorf.

Der dunkelblaue Schriftzug über der gleichfarbigen Tür am äußersten linken Rand des 1929 fertiggestellten Rathauses wurde höchstwahrscheinlich individuell entworfen und von Hand gemalt. Als Beleg für diese Vermutung nehme ich die beiden unterschiedlich breit gestalteten Umsetzungen des Buchstabens R. Das Design weist einige schöne Details auf, wie ich finde: Angefangen mit der charmanten Kopflastigkeit des B über die beiden, streng senkrechten, aber durch ihre leicht nach links verschobene, asymmetrische Platzierung dann doch wieder freundlichen ü-Punkte, das in der Mitte sehr gerade, an einen Fleischerhaken erinnernde S bis zum sehr tiefen Schwerpunkt des A. Ich erkenne ein bisschen von der »Futura Condensed«; 1929 gab es allerdings nach meinen Recherchen noch keinen mageren Schnitt, lediglich zunächst die »Futura Schmalfett« (Paul Renner für Bauersche Gießerei, 1927). In der ebenfalls formverwandten Schrift »Schmale Erbar-Grotesk« (Jakob Erbar für Ludwig & Mayer, 1922ff) findet sich sogar das A mit dem tiefergelegten Querbalken wieder.


Der Bürgersaal ist trotz der leicht abgeschabten Optik seiner Eingangstür (Dit is Balin, wa?) auch heute noch jederzeit nutzbar. Er hat eine Fläche von 366 m², bietet Platz für bis zu 270 Personen, ist voll bestuhlt, mit einer Bühne samt Hinterbühne und Künstlergarderoben, einer Scheinwerferanlage, versenkbarer Projektionswand und einer Übertragungsanlage ausgestattet und zu einem Stundenpreis ab 130,– EUR von Bürgern für Veranstaltungen mietbar.
Der folgende Absatz wurde aufgrund neu recherchierter Fakten am Tag der Veröffentlichung nachträglich editiert:
Eine andere Schrift, die das Bild der Straßen (West-)Berlins bis heute sichtbar prägt und deutliche Verwandtschaft zur »Erbar« erkennen lässt, ist die offizielle Schrift auf den meisten Berliner Straßenschildern, die ab 1942 im Westteil der Stadt eingeführt wurde. Ihr typisches ß, das sich auch im obigen Schriftmuster wiederfindet, ist ein markantes Erkennungszeichen. In der aktuell digitalisiert erhältlichen Fassung (Verena Gerlach und Ole Schäfer, FontFont, 2000) trägt sie den Namen »FF Cst West« (›Cst‹ steht für ›City Street Type‹). Zum Zeitpunkt ihres Entstehens hatte sie offenbar (noch) keine eigene Bezeichnung – auf einem dokumentierten Muster des verantwortlichen Schriftgestalters Herbert Thannhäuser steht lediglich »Schrift für Straßennamen-Schilder«. 🤓 🔠 🪧


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