Heute gibt es mal einen Beitrag »außer der Reihe«, bei dem zwar die Typographie nur am Rande vorkommt, wohl aber ein visuelles Kriterium, das in der Typographie und Gestaltung mit Text eine große Rolle spielt: die Leserlichkeit bzw. »Entschlüsselbarkeit« der dargebotenen Inhalte. Eine Schrift kann noch so interessant oder ästhetisch aussehen – wenn die durch sie transportierte Botschaft nicht entziffert zu werden vermag oder deren Erfassung und Rezeption beeinträchtigt, wird sie ihrer Aufgabe als Kommunikationsmittel nicht gerecht. Man kann mit der Leserlichkeit spielen, wie es z.B. die Wortmarken von Death Metal Bands oftmals tun, aber dort, wo wichtige Inhalte vermittelt werden, ist das unangebracht oder kann – z.B. bei Warnhinweisen – sogar gefährlich sein. Und genauso schwer auf Anhieb zu dechiffrieren können auch (metaphorische) Bildinhalte sein.
Am letzten Tag des Jahres möchte ich daher gern noch eine Werbekampagne aus dem Jahr 2025 küren, die ich persönlich in der Umsetzung für bemerkenswert kontraproduktiv halte. Die Zielsetzung der »Plakatkampagne gegen Drogen und Ablenkung am Steuer« vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV), dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) und den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen sowie ihrem Spitzenverband, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ist eine löbliche: Bewusstsein zu schaffen für das Risiko des Autofahrens unter dem Einfluss von Alkohol oder Cannabis bzw. für die Gefahren durch die Bedienung von Smartphones während der Fahrt. Die Plakatmotive dazu, die ich am Fahrbahnrand hängen sah, verursachten bei mir eher Irritation und beeinträchtigten stattdessen meine Aufmerksamkeit beim Fahren, denn ich war in den wenigen Sekunden des Vorbeifahrens (natürlich in angemessenem Tempo) schlicht nicht in der Lage, die Bildmotive zu »entschlüsseln«.
Auge und Gehirn arbeiten bei der Wahrnehmung der Welt primär nach zwei Maximen zusammen: »Muster erkennen« und »Vertrautes/Bekanntes von Fremdem/Neuartigem trennen«. Beides ist z.B. auch dafür verantwortlich, dass wir Tippfehler in Texten so leicht übersehen, denn oft gelesene, vertraute Wörter werden als Muster von Buchstaben erkannt, gelesen und verstanden, selbst wenn sie falsch geschrieben sind. Nur wenn ein Tippfehler ein Wort derart entstellt, dass die Vertrautheit verloren geht, stocken wir beim Lesen.
Die Bildmotive auf den Plakaten sind kreativ, aber meines Erachtens zu rätselhaft. Ein nicht maßstabsgetreuer Pkw, der – aus ungewohnter Perspektive, von oben dargestellt – nach unten in Bier mit Schaum obenauf fällt (nicht einmal die Kontur eines Bierglases wird als Dechiffrierhilfe gezeigt). Ein senkrecht in der Luft hängender Pkw, bei dem erst auf den zweiten Blick die abfallenden Fahrzeugteile erkennbar sind, von Rauchschwaden umhüllt und darunter ein überdimensionaler Joint, der auch eine schief gedrehte Zigarette sein könnte; dazu noch ein Wortspiel mit »high«. Und ein kryptischer, qualmender Fleck auf einer völlig leeren Fahrbahn, ohne Autowrack, nur eine Bremsspur.
Bei allen drei Motiven war mein erster Gedanke »Hä, was???«. Erst nach wiederholter Vorbeifahrt an anderer Stelle erschlossen sich mir nach und nach die Botschafts-, Bild-, Assoziations-, Text- und Anspielungs-Ebenen, die die Motive dem Betrachter neben- und übereinander zumuten. Das lenkt ab und bewirkt eigentlich das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist: Die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. Für mich einer der rückblickend fragwürdigsten »Werbe-Fails« des Jahres 2025.
Die verwendete Schriftart für die Headlines ist übrigens die »FF DIN Pro Black« (Albert-Jan Pool, 1995–2009 für FontFont/Monotype).
Ich bin gespannt auf die Kampagne 2026 (so es eine geben wird) und hoffe, die macht das dann wieder besser. 😉
Frohes Neues Jahr, passt auf euch auf, kommt gut rein (und an), feiert schön und lasst das Auto im Zweifelsfall lieber stehen! 🤓 🔠 🚘
(Bildquelle: www.runtervomgas.de)



Schreib einen Kommentar