Das letzte typographische Montagsbonbon dieses Jahres entdeckte ich in der Nähe der historischen Fischauktionshalle in Hamburg-Altona, an der Fassade des gegenüberliegenden Design- und Interieur-Einkaufszentrums »Stilwerk«. Es war mal wieder eines der Fundstücke, an denen man – insbesondere als niedergelassener Einwohner der Stadt – zumeist achtlos vorbeiläuft, sofern man die vermeintlich schon dutzendmal gesehenen Gebäude nicht noch einmal bewusst betrachtet.

An der typischen Hamburger Klinkermauer sind drei Gedenkmarken aus Metall angebracht, die an die höchsten Wasserstände bei Sturmfluten in der jüngeren Geschichte der Hansestadt erinnern sollen. Auf das verheerendste Ereignis verweist interessanterweise die niedrigste der drei Markierungen – der Orkan »Vincinette« und die damit verbundene Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962, in deren Verlauf 315 Menschen ihr Leben verlieren und rund 100.000 Einwohner ohne Strom und Telefon und bei winterlichen Temperaturen vom Wasser stundenlang eingeschlossen waren. Der historisch hohe Pegel von 5,70 m über Normalhöhennull (NHN) überschwemmt nahezu alle Deiche und Dämme der Metropole; noch über Nacht treten 60 Dammbrüche auf. Rund 200 Wohnungen werden völlig zerstört, mehr als 700 massiv beschädigt. Über 11.000 Wohnungen sind anschließend vorübergehend nicht mehr bewohnbar, sodass etwa 20.000 Menschen für längere Zeit in Notunterkünften leben müssen. Die beherzten Handlungen und Hilfsmaßnahmen des damaligen Hamburger Polizeisenators Helmut Schmidt sind in die Geschichte eingegangen.

Seit dieser Flutkatastrophe wurden die Deiche in und um Hamburg massiv erhöht und die Innenstadt durch Hochwasserschutzmauern und -tore deutlich besser geschützt. Gegenwärtig ist Hamburg gegen Sturmfluten mit Deichen gewappnet, die einen Wasserstand zwischen 7,50 und 9,25 m ü. NHN zurückhalten können. Auch aus diesem Grund verliefen die Hochwasser der beiden weiter oben markierten, späteren Sturmfluten wohl glimpflicher als die erste.

Die mittlere der drei Flutmarken erinnert an zwei Hochwasser im Januar 1976. In diesem Monat trafen gleich zwei Sturmfluten im Abstand von nur 17 Tagen auf die deutsche und die dänische Nordseeküste, angestoßen durch eine dauerhafte Westwind-Wetterlage um den Jahreswechsel 1975/76 und den begleitenden Orkan »Capella«. Die erste, weniger schwere Flut mit einem neuen Rekordpegel von 6,45 Meter ü. NHN traf die Küstengebiete am 3. Januar 1976. Auch die darauf folgende, zweite Januarflut in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar richtete schwerere Schäden an und führte erneut zu Evakuierungen und Dammbrüchen. Beide hatten jedoch u.a. aufgrund des inzwischen verbesserten Hochwasserschutzes weniger gravierende Auswirkungen als die Flut 1962.

Die obere Flutmarke erinnert an das Hochwasser im Winter 2023, verursacht durch das Sturmtief »Zoltan«. Diese Sturmflut führte im Hamburger Elbgebiet am 22. Dezember zu einem maximalen Wasserstand von +3,33 m gegenüber dem mittleren Hochwasserstand. Autos mussten aus dem Flutgebiet entfernt werden, die Hochwassertore wurden geschlossen. Insgesamt jedoch war die Lage keinesfalls so dramatisch wie bei den beiden markierten Ereignissen zuvor.

»Zahlreiche Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Hamburg Wasser waren vor Ort, wie dpa-Reporter berichteten. Die Atmosphäre war entspannt.«

QUELLE: Tagesspiegel vom 22.12.2023

Update: Inzwischen kenne ich den Wert des höchsten Pegelstandes aus dem Jahr 2023 auch in der Messart »über NHN«, er entspricht 5,45 m. Seltsam daran ist, dass dieser Wert nicht – wie die Flutmarke 2023 an der Mauer – über den beiden Pegelständen von 1962 und 1976 liegt, sondern sogar unter dem Stand von 1962. Diese Unstimmigkeit versuche ich noch nachträglich aufzuklären.

Warum entschieden wurde, eine abweichende Schriftart für die Flutmarke 2023 zu nutzen, ist mir nicht bekannt. Eigentlich wirken die eigenwilligen, offenen Ziffern der beiden formal gleichartigen Marken aus den Jahren 1962 und 1976 auf mich nach wie vor modern, diejenigen der jüngsten Jahreszahl finde ich eher beliebig. Allein anhand der vier Ziffern lässt sich deren Schrift kaum verlässlich bestimmen. Bei den beiden älteren Marken gehe ich von eigens gestalteten Formen aus, insbesondere die 6 und die 9 lassen sich aus schmalen Metallstreifen in der Strichstärke der Ziffern vermutlich recht unaufwendig derart zurechtbiegen, die 1 muss überhaupt nicht gebogen werden, lediglich die 7 und die 2 erfordern aufgrund der spitzen Winkel wohl etwas mehr handwerklichen Aufwand.

Und wieder habe ich durch einen zufälligen Seitenblick wieder etwas über meinen Wohnort und dessen Geschichte gelernt. Allem voran, dass die höchste gemessene Flut nicht zwangsläufig die schwersten Schäden mit sich bringt – und dass vorausschauender Hochwasserschutz gar nicht genug wertgeschätzt werden kann.

Weiterführende Links bzw. genutzte Informationsquellen:
➡️ NDR – »Sturmflut 1962: Als Hamburg im Wasser versank«
➡️ NDR – »Orkan ›Capella‹ wütet im Januar 1976 im Norden«
➡️ Wikipedia – »Zweite Januarflut 1976«
➡️ Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie – »Serie von schweren Nordsee-Sturmfluten am 21.12.2023 und 25.12.2023« (PDF)
➡️ Behörde für Umwelt und Energie Hamburg – »Wasserstände, Sturmfluten, Sollhöhen in Hamburg · Am Beispiel des Pegels St. Pauli« (PDF)