Der heutige Beitrag besteht aus einem typographischen Fundstück, erneut geknipst in der ehemaligen Hansestadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, an der Seitenfassade des Hauses Vor dem Steintor 10. Es war mir leider nicht möglich, historische Details zu dem offenbar früher dort ansässigen Fleischereibetrieb ausfindig zu machen, der mit dieser Werbeinschrift »Rind und Schweineschlachterei mit Kraftbetrieb ff Fleisch u. Wurstwaren« für sich warb. Auch in welchem Jahr das Unternehmen seinen Betrieb einstellte, konnte ich nicht ermitteln. Die Abkürzung ff im Werbetext steht vermutlich für »feinste«, sie war üblich in der italienischen Kaufmannssprache seit dem 17. Jahrhundert. Darin steht ein f bei der Klassifizierung der Warenqualität für »fein« (fino), ff steht für die Steigerung »sehr fein« (finissimo).

Man erkennt eindeutig, dass es an der Stelle mehrere übereinander aufgetragene Farbschichten bzw. Werbemotive gab, am deutlichsten in der Zeile mit dem Namen des Geschäftsinhabers, der zuletzt ein Fleischermeister Willy Stettler gewesen zu sein scheint. Der übermalte Name dahinter ist bis auf die zu erahnende Buchstabenfolge »Bal…« nicht mehr lesbar.

Und selbst auf den dahinter liegenden Ebenen der größtenteils weißen Farbschichten lassen sich noch mindestens zwei verschiedene typographische Werbemotive erkennen. Zwei große diagonal aufsteigende Schriftzüge, die in der oberen rechten Ecke des Motivs mit »…ke« und »…er« oder »…en« enden; links unten ist ein großes L erhalten (das nahezu unkenntliche Wort könnte »Lederwaren« heißen) und dahinter schemenhaft mehrere kleine, übermalte Textzeilen. In einer davon, unten rechts, meine ich das Wort »Vertretung« entziffern zu können.

Die Datierung der Wandmalerei ist schwierig. Die Schriftart in dem Wandmotiv wirkt auf mich älter als gängige Werbeschriften der deutschen Nachkriegszeit aus den 1950er Jahren und später. Sie erinnert eher an die sehr schmalen, platzsparenden Schriften in gewerblichen Annoncen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa die »Enge Journal Antiqua« der Schriftgießerei Berthold (um 1922) nach dem Originalentwurf der »Journal Antiqua« von Hermann Zehnpfundt (Emil-Gursch-Gießerei, Berlin, um 1912). Oder an die schmale Version der »Herold Reclameschrift« von Heinz Hoffmann (Berthold, 1904). Im Archivbestand digitalisierter historischer Adressbücher der Stadt Brandenburg etwa kann man solche alten Werbeanzeigen – ähnlich den späteren gewerblichen Inseraten in den »Gelben Seiten« – online einsehen. Hier z.B. ein Link zu einem PDF des Brandenburger Adressbuchs von 1914/1915.

Was weiterhin auffällt, ist die nach rechts aus der – ansonsten zentrierten –Textausrichtung hinausragende Angabe der Telefonnummer, was dafür spricht, dass diese Angabe erst nachträglich und bewusst im Schriftstil des restlichen Textes hinzugefügt wurde. Die Nummer ist mit drei Ziffern sehr kurz und deutet auf die Anfangszeit der Einführung von Telefonanschlüssen in Deutschland hin, die ab 1910 allmählich an Dynamik gewann. Laut Wikipedia besaßen im Jahr 1960 jedoch lediglich 4 von 100 Bundesbürgern einen Telefonanschluss. Andererseits liegt die Stadt Havelberg auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo Telefonanschlüsse bis weit in die 1980er-Jahre eher die Ausnahme waren. Das Selbstwählverfahren, bei dem man andere Teilnehmer vom eigenen Telefon aus einfach per Wählscheibe und ohne Umweg über eine Vermittlungsstelle anrufen konnte, wurde zwar bereits 1913 patentiert und in Bayern 1923 erstmals in der Praxis eingeführt, aber flächendeckend verfügbar war es erst deutlich später. Inzwischen befindet sich in dem Gebäude der Sitz eines Handwerksbetriebs für »Heizung · Sanitär · Klima · Solar« mit einer fünfstelligen Rufnummer.

»Private Telefonanschlüsse hatten in der DDR Seltenheitswert. Mitte der siebziger Jahre verfügten gerade mal rund zehn Prozent der Haushalte über ein eigenes Telefon. In der Bundesrepublik waren es zu dieser Zeit 90 Prozent. (…) Auf ein Auto musste man zwar mehrere Jahre warten, aber dann kriegte man es. Beim Telefonanschluss dagegen hatte man ohne Dringlichkeitsbescheinigung eines Betriebes oder einer Institution keine Chance. 1990 lagen bei der Deutschen Post noch 1,6 Millionen unbearbeitete Anträge. In kleineren Orten hatten oft nur Ärzte, Pfarrer oder Handwerker zu Hause ein Telefon.«

QUelle: ostfolk.de

»Das Telefonnetz der DDR stammte zum Teil noch aus den zwanziger Jahren.«

QUelle: »DDR-Telefon: Fasse dich kurz!« bei euractiv.de

»Die letzte per Hand gestöpselte Ortsvermittlungsstelle in der Bundesrepublik wird 1966 stillgelegt – und die Fräuleins vom Amt werden in den Ruhestand geschickt. In der DDR dauert es in ländlichen Regionen noch bis Ende der 1980er-Jahre.«

QUelle: »Eine kurze Geschichte des Telefons« bei tuev-nord.de

Daneben war auch das Thema Werbung in der DDR streng geregelt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Handwerksbetrieben erlaubt gewesen sein soll, für ihre Dienstleistungen (und hier sogar Produkte!) und damit für Umsatz und Profit zu werben, denn Werbung war Sache der DEWAG, der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft der DDR. Dieser der Partei unterstellte Betrieb hatte das Monopol für Werbemaßnahmen. In den 1970er-Jahren war Werbung dann, nachdem sie zuvor – wenngleich eingeschränkt und staatlich kontrolliert – erlaubt war, größtenteils verboten.

»Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED ging auch die Ära der lustigen Werbefilmchen und Plakate ihrem Ende entgegen. Vier Jahre später folgte das Gesetz zum Verbot der Inlandswerbung, verordnet vom Ministerrat. Dieses hatte bis zum Mauerfall bestand und folglich blieben die letzten zwei Jahrzehnte der DDR ohne aufwendige Produktwerbung.«

Quelle: »Werbung in der DDR« bei ddr-museum.de

Alle Indizien bringen mich zu der Vermutung, dass die Werbetafel für den Fleischereibetrieb in ihrer ursprünglichen Form – mit dem übermalten, heute unkenntlichen ersten Inhaber und ohne Angabe der Telefonnummer – irgendwann zwischen 1910 und 1930 entstanden ist. Die übermalten Werbemotive im Hintergrund würde ich zeitlich zwischen 1880 und 1910 ansiedeln.

Eine schlüssige Chronologie könnte daher folgende sein:
  • 1880–1910: Wechselnde Werbemotive auf der Fassade für damals tätige Gewerbe und Betriebe
  • 1910–1930: Anbringung des Werbemotivs für den Fleischereibetrieb mit dessen damaligem Inhaber, jedoch noch ohne Telefonnummernangabe
  • 1930–1949: Wechsel des Inhabers, Übermalung des Namens und Ergänzung der Telefonnummer (Möglichkeit 1), Gründung der DDR
  • seit 1949: ggf. Hinzufügung der Telefonnummer im grafischen Stil der bereits vorhandenen Texte, entweder während des Bestehens der DDR oder – falls der Betrieb nach der Wende noch tätig war – nach 1989 (Möglichkeiten 2 und 3)
  • Anschließend: Verbleib des Motivs in unveränderter Form bis heute, ungeachtet der Tatsache, dass der Betrieb seine Geschäftstätigkeit während dieser Zeit einstellte

Damit schließe ich den heutigen Beitrag und hoffe, die detektivische Reise in die Vergangenheit hat Euch wieder genauso gut gefallen wie mir.
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