Vor gut einem Jahr, am Heiligabend 2024, postete ich einen Beitrag zur Formenvielfalt des »Asterisk«- oder »Sternchen«-Zeichens. Es begeistert mich immer wieder, wie blühend die Fantasie der Schriftgestalter beim Design einzelner Glyphen ist. Manche Zeichen eignen sich dafür besser, andere – wie zum Beispiel das große I – lassen etwas weniger Spielraum. Ebenso faszinierend finde ich, wie gut Auge und Gehirn des Menschen damit klarkommen, diese so unterschiedlichen Formen fast immer blitzschnell und eindeutig als die Zeichen zu erkennen und lesen zu können, die es sein sollen.
Ein Symbol aus dem gängigen Zeichensatz, bei dem mir der Variantenreichtum ebenfalls besonders auffällt, ist das »Et«-, »Und«- oder »Ampersand«-Zeichen (&), auf das ich beim ersten typographischen Fundstück im Neuen Jahr das Augenmerk lenken will. Aufgefallen war mir das Zeichen kurz vor Silvester im Abspann des Woody-Allen-Films »Hannah und ihre Schwestern«, wo es insbesondere im Rahmen der Auflistung der im Film gespielten Musikstücke ins Auge fällt. Die Schriftart mit dieser wunderbar geschwungenen, ausladend-eleganten Interpretation des Ampersand ist sehr wahrscheinlich eine Condensed-Variante der »Windsor« (Originalentwurf von Eleisha Pechey für Stephenson Blake, um 1904).

Das heute als einzelnes Zeichen genutzte Symbol ist eigentlich eine Ligatur, also eine Verschmelzung mehrerer Schriftzeichen, und zwar aus den beiden lateinischen Buchstaben des Wortes »Et« (= »und«). Bei manchen Schriftarten kann man diesen Ursprung aus der Form im wahrsten Sinne des Wortes noch herauslesen (siehe z.B. letzte Reihe im Bild, vorletzte Spalte), bei anderen ist er weniger oder gar nicht mehr erkennbar.

Erste Zeile: Davis Sans Medium, Papyrus, American Typewriter, Bookman Old Style Bold, Aviano Slab Light, Arima Medium. Zweite Zeile: Blenny Black, Rooney Sans Light, Rockwell Extra Bold, Noteworthy Light, Aller Display, Bickham Script Pro Semibold. Dritte Zeile: Semplicita Pro Bold, Edwardian Script ITC, Monotype Corsiva, FS Lola ExtraBold, Dax Compact Pro Medium, Marker Felt Thin. Vierte Zeile: Harrington, Kino MT, Coquette, Skia Bold, Ellograph CF Bold, Charmonman Bold. Fünfte Zeile: Allotrope Medium, Giddyup Std, Luminari, Regave DemiBold, Rhetoric, LayarBahtera Kiamat Bold. Sechste Zeile: Aviano, Asphalt Black, Adlery Pro , Adobe Clean UX, Trebuchet MS, Mukta Medium.
Ebenso vielfältig wie sein Erscheinungsbild ist auch die Verwendung des Ampersand. Es taucht bei der Benennung von Konzernen (Johnson & Johnson, AT&T, Procter & Gamble) oder Handelsunternehmen (Marks & Spencer, C&A, Peek & Cloppenburg, H&M) ebenso auf wie bei Produktmarken (Ben & Jerry’s, M&M’s, Head & Shoulders, Black & Decker, Dolce & Gabbana) oder auf den Firmenschildern von Anwaltskanzleien, Consultingfirmen oder Werbeagenturen (Scholz & Friends, McKinsey & Company). Und auch aus Firmierungen wie »Lidl GmbH & Co. KG« ist es uns vertraut.
In Auszeichnungssprachen wie HTML oder LaTeX wird mit dem Ampersand die Codierung sichtbarer oder unsichtbarer Sonderzeichen eingeleitet. So steht z.B. die Zeichenfolge Ä in der Codierung »Decimal NCR« (Decimal Numeric Character Reference) für den Großbuchstaben des Umlauts Ä. In einer anderen, nichtdezimalen Schreibweise als sog. »HTML-Entity« lautet die codierte Schreibweise für denselben Buchstaben Ä (A-Umlaut). Einige Programmiersprachen verwenden zwei aufeinanderfolgende Ampersands && als Referenz auf den booleschen Operator AND, der zwei Aussagen logisch miteinander zu einer sog. »Konjunktion« verknüpft, die genau dann wahr ist, wenn beide verbundenen Aussagen wahr sind. Und in der Programmiersprache C++ bezieht sich das & auf eine konkrete Adresse im Speicher, wo z.B. eine Variable abgelegt ist. Auch in den Sprachen Fortran, MySQL, Perl und Pascal hat das Ampersand eine speziell zugewiesene Funktion.
In Alltagsleben und Popkultur findet sich das Et-Zeichen bei der Kategorisierung von Musikgenres (R&B – Rhythm and Blues) ebenso wie bei den Namen von Bands oder Interpreten (Echo & the Bunnymen, Earth, Wind & Fire, Simon & Garfunkel). Es gibt Bezeichnungen für Unternehmensabteilungen oder Geschäftsbereiche (R&D – Research and Development, F&B – Food and Beverages). Man kann Unterkünfte mit B&B (Bed and Breakfast) buchen, in Publikumsveranstaltungen Q&A (Questions and Answers) diskutieren oder mit D&D (Dungeons and Dragons)-Games virtuelle Abenteuer erleben. Und auf Initiative des US-Amerikaners Chaz DeSimone, einem Designer mit einer Leidenschaft für Typographie, ist dem Symbol seit 2015 sogar ein eigener Feiertag gewidmet, der »National Ampersand Day« oder »World Ampersand Day«, der jedes Jahr am 08. September begangen wird.
Die formalen Ursprünge des Zeichens lassen sich tatsächlich schon bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen. Zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n. Chr. trat es dann zunehmend in der heute verbreiteten verschlungenen Gestalt auf, die an eine 8 erinnert. Der Name »Ampersand« hingegen entstand erst ca. Anfang des 19. Jahrhunderts im britisch-englischen Sprachraum. Damals wurde das Zeichen als 27. Buchstabe des Alphabets nach dem Z britischen Schülern beigebracht, die es mit dem Begriff »and per se and« bezeichneten. Eine undeutliche Aussprache bzw. die Zusammenziehung dieses Terminus führten dann letztlich zum »Ampersand«. 1837 wurde das Wort offiziell in die ersten englischen Wörterbücher aufgenommen.
Der Begriff »Ampersand« findet sich interessanterweise auch in einem beliebten englischen Kinderreim zum Erlernen der Buchstaben und ihrer Reihenfolge im Alphabet. In den ältesten Fassungen (die bis zum Jahr 1671 zurückreichen!) ist dieser Bezug noch nicht enthalten. Das Gedicht wurde aber im Laufe der Zeit mehrfach erweitert und verändert und in einer gedruckten Fassung um 1820 wird das &-Zeichen in der vorletzten Zeile erwähnt. Es fehlen hingegen noch die Buchstaben I und U, da zu jener Zeit zwischen der Schreibweise der Großbuchstaben I und J sowie U und V noch nicht unterschieden wurde, was das Fehlen der beiden Vokale erklärt.
The Tragical Death Of An Apple Pie
A An Apple Pie,
Quelle: Faksimile (um 1820) bei spitalfieldslife.com
B Bit it,
C Cut it,
D Dealt it,
E Did eat it,
F Fought for it,
G Got it,
H Had it,
J Join’d for it,
K Kept it,
L Long’d for it,
M Mourned for it,
N Nodded at it,
O Open’d it,
P Peeped into it,
Q Quartered it,
R Ran for it,
S Stole it,
T Took it,
V View’d it,
W Wanted it,
XYZ and ampersand
all wished for a piece in hand.
Das Et-Zeichen wird in einigen geschriebenen Texten (oder sogar Headlines) bisweilen aus Bequemlichkeit, Gewohnheit oder Unbedachtheit oft auch als Ersatz für das geschriebene Wort »und« genutzt. Von dieser Verwendung raten jedoch professionell schreibende, lektorierende und textende Expert*innen ab. Bei Platznot oder in Eile geschriebenen Texten sollte ein »und« besser durch die Abkürzung »u.« ersetzt werden. Am besten lesen sich Texte jedoch, wenn sich die Verfasser*innen den Platz und die Zeit zum Ausschreiben des »und« nehmen und dem Ampersand seinen exklusiven Status, den es als altehrwürdige Design-Diva unter den Schriftzeichen aus meiner Sicht verdient hat, wohlwollend zugestehen. 🤓 🔠 👩🎤
Weiterführende Links
➡️ »Formenwandlungen der ET-Zeichen« (archive.org)
➡️ »The Story of the Ampersand« (blazetype.eu)
➡️ Zur Geschichte des »Apple Pie ABC« (wikipedia.org)
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