Das Verb »verfeinern« ist zumeist im Umfeld der Zubereitung von Fertiggerichten anzutreffen. Wer sich selbst, der Familie oder Gästen Mahlzeiten serviert, deren Komponenten zum Teil aus Tüte, Dose oder Tiefkühltruhe stammen, fügt gerne zur individuellen Vervollkommnung der Rezeptur noch einige eigene Zutaten hinzu, die über das reine Abschmecken hinausgehen. Eine Handvoll frische Kräuter, ein besonderes Gewürz, ein Gläschen Kochwein, ein Schuss Sahne oder ein Esslöffel Crème fraîche runden das Gericht nicht nur gemäß dem eigenen Geschmack ab, sondern geben der Person am Herd auch das gute Gefühl, das Essen mehr als bloß aufgewärmt zu haben. Auch ich selbst praktiziere das so.

Als Fundstück möchte ich heute allerdings einen Imbiss reichen, bei dem mich ein Drang zur Verfeinerung in gestalterischer Hinsicht ergriff. Es geht dabei nicht nur um Typographie, sondern auch um Orthographie und Lesbarkeit.

Gesehen habe ich das betreffende Objekt am Gleis einer Hamburger U-Bahn-Station. Während ich auf meinen Zug wartete, wanderte mein Blick über die Werbeplakate an den Wänden und blieb an diesem Motiv einige Sekundenbruchteile länger hängen, als es sich »richtig« anfühlt, denn ich las zuerst »Erstens … Hilfe-Set …«. Erst einen kleinen Moment später begriff ich, dass die Eins mit dem Punkt mit zu den beiden folgenden Wörtern gehören sollte. Schade, dachte ich, eine so schöne, kreative und originelle Plakatidee – und dann wird der Witz gebremst durch eine nicht sofort intuitiv erfassbare Schreibweise.

Ich vermutete zunächst, der Grund für diese Verkürzung sei, dass der Platz nicht ausreichte und der voll ausgeschriebene Begriff dann nicht mehr ohne Umbruch in eine Zeile gepasst hätte. Aber dem ist nicht so, wie meine retuschierte »Verfeinerung« zeigt:

Der textlich ausgeschriebene Begriff »Erste Hilfe« ohne Ordinalzahl ist auf Beschilderungen und Kennzeichnungstafeln, damit beschrifteten Verbandskästen (s.u.) sowie in regelbasierten Dokumenten zu Unfallschutz und Versorgung akut erkrankter oder verletzter Personen die allgemein gebräuchliche Schreibweise. Insofern ist es auch die am häufigsten im Alltag wahrgenommene und von den meisten Menschen »gelernte« Erscheinungsform dieses Begriffs, die aufgrund dieser Prägung innerhalb kürzester Zeit erfasst und begriffen wird. Man findet zwar ohne weiteres mit dem Suchbegriff »1. Hilfe« im Netz jede Menge Produkte und Informationen, zudem auch Websites zum Thema, in deren URL die 1 auftaucht – etwa den Online-Kursanbieter meine1hilfe.de –, aber die Schreibweise mit Ziffer ist eindeutig seltener, weniger vertraut und braucht daher tendenziell länger, um verstanden zu werden.

Doch selbst wenn der Einsatz der Ziffer nicht zu beanstanden wäre, ist die Schreibweise im Plakat nicht korrekt – denn es fehlt ein Bindestrich, der nicht nur die letzten beiden, sondern alle drei Bestandteile des Begriffs »1.-Hilfe-Set« zu einem (wiederum besser verständlichen) Ganzen koppelt:

»(…) in Wortzusammensetzungen mit Zahlen und Abkürzungen setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich. Beispiele sind:

der 230-V-Antrieb
der 500-m-Lauf
das 1.-Kl.-Abteil
die 4-Zr.-Wohnung
die 100-km/h-Grenze (…)«

Quelle: »Fragen Sie Dr. Bopp« | leo.org

Nennt mich Erbsenzähler, schimpft mich Korinthenkacker – aber wenn etwas fast perfekt ist und nur ein letztes winziges Detail eine ansonsten runde Sache trübt, triggert das mein Auge manchmal ebenso sehr wie ein weitaus größeres grafisches Missgeschick. 🤓 🔠 🧐

Die für die Texte im Plakat und auf der Iglo-Website als Corporate Font zum Einsatz kommende Schriftart ist die »Foco« (Fabio Luiz Haag/Dalton Maag).