Das Foto des typographischen Fundstücks an diesem Freitag habe ich geknipst, weil mir mehrere kuriose Details an der sichtlich heruntergekommenen Hausfassade auffielen. Zum ersten war es natürlich der wilde »Typo-Mix« der dort versammelten Beschilderungen: Das verwitterte »Café Kracht«-Banner mit seinen saftigen gebrochenen Lettern; die schwarze »66« der Hausnummer; die Tafel über der Tür, die klarmacht, dass das Café gleichzeitig auch eine Bäckerei beherbergt; die zwei Werbeaufkleber für »Ur·echt-kräftig-deftiges« Gebäck sowie eine bekannte Spirituose; das links an die Seite verbannte Hinweisschild »Einfahrt freihalten!« – und nicht zuletzt das amüsant-irritierende Plakat, das darauf hinweist, dass die einstige Ladentür eine Umwidmung zur Motorradausfahrt erfahren hatte. Zum zweiten fragte ich mich, was wohl die »Strohlemmeln« seien, die die offensichtlich schon seit geraumer Zeit geschlossene Bäckerei einst bewarb. Und zum dritten natürlich die Neugier, welche Geschichte wohl hinter diesem leerstehenden Gebäude steckt, denn nicht nur das Geschäft im Erdgeschoss war geschlossen, auch die restlichen Räume in den oberen Etagen schienen unbewohnt.

Zu den historischen Daten des Hauses wurde ich relativ schnell fündig:

»Gegründet wurde die Traditionsbäckerei 1856 durch August Kracht und firmierte auch als Lemgoer Strohsemmel-Bäckerei. Ende Februar 1998 wurde das Geschäft geschlossen. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau stammt aus dem Jahre 1456 und eine angrenzende Scheune, wo die Backstube untergebracht war, aus dem Jahre 1792.«

QUelle: Wikimedia Commons zu einem Foto des Users »Wikifreund«

Somit war auch klar, dass die von mir gelesenen »Strohlemmeln« tatsächlich »Strohsemmeln« waren. Dabei handelt es sich um eine regionale Brötchensorte auf Hefeteigbasis, deren rohe Teiglinge – ähnlich wie Bagels – in kochendem Wasser gebrüht und dann bei vergleichsweise hohen Temperaturen auf einem schützenden Strohbett im Ofen gebacken werden:

»Das wohl bekannteste Gebäck Lippes ist sicherlich die Lemske Strauhsemmel (Lemgoer Strohsemmel), die allerdings nicht nur in Lemgo, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes hergestellt wird. Einer alten Überlieferung zufolge wurde das Rezept für die Strohsemmel von einem unbekannten Bäckergesellen und Soldaten im napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland nach Lippe mitgebracht. (…) Da aber spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die Bäckerei Richter in Detmold und die Bäckerei Kracht in Lemgo, sondern auch zahlreiche andere Bäckereien in Lippe Strohsemmeln backten und verkauften, muß sich das ›Geheimrezept‹ unter Lippes Bäckern doch relativ rasch herumgesprochen haben. (…) Das Besondere an der Strohsemmel ist wohl auch weniger das Rezept als die Herstellungsart: Zum einen wird der Teig gebrüht; zum anderen werden die gebrühten Teigstücke auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches abgebacken.«

QUelle: strohsemmeln.de

Da das Geschäft bereits vor nunmehr rund 28 Jahren seinen Betrieb aufgab, stellt sich natürlich die Frage, was seither geschah, denn schließlich befindet sich das verwaiste Objekt mitten in der ansonsten belebten Fußgängerzone Lemgos. Auch dazu hat das Netz interessante Informationen zu bieten. Zum einen sorgten sich die ehemaligen Besitzer wohl um den Fortbestand des Rezepts ihres »Signature Gebäcks«, zum anderen schienen sie sich nach Kräften um die Veräußerung der Immobilie zu bemühen:

»›Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur‹, erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. ›Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen.‹«

QUelle: Lippische Landes-Zeitung, 16.09.2015

»Eine Lemgoer Institution zum Nulltarif: Laut Angaben von Herbert Kracht (72) wird das Haus der Traditionsbäckerei Kracht in der Breiten Straße kostenlos abgegeben. Die einzige Bedingung: Der neue Besitzer muss das dazu gehörige Grundstück kaufen.«

Quelle: Lippische Landes-Zeitung, 06.08.2009

Das verlockende Verkaufsangebot fand jedoch offenbar keinen Interessenten, denn im Februar 2023 wurde in der lokalen Presse über eine anstehende Zwangsversteigerung des Hauses berichtet. Doch auch diese Maßnahme war wohl aus unbekannten Gründen nicht umsetzbar, denn weitere 10 Monate später titelte dieselbe Zeitung »Lemgoer Bäckerei Kracht noch nicht unterm Hammer«. Mein obenstehendes Foto entstand erneut knapp zwei Jahre später, am 10. November 2025. Anzeichen für einen Abriss, eine Sanierung, Renovierung oder äußere Hinweise auf einen Besitzerwechsel waren auch zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Mehr konnte ich über das Schicksal des Hauses nicht herausbekommen.

Die handbeschriftete Glastafel über dem Eingang mit dem etwas missglückten »langen s« (ſ), das eher wie ein kleines l aussieht, nahm ich anschließend zum Anlass, das typographische Potpourri an der Ladenfassade mit möglichst ähnlichen Schriftarten noch einmal nachzuempfinden und dabei ein wenig zu optimieren.

Ich gehe davon aus, dass die unübliche Gestaltung des »ſ« in die Verantwortung des Schildermalers fällt, denn als ich nach ähnlichen Formen in kommerziellen (vorzugsweise kursiven) Antiqua-Schriften suchte, konnte ich bei keiner davon eine Variante auffinden, die derart einem kleinen 𝑙 ähnelt. Insgesamt sechs Varianten für das Design des »langen s« sind allgemein gebräuchlich. Vier davon können bei flüchtigem Lesen meines Erachtens mit einem 𝑓 verwechselt werden, zumal der Buchstabe ſ heutzutage kaum noch in Texten vorkommt und Leser*innen ihn somit darin nicht erwarten. Mir persönlich gefällt daher die letzte Variante am besten:

  1. Beispiel »Times New Roman« (Stanley Morison, Victor Lardent/Monotype, 1931): Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering. Diese Variante ist ausschließlich in nicht-kursiven Schriftschnitten anzutreffen. Beim Wechsel auf einen kursiven Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie wechselt die Form zur Variante 6!
  2. Beispiel »Haiku Italic« (Zac Hallgarten/AcidType, 2022): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  3. Beispiel »Basile« (Dario Manuel Muhafara/Tipo, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  4. Beispiel »Littleworth Now Italic« (Steve Matteson & Frederic L. Griggs/Monotype, 2025): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  5. Beispiel »Dutch Medieval Pro Italic« (Hans van Maanen, Patrick Griffin/Canada Type, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  6. Beispiel »Times New Roman Italic«: Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering.

Und zum Schluss hier noch das Rezept (oder besser: eine schlüssige Version, zusammengestellt aus fünf der vielen online kursierenden Rezepte) für die Original »Lemgoer Strohsemmeln«. Guten Appetit! 🤓 🔠 🥯


Lemgoer Strohsemmeln

Zutaten:
500 g Weizenmehl
1 Würfel (42 g) frische Hefe oder 1 Tütchen (7 g) Trockenhefe
1,5 EL Zucker
1 gestr. EL Salz
ca. 300 ml lauwarmes Wasser (nach Bedarf etwas mehr oder weniger, s.u.)
Weizenstroh oder Roggenstroh, nicht zu kurze Halme (zum Auslegen des Backblechs)

Zubereitung:
Die Hefe in einem geeigneten Gefäß in 200 ml des Wassers bröseln und zusammen mit einem Teelöffel des Zuckers gut verrühren, bis sie sich aufgelöst hat.

Das Mehl in eine Schüssel geben und in der Mitte eine Vertiefung formen. In diese Mulde die Hefemischung gießen. Anschließend nach und nach Salz, den restlichen Zucker und weiteres Wasser zugeben und alles zu einem Teig verkneten. Dabei nur so viel Wasser verwenden, dass ein fester, aber gut formbarer Teig entsteht.

Den fertigen Teig abgedeckt mit einem Küchentuch etwa 30 Minuten an einem warmen Ort ruhen lassen, bis er sichtbar aufgegangen ist und ungefähr sein Volumen verdoppelt hat. Danach den Teig nochmals kurz durchkneten, zu einer Rolle formen und diese mit einem Messer in 15 etwa gleich große Stücke teilen. Die Stücke rund formen und auf Backpapier weitere 5 Minuten warm angehen lassen. Anschließend die Teiglinge leicht flachdrücken und mit einem spitzen Gegenstand 6–8 mal über die Oberfläche verteilt einstechen. Danach nochmals rund 15 Minuten ruhen lassen.

In der Zwischenzeit ein Backblech mit dem Stroh auslegen und den Backofen (noch ohne Blech) auf 220 °C vorheizen. Parallel 1–2 l Wasser in einem großen Topf zum Kochen bringen. Die Teiglinge kurz rundum in das kochende Wasser tauchen, danach auf das mit dem Weizenstroh ausgelegte Backblech legen und es auf der mittleren Schiene in den Backofen schieben. Dann noch eine halbe Tasse Wasser auf den heißen Boden des Ofens gießen und die Ofenklappe zügig schließen.

Nun werden die Semmeln im Dampf bei einer Temperatur von etwa 220 °C für 25 bis 30 Minuten gebacken. Durch das unterliegende Stroh wird das Gebäck nur auf der Oberfläche braun, der Boden hingegen bleibt hell. Nach dem Backen sollten sich die Semmeln relativ leicht vom Stroh lösen lassen.

Strohsemmeln schmecken sowohl nur mit Butter als auch mit Schinken oder typisch lippischer Mettwurst. Aber auch süße Aufstriche wie Marmelade oder Honig passen gut dazu.